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HrrsfelöerTageblatt

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».Mch: r«,§»», I» ,EM..z.^«»,^ Amtlicher Mnzeiger für den Kreis kersf

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Hersfelö

Nr. 275

Montag, den 24. November 1930

80. Jahrgang

Gberschlesiens Deutschtum verblutet

Notruf der gefolterten Deutschen Präsident Calonder greift ein

DMWM md Wgam

Die politische Bedeutung des Besuchs des Grafen Bethlen.

Berlin, 23. November.

Reichspräsident von Hindenburg empfing am Sonn­abend den Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Bethlen, der von dem hiesigen ungarischen Gesandten von Kanya begleitet war. Mittags gab der Reichspräsident zu Ehren des Grafen und der Gräfin Bethlen ein Frühstück, an dem außer den ungarischen Gästen und ihrer Begleitung u. a. die Mitglieder der ungarischen Gesandtschaft, der Reichskanzler, Reichsminister Dr. Curtius sowie der Chef der Heeresleitung General Freiherr von Hammerstein mit ihren Damen teilnahmen.

*

Der Staatsbesuch des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Bethlen in Berlin findet in der ganzen politischen und' diplomatischen Welt Europas allerstürkste Beachtung. Man sieht in diesem Besuch mehr als einen reinen Akt der Höflichkeit. Man will vielmehr darin die erste Auswirkung der mit der Rheinlandbefreiung eingesetzten stärkeren Akti- vität der deutschen 'Außenpolitik erblicken, auf die von zu­ständiger deutscher Seite wiederholt hingewiesen worden ist. Diese Tatsache, die sich auch bereits anderweitig fühlbar ge­macht hat, ist es, die in Frankreichs nationalistischen Kreisen als unbequem empfunden wird, weil ein außenpolitisch reg« [arneres Deutschland die machtpolitischen Ziele Frankreichs stören müßte. Die Ausführungen Tardieus sind hierfür die beste Bestätigung. Deutschland kann sich daran selbstverständ­lich nicht stoßen. Worin die Bedeutung des Besuchs des Grafen Bethlen in Berlin liegt, wird in einem Leitaufsatz desPester Lloyd" angedeutet, wo es u. a. heißt: Auch wenn hinter der Freundschaft zwischen dem deutschen und dem ungarischen Volk nicht eine auf Jahrhunderte zurück­reichende Vergangenheit läge, auch dan i müßte die aeaen-

den unter dem gleichen Unrecht. Beide erhoffen eine bessere Zukunft von dem Wiedererwachen des Gerechtigkeitsdran- ges der gesitteten Menschen. Beide sind von der Ueber­zeugung durchdrungen, daß sich ein friedlicher Weg zur An­passung und zum Ausgleich der Lebenserfordernisse der Völker finden müsse. Auch hinsichtlich der Friedensrevision laufen die deutschen und die ungarischen Interessen parallel zueinander, und dieser Umstand ist es, der die bisher schon bestehende Freundsmast noch enger knüpfen müsse. Und da der Einklang der Interessen in den Lebensbedingungen der beiden Völker verknüpft ist, erscheint es schon vorweg aus­geschlossen, daß auf der weiteren Bahn der politischen Ent­wicklung störende Momente diese selb stverstündliche und glückliche Harmonie trüben könnten. Wir glauben zuversichtlich erwarten zu dürfen, daß der hier wie dort vorhandene aufrichtige Wille zur Regelung der gegen­seitigen wirtschaftlichen Beziehungen aus diesen Besprechun­gen den Impuls zu einer erfolgreichen Lösung des Kom­plexes der deutsch-ungarischen Wirtschaftsprobleme gewin­nen werde Gegensätze, für die keine Ueberbrückung gefun­den werden könnten, sind ja zwischen den beiden Völkern nicht vorhanden, und so wird sich der Weg zur Verständi­gung sicherlich finden lassen. Das Blatt gibt der Hoffnung und' dem Wunsch Ausdruck, daß der Besuch des Grafen Bethlen in Berlin dazu beitragen werde, die f e l s e n f e st e Freundschaft und Schicksalsgemeinschaft zwischen dem deutschen und dem ungarischen Volk auch noch durch ein Verständigungswerk auf wirtschaftspoliti- schem Gebiet glücklich zu ergänzen.

Graf Bethlen beim Reichskanzler

Berlin, 24. November.

Reichskanzler Dr. B r ü n i n g gab zu Ehren des unga­rischen Ministerpräsidenten Graf Bethlen ein Essen, an dem neben den Reichsministern und den Mitgliedern der ungarischen Gesandtschaft führende Parlamentarier, Spitzen von Reichs- und Staatsbehörden sowie der Kirchen, führende Vertreter der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse teilnahmen.

Der Reichskanzler erklärte in seiner Begrüßungsan­sprache, es sei Deutschlands aufrichtigster Wunsch, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn eine immer stärkere Auswirkung auf dem Gebiete der Wirtschaft und des Güteraustausches haben werden.

In seiner Erwiderungsrede erklärte Graf Bethlen, die öffentliche Meinung Ungarns werde von den Worten des deutschen Reichskanzlers hoch befriedigt sein. Ungarn habe die gleichen Ziele und sei der Ueberzeugung, daß es dem Deutschen Reiche in naher Zukunft gelingen werde, den ihm gebührenden Platz an der Sonne zurückzuerobern.

Heute Sitzung des Reichskabinetts

Berlin, 24. November.

Das Reichskabinett ist heute zu einer Sitzung zusammen­getreten, in der in erster Linie die Frage der parlamentari- chen Verabschiedung des F i n a n zp ro g ram m s zur Be- prechung steht.

Dem Vernehmen nach soll der preußische Handelsmini- ster Schreiber, der bekanntlich dem Preissenkungsaus- fchuß des Reichskabinetts angehört, an die Reichsbahngesell­schaft ein Schreiben gerichtet haben, das die Frage der T a - rifsenkung zum Gegenstand hat.

Älterm in vftoberfchlelie»

Kaktowitz, 24. November.

Der polnische Nationalismus ist mit dem Erfolg feines brutalen Terrors gegen die nationalen Minderheiten bei den Sejmwahlen nicht zufrieden. Er will, wie es in ver­schiedenen Aeußerungen von polnischen Bandenführern heißt, das Deutschtum mit der Wurzel ausrotten. Deshalb wurde von diesen organisierten Banden, an der Spitze der verband der Aufständischen in Oskoberschlesien, zur weiteren Einschüchterung der deutschen Wahlberechtigten für die Se- natswahlen ein regelrechtes Blutgericht gegen das ober- fchlefifche Deutschtum eingeleitet.

In Brzezie (früher Hohenbirken) unmittelbar an der deutschen Grenze bei Ratibor brach ein Trupp schwer­bewaffneter polnischer Aufständischen ein und z e r st ö r t e sieben Wohnungen von deutschen Vertrauensleuten. In zwei Wohnungen ist nicht ein einziges Möbelstück heil geblieben. Die gesamte Einrichtung des Hau­ses. das Geschirr der Familien wurden zertrümmert. In einem Hause wurden 70 Fensterscheiben, in einem an­deren 50 eingeschlagen. Die Hausbewohner wurden aufs s ch w e r st e mißhandelt, zwei Vertrauensleute ge= radezu bestialisch verprügelt, so daß sie unkenntlich wurden. In Wilzca wurde ein Vertrauensmann der deutschen Liste aufs unmenschlich ste gefoltert, weil er angeb­lich Waffen versteckt haben sollte, die man nicht bei ihm fand. Man fuhr ihn mit einem Auto auf die Straße, ließ ihn etwa 15 Schritt vorangehen und erklärte, man würde ihn jetzt von hinten erschießen. Nach^fünf Minuten dieser Folter warf man ihn quer über die Straße und fuhr mit dem Auto dicht an ihn heran und erklärte, es wäre besser, man würde ihn überfahren. Schließlich schleifte man ihn auf das Feld, ließ ihn Schuhe und Strümpfe ausziehen und schlug ihm mit dünnen Gerten solange aus die Fußsohlen,

^^V^t1^ - r--.: ;-.- : Seite irgend etwas gegen diese polnischen Bluthunde unter­nommen wurde. Im Gegenteil, die polnische Polizei unker- stützt indirekt die Brutalitäten der Banden dadurch, daß sie z. B. in Tarnowitz den deutschen Sejmkandidaten und ehemaligen Warschauer Abgeordneten Nowak zusammen mit den drei örtlichen Geschäftsbeauftragten des Deutschen Volksbundes verhaftete. Auch aus anderen Orten Ost- Oberschlesiens werden ähnliche Grausamkeiten gegen die Deutschen gemeldet. Hinter allen diesen Taten steht der Verband der Aufständischen, der seinerzeit in einem Aufruf die Vernichtung der Minderheiten bis zur letzten Wurzel ge­fordert hatte.

CalMder unterlE an 0rt und Stelle

In einer Beschwerde hat der Deutsche Volksbund den Präsidenten der Gemischten Kommission in Katkowith, La- londer, von diesen furchtbaren Taten polnischer Banden Kenntnis gegeben mit der dringenden Bitte, seinen ganzen Einfluß auszubieten, um diesem Barbarismus ein Ende zu bereiten. Calonder hat sich auf Grund dieses Hilfe­rufes in dankenswerter Weise beeilt, sofort nach Hohenbir­ken zu fahren und die in der Beschwerde angegebenen Vor­fälle an Ort und Stelle zu untersuchen.

Er hat dazu auch den Präsidenten des Deutschen Volks- bundes, den Fürsten Pleß, und den polnischen Staats- vertreter bei der Gemischten Kommission, um die Teilnahme an der Untersuchung ersucht. Der deutsche Vertreter bei der Gemischten Kommission, stellvertretender Generalkon­sul I l g e n , war schon in seiner Eigenschaft als Kom- missionsmitglied am Freitag in Hohenbirken, um sich über die Vorgänge zu informieren. Telegramme, die die Reichs- regierung aus Oberschlesien erhalten hat, bestätigen leider diese Darstellungen in vollem Umfange.

Es ist kaum je ein Fall bekanntgeworden, wo blind­wütiger Nationalismus und fanatischer Deutschenhaß solche Grausamkeiten zutage förderten, wie es hier in Hohen­birken und leider in vielen anderen Orten Oberschlesiens geschehen ist. Das Unerhörteste ist dabei, daß die unifor­mierten Banden gewissermaßen unter den Augen der polni­schen Behörden ihr verruchtes Treiben durchführen konnten, Männer und Frauen nachts aus den Belken holten, auf die Straße trieben und mißhandelten.

Man gewinnt immer mehr den Eindruck, daß unter dem Einfluß der Pilsudski-Freunde durch derartige Gewalt­taten jede Opposition und jede politische Regung der Min­derheiten ertötet werden soll. Da man mit den bisheri­gen Maßnahmen dieses Ziel nicht erreicht hat, greift man zu

Mitteln, die im Mikkelalter üblich

waren. Man kann nur hoffen, daß die Feststellungen des Präsidenten Calonder in Hohenbirken diesen veranlassen werden, den Völkerbund über das wahre Gesicht Polens zu unterichten. Die Vorgänge in Hohenbirken decken sich mit anderen Bluttaten, die von polnischen Behörden, z. B. gegen ukrainische Führer, zur Anwendung gekommen sind. In Polen herrscht ein Blutgericht, das an die Greueltaten der sowjetrussischen Tscheka erinnert. Es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, daß die Justizbehörden, die die oppositio- neUen und Minderheitenfüheer in Haft gesetzt haben, unter der Leitung eines früheren sowjetrussischen Kommissars stehen.

Wahlfreiheit wie sie Polen kennt

Die Wahlen zum Oberschlesischen Sejm.

Satlowitz, 24. November.

Während des gestrigen Wahlsonnlages wurden deukfch- iprechende Personen auf der Straße überfallen und mißhan­delt. An einzelnen Orten kam es auch zu Zufamemnstößep zwischen den Aufständischen und dem Selbstschutz der polni­schen Opposition; dabei wurde in Gollaschowitz

ein Polizeibeamter erschossen.

In ländlichen Gemeinden wurden die deutschen Vertrauens­leute durch uniformierte Aufständische aus den Wahllokalen geworfen und ihre bevollmächtigten Bescheinigungen zer- rissen.

In S a k t o w i h wurde festgeskellt, daß Eisenbahn- beamle eine Kontrolle über die zur Wahl erschienenen Eisen- bahnbeamken ausübten. Die Beamten mußten ihre Stimm­zettel vorzeigen. Zahlreiche Drohbriefe der Wahlkommission, die durch die Post befördert wurden, find an Angehörige der deutschen Minderheit verschickt worden.

Polen wählt zum Senat.

Warschau, 24. November.

Die Wahlen zum Senat sind im ganzen Land vollständig ruhig verlaufen. Die Wahlbeteiligung war, wie stets bei Se­natswahlen, schwächer als bei den Wahlen zum Sejm, wozu auch der heftige Sturm und Regen, von dem ganz Polen heimgesucht wurde, beigetragen hat. Die Wahllokale wurden um 21 Uhr geschlossen.

*

Calonder interveniert. Graczinskis merkwürdige Antwort.

Der Präsident der Gemischten Kommission, Calonder,

Wie es heißt, soll der Wojwode dem Präsidenten erklärt haben, daß die Flugblätter sich nicht gegen die Gesamtheit der deutschen Minderheit richten, sondern lediglich gegen eine ihrer politischen Parteien. Wenn es in einzelnen Fällen zu Terrorakten gekommen sei, so liege das an der großen Erre­gung der Gemüter.

Bus setzt in Rutzland vor? ~

Gerüchte und Dementi.

Berlin, 24. November.

Aus den verschiedensten Hauptstädten waren Nachrichten über ein Attentat auf Stalin, über Meutereien rufsischer Truppen, über den Ausbruch einer Gegenrevolution usw. verbreitet. Diese Nachrichten schienen dadurch eine Bestä­tigung zu erhalten, daß die Fernsprech- und Telegraphen­verbindungen mit Moskau am Sonnabend mindestens vor­übergehend längere Zeit unterbrochen waren. Tatsache ist, daß auch ein an die Reichsregierung von Mos­kau aufgegebenes Telegramm erst mit Verspätung und aus Umwegen in Berlin eingekroffen ist. Ein Versuch der Reichs- regierung, mit Moskau Telephonverbindung zu bekommen, scheiterte. Man vermutet atmosphärische Störungen. Von der sowjetrussischen Telegraphenagentur wird eine Meldung ver- breitet, wonach alle Meldungen über Milikäraufstände in verschiedenen Städten, über Gerüchte von angeblichen Atten­taten auf Stalin, von einer Verhaftung bekannter bolsche­wistischer Führer alsböswillige Erfindungen" bezeichnet werden.

Im Zusammenhang mit diesen sich ständig widerspre­chenden Meldungen über Vorgänge in Rußland gewinnt ein amtlicher Bericht größeres Interesse, daß der Kriegs- k o m m i s s a r Woroschilow Stalin eingehend über die Lage der Armee und Marine unterrichtet und dabei betont habe, daß die Rote Wehrmacht hinter der foin= munistischen Parteileitung stehe. Es ist möglich, daß man mit einer solchen Meldung das amtliche Dementi unter­stützen wollte. Es ist andererseits aber auch möglich, daß hinter diesem Bericht sich Vorgänge verbergen, die es not­wendig machten, Feststellungen über die Stimmung in Armee und Marine zu treffen. Wenn man noch hinzu nimmt, daß die Unzufriedenheit über die unzureichende Er­nährung in Stadt und Land, die Gärung unter den Bauern und die Maßnahmen zur Durchführung des sogenannten Fünfjahresplanes in den letzten Wochen fast regelmäßig in der Oeffentlichkeit zur Erörterung standen, dann wird auch der unparteiisch Urteilende zu der Auffassung kommen, daß die innerpolitischen Schwierigkeiten des Sowjetsystems we­sentlich größer sind, als der amtliche Propagandaapparat zugeben darf.

Lappobewegung organisiert sich

Helsingfors, 24. November.

Eine Delegiertenversammlung der Lappo-Bewegung be­schloß den Zusammenschluß der Bewegung zu einer straffen gesetzlichen Organisation zur Unterdrückung des Kommums- mus und zur Erziehung im vaterländischen Geist. Der jetzige Staatsminister und frühere Reichsverweser Sv in h u f v u 0 soll als Kandidat für die bevorstehende Präsidentenwahl aus­gestellt werden.