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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 280 lM« Statt)

Sonnabend, den 29. November 1930

80. Jahrgang

Gutbezahlte Blotarbeit

Eine Zentrale in Schrau zahlte den Aufständischen für die Verfolgung des Deutschtums täglich 25 Zloty

Sanierungsprogramm wird parlamentarisch erledigt

Berlin, 29. November.

Die Entscheidung darüber, ob das Sanierungspro- gramm auf parlamentarischem Wege oder durch Rotverord- nung in kraft gesetzt werden soll, ist noch nicht gefallen. Aber auch heute werden noch keine endgültigen Entschlüsse zu er- warten sein; vielmehr wird das Kabinett seine Beratungen voraussichtlich noch am Sonntag vormittag fortsetzen.

Der Grund der Verzögerung liegt einmal darin, daß der Reichsrat erst noch über das Eteuervereinfachungsgesetz be­raten hat, das bei den ganzen Verhandlungen mit den Par­teiführern auch eine Rolle spielt. Die Sozialdemokraten sind bereit, den Stegerwaldschen Kompromißvorschlag in der Krankenscheinfrage im großen und ganzen anzunehmen. Auch die Deutsche Volkspartei dürfte bereit sein, sich mit die­sem Kompromiß abzufinden. Aus dem Gang der Verhand­lungen folgert man, daß der Kanzler nicht zur Notverord­nung zu greifen braucht, um das Finanz- und Wirtschafts­programm durchzubringen. Man rechnet jetzt also mit der parlamentarischen Erledigung.

Wenn die Sozialdemokraten für das Finanz- und Wirt- schaftsprogramm stimmen, so verfügt das Kabniett rechnerisch über eine Mehrheit von mindestens 294 Stimmen, die sich folgendermaßen zusammensetzt: Sozialdemokraten 143, Zentrum 68, Deutsche Volkspartei 30, Bayerische Volkspartei 19, Demokraten 14, Christlich-soziale 14, Volksnationale 6. Dazu kommen noch einige kleinere Grr^pen, so z. B. die Welsen. Das Sanierungsprogramm hätte also eine zwar nicht große, aber ausreichende Mehrheit.

Der Kanzler könnte sich dann darauf beschränken, auf dem Wege der NotoeMdnu^ ledch M . agrarischen Fra­gen zu regeln, die im oorbe- reitet werden und evtl. auch noch die Wünsche der Sozialde­mokraten zum Krankenschein usw. in einer Abänderungsnot- verordnung zusammen zu fassen.

Kredikaufnahme für Ende Dezember unnötig.

Berlin, 29. November.

Die Nachricht, in der die rechtzeitige Fertigstellung des Gesamtplanes der Reichsregierung als eine unbedingte Vor­aussetzung für die Ende Dezember notwendig werdenden Kredite bezeichnet wird, entspricht nicht den Tatsachen. Die Notwendigkeit von Krediten für Ende Dezember ist nicht gegeben.

Beschrankte Tarifsenkung der Reichsbahn?

Berlin, 29. November.

In einer Sitzung beschäftigte sich der Preissenkungsaus­schuß des Reichskabinetts mit den Möglichkeiten, die sich für eine Senkung der Eifenbahntarife ergeben. An der Sitzung nahmen auch Reichsverkehrsminister Dr. von Guerard und der Generaldirektor der Reichseisenbahn, Dr. Dorpmüller, teil. Es liegt auf der Hand, daß Dr. Dorpmüller auf die Schwierigkeiten hinwies, die sich aus den finanziellen Aus­fällen für die Reichsbahn ergeben. Der Reichsverkehrsmini­ster hat Vorschläge gemacht, sich im Endeffekt auf einen Be­trag zu einigen,'der in Reichsbahnkreisen zwischen 30 und 40 Millionen Mark geschützt wird. Heute werden diese Vor­schläge dem Reichskabinett vorgelegt werden, das entspre­chende Beschlüsse fasten wird. Jnstanzenmäßig wird dann auch der Verwaltungsrat der Reichsbahn sich mit den Din­gen zu befassen haben. Es handelt sich nicht um eine allge­meine Tarifsenkung, sondern um bestimmte Sozial, und Spezialtarife.

Die Vernehmung Dr. FricKs

im Polizeistreit mit dem Reich.

Weimar. Am Freitag fand auf Anordnung des Reichs­gerichts eM Vernehmung des thüringischen Innenministers Dr Stils in der Streitanaelegenheik wegen der Polizei­kostenzuschüsse in Weimar statt. Verhandlungsleiter war Reichsgerichtsrat Dr. Schmitz. Auf die Frage des Ver- Handlungsrichters gab Staatsminister Dr. Frick u. a. fol­gende Auskünfte:

Räch seinem Amtsantritt habe er angeordnet, daß ihm die wichtigsten Personalangelegenheiten zur persönlichen Entscheidung vorbehalten bleiben sollten, insbesondere die der Landespolizei. Er stehe auf dem Standpunkt, daß bei den Polizeibeamten zur besseren Erhaltung der Zuverlässig­keit der Truppe auch auf ihre deutsche Gesinnung Gewicht zu legen sei und daß daher die sozialdemokratische Parleizu- gehörigkeil ein Boden sei, auf dem sich leicht persönliche Eigenschaften entwickeln, die mit den Aufgaben eines Polizei- beämten kaum vereinbar sind. Er denke dabei an extrem pazifistische und klassenkämpferische Bestrebungen. Deshalb und weil er die thüringer Verhältnisse nicht genau gekannt habe, habe er sich an Vertrauensleute gewandt, besonders an den Abgeordneten Sauckel, dem er die Liste der Bewerber ausgehändigl habe zwecks Einholung vertraulicher näherer Auskünfte über die Persönlichkeit des Bewerbers, feinen Ebarakler und seinen Ruf im bürgerlichen Leben und seine inftellung. Das wichtigste sei ihm stets die Tüch- fachliche Eignung gewesen. Auf die Parleizuge- ibe er kein entscheidMes Gewicht gelegt. Dleik

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Die Bluthunde von Golassowitz

Kattowitz, 28. November.

DieKattowitzer Zeitung" veröffentlicht unter der UeberschriftDie Aufständischen-Zentrale Baldyk in Schrau" bemerkenswerte Einzelheiten, die geeignet sind, den Fall Golassowitz in ein noch deutlicheres Licht zu stellen. Es ist beobachtet worden, so heißt es in dieser Darstellung, daß die Aufständischen-Zentrale von Schrau und Umgebung beim Apotheker Baldyk in Schrau ist. Bei diesem gin­gen die Aufständischen ein und aus, von ihm empfin­gen sie ihre Aufträge und Befehle. Sie erhielten Tage­gelder in Höhe von 25 Zloty während der Zeit der Mobilmachung", die vom 9. bis 23. Rovember dauerte, Am 21 November, am Vortage des blutigen Sonnabent in Golassowitz, hielt der Ober-Powsianec eine feierliche Ansprache an seine Aufständischen-Brüder, in der er nach dem Bericht eines Versammlungsteilnehmers u. a. sagte: Wo seid ihr geblieben, werft die deutschen Kröten raus; fort mit ihnen nach Berlin. Wenn ihr Iungens seht, die deutsche Stimmzettel haben, dann . . .!" Am 22. November begann die Bojowka schon in den frühesten Morgenstunden ihre terroristische Tätigkeit, wobei sie zunächst zwei friedliche Bürger aus offener Straße niederschlug.

Der Anführer dieser Bande war der Bahnhofswirt von Schrau, Gwozdz, der selbst vor einigen Wochen in Schrau auf offener Straße einen friedlichen Bürger erstochen hat, ohne daß bis heute ein Gerichtsverfahren gegen ihn stattgefunden hätte.

Gwozdz ist es auch gewesen, der die Bojowka im Lastauto am 22. November um 2 Uhr mittags nach Golassowitz brächte. Unter seiner Führung wurde der Organist Rigalke mißhandelt und geschlagen, das Gemeindehaus und alle Ne-

Auskünfte habe er bei feinen Entscheidungen zwar verwertet, sich aber nicht unbedingt daran gehalten. Er müsse die An­sicht ablehnen, daß er die Thüringer Landespolizei in eine nationalsozialistische Parkeitruppe habe umwandeln wollen. Meist sei es überhaupt nicht bekannt gewesen, welcher Partei der einzelne Bewerber angehörte. Von den Parteigenossen seien zahlreiche Einstellungsgesuche an ihn gelangt, von denen nur ein verschwindend kleiner Bruchteil angenommen worden sei. Von Hunderten von Gesuchen früherer Offiziere fei nicht ein einziges angenommen. Bei der Genehmigung der Bewerberliste habe er sich von dem Gedanken leiten las­sen, zersetzende Elemente von der Polizei fern zu halten, da deutsche Gesinnung verlangt werden müsse, weil sonst die Gefahr eines Versagens der Polizei im Ernstfalle und ihre allgemeine Verseuchung bestehe.

Überraschender Rücktritt Pilfudskis

Oberst S l a w e k bildet die neue Regierung.

Warschau, 29. November.

Am Donnerstag gab in einer vertraulichen Sitzung des Ministerrats Marschall P i l s u d s k i die Erklärung ab, daß er sich gezwungen sehe, zusammen mit dem gesamten Kabi­nett die Demission einzureichen. Als einzigen Grund, der ihn zu diesem Entschluß zwinge, gab Pilsudski seinen Gesund­heitszustand an. Pilsudski fügte hinzu, daß er von diesem Entschluß dem Staatspräsidenten bereits Mitteilung gemacht habe.

Der Staatspräsident habe als künftigen Ministerpräsi­denten den Vorsitzenden des Regierungsblatts und früheren Ministerpräsidenten, Walery Slawek, bestimmt. Pilsudski erklärte schließlich, daß er Slawek genügend Zeit für die Bildung des neuen Kabinetts lassen wolle und daß Kabinett seine Demission erst dann einreichen werde, wenn das Kabi­nett Slawek bereits gebildet sein wird.

Tardieu siegt mit 14 Stimmen

Paris, 29. November.

Die Kammer lehnte die einfache Tagesordnung, die der Abgeordnete Landry von der Fraktion Loucheur gegen die Regierung beantragt hatte und gegen den die Regierung die Vertrauensfrage stellte, mit 279 gegen 293 Stimmen ab. Die Regierung hat also 14 Stimmen Mehrheit erhalten.

Als das Ergebnis der Abstimmung bekanntgegeben wurde,

forderte die Linke die Demission des Kabinetts.

Es entstand ein aroßer Lärm. Tardieu verlanate. daß der Regierung das Vertrauen direkt zum Ausdruck gebracht werde. Leon Blum und Daladier erwiderten, daß für sie und ihre Freunde die Debatte geschlossen sei. Das Ministe­rium besitze nicht mehr die notwendige Einheit, um Frank­reich regieren zu können. Die Sozialisten würden an einer weiteren Abstimmung nicht teilnehmen. Es kam zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Tardieu und den Führern der Sozialisier! und der Radikalen. Tardieu wandte sich zum Schluß an seine Mehrheit mit der Aufforderung, gegen den Block der Radikalen, Sozialisten und Kommunisten Front zu machen. Die Tagesordnung Fabry, für die Tardieu die Vertrauensfrage gestellt hatte, wurde schließlich mit 303 gegen 14 Stimmen angenommen. Die Linke hatte, wie an= gekündigt, sich der Stimme enthalten.

Genfer Wirtltzaftrlonferenz beendet

Genf, 29. November.

Die Wirtschaftskonferenz des Völkerbundes wurde am Freitag abgeschlossen. 26 Staaten haben das Schlußproto­koll über die Ergebnisse der Konferenz unterzeichnet. Ihre Hauptaufgabe war es, die Bedingungen für die Inkraft­setzung der Genfer Handelskonvention vom März d. I. fest­zusetzen und die weiteren Verhandlungen über eine Ver­besserung des internationalen Warenaustausches vorzube- reiten. In der letzteren Frage ist es zur Annahme einer Entschließung gekommen, die die Möglichkeit für praktische bilaterale Verhandlungen zwischen England und einer Reihe von kontinentalen Staaten eröffnet. Die Arbeiten der Kon­ferenz über die bekannten Präferenz-Forderun­gen der südost europäischen Staaten haben kein praktisches Ergebnis gehabt. Die Vertreter dieser Staa­ten haben in der Schlußsitzung durch eine gemeinsame Er­klärung ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht und noch­mals betont, daß die Bestrebungen des Völkerbundes nach einer Verbesserung der internationalen Handelsbeziehungen keinen Erfolg haben könnten, solange man nicht zu einer Verständigung über wirksame Maßnahmen zur Behe­bung der landwirtschaftlichen Krise in Europa kommt. Im übrigen ist, wie von maßgebender deutscher Seite mitgeteilt wird, durch die negative Einstellung der Konferenz zu diesem Problem der Weg für die praktischen Verhandlungen, zu denen sich Deutschland mit den Donau­staaten hinsichtlich der Getreidepräferenzen bereit erklärt hat, keineswegs verbaut worden.

Mit Rumänien, Holland unb England.

Berlin, 29. November.

Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, hatte die deutsche Delegation der Genfer Wirtschaftskonferenz in Genf wiederholt Besprechungen mit den Vertretern einiger Staa­ten über die gegenseitigen Wirtsckaftsbeziehungen. Ins­besondere wurde die Fortsetzung der deutsch-rumänischen Wirtschaftsoerhandlunaen in Besprechungen zwischen Mini­sterialdirektor Dr. Posse und dem rumänischen Han­delsminister Mancilescu gefördert. ,®s fand auch ein schrift­licher Meinungstausch statt. Die rumänische Delegation hat der deutschen Delegation eine Niederschrift unterbreitet, die im wesentlichen eine Wiedergabe der mündlichen Bespre­chungen enthält. Auf dieses Schreiben hat Ministerial­direktor Dr. Posse den Vertretern Rumäniens eine Ant­wort erteilt, nach der Deutschland grundsätzlich bereit sei, dem rumänischen Getreide, und zwar Gerste und Mais, eine Präferenz zu gewähren.

Zwischen der deutschen und holländischen Dele­gation hat ein Briefwechsel stattgefunden, im Verlauf dessen der deutsche Vertreter sich zu Verhandlungen mit Holland über Wirtschaftsfragen bereit erklärt hat unter dem Vor­behalte. daß landwirtschaftliche Fragen nicht besprochen wür­den. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß auf Grund der Ergebnisse der Wirtschaftskonferenz die englische Regie­rung wahrscheinlich auch an die deutsche Regierung mit ge­wissen Zollwünschen herantreten wird. Sollte dies der Fall sein, so dürfte deutscherseits der englischen Liste eine deutsche Liste von solchen Waren, an deren Absatzerleichte­rung Deutschland Interesse hat, entgegengesetzt werden.

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Warschau, 29. November.

Polen hak soeben eine Reihe von Sollwerten, die gerade für den deutschen Export von Bedeutung sind, teilweise bis zu 100 Prozent heraufgeseht. Es handelt sich um über 70 Positionen, die vornehmlich die technische und chemische 3n- dustrie betreffen, und zwar Ehamotteerzeugnisse, Elektro-, Porzellan- und Installationsmaterial, Kali, Gerbstossextrakt, Essigsäure, essigsauren Kalk, Röhren, Dampflokomobilen, Müllereimaschinen, Fahrradteile, Papier, Schuhe u. a. m. Die erhöhten Zollsätze treten am 7. Dezember in Kraft. Es ist anzunehmen, daß damit Polen ein neues Kampfstadium einleiten will, da ja bekanntlich der Wirtschafts-Waffenstill- stand zwischen Polen und Deutschland nur so lange bestehen sollte, als das Vorabkommen, das in einigen Wochen abläuft, gilt.

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Wien, 29. November.

Der parlamentarische KlubNationaler Wirtschaftsblock" stellte ein Programm der Ziele auf, die er auf parlamen­tarischem Boden zu verfolgen entschlossen ist. Der erste Ar­tikel des Programms lautet: Die wirtschaftliche und politi­sche Annäherung der beiden deutschen mitteleuropäischen Staaten ist auf allen Gebieten fortzusttzen. Daher Anglei- chung der Gesetze, Wiedereinbringung des Sprachengesetz- entwurfes, Vorbereitung der Zollg u.emschaft zwischen Oesterreich und dem Deutschen Reich durch Einsetzung han­delspolitischer Ausschüsse in den beiderseitigen Parlamen­ten.