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HersfelöerTageblatt hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für Sen Kreis Hersfelö

Nr. 294 Dienstag, den 16. Dezember 1930 80. Jahrgang

Monatlich er Bezugsprel»: durch die Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Vestellgeld, für Sersfrld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Relchs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei In Hersfeld, Mitglied des vdZV.

Nachlaß gewährt. Für die Schriftleitung verant­wortlich : Kranz §unk in Hersftld.> Lernsprecher Nr.

Kritische Lage in Spanien

Keine filätung im Ausstandsgebiet Generalstreik und Ausnahmezustand

Des Schulde««!«» der Gemeinde»

Berlin, 16. Dezember.

Reichsfinanzminister Dr. Dietrich veröffentlicht einen Artikel über das Ergebnis der Verhandlungen mit den Län­derregierungen über die neuen Richtlinien für das Schul- denwesen der Gemeinden, die am 3. Dezember vereinbart worden sind. Ueber die Neuregelung schreibt der Reichs­finanzminister u. a.:

Anleihen und Darlehen von Gemeinden dürfen nur zur Deckung außerordentlichen Bedarfs und im allgemeinen nur für werbende Zwecke aufgenommen werden. Ihre Rückzah­lung bei Fälligkeit muß gesichert sein.

Der vorherigen Genehmigung der Landesregierung sollen die Gemeinden künftig nicht nur zur rechtswirksamen Aufnahme von Anleihen und Darlehen bedürfen, sondern, was bisher nur einzelne Landesrechte kannten, auch zur rechtswirksamen Uebernahme von Bürgschaften und Ga­rantien anderer Sicherheiten. Umgehungsgejchäfte unter­liegen ebenso wie die von ihnen verdeckten Kreditverträge der Genehmigung der Landesregierung.

Das Genehmigungsrecht der Länder ist unangetastet geblieben. Es ist jedoch Vorsorge dafür getroffen, daß die Auslandskredite ohne Unterschied und die Inlandsanleihen soweit sie für den öffentlichen Markt bestimmt sind, auf Be­dingungen und Ausmaß von den im Reich verantwortlichen Stellen, unter dem Gesichtspunkte einer pfleglichen Be­handlung der Kapitalmärkte, geprüft und nur gebilligt wer­den, wenn sie das Gesamtinteresse der öffentlichen und pri­vaten Wirtschaft nicht verletzen.

Bei den Ausländsanleihen und Auslandskrediken wird

Beratungsstelle bleibt bestehen.

Sie soll in Zukunft von der Prüfung des Verwendungs­zweckes dann absehen, wenn die Landesregierung erklärt, daß der Verwendungszweck den Anforderungen der Richt­linien über die Aufnahme von Auslandskrediten entspricht. Die zweite Aenderung besteht darin, daß für die Kommu­nen zwei kommunale Finanzsachverständige der Beratungs­stelle hinzutreten, um auch hier durch ihre Mitarbeit zu nützen.

Bei den für den öffentlichen Markt bestimmten Inlands­anleihen liegt die Prüfung der Bedingungen in erster Linie den Gemeinden selbst ob, die sich zu diesem Zwecke bei ihren kommunalen Reichsspitzenverbänden in sogenannten zentra­len Kreditausschüssen zusammengeschlossen haben.

An den Berufungen dieser Kreditausschüsse werden je ein Vertreter des Reichsministers der Finanzen, des Reichs- wirtschaftsministers, des Reichsbankdirektoriums und der zu­ständigen Landesregierungen teilnehmen. Einem befürwor­tenden Gutachten des zentralen Kreditausschusses kann der Vertreter des Reichsministers der Finanzen widersprechen. Die Landesregierung kann dann die Anleihen nicht geneh­migen, bevor sie sich mit dem Reichsminister der Finanzen ins Benehmen gesetzt hat.

Bei dieser Regelung ist dem an sich berechtigten ver­langen der Gemeinden, es ihrer Selbstveranwortung zu überlasten, in ihren eigenen Reihen die Ordnung zu halten, die sie nicht nur ihrem eigenen Ansehen, sondern auch der Gesamtwirtschaft schuldig sind, Rechnung getragen. Auf der anderen Seite ist das Recht der Reichsstellen, auf denen letz­ten Endes die Verantwortung für Wirtschaft und Währung lastet, nicht beeinträchtigt.

Abzug der letzten fremden Soldaten von der Saar.

Der Rest des sogenannten Bahnschutzes, 250 Franzosen und einige Belgier, hat jetzt das Saargebiet verlassen, nach­dem vorher die belgische und die französische Fahne in An­wesenheit von Vertretern der Regierungskommission und der französischen Kolonie niedergeholt worden waren. Unser Bild zeigt: Die abziehenden Truppen defilieren vor ihren Vorgesetzten und den Vertretern der Regierungskommission.

Wieder Umsturzversuch in Spanien

Standrechk über Madrid. Die Führer des Aufstandes flüchten.

Madrid, 16. Dezember.

Die revolutionäre Bewegung in Spanien greift weiter um sich. Ueber Madrid kreuzten am Montag mehrere Flugzeuge, die in Flugschriften, die sie abwarfen, die Bevölkerung zum Aufstand aufforderten. Die revolutionäre Gesinnung scheint sich auch unter den Flugoffizieren ausge­breitet zu haben, denn es heißt, daß 5000 Mann der Be­satzung des FlugplatzesZu den vier Winden" in Madrid unter dem Befehl des Generals Queipo del Lano und mehrere Offiziere sich den Aufständischen angeschlossen haben. Die revolutionären Flugzeugoffiziere haben sich auch an Plünderungen von Waffendepots beteiligt. Den Regierungs- truppen gelang es aber, der Aufständischen Herr zu werden, so daß sich der auf dem Flugplatz festgesetzte General d e l Lano gezwungen sah, die weiße Fahne zu hissen, del Lano und Major Franco flüchteten an Bord eines Flugzeuges. Es steht noch nicht fest, ob die Beschießung des Flugplatzes durch die Truppen des Generals Orgas Todesopfer gefordert haben. Oeffentliche Gebäude, die eine umstürzlerische Tätig­keit betrieben, find von der Regierung geschlossen worden. Ueber Madrid und Umgegend ist der Belagerungszustand verhängt worden.

In S e v i l l a wurden gleiche umstürzlerische Umtriebe der Revolutionäre durch rechtzeitiges Eingreifen der Regie- rungstruppen im Keime erstickt.

Nach den neuesten Nachrichten scheint der Versuch, einen Umsturz des Regimes in Spanien herbeizuführen, mißlungen zu |ein.WWWMWWWWW

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Hendaye, 16. Dezember.

Nach einer Havasmeldung sollen am Montag früh mehrere Gruppen extremistischer Manifestanten in die Büros des Gouverneurs von San Sebastian eingedrungen und zwei wachthabende Polizisten, die ihnen entgegentraten, durch Re- volverschüsse getötet haben. Die Manifestanten sollen dann das ganze Büromaterial zerstört haben. Andere Extremisten sollen zur gleichen Zeit in den Zufahrtsstraßen der Stadt den Milchwagen und den Arbeitern, die sich an ihre Arbeitsstätten begeben wollten, den Weg versperrt haben. Die Zivilgarde und die Polizei sollen bei der Verfolgung mehrere Manife­stanten getötet bzw. verletzt und eine große Anzahl verhaftet haben. In San Sebastian und Irun seien die Cafes und die Läden geschlossen. Der Telephon, und Telegraphenver­kehr nach dem Innern ist unterbrochen, weil die Manifestanten in San Sebastian die Apparate der Post zerstört haben sollen.

EMlicher Amerika

Amerikas Handelsminister gegen Wirtschaftspeffimismus.

Washington, 15. Dezember.

Handelsminister Lamont spricht sich in dem Jahresbe­richt seines Ministeriums entschieden gegen den auch in Ame­rika immer stärker zu Tage tretenden wirtschaftlichen Pessi­mismus aus. Wenn der gegenwärtige Rückgang vorüber sei, werde die bisherige Aufwürtsbewegung unzweifelhaft wieder einsetzen. Lamont betrachtet es als eine bemerkens­werte Tatsache des am 30 Juni abgeschlossenen Berichts­jahres, daß trotz des Geschäftsrückganges so gut wie keine Lohnkürzungen durch die Arbeitgeber vor­genommen wurden. Das stehe in scharfem Gegensatz zu den Gepflogenheiten früherer Flauten und sei ein Beweis für die weitverbreitete Ueberzeugung, daß der ständige Fort­schritt des Wohlstandes von großzügigen Löhnen und einer entsprechend großen Kaufkraft der Massen des Volkes ab- hänge. Durch größere technische und geistige Schulung der Arbeiter, durch bessere Methoden und Organisierung und Betriebsführung, durch stärkere Verwendung des Kapitals als Hilfe der Arbeitskraft fei der auf den einzelnen Arbeiter entfallende Ertrag gestiegen. Eine der wichtigsten wirtschaft­lichen Erscheinungen des Berichtsjahres sei der sehr beträcht­liche Rückgang der Warenpreise, der die bisherige Stetigkeit der Preisbildung durchbrochen habe. Der Sturz habe sich überall, besonders aber bei den Agrarprodukten, gezeigt, wo sich ein Sinken der Erntepreise zusammen mit einem An­ziehen der Preise für tierische Produkte ergeben habe. La­mont weist an verschiedenen Stellen seines Berichtes darauf hin, daß der Konjunkturrückgang eine internatio­nale Erscheinung sei, und in verschiedenen Ländern früher eingesetzt habe als in den Vereinigten Staatenr

Graf Luckner schwer verletzt Opfer eines Autounfalles.

Waukegan (Illinois), 16. Dezember.

Graf Luckner wurde hier bei einem Autounfall ernstlich verletzt. Er hat das Schlüsselbein sowie mehrere Rippen ge­brochen und befindet sich im hiesigen Krankenhaus, wo er wahrscheinlich mehrere Wochen an das Bett gefesselt sein wird.

Schwierigleite» im Bleb-Konzern Folgen der Wirlschaftsnok und des Polenkerrors.

Berlin, 16. Dezember.

Die furchtbare Wirtschaftsdepression hat nun auch den Konzern des Fürsten Pleß, der sich aus Hüttenwerken, Koh­lengruben und Stickstoffwerken zusammensetzt, in außeror­dentliche Schwierigkeiten gebracht. Wie berichtet wird, sollen sich die Verbindlichkeiten der Stickstoffwerke A.G. in Wal- denburg auf 20 Millionen Mark belaufen. Darüber hinaus wird die Lage des gesamten Pleh-Konzerns als stark illi­quide bezeichnet, zumal der Konzern kurzfristige Verbindlich­keiten, die ebenfalls 20 Millionen Mark ausmachen, haben soll.

Um die Schwierigkeiten zu überwinden, hat sich nach weiteren Meldungen Graf Praschma, Falkenberg O.-S., . wegen eines Moratoriums an seine Gläubiger, in der Hauptsache Banken, gewandt, das ihm nach längeren Ver­handlungen bis zum 15. Februar 1931 gewährt worden ist. Der Status soll aktiv sein, doch bereitet die Verwertung der Liegenschaften vorläufig noch Schwierigkeiten. Die Liegen­schaften bestehen in der Hauptsache aus 26 000 Morgen Grundbesitz in den Kreisen Falkenberg und Tillowitz O.-S., Mühlenbetrieben usw. Die kleinen Gläubiger bis zu 2000 Reichsmark werden voll befriedigt.

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Zu den Schwierigkeiten in die der große Industrie- Konzern geraten ist, hat nicht zuletzt auch die willkürliche Zerreißung Oberschlesiens durch den Versailler Vertrag bei­getragen. Das Diktat hat den Konzern in einen polnischen und einen deutschen Teil'gespalten. Fürst Pleß selbst hat sich den besonderen Haß der Polen zugezogen, da er als Vor­sitzender des Deutschen Volksbundes in Kattowitz an dem I Kampf um die Rechte des Deutschtums in Ostoberschlesien hervorragend Anteil nimmt. Von der Verfolgung der Deut­schen unter der Oberleitung des brutalen Wojewoden ,G r a c z y n s k i ist der Pleß-Konzern nicht verschont geblie­ben. Es wird bekannt, daß die Polen nicht davor zurück- scheuten, Millionenbeträge, die Lohngelder und Betriebs­mittel darstellten, zu beschlagnahmen, und zwar angeblich zur Abdeckung von Steuerrückständen und zur Sicherung neuer Vorauszahlungen. Man nimmt an, daß dieser Ein­griff nicht wenig dazu beigetragen hat, die Schwierigkeiten des von der Wirtschaftskrise schwer getroffenen Konzerns auf die Spitze zu treiben.

Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß von deutscher Seite alles geschehen wird, um die in Mitleiden­schaft gezogenen reichsdeutschen Betriebe des Fürsten Pleß zu schützen. Im neuen Haushalt ist beispielsweise bereits eine Zinsverbilligungssubvention im Rahmen des Kriegs- lastenfonds für Wohnungsbauten im Waldenburger Revier deß, Konzerns vorgesehen.

Ueber die Schwierigkeiten im Pleßkonzern wird zur Vermeidung von Irrtümern ergänzend mitgeteilt, daß es sich bei dem dem Grafen Praschma bis zum 15. 2. 1931 gewährten Moratorium nicht um ein Moratorium für den eigentlichen Pleß-Konzern handelt. Graf Praschma steht zwar zum Pleß-Konzern in Beziehungen, aber nur in mittelbaren. Die Moratoriumsverhandlungen der dem Pleß-Konzern angehörenden Stickstoffwerke A.-G., Walden- burg, sind noch nicht abgeschlossen. Die Aussichten für die Gewährung eines Moratoriums sollen jedoch günstig stehen. Beim Zustandekommen eines Stillhaltekonsortiums und bei ruhiger Abwicklung dürften die Gläubiger keine Verluste erleiden.

Dr. Curtius nach Ostpreußen abgereist

Berlin, 16. Dezember.

Reichsaußenminister Dr. Curtius ist nach Königs­berg abgereift, um mit den Vertretern der Provinz sich über die Ostfragen auszusprechen. In seiner Begleitung befinden sich der Leiter der Ostabteilung, Ministerialdirektor Dr. Trautmann, Ministerialdirektor Wachsmann von der Ost­stelle und der persönliche Referent des Reichsministers, Vor­tragender Legationsrat Reinebeck.

Oberhaus wieder gegen die Regierung

London, 16. Dezember.

Das Oberhaus nahm mit 87 gegen 14 Stimmen einen Abänderungsantrag der Konservativen zu einem Gesetzent­wurf an, der die Gültigkeit einiger Ende d. I. außer Kraft tretenden Gesetze für die Dauer eines Jahres verlängert. Dieser Abänderungsantrag, der von der Regierung be­kämpft wurde, schlägt vor, in den betreffenden Gesetzentwurf das Gesetz einzubeziehen, das die Einfuhr der Farbprodukte regelt und das die Regierung mit Einwilligung des Unter­hauses nicht verlängern wollte.