Einzelbild herunterladen
 

GersMerTageblatt

HersfelKer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö

MonalllchrrBezugspreis: durch Sir Post itxootnlJO Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Sersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Relchs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied drsvdZv.

Nr. 297

Freitag, den 19. Dezember 1930

80. Jahrgang

Frankreichs bewaffnete Friedenspolitik

Die neue Regierung Steeg willmit Wachsamkeit" eine Politik europäischer Aussöhnung versolgen

Steigs Stgitreaestrfliriiie

Der außenpolitische Kurs ändert sich nicht.

Paris, 18. Dezember.

Die Regierungserklärung des neuen Kabinetts Steeg wurde am Donnerstagnachmittag vom Ministerpräsidenten in der Kammer und durch den Iustizminister Cheron im Se­nat verlesen.

In der Erklärung heißt es u. a.: Wir haben den Willen, den Fortschritt und die Verteidigung der Demokratie durch Arbeit und im Frieden zu gewährleisten. Das Land wendet sich gegen die Einmischung der Finanz in die Politik, denn dadurch würden die Unabhängigkeit des Staates, die Würde der Diener des Staates und das Prestige der Vertreter der Nationen beeinträchtigt. Die Regierung wird ohne Zaudern und nur in der Sorge um die parteiische Gerechtigkeit ein- greifen. Die Erinnerung an den tragischen Weltkonflikt lebt noch schmerzlich unter uns. Sie diktiert uns gegenüber den ehemaligen Frontkämpfern und den Kriegsopfern Pflich­ten, die wir nicht verabsäumen werden.

Der außenpolitische Friede entspricht den heißen Wün- v schen aller Franzosen. Aber alle wissen auch, daß es nicht genügt, den Frieden zu wünschen, dankt er endgültig Ein­laß findet. Interessen und Vorurteile bringen bie Völker noch immer in Gegensatz zueinander. Eine organische internatio­nale Aktion auf wirtschaftlichem und moralischem Gebiet, eine gemeinsame gleichzeitige Bemühung um Schiedsge- richtsbarkeit. Sicherheit und Abrüstung können allein eines Tages alle Rachegelüste und Mißverständnisse beseitigen. Diese Politik europäischer Aussöhnung verfolgen wir nach­drücklich und mit Wachsamkeit, nicht aus Furcht oder Schwäche, sondern weil sie in ihrem menschlichen Idealis­mus die realistische aller Art von PosiÄ ist. Die Friedens­aufrichtigkeit Frankreichs erscheint, um so deutlicher, als

_ t rZch sen anderen Ländern eine starke, nicht aber eine fchrbWliche Hand hinstreckt. Der Landesverteidigung gilt unsere erste Sorge.

Frankreich, dem die Depression in der Welt lange er­spart, war, verspürt seit einigen Monaten ihre Wirkungen. Diese Krisis verlangt ein um so energischeres Aufraffen, als sie mit einer Steigerung der Preise und der Lebenshaltungs­kosten zusammenfällt. An den Versuchen zu gemeinschaft­licher Lösung der Weltwirtschaftsprobleme, die in Genf unternommen werden, wollen wir aktiv teilnehmen. Wir werden so handeln, daß wir den Weltmarkt kräftigen, ohne der französischen Produktion die Auslandsmärkte zu ver­schließen.

Die Regierungserklärung widmet alsdann der Indu­strie, dem Handwerk, den Ländarbeitern, der Landwirtschaft und dem Weinbau ermutigende Worte und betont, daß das neue Kabinett, vor allem auch die Auswertung und Förde­rung der Kolonien, sowie die Besserung der materiellen und moralischen Lebensbsdingungen der kolonialen Bevölkerung sich zur Aufgabe macht. "Die Regierungserklärung stellt wei­ter Maßnahmen zum Schutz der Sparer gegen Spekula- tionsmanöver in Aussicht und betont die Notwendigkeit der Snarlam'^t im ^to-!'Haushalt.

3m Wettere DemWonen im Kabinett Steeg

kurz vor Zusammentritt des Parlaments wurde be- kannkgegeben, daß die Unterstaakssekretäre C a n t r u (Land­wirtschaft), Eoky (Inneres) und Thoumyre (Pensionen) zurückgetreten sind.

Als Grund sollen die ausgeschiedenen Kabinettsmitglie­der angegeben haben, sie könnten nicht einer Regierung an­gehören, die die Unterstützung der Sozialisten haben würde. Abgeordneter Cantru steht der Maringruppe nahe. Coty und Thoumyre sind Links-Republikaner, also Fraktionsgenossen Tardieus.

Knapper Sieg Steegs

mit sieben Stimmen!

Paris, 19. Dezember.

Während sich der Senat, nachdem die Linke und Mitte dem Regierungsprogramm zustimmten, auf Freitag vertagte, wurde in der Kammer sofort in die Aussprache eingetreten. Der Abgeordnete B u v a l (Republikanisch-Demokratische .Bereinigung, Gruppe Marin) kündigte an, daß feine Frak- twn gegen oie Regierung stimmen werde.

Darauf nahm Ministerpräfident Steeg das Wort und betonte in enger Anlehnung an die Regierungserklärung, sein Kabinett wolle außenpolitisch den Frieden, indem es die Politik Briands fortfetze. Man müsse den Frieden organi­sieren; Europa müsse sich organisieren. Die Regierung sei entschlossen, die Mißbrauche an der Börse abzustellen, Ord­nung in die Finanzen zu bringen und das Budget rechtzeitig zu verabschieden, die Sozialfürsorge auszubauen, die Reli­gionsbekenntnisse zu achten und den Gratisunterricht in den Schulen zu fördern.

Der Abgeordnete Franklin Bouillon vertrat die Ansicht, daß die Reigerung zwei notwendige Dinge, nämlich die Ent­spannung und die Konzentration, nicht verwirklichen könne. Das Kabinett könne nur mit Unterstützung der Sozialisten bestehen, und eine derartige Zweideutigkeit dürfe die Kam­mer nicht einen einzigen Augenblick dulden. Er richtete dann scharfe Angriffe gegen die Sozialisten, die mit dem Rufe antworteten: AuMmkL MM-gM &££XieJ

mahnte Das Haus, nicht den Versuch einer Konzentrations­regierung zum Scheitern zu bringen. Wenn die Rechte tat­sächlich in der Mehrheit sei, möge sie doch eine rechtsgerichtete Regierung bilden. Louis Marin wirft der Regierung vor, bei der Zusammensetzung des Kabinetts nicht der Mehr- -heit Rechnung getragen zu haben. Es gebe etwas Gefähr­licheres, als eine Regierung zu stürzen, nämlich eine unsta­bile Regierung zu bilden.

Die Sozialisten erklären, daß sie für die Regierung stim­men würden, und zwar ohne von der Regierung etwas zu verlangen, lediglich, um die Gegner des Regimes und die rechtsstehenden Abgeordneten daran zu hindern, in einem für den Frieden Europas gefährlichen Augenblick die Regierung zu übernehmen.

Bei der Abstimmung über den ersten Teil der von der Radikalen Linken eingebrachken Tagesordnung, in dem der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, blieb die Regierung Steeg mit 291 Stimmen gegen 284 Stimmen in der Mehrheit.

* ,

Als vor Beginn der Sitzungen in beiden Häusern von den Präsidenten Wünsche für die baldige Genesung Poinca- res ausgesprochen wurden, erhoben sich die Abgeordneten von den Plätzen.

Gewerbsmäßige Stellenvermittlungen aufgehsben

Berlin, 19. Dezember. -

Der Reichsrat genehmigte gegen die Stimmen der mei­sten preußischen Provinzen und bei Stimmenthaltung T h ü - U."9äSÄ^ * ******

Die Tätigkeit der Vermittler von künstlerischem und artistischem Personal hört mit dem 1. Januar 1931 auf. Diese Vermittler sollen eine Entschädigung erhalten, die sich i nach dem Durchschnitt ihres Einkommens aus den Jahren 1927 bis 1929 berechnet. Den Konzertagenten, für die es l noch keine Ersatzeinrichtung gibt, soll die weitere Vermittlung erlaubt werden. Auch für die Vermittler von Haus-, Gast­wirtschafts- und Landwirtschaftspersonal ist eine Entschädi­gung nicht vorgesehen. Sie dürfen ihre Tätigkeit noch zwei­einhalb Jahre fortsetzen, wenn sie ihr Gewerbe vor 1900 be­gonnen oder mindestens feit 1910 ausgeübt haben.

Baden wünscht allgemeines Uniformverbot

Karlsruhe, 19. Dezember. :

Im Badischen Landtag erklärte Staatspräsident und Inenminister Wittemann, daß er vorerst nicht in der Lage sei, das Uniformverbot gegen die Nationalsozia­listische Deutsche Arbeiterpartei und insbesondere den soge­nannten kleinen BelagerungszustandVerbot öffentlicher Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel" aufzu- heben. Dahingehende Anträge der Nationalsozialisten und Kommunisten wurden nach zeitweise sehr erregter Debatte mit großer Mehrheit abgelehnt, und mit den Stimmen der Deutschen Volkspartei und des Zentrums eine volksparteiliche Entschließung angenommen, die ein allgemeines Uniform- verbot der politischen Verbände von Reichs wegen für er­wünscht hält.

DerHarzer Trommler" verboten

Magdeburg, 19. Dezember. ~ '

Der Oberpräsident der Provinz Sachsen hat den in Hal- berstadl erscheinenden nationalsozialistischenHarzer Tromm­ler" bis zum 31. März 1931 verboten.

Das Verbot wird damit begründet, daß derHarzer Trommler" sachlich als die Fortsetzung desMagdeburger Trommler" anzusehen sei, der schon vor einiger Zeit verboten worden ist. DerHarzer Trommler" bestärk schon vor dem' Erscheinen desMagdeburger Trommler".

Spaniens Ministerpräsident erkrankt

Madrid, 19. Dezember. ,

Wie gemeldet wird, soll General Berenguer er­krankt und bettlägerig sein. Wie es heißt, handelt es sich um eine Halsentzündung.

Dr. Schober über seine Außenpolitik

Wien, 19. Dezember.

Bei einem Presseempfang sagte Vizekanzler und Außen­minister Dr. Schober, daß er der Alte geblieben sei, der^ er bis zum 30. September gewesen sei.Ich habe mich weder, in meinen Ansichten, noch in meinen Absichten geändert und möchte die ruhige Linie der Führung der österreichischen Außenpolitik beibehalten, weil ich weiß, daß ich damit mei­nem Lande am besten nutze."

Außenminister Dr. Schober bat die ausländische Presse,j gleichfalls die gerade Linie der objektiven Kritik, die sie früher verfolgt habe, beizubehalten und erklärte, daß er Wert darauf lege, mit den Pressevertretern jederzeit in persönlicher Fühlung zustehen und ihnen über seine Tätigkeit Aufschluß zu geben, damit sie die Quelle, die ihnen die Wahrheit bieten könne, restlos ausschöpfen.

BefesSter Mich Rauscher gestorben

Berlin, 18. Dezember

Der deutsche Gesandte in Warschau, Ulrich Rauscher, ist in der Nacht zum Donnerstag unerwartet in St. Blasien im Alter von 46 Iahren gestorben. Rauscher hakte sich erst vor einigen Tagen in den Schwarzwald begeben, um Heilung von seinem Leiden zu suchen.

Ulrich Rauscher ist geborener Württemberger. Er stu­dierte Jura, ging aber später zur Presse über. Längere Zeit war er als Feuilletonist an der Frankfurter Zeitung tätig. Während des Krieges war er vorübergehend in der Poli­tischen Abteilung in Brüssel beschäftigt, ging aber später an die Front. Nach dem Zusammenbruch wurde er, da er sich zur Sozialdemokratie bekannte, der erste Pressechef der re­publikanischen Reichsregierung. Er ging dann als Ge­sandter nach Georgien und wurde 1922 Gesandter in Polen. Hier hat er die deutschen Interessen mit Geschick und großer Zähigkeit vertreten. In den zahlreichen Vertragsoerhand- lungen, die zwischen Berlin und Warschau geführt wurden, hat er immer wieder vermittelnd eingegriffen, wenn es ihm notwendig erschien, aber auch mit aller Entschiedenheit die deuschen Interessen vertreten und polnische Anmaßungen zu­rückgewiesen. Sein Ziel, das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland so zu bessern, daß sich darauf ein ähnlicher Schiedsvertrag aufbauen ließe, wie er von Deutschland mit

Ulrich Rauscher f.

einer ganzen Vieche von Staaten abgeschlossen wurde, hat sich nicht erreichen lassen, weil in Polen die Kreise immer mehr die Oberhand gewannen, die in Deutschland ihren Erbfeind erblicken und die darauf ausgehen, die polnischen Grenzen noch weiter nach Westen und nach Norden vorzu- schieben. Die aufreibende diplomatische Tätigkeit Raujchers in Warschau hat es wohl auch in der Hauptsache ver­schuldet, daß sich sein Leiden verschlimmerte und er Heilung erst suchte, als es schon zu spät war. Der sachlich urteilende Politiker wird Ulrich Rauscher, der stets gute Beziehungen zur Presse unterhielt, auch dann seine Anerkennung nicht versagen, wenn er den parteipolitischen Standpunkt Rau­schers nicht zu teilen vermochte.

Sein Ableben kommt der weiteren Oeffentlichkeit voll­kommen überraschend. Erst vor drei bis vier Wochen hatten sich in Warschau die ersten Anzeichen einer Erkrankung be­merkbar gemacht, die mit den Symptomen einer Kehlkopf­entzündung auftrat und mit Fieberzuständen verbunden war. Vor etwa zehn Tagen kam Rauscher deshalb nach Berlin, um verschiedene namhafte Aerzte zu konsultieren und Rönt­genaufnahmen machen zu lassen. Er lag drei Tage zu Bett und wurde von den Aerzten nach St. Blasien im Schwarz­wald geschickt. Seine Gattin, die ihn begleitet hatte, verließ auf ärztliches Anraten das Sanatorium nach drei Tagen wieder, da der Patient nicht sprechen und auch mit dem Pflegepersonal nur schriftlich verkehren durfte. Sie wurde vor drei Tagen wegen einer ernsten Verschlimmerung des Zustandes von Warschau wieder abgerufen, da sich die Krankheit als eine Kehlkopf- und Lungentuberkulose akute­ster Art herausgestellt hatte, die auch keinen operativen Ein­griff mehr zuließ, und da die Herztätigkeit nachzulassen be­gann. Im Beisein seiner Gattin verschied Ulrich Rauscher Donnerstag früh gegen 5 Uhr, ohne sich seines Zustandes bewußt geworden zu sein; er hatte noch eine Stunde zuvor nach Zigaretten verlangt und keine Beschwerden empfunden.

Graf Luckner nur leichter verletzt

Waukegan (Illinois), 19. Dezember.

Das Befinden des Grafen Luckner, der dieser Tage einen Autounfall erlitt, hat sich gebessert. Die Röntgenaufnahmen ergaben, daß er keine Kopfverletzungen erlitten hat.

Gräfin Luckner kam heute hier an und beabsichtigt, bis zur Wiederherstellung ihres Gatten, die drei Wochen bean­spruchen dürfte, im Krankenhaus zu bleiben. ^^ ^