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HersfelöerTageblatt

PolUches Weihnachtsmärchen

Von H. A l d e n h o f f.

Der Friedensengel hatte schon eine sehr lange Fahrt hinter sich Mit hoffnungsvoll beschwingten Flügeln hatte er seinen Flug nach dem großen Kriege angetreten als im Herbst 1918 die Sieger sich verpflichteten, die Waffen nieder­zulegen wenn die Besiegten abrüsteten. Er hatte noch die erstarrten Kriegsfronten überflogen, an denen in vier Jah­ren nicht weniger als 66% Millionen mobilisierter Truppen gegeneinander gestritten hatten, nämlich 42,2 Millionen Mann der alliierten und assoziierten Länder gegen 24,5 Mil­lionen der Mittelmächte. An 10 Millionen Tote deckten die Gräber zu, die er besucht hatte. 20 Millionen wenig­stens zählten insgesamt die Verwundeten, nicht abschätzbar war die Zahl der mittelbar betroffenen oder zugrunde ge­richteten Existenzen. Jetzt mußte der Friede kommen! Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind." Frieden??? Vernichtungsbereite Heere besetzten die Grenz- länder der Besiegten, furchtbare Gebote erpreßten von ihnen ungeheure Lasten, zerstückelten ihre Gebiete, rissen Volks­genossen auseinander, die durch Blut und Geschichte zusam­mengehörten und machten Europa friedlos.

W4rL«äwdtg^^«LdMshütL.r ^-"^ diese pazifistischen Sieger. 1919 kämpfte ^bre^fT^^ mr-Ä

gegen Afghanistan, Griechenland gegen die Türkei, 1920 Polen gegen Litauen, DÄnnunzio gegen Fiume, 1921 Po­len gegen Deutsch-Oberschlesien, Frankreich gegen Cicilien, 1923 besetzten Frankreich und Belgien die Ruhr, 1925 mar­schierten französische Truppen gegen die Drusen und Da­maskus, seit 1921 kämpfte man unausgesetzt in und um Rußland, in und um China, 1927 führte Amerika Krieg gegen Nikaragua, 1929 Bolivien gegen Paraguay. Und 1930? Revolutionen und Gegenrevolution überall. Erst vor wenigen Tagen sah sich die größte englische Schiffs­versicherung Lloyds genötigt, einen Sonderaufschlag von 6 Pence pro Hundert für Schiffsladungen als Kriegs­risiko zu erheben. Frieden? Dem Engel schien es, daß seine Erinnerungen sehr lückenhaft waren. Dutzende von Kriegen, "Sümpfen und Schlachten seit der Weltfriedens­parole der Sieger von 1918 hatte er vergessen. Reue Mil­lionen waren gefallen oder verwundet, verarmt oder der Freiheit beraubt worden, obwohl dieblonde germanische Bestie" völlig abgerüstet hatte. Darüber bestanden Zweifel nicht. Er hatte sich selbst davon überzeugt, daß sie mit Papptanks und Waffen manövrierten, die nur Spielzeuge im Ernstfall waren.

Anders dieSieger"! Wann hätte er doch zum letzten Male ihre Waffenarssnale, Festungen, Kasernen, Truppenverbünde, Flugzeug- und Schiffsgeschwader besich­tigt^ Vor drei Jahren. Sein Entsetzen war ,so groß ge­wesen, daß er es nicht gewagt hatte, die inzwischen weiter angewachsenen Zahlen und Ziffern der ausgerüsteten, ver- nichtungobereiten Kriegsmittel und Kriegsmassen der, ehe­mals alliierten und assoziierten Pazifisten erneut zu über­prüfen. Damals, also 1927, konnte Frankreich 4% Mil­lionen Mann ins Feld stellen, Polen 3% Millionen, die Tschechoslowakei 2 Millionen, England ohne Kolonien und Dominions ebenfalls 2 Millionen, Italien 3% Millionen, Japan 4 Millionen, die USA. 3 Millionen, Jugoslawien 1,6 Millionen. Rumänien 1 Million, Belgien 600 000 Mann und Rußland 6 Millionen, wie es sich rühmte. Das war 1927. Inzwischen hatte die gegenseitige Furcht der gerüste­ten Pazifisten voreinander zu weiteren Verstärkungen der Vernichtungsmittel geführt. Nein, dieSiegervölker" fühl­ten sich weder sicher noch glücklich. Aber dieBesieg - t e n ? Wie stand es um sie? Hatte das Elend gemeinsamer Bedrückung sie g e e i n t, hatte die Erkenntnis gemeinsamer Gefahr sie endlich zu einem Volke zusammengeschlossen und den immer noch unvollendeten Werdeprozeß der deutschen Nation zum glücklichen Ende geführt? Da wurde der Engel erst recht traurig. Bei seinen Wanderungen durch die still­gelegten, verödeten Wirtschaftsgebiete Deutschlands, durch die von Klassen-. Massen-, Rassen- und Parteihaß erfüllten deutschen Städte und Dörfer war er zu der Erkenntnis ge­kommen, daß diese tiefe Zerklüftung des deut chen Vo kes der rohen Gewalt der Sieger fast noch mehr Vorschub leiste als deren militärische Waffen. 170 Jahre hatten nicht genügt das deutsche Volk von der bitteren Wahrheit zu überzeugen, die der größte preußische König, Friedrich ll in der schwersten Stunde seines Lebens seinem Freunde Marguis d'Argens anvertraut hatte:Es ist das Unglück der Unglücklichen, daß sie nicht auf,hören werden, sich gegen­seitig für das gemeinsame Unglück schuldig zu erklären.

Sollte er nun auf Genf hoffen? Der^Engel^ lächelte

bitter. Las war aues, was oer vcame v lym eni- locken konnte. Da erklangen die Glocken zur christlichen Nacht, tief unten in den verschneiten deutschen Wäldern. In dieser weihevollen Stunde hatte der Friedensengel zwei Wünsche für das verarmte deutsche Land, für sein von Leidenschaften aufgewühltes Volk: erstens, daß die deutschen Werkstätten langsam wieder in Betrieb kommen möchten, Zweitens, daß die deutschen Parteien, ohne Ausnahme, lernen möchten, Deutschland nicht nurüber alles in der Welt" zu stellen, sondern a u ch über den eigenen klei­nen P a r t e i h a ß.

Le«tlchlmdr Serzicht auf Xitswriit

Aus taktischen Gründen wegen der Polennoten

Berlin, 24. Dezember.

In der Presse ist in den letzten Tagen mehrfach berichtet worden, daß Bestrebungen im Gange seien, Deutschland zu veranlassen,für die bevorstehende Ratstagung auf den Vor­sitz in Genf zu verzichten, die ihm turnusmäßig zufällt. Wie wir hierzu von bestunterrichteter Seite erfahren, hat man sich mit dieser Frage in zuständigen Berliner Kreisen ein­gehend beschäftigt. Es lirgt aber kein Druck vom Ausland

n^^ sind H «A taktische Erwägungen, die den deutsthen AußesiKS^."- ^r>-«^yai«s-. oesamaß«»., zu prüfen, auf welche Weise! er dem deutschen Schritt in Genf gegen Polen den stärkstes Nachdruck geben könnte.

Nach dem Ratsstatut kann der jeweilige Vorsitzende bei Ratstagung nicht durch ein zweites Mitglied feines Landes als Delegierter vertreten werden. Vielmehr muß der Rats­vorsitzende die Funktion des Präsidenten und des Delegierten in einer Person ausüben. Da damit zu rechnen ist, daß die Polendebalke in Genf außerordentlich umfassend sein wird und von deutscher Leite stetige Aktivität verlangt, so sieht der Außenminister auf dem Standpunkt, daß es im Inter­esse Deutschlands und der von ihm vertretenen deutschen Minderheit Polens wäre, wenn er sich der bevorstehender Aussprache in Genf mit seiner vollen Kraft widmen könnte.

Ist der Vorsitz schon rein arbeitsmäßig eine starke Be­lastung, die die Vertretung der deutschen Interessen beein­trächtigt, so würde die traditionelle Aufgabe des Vorsitzenden, auszugleichen und Kompromisse vorzubereiten und zu emp­fehlen, den deutschen Außenminister auch in seiner Ell­bogenfreiheit als Partei zweifellos erheblich hemmen. Auch Dr. Stresemann hat diesen Nachteil des Vorsitzes äußerst unangenehm empfunden, als er seinerzeit die Frage des Bahnschutzes im Saargebiet durchzukämpfen hatte. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, daß w i r für diesmal auf den Vorsitz verzichten. Für die nächste Tagung steht er England zu. Es wäre also denkbar, daß das deutsche Auswärtige Amt England vorschlagen wird, mit uns zu tauschen. Das würde also bedeuten, daß Dr. Curtius dem Rat dann in der Maitagung präsidieren würde. Einen solchen Tausch hat es in der Praxis des Völkerbundes schon gegeben, man kann also damit rechnen, daß England sich dem deutschen Vorschlag nicht entziehen wird.

Sahm geht

Dr. Ziehms wird Danziger Senatspräsident.

Danzig, 24. Dezember.

Die von den Deutschnationalen, dem Zentrum und dem Block der Nationalen Sammlung geführten Verhandlungen zur Bildung einer Regierung haben zu einer Einigung über das Regierungsprogramm geführt. Man ist nunmehr in Verhandlungen über Personalfragen eingetreten.

Es scheint fesizustehen, daß Dr. Lahm nicht wiederge­wählt werden wird, da die Koalitionsparteien sich für das Amt des Senakspräfidenten auf die Person Dr. Ziems' geei­nigt haben, während der Posten des Vizepräsidenten vom Zentrum beseht werden wird. Ob die Regierung lebensfähig sein wird, hängt davon ab, ob sie die wohlwollende Unter­stützung der Nationalsozialisten findet.

Wie aus unterrichteten Kreisen verlautet, sollen von dieser Seite keine Schwierigkeiten zu erwarten sein, so daß man mit dem Zustandekommen der Regierung in der ersten Januarhälfte rechnen kann.

Alliierten zur AbMuss seruflichtet

Kelloggs Eindrücke in Europa

Rewyork, 24. Dezember.

Der frühere Staatssekretär Kellogg, der mit dem LloyddampferBremen" hier eintraf, erklärte über seine Eindrücke in Europa u. a.: Niemand könne voraussagen, daß es niemals wieder Krieg geben würde. Auf Grund sei­ner Eindrücke könne er jedoch feststellen, daß es niemals eine Zeit gegeben habe, in der europäische Staatsmänner so viele Schritte unternommen hätten, um einen Krieg zu vermeiden und friedliche Mittel zur Beilegung ihrer Kontro­versen anzuwenden. Man habe ihn über seinen Ein­druck von dem Ausfall der deutschen Wahlen gefragt, und obdieZuständeinDeutschland nicht auf eine Wen­dung zu einem Konflikt hindeuteten. Er habe das ver - n e i n t.

Die hauptsächlichsten Probleme in Europa seien im Augenblick die Steuer- und Rüstungslasten sowie die Arbeitslosigkeit. Das wichtigste Mittel zur Sicherung des Friedens sei die Durchsetzung der Landabrüstung und er sei der Meinung, daß die alliierten Mächte zur Abrüstung verpflichtet feien.

Er hege starke Hoffnungen in dieser Hinsicht und glaube, daß die europäischen Völker diese Hoffnungen teilten. Er sei der Meinung, daß innerhalb eines oder zweier Jahre 1 -^UL-LlM^n-^ MMden werde Auf die Frage, nh er he, MMch^'N" m !!. .....; i -' -^-i.^^ bedrohe, erwiderte Kellogg, er schenke solchem Gerede wenig Beachtung.

Urteile Wer die Wrltwirtfchsstrttife Discount d'Abernon über falsche Handhabung des Gold­standards.

London, 24. Dezember.

Durch diePreß Association" werden Aeußerungen führender englischer Persönlichkeiten über die Wirtschafts­krise veröffentlicht. U. a. spricht sich der frühere britische Bot­schafter in Berlin Viscount d'Abernon zu dieser Frage aus. Ernteertrag, Neuerfindungen usw. seien eigentlich Voraus­setzungen für eine Begünstigung einer Aera wirtschaftlicher Prosperität. Die Erklärung für die Anomalie sei darin zu finden, daß die Organisation der Verteilung der Arbeitsprodukte völlig unzureichend sei. Die Zahlungsmittel, wie sie durch Geld und Kredit gege­ben seien, seien hinter dem Betrag, der durch vermehrte Produktion nötig geworden ist, zurückgeblieben, was einen allgemeinen Preissturz zur Folge gehabt habe. Ernst« Schwierigkeiten hätten sich daraus ergeben, daß der Gold­standard in vielen Ländern nicht vernünftig und geschickt gehandhabt worden fei. Solange nicht Währung und Kre­dit unbeschränkte Aufmerksamkeit geschenkt würde, gäbe es keine dauernde und allgemeine Besserung. Der bekannte Gewerkschaftler Georg Barnes glaubt, daß das Schlimmste überwunden fei und daß das kommende Jahr zu besseren Verhältnissen führen werde. Er erwartet u. a. eine Besse­rung von dem in Genf angenommenen Plan, der den auf der Industrie lastenden Druck der Rüstungsausgaben mil­dern werde (?). Der Vorsitzende des Allgemeinen Rates des Gewerkschaftskongresses, Arthur Hayday, meint, der sicherste Weg, die Rückkehr zur Wohlfahrt zu verzögern, sei die Propaganda für Herabsetzung der Löhne durch die die Gewerkschaften in einen Kampf um die Aufrechterhaltung des Lebensstandards verwickelt werden würden.

Hochverratsbewegung in Jugoslawien?

17 Offiziere verhaftet.

Belgrad, 24. Dezember.

Auf dem Gebiet des Königreichs Jugoslawien sind 17 Offiziere, die Mitglieder einerGeheimliga für Gerechtigkeit und Freiheit" waren, verhaftet worden. Unter den Offizie­ren befinden sich mehrere hohen Ranges. Ihre Vernehmung wird von dem Ministerpräsidenten, General Zivkowitsch, selbst vorgenommen.

Die Blätter melden, daß die Liga einen Aufruf verbrei­tet habe, der sich gegen das Regime und gegen König Alexander richtete.

Diskontsatz 2 Prozent in Amerika

New Park, 24. Dezember.

Die New Parker Federal Reserve Bank hat den Diskont- satz von 2 K auf 2 % ermäßigt.