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hersfelöerTageblatt

Hersselöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 304 Dienstag, den 30. Dezember 1930

Monatlicher Bezugspreis: durch -ie Post bezogen 1^0 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Her-felS 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, stlr Abholer 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Annks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied desvDZV.

80. Jahrgang

Ostfahrt des Reichskanzlers

Reichskanzler Dr. Brüning unternimmt

Was uns 1030 beschert wurde

Bon Robert Cordel.

Ein Rekordjahr weit- und innerpolitischer Ereignisse ist auf dem Filmband« der erdgebundenen Zeit vor uns abge­laufen. So überpackt dazu mit Beiwerk aller Art, daß die Geschehnisse oft kaleidoskopisch durcheinanderwirbeln. Un­geachtet der Buntheit dieses Spiels aber blieb oorherrsch«nd im Bildstreifen des abgespulten Jahres ein mißtöniges Grau, das Bild eines Kampfes aller gegen alle, nicht nur im Stellungskriege der internationalen Politik, sondern mit kaum geringerer Schärfe auch im Gegenspiel der Parteien im eigenen Hause.

Und doch fiel wenigstens ein Strahl von ungetrübter Reinheit aus der Dunkelkammer des Jahres 1930: die end­liche Erlösung der Rheinlande vom Joch der Fremdherr­schaft! Freilich fehlt auch diesem Lichtpunkt der Glanz der Korona. Die einseitige Entmilitarisierung der deutschen Westgrenzen zeigt umsomehr das ungleiche Spiel der Kräfte, als Frankreich mit den. aus dem welken Euter der schwind­süchtigen deutschen Wirtschaftskuh erpreßten Reparations- summen nichts besseres anzufangen weiß, als die ungeschütz­ten Rheinlande mit einem Festungsgürtel von unerhörten Ausmaßen abzuschnüren, und auch sonst seine Aufrüstung ins Ungemessene zu steigern. Und dann das deutsche Saar­land, dessen Rückkehr zum Mutterland« durch die unersätt­liche Gier des Siegers von Amerikas Gnaden wieder in die Ferne des Abstimmungsjahres 1935 gerückt ist!

Wer in Deutschland hätte nicht den Wunsch, endlich mit Frankreich wenigstens zu einer ehrlichen Verständigung, wenn nicht zu einer vollständigen Aussöhnung zu kommen? -Bber-b«>-d«^LGtttMÄ.-üsr^iprM.chru^ Machthaber er­scheint dieses Ziel noch in weiter Ferne. Die geradezu skan­dalöse Farce der Verhandlungen des sogenannten Vorbe­reitenden Abrüstungsausschusses in Genf hat den unbesieg­baren Aufrüstungswillen der alliierten Mächte und den Willen zur unbedingten Durchsetzung einer «inseitigen Ent­waffnung der unterlegenen Staaten entgegen den klaren Bestimmungen des Versailler Vertrages mit einer so zy­nischen Offenheit ins Licht der Unanständigkeit gerückt, daß sich die Besiegten in die Rolle jenes Lammes der Aeso- pischen Fabel versetzt sehen, das der Gefräßigkeit des Wolfes unter allen Umstünden den Vorwand des Wafsertrübens abgeben muß.

Für uns gilt es,' die Nerven zu behalten. Ueberdies mah­len Gottes Mühlen zuweilen schneller. So war zu Anfang des Jahres der Poungplan als Frucht der Liebe zwischen Sieger und Besiegtem den Windeln kalter Habgier anver­traut. Schon aber beginnt auch im Gegenlager, ja selbst hinter der Stirn jenes Mannes, dessen Name in Verbindung mit dem Plan zur Unsterblichkeit verurteilt wurde, die Er­kenntnis zu dämmern, daß auch dieserNachlaß" einem für Deutschland untragbaren Aderlaß gleichkommt. Gold-Götzen- dämmerung!

Man nimmt seinen Nachbarn das Bett und stickt dann im eigenen Fett! Die Folge: eine noch nicht dagewesene Absatzkrise und Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt, die un­geachtet der schönsten Zollwaffenstillstandskonferenzen ge­fördert wird durch allseitigen emsigen Ausbau der Zoll­mauern. Auch der Kampf gegen die Minderheiten erfährt, besonders in Polen, eine neue tragische Verschärfung, ob- schon man in aller Welt die gänzliche Ueberlebtheit des stubenreinen Nationalstaates predigt.

Darf man sich wundern, wenn der Völkerbetrug, der weiterhin unter dem schützenden Mantel des Völkerbundes die Shylockverträge der Siegermächte einseitig und hart­herzig zu Gunsten der gepanzerten Faust auslegt, die ge­duldige Haut des Deutschen allmählich zu kratzen beginnt? Die Arbeitsunfähigkeit des aufgelösten Reichstages, das ge­waltige Anwachsen der radikalen Flügel bei den September­wahlen, das eine parlamentarisch sicher« Arbeit, mit dem neuen Kabinett Brüning erst recht nicht ermöglichte, uns vielmehr weiter zu einemaus Not verordneten" Leben ver­urteilte, alle diese Krankheitserscheinungen sind doch letzten Endes auf die uns durch die Nachkriegstaktik der Sieger- mächte aufgezwungene Verelendung zurückzuführen.

Leider zeigt sich am Horizonte des erwachenden Jahres vorerst nur Nebel, kein Silberstreifen! Die größte Sorge der Regierung und Wirtschaft muß der Behebung der Arbeits­losigkeit gelten, die in Deutschland naturgemäß besonders bedenkliche Ausmaße angenommen hat. Im engen Zu­sammenhang hiermit steht die Belebung der Wirtschaft. Auch die Frage einer Revision des Youngplanes dürfte bald greif­barere Gestalt annehmen. Im Januar wird zu den deutschen Noten über den polnischen Wahlterror der Völkerhundsrat sich nicht so leicht wie sonst auf Kosten Deutschlands aus der Affäre ziehen können. Ob er die endliche, von Deutschland sehr energisch geforderte Einberufung der endgültigen Ab­rüstungskonferenz zum November 1931 beschließt, ist eine reichlich offene Frage. Denn darüber sind sich die heutigen Nutznießer des Völkerbundes bestimmt im klaren, daß der Ausgang dieser seit Jahrendrohenden" Konferenz an den Grundfesten des Völkerbundbaues rütteln wird, da dieser ja mit den Steinen des Abrüstungsgedinkens gemauert wurde.

r Vorbereitung der Ofthilfsaktion vom 4.

Ein einig Volk

Der Reichskanzler zum Jahresende.

Berlin, 30. Dezember.

Reichskanzler Dr. Brüning hat dem Herausgeber der Wohlfahrtskorrespondenz eine Zuschrift zugehen lassen, in der es heißt: Auch dieses Jahres Ende trifft das deutsche Volk bei der Erkenntnis, daß es schwere Monate durchzumachen hat. Die Weltwirtschaftskrise, die alle Staaten erfaßt hat, trifft es nach den Entbehrungen der Kriegs- und Jnflationsjahre besonders hart. Aber mutiger Wille. Selbstzucht und Bereitschaft zum gemeinsamen Tra­gen können und werden uns helfen. Wenn wir die schlim­men Zeiten benutzen, um Mißbräuche abzustellen, die sich in unser gesellschaftliches, soziales und politisches Leben ein­geschlichen hatten, wenn wir nötige Reformen heute unter dem Drucke der Not kraftvoll vorantreiben, dann ziehen wir die rechten Lehren.

Und wenn wir jetzt, wo uns gemeinsames Schicksal die engste Verbundenheit aller Schichten und Stände deutlich beweist, uns als ein Volk fühlen lernen, dann werden zu­gleich die seelischen Kräfte lebendig, die die besten Bürgen einer schöneren Zukunft sind.

Sstmurtensahrt der Senile«

Zur Vorbereitung der großen Osthilfeaktion.

Berlin, 30. Dezember.

Der Reichskanzler, der sich zu kurzem Erholungsurlaub nach Badenweiler begehen hat, wird am 4. Januar in Be­gleitung der beiden Ostkommissare Treviranus und Hirtsiefer eine aus 8 Tage berechnete Fahrt durch Pommern, Ostpreu­ßen und Oberschlesien unsteter

Nach dem, im Lur-elNen noch betonntgegebenen Reise- programm geht die Fahrt über Lauenburg durch die pom- merschen Grenzkreise über Bütow und Rummelsburg nach Schneidemühl, durch den Korridor direkt nach Oppeln, Glei- witz und Breslau. Dem Kanzler liegt daran, die politische und wirtschaftliche Lage der deutschen Ostmarken persönlich kennenzulernen. Er trifft deshalb mit Vertretern der Wirt­schaft in weitestem Sinne, aber auch mit den politischen und gewerkschaftlichen Führern und mit den zuständigen Lan­desbehörden zusammen, um sich und dem Kabinett für die kommenden Jahre vorgesehene große Osthilfsaktion eine Grundlage zu schaffen.

AdrWmg oettrasli» feftgelegt

Vandervelde über die moralischen und rechtlichen Ver­pflichtungen des Versailler Vertrages.

Paris, 30. Dezember

Der Führer der belgischen Sozialdemokraten, Vander- velde, veröffentlicht im hiesigen sozialistischenPopulaire" Erklärungen zur Abrüstungsfrage. Darin stellt er fest, daß die belgischen Sozialisten entschlossen seien, auf nationalem wie auf internationalem Gebiet ihre Aktion zugunsten einer allgemeinen, gleichzeitigen und unter Kontrolle sich voll­ziehenden Abrüstung fortzusetzen.

Man würde aus dem Versailler Vertrag einen Fetzen Papier machen, wenn man die moralischen und recht­lichen Verpflichtungen des Vertrages nicht erfülle, der dem besieaten Deutschland die Entwaffnung aufzwang zu dem Zweck, die Abrüstung der anderen vorzuberei- ten. Die gegenwärtige belgische Regierung rüste nicht ab, sondern tue das Gegenteil.

Belgien sei vielleicht das einzige Land, dessen Heeresbudget jetzt höher sei als im Jahre 1914. Die belgischen Sozialisten wollten nicht, daß unter dem Vorwand der Landesverteidi­gung für die Aufrechterhaltung gewisser militärischer Hege­monien und für die unbedingte Verteidigung des durch den Versailler Vertrag und die übrigen Verträge geschaffenen territorialen Status gerüstet werde. Der Versailler Vertrag sehe ja selbst die Möglichkeit seiner eigenen Revision vor.

Lord EerilrAbriistungr"-These

Es kann so gut wie in jedem Maßstab abgerüstet werden."

London, 30. Dezember

In einem längeren Artikel beschäftigt sich Lord Cecil mit der bestehenden Abrüstungskonferenz, hie er als diebei weitem wichtigste Versammlung ihrer Art, die je stattfand", bezeichnet. Er bemerkt: Innerhalb des Konventionsent­wurfes könne so gut wie in jedem Maßstabe abgerüstet werden. Es fei klar, daß, wenn man die unter den Fahnen befindlichen Mannschaften zahlenmäßig beschränk«, man dann auch die ausgebildeten Reserven vermindere. Dies sei tatsächlich die einzige Art und Weise, in der diese einge­schränkt werden können.

Lord Cecil wird wissen, weshalb er feine Abrüstungs- These so ausführlich und anhaltend verteidigt sie ist nämlich selbst von jedem Laien leich- Zu widerlegen. Wenn innerhalb des Konventionsentwurfs Jo gut wie in jedem Maßstabe abgerüstet werden kann," ,o brüt das positto. daß niemand verpflichtet ist. mch nur im geringsten abzurüsten. Seine Milchmädchen- Hnung mit den aüsge- bildeten Reserven ist so dumm, daß man auf sie überhaupt nie ein^u--efte- braucht

11 Januar eine Reise in die Ottmarken

Wirtschaftspartei Ärimgt auf

Klärung

Sonntag tagen Parleischiedsgericht und Reichsausschuß. Ausschlußantrag für Eolosser und Dannenberg.

Berlin, 30. Dezember.

Unter Vorsitz von Freidel, Hildesheim, beschäftigte sich der Parteivorstand der Wirtschaftspartei nochmals eingehend mit den Angriffen gegen den Parteivorsitzenden Drewitz. Es wurde beschlossen, das Parteischiedsgericht für den 4. Januar nach Berlin einzuberufen und bei diesem zu beantragen, die Parteimitglieder Eolosser und Dannenberg

aus der Partei auszuschließen.

Weiter soll der Reichsausschuß am 4. Januar nach Berlin ein­berufen werden.

Der Parteivorsitzende Drewitz sah sich veranlaßt, auf Grund der erneut gegen ihn gerichteten Angriffe in der Presse, die der Vorstand nach Prüfung der Verhältnisse als völlig unberechtigt ansieht, von der Ausübung seines Vor­standsamtes bis zum Spruch des Schiedsgerichtes Abstand zu nehmen.

Herkunftsbezeichnurlg für Hopfen verlängert

Berlin,. Dezember.

Durch Verordnung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft vom 24. Dezember 1930 ist die sich aus Artikel 2 § 1 Nr. 2 der Verordnung über das Inkrafttreten des Gesetzes über die Herkunftsbezeichnung des Hopfens vom 28. Mai 1930 ergebende Frist um sechs Monate verlängert worden. Da sich in den Händen des Handels noch größere Mengen Hopfen alter Ernte aus Anbaugebieten befinden, ist die Fristverlängerung vorgenommen worden-, sie hat zur Folge, daß dieser Hopsen noch weitere sechs Monate lediglich, unter Beobachtung des § 1 des Hopfenherkunftsgesetzes in den Verkehr gebracht werden darf. Es muß angenommen werden, daß es dem Handel möglich fein wird, seine alten Lagerbestände innerhalb der verlängerten Frist vollends dem Verbrauch zuzuführen.

LastenfenKung für die Landwirtschaft gefordert

, Die Deutschnationalen ergänzen ihren Antrag.

Berlin, 30. Dezember.

Die Reichstagsabgeordneten Dr. Hugenberg und Dr. Oberfohren haben in Ergänzung ihres großen Antrages be­treffend die Entschuldung der Landwirtschaft einen weiteren Antrag eingebracht, demzufolge die Reichsregierung u. a. er­sucht werden soll, im Interesse der notleidenden Landwirt­schaft, insbesondere des Ostens, als evtl. Uebergangsmah- nahme die laufenden Reichssteuern in den landwirtschaftlichen Betrieben besonders gefährdeter Gebiete ganz oder zum Teil nicht zu erheben, sowie Mittel bereit zu stellen, um eine Senkung der kommunalen Realsteuern und der Unfallver- sicherungslasten herbeizuführen.

Handwerk und Beamtenschaft

Line gemeinsame Aussprache in Berlin.

Berlin, 30. Dezember.

Zwischen den Vertretern des Deutschen Beamtenbundes und der Spitzenverbände des Handwerks wurde eine Aus­sprache ab gehalten. Hierbei verurteilten die Vertreter des Handwerks jede unverantwortliche Hetze gegen das Beamten­tum und wiesen auf die außerordentlich schwierige Lage des Handwerks hin, die durch die Konkurrenz der beamtenwirt- fchaftlichen Sinnet;turn m eine weitere Erschwerung erfahre. Trotz aller Schwierig! sn fei das Handwerk bereit, die Maß­nahmen der Reichsreg ;ung zur Senkung der Preise weitest- gehend zu unterstützen.

Die Vertreter de^ Beamtenbundes erklärten, daß die deutsche Beamtenschaft .em Handwerk durchaus Verständnis entgegenbringe. Das Abrücken von der Hetze gegen die Beamten werde von i r Beamtenschaft lebhaft begrüßt. Die besonderen Opfer der Beamten zwängen diese zu Maßnah­men zur Erhaltung i! rer Kaufkraft. Bezüglich der beamten- wirtschaftlichen Einrichtungen wurde betont, daß der Deutsch» Beamtenbund das Recht auf wirtschaftliche Selbsthilfe gründe sätzlich bejahe, indessen sich mit derartigen wirtschaftlicher Einrichtungen nicht befasse.

Als Ergebnis der Aussprache darf festgestellt werden daß sie ihren Zweck, Klarheit über das Verhältnis beider Bs rufsgruppen zueinander zu schaffen, vollkommen erreichte.

Warschaubefragt feine Örter

Katkowitz, 30. Dezember.

Wie diePolska Zachodnia" meldet, traf Innenminister Skladkowski in Kattowitz ein und begab sich in Begleitung des Präsidialchefs der Wojewodschaft nach denjenigen Ortschaften, in denen sich gemäß der deutschen Note an den Völkerbundsrat Terrorakte gegen die deutsche Minderheit abgespielt haben.

Angeblich solle der Minister sich bei dieser Informa­tionsreise nicht nur mit den Aussagen der örtlichen Behörden beschäftigen, sondern auch die Geschädigten selbst befragen.