Hersfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 2 Erster Mich
Sonnabend, den 3. Januar 1931
81. Jahrgang
Der Revisionsgedanke marschiert
Lebhafte Revifionrdebatte. überall — Diktate u. Poungplan müssen abgeändert werden — Frankreich u. Polen die einzigen Gegner
1931 - das Aeoifionsiahr?
# Die Presseerörterungen der letzten Monate über die J^rage einer Vertragsrevision nach der politischen und repa- rationspolitischen Seite hin hat bei den verschiedenen diplomatischen Empfängen in den Hauptstädten der Weltpolitik ein Echo gefunden, das darauf schließen läßt,
daß jetzt der Revisionsgedanke aus dem Gesichlkreis theoretischer Meinungsäußerungen in ein Stadium praktischer Erhebungen und Erwägungen zu treten scheint.
Wenn man die verschiedenen Auslassungen zu den einzeln hervorgetretenen Meinungen gegeneinander abwägt, kommt man zu der Ueberzeugung, daß der Kreis derjenigen, die eine Revision der Verträge zum Besten eines dauernden und gerechten Friedens für notwendig halten, sich im Verlaufe eines Jahres wesentlich vergrößert hat.
Entschiedene Ablehnung findet der Revisionsgedanke zurzeit eigentlich nur noch in Frankreich und in Polen.
Aber auch in Frankreich gewinnt der Revisionsgedanke mehr und mehr Anhänger. Einen vielbeachteten Vorstoß für eine Vertragsrevision hat Mussolini gemacht, der in einem Presseinterview von der Notwendigkeit der Revision der Friedensverträge und von der Ausräumung „territorialer Absurditäten" gesprochen und dabei mit bemerkenswerter Deutlichkeit die militärische Hegemonie Frankreichs als die Ursache der Gärung auf dem gesamten europäischen Kontinent bezeichnet hat. Der Doyen des Diplomatischen Korps in Berlin, Msgr. Orsenigo, ist in der Form zwar nicht so deutlich, inhaltlich aber mit gleicher Entschiedenheit für eine Vertragsrevision eingetreten, wenn er davon sprach, daß die „gegenseitige herzliche Verständigung unter den
Nationen allein feste Gewähr bMet für eine gesicherte WWWMWiheit uno Nutze in allen Ländern und einen tatsächlichen und dauernden Frieden unter den Völkern". Die Auslassungen amerikanischer Zeitungen befassen sich in der Hauptsache mit der Revisionsfrage in Verbindung mit dem Reparationsproblem.
Die Neujahrsrede des deutschen Wehrministers Dr. Groener beim Empfang durch den Reichspräsidenten wird als Ankündigung einer deutschen Initiative für eine Poung-Plan-Revision gedeutet.
Man untersucht hier die Frage vor allem unter dem Gesichtspunkt des alliierten Schuldenproblems, da durch die Konferenzen des letzten Jahrzehnts „ein System von politischen Schulden geschaffen worden sei, das in keiner Beziehung zur wirtschaftlichen Wirklichkeit stehe". Deshalb tritt z. B. der Londoner Korrespondent der s,New Dork Times" dafür ein, die internationalen Schuldenverpflichtungen auf ein vernünftiges Niveau herunterzuschrauben, statt einander gegenseitig die eigenen Länder auf Generationen hinaus zu verpfänden. Besonders beachtenswert sind die Auslassungen des Newyorker Bankiers James Speyer, der die nachteiligen Folgen kennzeichnet, die sich zwangsweise aus der für Deutschland bestehenden gebieterischen Notwendigkeit ergeben, seine Ausfuhr unter allen Umständen zu steigern und damit dem amerikanischen Außenhandel schweren Schaden zuzufügen. Wenn man in Frankreich all diesen Gesichtspunkten nicht zu folgen vermag, oder sich ihnen noch widersetzt, so erklärt sich das einmal aus der durch Mussolini gekennzeichneten militärischen Hegemonie Frankreichs, zum anderen aus der Tatsache, daß
Frankreich glaubt, von der Aufrechterhaltung der Frie- densvertrage in ihrer bisherigen Form den größten macht- und wirkschaftspontischen Nutzen ziehen zu ^ können.
| z- Die verschiedenen Mitteilungen der letzten Wochen über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auch auf Frankreich, lassen aber erwarten, daß sich die verantwortlichen Führer Frankreichs in Politik und Wirtschaft ebenfalls zu überlegen beginnen, ob auf die Dauer sich der bisher eingenommene Standpunkt von der „Unabänderlichkeit der Verträge" aufrechterhalten läßt.
Alle diese Vorgänge deuten jedenfalls darauf hin, daß der Revisionsgedanke die Politik des Jahres 1931 in stärkstem Maße beherrschen wird.
Ob wir bereits im Laufe des Jahres zu einer V e r - tragsrevisionskonferenz kommen werden, hängt schließlich davon ab, welche Entwicklung die weltwirtschaftliche Krise nimmt. Auch in Frankreich wird man sich der Einsicht nicht verschließen können, daß die Gestaltung der Weltpolitik nicht allein von Frankreich, in viel stärkerem Maße vielmehr von Amerika abhängt.
Henderson Ratsvorlitzender
Der Wechsel im Vorsitz der Zanuartagung vollzogen
Berlin, 3. Januar.
Der britische Außenminister Henderson hat sich, der An- regung Deutschlands entsprechend, bereit erklärt, den Vorsitz in der Völkerbundsratstagung im Januar zu übernehmen. Reichsauhenminisier Dr. Eurtius wird dann bei der näch- Jten Ratstagung als Präsident fungieren.
Gleicher Recht - gleiche Vs'Mhltmz Frankreichs Widerstand und seine gefährlichen Folgen.
Paris, 3. Januar.
Der Führer der französischen Sozialdemokratie, Leon Blum, nimmt im „Populaire" zur Abrüstungsfrage Stellung, wobei er zu der Auffassung kommt, daß die militärischen Gesichtspunkte derSicherheit sowohl vernunftgemäß wie auch erfahrungsgemäß unhaltbar geworden seien. Die französische Auffassung, wie sie in Genf non den französischen Delegierten bei Behandlung der Abrüstungsfrage vertreten worden sei, rechtfertige den deutschen Standpunkt.
Wenn der von der reaktionären französischen Presse auf- gestellte Grundsatz richtig sei, daß eine Nation ihre volle Sicherheit nur in militärischen Rüstungen finden könne, dann müsse er für alle Nationen gelten, für Deutschland ebenso wie für Frankreich, für Ungarn ebenso wie für die Staaten der kleinen Entente. Man könne von keinem Volk verlangen, daß es sich selbst aufgebe.
Gegen diese Ausführungen polemisiert der nationalistische „Figaro" und nennt es eine Verleumdung, Frankreich vorzuwerfen, daß es imperialistische Ziele verfolge Frankreich habe das Recht, stark zu sein.
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Mit dem gleichen Thema befaßt sich der Londoner „Daily Herald". Er legt seiner Betrachtung die Ansprachen des Reichswehrministers Groener und des Reichspräsidenten von Hindenburg gelegentlich des Neujahrsempfanges zugrunde^ Das Blatt will aus den Worten des deutschen Wehrministers die Ueberzeugung gewonnen haben, daß Deutschland in absehbarer Zeit Revision des Voung-Plans und i^- d - rag e dö üMfren gleiche Behandlung mit den Siegerwachten verlangen werde Weiter verweist das Blatt auf die Bereitschaft Mussolinis, Deutschland in der Rüstungsfrage und bei einer Revision der Friedensverträge zu unterstützen, und zwar aus „gemeinsamem Interesse derjenigen, die durch die jetzigen unnatürlichen Verhältnisse in Europa benachteiligt sind."
Jeder derartigen Forderung setze aber Frankreich starren Widerstand entgegen. Daraus folgert das Blatt eine unvermeidliche Verschärfung der Gegensätze und meint: Europa kommt in schnellem Tempo in eine gefährliche Lage. Von der britischen Politik wird deshalb kaltblütiges Ueberlegen gefordert und ein eiserner Wille, sich nicht in einen neuen krieg hineinziehen zu lassen.
Paris aus Ra« oerKimmt
Paris, 3. Januar
Die Rundfunkrede Mussolinis an die Adresse Amerikas mit der Verteidigung der Vertragsrevisionsthese und dem Vorwurf an Frankreich, daß es „mit seiner Militärhegemonie Europa im Zustand ständiger Gärung erhalte", hat in französischen zuständigen und politschen Kreisen stark verstimmt. Man läßt sich nicht von Erwägungen leiten, die Mussolini zu dieser Auffassung brachten, sondern lediglich von einer Feststellung, die eine Tatsache hervorhebt. Diese wird z. B. von der radikalen „Republique" als „ungerecht, plump und theatralisch" bezeichnet, wenn auch zugegeben wird, daß gewisse politische Kreise in Frankreich die natürliche Sorge des französischen Volkes um seine Sicherheit .manchmal übermäßig ausgenutzt" Hütten. Der nationalistische „Figaro" wendet sich mit heftigem Protest gegen den Vorwurf einer französischen Militärhegemonie und will Frankreichs Friedensliebe damit beweisen, daß es „keine Stahlhelmleute und keinen Hitler habe." Deutschland nennt er „die personifizierte Kriegsdrohung".
Man wird auch in Frankreich zugeben müssen, daß solche Bemerkungen nicht dazu angetan sind, Frankreichs Rü- stungspolitik in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen. Es gibt in Frankreich eine ganze Reihe von Organisationen und Personen, die systematisch die Unterjochung Deutschlands betreiben — eine Politik, die wahrscheinlich nicht dazu angetan ist, dem europäischen Frieden zu dienen. Man braucht nur an Poincarö zu erinnern, der selbst im eigenen Lande den „Ehrentitel" führt: c'est la guerre!
War kichert den Frieden?
Amerika sagt: Herabsetzung der Rüstungen.
Washington, 2. Januar
Staatssekretär Stlmson weist in seiner Neujahrskundgebung auf die Proklamation des Präsidenten hin, in der das Inkrafttreten des Londoner Flottenvertrages bekanntgegeben wird und führt dazu noch aus: Dies ist ein glückliches Vorzeichen für die Bemühungen um einen dauernden Frieden und ein Beispiel für die
Begrenzung und Herabsetzung der Rüstungen auf dem Wege der Vereinbarung, das meiner festen Ueberzeugung nach dazp dienen wird, den weiteren' Friedensbemühungen im kommenden Jahr einen kräftigen Antrieb zu verleihen.
Der Londoner Flottenvertrag und der Kelloggpakt sind Zeichen für eine Entwicklung, die menschliches Verstehen zum Leitstern der internationalen Politik nimmt.
Frankreich und Stätten aber rüsten aus!
Zu Mitteilungen der italienischen Presse über die im Jahre 1930 vom Stapel gelaufenen Kriegsschiffe und über die im neuen Jahre geplanten Neubauten sagt der Berichterstatter der Londoner „Times" in Rom:
. _®*n, Verlängerung des französisch-italienischen Kriegsschiffbaufeiertages über die ursprünglich von Briand angenommene Periode ist offenbar aufgegeben worden.
Seines Steter fordert Moratorium Amerika und das Schuldenproblem.
Newyork, 3. Januar.
Zum Jahresbeginn beschäftigen sich die Blätter sehr eingehend mit dem internationalen Schuldenproblem. „Times" und „Herald Tribune" veröffentlichen die Neujahrsansprachen des Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichswehrministers Dr. Groener in voller Ausführlichkeit. „Herald Tribune" bringt die Ansprachen auf der ersten Seite mit der Ueberschrift „Führer des Reiches bezeichnen die Revision des Houngplans als Ziel des Jahres 1931". Der Londoner Berichterstatter der „Times" befaßt sich in einem längeren telegraphischen Bericht mit der englischen Einstellung zum Schuldenproblem i und betont, daß die gesamte englische Geschäftswelt die Streichung der Schulden sowohl im europäischen wie auch / im amerikanischen Interesse als notwendig betrachte. Durch j die Konferenzen des letzten Jahrzehnts sei ein System von politischen Schulden geschaffen worden, das in keiner Beziehung zur wirtschaftlichen Wirklichkeit stehe. Zum mindesten hätte man die Höhe der internationalen Schuldverpflichtungen aus ein vernünftiges Niveau herunterschrauben mMrL^.ftgft einWd^- AdrrserUg. E eigenen Länder aus Generationen hinaus zu verpfänden.
Schließlich macht auch der Bankier James Speyer in einem Artikel, der von den Blättern veröffentlicht wird, auf die nachteiligen Folgen aufmerksam, die sich zwangsweise aus der für Deutschland bestehenden gebieterischen Notwendigkeit, seine Ausfuhr unter allen Umständen zu steigern, für den amerikanischen Außenhandel ergeben müssen, wenn man auch von Amerika keine Streichung der gesamten Schulden erwarten könne, so sollte doch Owen D. Doungs kürzliche Mahnung befolgt und den Schuldnern gegenüber Milde geübt werden, wenn Amerika seinen Schuldnern ein fünfjähriges Moratorium bewilligen sollte, so würden seine europäischen Schuldner zweifellos auch ihren Schuldnern gegenüber in gleicher Weise verfahren.
Wie England Deutschland sieht
Die „Times" über Diktatur und Parlamentarismus
London, 3. Januar.
In einem „Europa am Scheidewege" überschriebenen Leitartikel vergleicht „Times" die jetzige Lage in Europa mit der vor 100 Jahren, wo mit der französischen Julirevolution die liberale Gegenbewegung gegen das System Metternich begann.
Das Blatt sagt u. a.: Wieder bildet die parlamentarische Regierungsform das Hauptproblem, um das es bei der europäischen Politik geht. Beinahe überall wird die Entartung des parlamentarischen Systems zugegeben, aber Diktatur gilt nicht als letztes Wort und hat in vielen Fällen lediglich Zustimmung gefunden infolge eines vorübergehenden Widerwillens gegen die zur Wirkungslosigkeit verdammte Geschwätzigkeit, die in öffentlichen Versammlungen zutage tritt. Aber auch wo eine Diktatur fest errichtet worden ist, gibt es heftigen Widerstand, und dieser wird um so stärker, je länger der Allgemeinheit die politischen Freiheiten vorenthalten werden.
„Times" weist weiter darauf hin, daß häufig eine sonderbare Verbindung der neuen Autokratien mit dem So- zialismus wahrnehmbar sei und bemerkt in diesem Zusammenhang: Manche Aeußerungen Hitlers haben einen durchaus bolschewistischen Klang, und in der letzten Reichstagssitzung, in der es sich um Hilfe für die Opfer von Bergwerkskatastrophen handelte, waren die Aeußerungen der Anhänger Hitlers in der Heftigkeit ihrer Angriffe auf „Kapitalistische Zechenbesitzer", von denen der Kommunisten nicht zu unterscheiden. Am Schluß des Artikels heißt es: Zwischen den Bolschewisten und Faschisten haben die mittleren Parteien Europas Mühe, ihr Terrain zu behaupten. Das kleine Oesterreich allerdings hat bei den letzten Wahlen einen bemerkenswerten Sieg zugunsten stabiler parlamentarischer Grundsätze davongetragen.
In Deutschland kämpft Dr. Brüning unter Zuhilfenahme verfassungsmäßiger Notstandsvollmachten für parlamentarische Regierung. Deutschland mit seinen 107 „Nazis", seinen 76 Kommunisten und einer aus verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten knappen Mehrheit der mittleren Parteien — von seiner wirtschaftlichen Not und seiner großen Arbeitslosigkeit ganz zu schweigen — ist ein getreues Abbild des heutigen Europas, und es kann sein, daß, ähnlich wie Frankreich vor 100 Jahren anderen Nationen das Beispiel gab, die weiteren Entwicklungen in Deutschland Wirkungen hervorrufen werden, die weit über feine Grenzen hinausgehen.