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Hersfel-erTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelü

Monatlicher Vrzagrpret«: durch 61t Post bezogen 1J0 Reichs-Mark, ausschließlich Vesttll^-Ü, für hersselb 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Retchs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Zanks Vuchdruckerei in hrrsfeld, Mitglied öes vdZV.

Nr. 6

Donnerstag, den 8. Januar 1931

81. Jahrgang

Ruhrverhandlungen zunächst gescheitert

Neue Verhandlungen am Wochenende Der Schlichter schlägt sechsprozentige Lohnsenknng vor

Arbeit statt Almosen

Von Richard P o s f e l t.

Das brennendste Problem der Gegenwart, nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Industrieländern der Welt, ist das der Arbeitslosigkeit. Es handelt sich um ein Problem, das jetzt selbst in Amerika nicht nur Kopfschmerzen bereitet, sondern Maßnahmen erforderlich macht, die man in dem überindustrialisierten Land der unbegrenzten Mög­lichkeiten eigentlich nicht für möglich oder richtiger niemals für notwendig hielt. Wenn sich in Deutschland die Arbeits­losigkeit geradezu zu einem Schicksalsproblem des deutschen Volkes gestaltet hat, so trägt trotz aller gegenteili­gen Behauptungen unserer einstigen Kriegsgegner daran in erster Linie das V e r s a i l l e r Diktat mit seinen ein- engenden Grenzbestimmungen, seinen Tributforderungen und seiner wirtschaftswidrigen Neuverteilung der Rohstoff- und Agrargebiete und der Vernichtung der deutschen Ko- lonialpolitik die Schuld. Einen wesentlichen Anteil hat aber auch die gesamte Umformung der wirtschaftlichen Struktur der einzelnen Länder während des Krieges und in der Nach­kriegszeit, und dann vor allem die Ausschaltung Rußlands als Absatzgebiet. Und schließlich ist der Menschheit jener technische Fortschritt zum Unsegen geworden, der zur Stei­gerung der Produktion Maschinen hervorbrachte, die das Mehrfache der menschlichen Arbeitskraft leisten.

Das von den Reichsgrenzen umschlossene deutsche Volk muß heute auf kleinerer Fläche eine verhältnismäßig größere Bevölkerung ernähren. Wenn diese Notwendigkeit schon in normalen Zeiten nicht ohne Schwierigkeiten hätte erfüllt werden können, so mußte sie zur Krise führen in dem Augen­blick, wo das deutsche Volk unter dem Gewaltdiktat von Versailles nicht nur verarmt baftprb, sondern täglich und stündlich durch ungeheure Tributforderungen ausgesaugt wird. Eine Vermehrung des Volksvermögens und damit des Wohlstandes eines Volkes hängt einmal von der Menge des Inlandumsatzes, zum anderen von dem Umfang seines A u ß e u h a n d e l s ab. Die Exportfrage wiederum ist einmal eine Frage der Anpassungsfähigkeit der Export­industrie an die Wünsche der ausländischen Kundschaft und an die Beweglichkeit des Weltmarktes; sie ist aber vor allem eine Frage der Konkurrenzfähigkeit. Diese wiederum hängt von der Warenqualität und von den Warenpreisen ab. Der Warenexport ist volkswirtschaftlich nur dann gesund, wenn er die für Rohstoffe ins Ausland gegebenen Beträge in mehrfacher Erhöhung wieder als Exporterlöse für Fertig­waren hereinbringt. Wenn hier das richtige Verhältnis nicht erzielt wird, muß in absehbarer Zeit das exportierende Land blutleer, d. h kapitalarm werden.

Die deutsche Ausfuhr hat trotz ihrer aktiven Bilanz in den letzten Jahren eine Vermehrung eigenen Kapitals in Deutschland nicht herbeiführen können, weil der Exportüber­schuß nicht einmal ausreichte, um die deutschen Repara- tionsverpflichtungen zu erfüllen. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist der deutschen Wirtschaft deshalb er­schwert, weil die Produktionskosten in Deutschland infolge starker Vorbelastung mit Tributen, Steuern und Sozialab­gaben durchweg höher sind als die des konkurrierenden Auslandes. Zudem versuchen zahlreiche Länder, sich gegen die deutsche Wareneinfuhr abzusperren. Alle diese Mo­mente und sie sind hier noch bei weitem nicht alle ange­deutet müssen sich auf den Warenabsatz der deutschen Wirtschaft und damit auf ihre Produktion ungünstig aus­wirken. Jeder ausgebliebene Auslandsauf­trag, aber auch jede aus dem Ausland be­zogene Ware, die auch in Deutschland her­gestellt wird, machen soundsooiele deutsche Arbeiter brotlos. Mit den Wohlfahrtserwerbslosen verzeichnet die Statistik jetzt 4 Millionen deutsche Arbeits­lose! Jeder Deutsche, auch jede deutsche Hausfrau, sollten sich einmal selbst prüfen, an wieviel Arbeitslosen sie schuldig geworden sind, weil sie bei ihren Einkäufen aus Unüberlegt­heit oder aus Voreingenommenheit ausländische Ware, seien es Agrar- oder Jndustrieprodukte, gekauft haben.

Unter diesem Gesichtspunkt gesehen, ließ sich sehr wahr­scheinlich die Zahl der vier Millionen Arbeitslosen um ein Erhebliches herabmindern. Und dennoch bleiben Millionen übrig. Sie haben einen Anspruch darauf, daß sie mit ihren Familien nicht dem Hungertode ausgeliefert werden. Sie haben sogar einen gesetzlichen Anspruch darauf, nachdem sie selbst durch Zahlung ihrer Arbeitslosenversiche­rungsbeiträge einen Notgroschen aufgespart haben. Aber die Arbeitslosenversicherung kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie restlos unter gerechten Gesichtspunkten die zur Verfügung stehenden Selber den Berechtigten zu- führt. Ihr natürliches Betätigungsfeld reicht aber nur bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit Was darüber not­wendig wird, um die Arbeitslosen vor Hunger und äußerster Not zu bewahren, fällt in ein Gebiet, dessen Gestaltung heute noch nicht gefunden ist.

In Stuttgart hat der Reich s f i n a n z m i n i st e r durchaus mit Recht betont, daß es ein wirtschaftlicher Unsinn sei, wenn Milliarden für die Arbeitslosen ausgegeben wer­den, ohne daß ihnen damit eine ausreichende Sicherung ihres Lebensunterhalts geboten wird, und ohne daß dafür irgend­welche produktive Arbeit geleistet wird. Seine An­deutungen über die notwendige Umgestaltung des Arbeits­

losenproblems sind zu unklar und ungewiß, als daß man daraus entnehmen könnte, in welcher Richtung er sich hier eineNeugestaltung denkt. Es wäre bestimmt ein wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt, wenn es möglich würde, die Ar­beitslosen wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern. Leider ist es damit nicht getan. Wie wir oben auseinander­gelegt haben, hat sich die katastrophale Arbeitslosigkeit in Deutschland dadurch ergeben, daß die deutsche Produktions- wirtschaft sich zurzeit in einer äußerst bedenklichen A b- Iatzkrise befindet. Gewiß würde damit schon etwas er­reicht, wenn die vier Millionen Arbeitslosen durch einen aus­reichenden Lohn in die Lage versetzt würden, eine Steige­rung des Warenumsatzes zu bewirken. Aber niemals wer­den diese vier Millionen Arbeitslosen mit ihrem normalen Arbeitslohn in der Lage sein, die durch sie erzielte Pro­duktionssteigerung der deutschen Wirtschaft voll aufzu- nehmen.

Auf die weitere Frage, woher die Gelder kommen sollen, um diese Lohnhilfe, von der Dr. Dietrich sprach, aus längere oder kürzere Zeit zu leisten, soll hier gar nicht ein-- gegangen werden. Man wird annehmen dürfen, daß die Andeutungen Dr. Dietrichs bald nach der Rückkehr des Kanzlers von seiner Ostmarkenfahrt innerhalb des Reichs­kabinetts eine positivere Formulierung finden werden. Dann erst wird man in der Lage sein, festzustellen, ob die vom Reichsfinanzminister für unbedingt notwendig gehaltenen neuen Wege zum Ziele führen, oder ob es sich hier um ein Experiment handelt, dem man mit größtem Bedenken gegen- überstehen muß.

ÜBlrierieaMeeeen ergednislo?

Reue Verhandlungen Ausgang dieser Woche

Essen, 8. Januar.

3m Gebäude des Zechenverbandes Essen fanden Mitt- wochvormiitag unter Vorsitz des Schlichters prof. Brahn die Schlichkungsverhandlungen im Ruhrkohlenkonflikt statt. Nach verhältnismäßig kurzer Dauer wurden die Verhand­lungen als ergebnislos abgebrochen. Ein Schiedsspruch kam nicht zustande. Der Schlichter teilte den Parteien mit, daß er beabsichtige, sie zu neuen Verhandlungen für Freitag- nachmittag oder Sams^agvormittag einzuladen. Die Par­teien erklärten sich mit diesem Vorschlag einverstanden.

Bei den Verhandlungen hatte der Schlichter, einen sechs- prozenkigen Lohnabbau vorgeschlagen.

Ruhe an der Ruhr

Die Nachrichten über die Arbeitslage in den einzelnen Bergbaurevieren lassen übereinstimmend erkennen, daß die Streikbeteiligung weiter zurückgegangen ist In den meisten Bezirken sind die Belegschaften vollzählig eingefahren. Zu irgendwelchen Störungen Der Ruhe und Ordnung ist es so gut wie nicht mehr gekommen. In Duisburg versammelten sich auf dem Dell-Platz kommunistische Erwerbslose, um für den Streik Stimmung zu machen und Hetz- und Schmäh- reden zu halten. Die Versammlung wurde von der Polizei aufgelöst. Als sich im Anschluß hieran Demonstrations- züge bildeten, schritt die Polizei zum Teil mit dem Gummi­knüppel ein und nahm insgesamt 180 Personen fest.

Nur noch 3,6 Prozent fehlende Bergarbeiter

Räch einer Mitteilung des Bergbauvereins beträgt der Prozentsatz der im Ruhrbergbau noch streikenden Bergarbei­ter 3,6%. In Anbetracht dieser niedrigen Ziffer kann man wohl auch in diesem Bezirk von einem Erlöschen des Streiks sprechen,

Streit auch in Lberschießen

Gleiwitz, 8. Januar.

3m oberschlesischen Bergbaugebiet ist am Mittwochnach­mittag überraschend ein wilder Streik ausgebrochen, der sehr großen Umfang angenommen hat. Von den einzelnen Zechen liegen folgende Streikziffern vor: Königin-Luise- Grube Ostfeld 67 Prozent, Königin-Luise-Grube Wesifeld 31 Prozent, Guido-Grube 20 Prozent, Easiellengo 85 pro- zent, Abwehr-Grube 95 Prozent, Eoncordia-Grube 96 Pro­zent, Hedwigwunsch-Grube SO Prozent, Ludwigsglück-Grube 40 Prozent, Oehringen-Bergbau 60 Prozent und Preußen- Grube 40 Prozent. Auf den übrigen Gruben wird voll ge­arbeitet.

Die Zahl der Streikenden wuchs außerordentlich schnell an. Die Bewegung wurde von der kommunistischen re­volutionären Gewerkschaftsopposition proklamiert. Die Ta- rifgewerkschafken stehen fern.

Sächsische Metallverhandlungen gescheitert

Berlin, 8. Januar.

In dem Lohnstreit der sächsischen Metallindustrie sind die Nachverhandlungen, die im Reichsarbeitsministerium stattgefunden haben, ergebnislos geblieben. Die Entscheidung liegt nunmehr bei dem Reichsarbeitsminister.

Insgesamt streikten von den Rachmittagsschichten 3630 Mann, das sind 52,7 Prozent.

Der Kanzler in Königsberg.

Die Ankunft Reichskanzler Dr. Brünings und des Reichs­ministers Treviranus mit ihrem Gefolge in Königsberg. In der Mittelgruppe Brüning und Treviranus mit dem Ober­präsidenten von Ostpreußen, Dr. Siehr, der sie begrüßte.

Dietrich zur Lösung

der Arbeitslosensrage

Subventionspolitik ist nicht geplant.

Heilbronn, 8. Januar.

Reichsfinanzminister Dr. Dietrich ging in einer großen demokratischen Versammlung besonders auf die Pressestimmen ein, die zu seinen in Stuttgart gemachten Vor- scblägen laut geworden sind und erklärte, daß seine Vor­schläge mit Subventionspolitik nichts zu tun hätten. Er habe ausdrücklich gesagt, bei der lebenswichtigen Produktion sei einzusetzen und nicht etwa bei einem einzelnen Unternehmen eines solchen lebenswichtigen Produktionszweiges. Daß er durch feine Pläne die Finanzwirtschaft erschüttere, sei ein Vorwurf, für den keinerlei Beleg beigebracht werden könne. Wie solle ein Schaden für die Wirtschaft entstehen, wenn man, statt die Arbeitslosen zu unterstützen, das Geld dazu auf- wende, sie zu beschäftigen? Daraus könne höchstens ein Vor­teil entstehen.

Er wolle die Arbeitslosenversicherung nicht abschaffen, denn sonst hätten wir am anderen Tage eine Revolution im Lande, sondern nur den Arbeitslosen Beschäftigung geben.

Dr. Brüning verhandelt in Allenstein

Allenstein, 8. Januar.

Reichskanzler Dr. Brüning empfing auf der Fahrt von Lyck nach Allenstein die Landräte der Kreise Johannisburg und Ortelsburg Vertreter dieser Kreise sowie mehrere Siedler und Kleinbauern aus der dortigen Umgebung und nahm von ihnen zur Sprache gebrachte Wünsche entgegen.

In A l l e n st e i n, wo inzwischen auch Dr. Luther der unterwegs einen Autounfall erlitten hatte eingetroffen war, fand eine eingehende Besprechung statt, in der die Notlage des Regierungsbezirkes Allenstein und die sich daraus ergebenden Bedürfnisse auf den verschiedensten Gebieten, insbesondere denen des Kredit- und Steuerwesens, von den dazu abgeordneten Vertretern der behördlichen Or­ganisationen und Berufsstände dargelegt wurden.

Der Reichskanzler brächte zum Ausdruck, daß er von der Notlage des Regierungsbezirkes Allenstein einen tiefen Ein­druck gewonnen habe. Die Reichsregierung betrachte es als ihre vornehmste Aufgabe, im Rahmen des großen Sanie- rungswerkes der deutschen Wirtschaft den Belangen des Ostens vordringlich Rechnung zu tragen. Er dankte der Be­völkerung für die bisher bewiesene Treue zur angestammten Heimat, die auch in der jetzigen schwierigen Zeit als das sicherste Unterpfand für einen Erfolg aller Hilfsmaßnahmen sei.

Kommunisten ohne Pietütsgefühl

Die Beisetzung Willi Schneiders gestört.

Berlin, 8. Januar.

Als der Zug mit der Leiche des in der Neujahrsnacht er­schossenen Reichsbannermitgliedes Willi Schneider sich am späten Nachmittag durch die Straßen bewegte, kam es zu erheblichen Skörungsversuchen kommunistischer Mitläufer. Die Polizei machte wiederholt vom Gummiknüppel Gebrauch. Ein Polizeioffizier geriet in Bedrängnis. Man versuchte, ihm das Seitengewehr zu entreißen. Einige Beamte gaben dar­aufhin Schreckschüsse ab, so daß die Menge zurückwich. Die Demonstranten sangen die Internationale und. stießen Schmährufe gegen die Polizei aus. Vor der Schliemann- Straße bildete ' sich ein kommunistischer Demonstrationszug, dem Transparente mit der Aufforderung zum Eintritt in die Rote Hilfe vorangetragen wurden. Der Polizei gelang es, unter Zuhilfenahme des Gummiknüppels, die Menge zu zer­streuen. In der Ackerstraße wiederholten sich die Störungen des Trauerzuges. Gegen 8.30 Uhr am späten Abend traf der Zug dann vor dem Krematorium ein.