Hrrsfel-erTageblätt
Kersfelöer kreisblaü
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 30 Donnerstag, den 5. Februar 1931 81. Iahrgapg
Aalest! wieder im Angriff
Während der polnische Außenminister in seinem Bericht über Gens Deutschland die Schuld am Polenterror zuschiebt, werden aus der Ukraine entsetzliche Einzelheiten über die Folterung der Bevölkerung gemeldet
Friedrich Ebert zum Gedenken
Dr. Wirth über den ersten Reichspräsidenten.
Berlin, 5. Februar.
In einer Rundfunkrede gedachte Reichsminister bei Innern, Dr. Wirth, des 60. Geburtstages des verblichener ersten deutschen Reichspräsidenten, Friedrich Ebert. Dei Minister bedauerte, daß auch heute noch nicht die Ankläger und persönlichen Angriffe gegen den verdienstvollen Staats- mann und vorbildlichen politischen Führer ruhten. Obwoh! die parteipolitische und parlamentarische Schulung keines- wegs die notwendigen erfahrungsmäßigen Voraussetzungen für das hohe verantwortungsvolle Amt des Reichspräsiden- ten liefern konnte, habe Ebert feinen staatsmännischen Weib blick in klaren Urteilen und Entscheidungen, die von aller verstiegenen, utopischen Illusionen und parteigebundenerr Fanatismus frei waren, bewiesen.
Ebert sei ein Fanatiker der Arbeit gewesen, der gegen die stärksten Widerstände und heftigsten Angriffe für die Be freiung Deutschlands und die Erhaltung der Einheit der Reiches gekämpft und gewirkt habe. Unser dem Niederbruch nach dem Diktat von Versailles habe Ebert persönlich start gelitten.
Nach der Entscheidung des Völkerbundsrates über Ober- schlesien, 1921, als Ebert der Angriffspunkt zahlreicher Kränkungen gewesen sei, habe er zu Dr. Wirth gesagt, es sei wohl allen klar, daß er sich opfere. Wenn heute die Einheit bee Reiches gesichert und die Freiheit des deutschen Bodens in gewissem Maße wiedergewonnen sei, so sei das nicht zuletzt der Tatsache zu danken, daß Ebert damals nicht — wie er beabsichtigte — zurückgetreten sei. Lbert sei aus der Luge des Varteigedankens zu einem grost-^ de-tschen Staatsmann . Herausgewachsen, der unserem Volke neue Ehre gegeben hat, der die Einheit des Reiches sichern half und dem wir deshalb alle zu Achtung und Dank verpflichtet bleiben.
Stahlhelm-Volksbegehren abgefandt
Um die Auflösung des Preußischen Landtages.
Berlin, 5. Februar.
Die Bundesleitung des Stahlhelms hat Montag abend an den preußischen Minister des Innern ein Schreiben ab- gesandt, in dem beantragt wird, das folgende Volksbegehren zuzulassen:
„Der am 20. Mai 1928 gewählte Landtag ist aufzulösen."
Das Schreiben nimmt für den Stahlhelm in Anspruch, daß sich schon aus seiner Mitgliederzahl die erforderliche Glaubhaftmachung einer ausreichenden Unterstützung einwandfrei ergibt, so daß es der Beibringung weiterer Unterschriften nicht bedürfe.
Nach den gesetzlichen Bestimmungen müssen nämlich 20 000 Unterschriften aus vorgeschriebenen Formularen beigebracht oder muß glaubhaft gemacht werden, daß 100 000 Stimmberechtigte den Antrag unterstützen. Für den Fall, daß die Glaubhaftmachung nicht anerkannt werden sollte, ist bereits die Sammlung von Unterschriften eingeleitet. Uebri- gens beabsichtigt die Bundesleitung des Stahlhelms nicht, einen besonderen Reichsausschuß, etwa mit anderen rechtsstehenden Gruppen oder Parteien ins Leben zu rufen, um die Front nicht durch parteimäßige Begrenzung zu schmälern.
Landvolkpartei für Landtagsauflösung
Abg. höfer, St. Bernhard, über ihre Ziele.
Berlin, 5. Februar.
Der Führer der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei, der thüringische Landtagsabgeordnete H ö - f e r, St. Bernhard, äußerte sich in einer Besprechung mit Pressevertretern über die Ziele seiner Partei. Abgeordneter Höfer betonte zunächst, daß die Landrolkpartei keine Opposition um jeden Preis treibe, sondern sich die Stellung zur Regierung von Fall zu Fall vorb llte. Die Zusammensetzung der jetzigen Regierung entsp che nicht ihrer Auffassung, weil starke nationale Kräfte ausgeschaltet seien. Die nationale Welle im Nationalsozia mus werde begrüßt, dagegen werde der Sozialismus im Nationalsozialismus abgelehnt, weil er die Staatsgeß .düng hemme. Abgeordneter Höfer unterstrich weiter die Notwendigkeit einer Reichsre- form, die von einer gesunden föderalistischen Auffassung aus* gehen müsse. Neuabgrenzungen von Ländern und Zusam- menfassungen seien erforderlich, unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte. Auf dem Gebiete der Verwal- tungsreform sei im Hinblick auf die Steigerung der Gesamt- kosten der öffentlichen Verwaltung von acht auf dreißig Milliarden ein beschleunigter Druck auf Revision der Tributlasten mit dem Ziele der Beseitigung, die Umbildung der Reichs- regierung und die Neuwahl des Preußischen Landtages zu fordern, ferner beschleunigte Hilfe für den Osten durch große Osthilfe und Lastensenkung, insbesondere für das flache Land. Die Anerkennung der besonderen Bedeutung der Landwirtschaft als Grundlage für Ernährungs- freiheit fei, so schloß der Reichsparteiführer, Voraussetzung für politische und nationale Freiheit.
Der Polizeipräsident von Berlin hat die nationalsozialistische Zeitung „Der Angriff" bis zum 16. Februar ver- boten.
Zaleskis Tesdembericht über Gens „Deutschland hatte es nur auf eine politische Aktion abgesehen."
Warschau, 5. Februar.
Der polnische Außenminister Zaleski berichtete im Auswärtigen Ausschuß des Senats über die Genfer Tagung Der Minister stellte fest, daß der von Polen angebahnte Block der Agrarstaaten auf die in Genf erörterten ökonomischen Fragen einen großen Einfluß ausgeübt hätte. Zaleski charakterisierte sodann die Haltung Polens in der Äb- rüstungsfrage und betonte, daß die Rüstung für Polen nur ein notwendiges Uebel (!) darstelle. Zum Schluß kam er auf die Lage zu sprechen, die in Gens durch die deutsche Note über die Wahlvorgänge in Polnisch- Oberschlesien, Posen und Pommerellen geschaffen worden sei.
Der Minister wiederholte, daß die Wahlen in ganz Polen in Ruhe verlaufen waren, und daß es nur in Oberschlesien zu einer Reihe bedauernswerter Zwischenfälle, z. B. ! Tötung des Polizeifunktionärs Sznapka und Zerstörung einiger Wohnungen in Hohenbirken, gekommen wäre. Dik anderen Vorfälle wären in ihrer großen Mehrheit unbedeutend gewesen. Während dieser Vorfälle hätten auch zahlreiche Mitglieder der deutschen Minderheit gelitten. Ein großer Teil der deutschen Presse, gereizt durch die Verminderung des politischen Besitzstandes in Polen habe eine ge- ! waltige und sogar lügenhafte Propaganda begonnen, in- ( dem sie den Wahlmißerfolg der deutschen Minderheit bunt • einew-L^zebtich. orge^uierUi. Terror, wie auch durch Ver- ' fügung der Behörden, die eine freie Meinungsäußerung unmöglich machten, zu erklären versucht habe.
Sowohl die Form des Auftretens der deutschen Regierung wie auch die in der Presse gegen Polen geführte Aktion hätten die Annahme gerechtfertigt erscheinen lassen daß man einer politischen Aktion gegenüberstehe, für die die Minderheitenfrage nur den Vorwand liefern sollte. Sr Zaleski, habe es deshalb für das Richtige gehalten, die Mitglieder des Rates noch vor der Session schriftlich über den wahren Stand der Dinge zu informieren. 3n diesem Brief habe die polnische Regierung ihrer Auffassung Ausdruck gegeben, daß die Aktion der deutschen Regierung den Charakter einer unmittelbaren politischen Aktion trage und daß sie nicht zur Beruhigung der Geister, sondern zu einer uner- wünschten Verschärfung der Beziehungen zwischen den beiden Nationen beitragen müsse. Diese Note habe noch die Tatsache unterstrichen, daß die Erregung in Oberschlesien in der Vorwahlzeit auf die Reaktion zurückzuführen sei, die die Lage der polnischen Minderheit in Deutschland sowie die gegen den polnischen Staat gerichtete politische Aktion Deutschlands hervorgerufen habe. Diese Aktion habe in der polnischen Bevölkerung eine begreifliche Reflexbewegung hervorgerufen und gleichzeitig eine loyale Einstellung der deutschen Minderheit zum polnischen Staat verhindert.
Das Auftreten der polnischen Regierung habe in den maßgebenden internationalen Kreisen die Ueberzeugung von der Berechtigung des polnischen Standpunktes befestigt, der dahin gehe, sich niemals einer Minderheitendebatte zu entziehen, aber mit ganzer Energie Angriffe abzuwehren, für die das Minderheitenproblem nur als Schutzwand für andere Teile dienen sollte. Trotz der starken antipolnischen Agita- tion, so fuhr Zaleski fort, sei der Bericht des Völkerbundsrats objektiv und unparteiisch. Der Bericht stelle allerdings auch fest, daß zahlreiche Vorfälle in Oberschlesien den Charakter von Verletzungen ber Artikel 75 und 83 der Genfer
Konvention trugen. $m Bericht sei zum Schluß auch Der Wunsch ausgesprochen, der im übrigen den Minderheiten- Verfahren entspreche, wonach der Rat über die Ergebnisse der Untersuchung der von der polnischen Regierung getroffenen weiteren Verfügungen in Kenntnis gesetzt werden soll. Es befinde sich in dem Bericht also keine Bemerkung über eine internationale Untersuchungskommission, über Personaländerungen ober über Sondergarantien für die Zukunft.
Der Minister betonte dann zum Schluß, daß sich die Folgerungen des Ratsberichtes in ihrer Mehrheit mit dem deckten, was die polnische Regierung auch von sich selbst heraus eingedenk Polens internationaler Verpflichtungen und seiner Staatsraison zum Zwecke der endgültigen Versöhnung der loyalen Minderheiten mit der Mehrheit getan habe bzw. beabsichtigt hätte.
Sie solnische Schmach
Furchtbare Folterung der verhafteten Ukrainer.
Genf, 5. Februar.
Der Nationalrat der ukrainischen Minderheit in Polen hat dem Völkerbünde eine neue umfangreiche Beschwerde- schrift eingereicht, in Der 183 namentlich angeführte Fälle von neuen Gewalttaten der polnischen Behörden gegen wehrlose Ukrainer dargestelll werden.
Bezeichnenderweise sind noch während der Verhandlungen in Genf und in der darauffolgenden Zeit neue „Straf- expeouronen" durch polnische Ulanen und Gendarmen durch, geführt worden. Entgegen den Versprechungen des polnischen Justizministers ist die Lage der 200 jugendlichen Ge- sangenen im Festungsgefängnis von Luck in keiner Weise gebessert worden. Die Gefangenen, die sämtlich im fugenb« lichen Alter von 16 bis 24 Jahren stehen, werden dort seit über zehn Wochen festgehalten, ohne mit ihren Rechtsvertretern die Verbindung aufnehmen zu dürfen.
Man hat die Gefangenen durch die furchtbarsten Foltern zu „Geständnissen" zwingen wollen. Während man die männlichen Gefangenen durch gewaltsames Eingießen von Wasser und Petroleum und durch Ausknuten peinigte, wurden die weiblichen Inhaftierten fast durchweg vergewaltigt, wobei bezeichnenderweise die die Untersuchung führenden Polizeikommissare sich besonders hervortaten. Die 35jährige Marfa Matholina wurde dreimal vergewaltigt und ausge- ?PÄ woraufhin sie sich die Pulsadern aufschnitt. Die -8)ahr,ge Olga Stifta wurde zweimal vergewaltigt. Als sie einen Selbstmordversuch beging, sperrte man sie in die Gummi^lle. Verschiedene Gefangene sind durch die furchtbaren Mißhandlungen wahnsinnig geworden.
Ihre Rechtsanwälte, denen man nach wie vor den Zutritt verwehrt, wurden mit Verhaftung bedroht. Angesichts dieser brutalen Methoden der polnischen Behörden, die alle Bestimmungen des Völkerbundes zum Schutze der Minderheiten boykottieren, hat der Ukrainische Nationalrat noch- mals dringend um sofortige Entsendung einer Untersuchungskommission des Völkerbundes gebeten. Gleichzeitig hat der Ukrainische Nationalrat das Rote Kreuz um Einleitung einer internationalen Hilfsaktion ersticht.
Hinrichtung der 28 Verschwörer
Angara, 5. Februar. Die 28 von dem Kriegsgericht verurteilten Verschwörer wurden in Menemen hingerichtet.
Die verurteilten waren in vier Gruppen verteilt worden, die an verschiedenen Stellen der Stadt gehängt wurden. Der Mörder Kubilay wurde an der Stelle gehängt, wo er seinem Opfer den Kopf abgeschnitten hatte.
Die Erdbebenkatastrophe in Neuseeland.
Rechts: Blick auf das Becken des Großen Geisers wo heiße Springquellen der Erde entströmen. Im Vordergrund derRotorua- See. Links : Der Waikato- Fluß, der durch das Erdbebengebiet fließt.