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Hersfel-erTageblätt

Hersfelder Kreisbla«

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö

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M.natklchn Btgngeprtl«: durch Mt Post bmatn 1J» rrelcho-Mark, ansschließltch VestrIIgrl-, sät tzrrofel- 1.20 Reiche-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von Luowig Zunko Suchdruckerei in Yerofelö, Mitglied »« vdZV.

Nr. 47

Mittwoch, den 25. Februar 1931

81. Jahrgang

Das Agrarprogramm vor dem Reichstag

Reichsernahrungsminister Dr. Schiele verteidigt vor dem Parlament das innerhalb der Regierung erzielte Kompromiß

Wachen der WeltwittschastslrUe

Von Professor Dr. D o r n.

Bei der Erörterung der Ursachen der Krisis geht der Kampf der Meinungen in erster Linie darum, ob die Krisis von der Geldseite oder von der Warenseite her zu erklären ist. In Wirklichkeit sind fast alle Tatbestände, die überhaupt zu einer Krisis führen können, ebenso sehr Ursache wie Wir­kung. In dieser Hinsicht ist besonders interessant der eben jetzt vorgelegte zweite Bericht des Goldkomitees des Völker­bundes. Während das Komitee in seinem ersten Bericht die Meinung vertreten hatte, in der Mitte der dreißiger Jahre werde Goldknappheit einen allgemeinen Preisfall hervor­rufen, stellt es in seinem zweiten Bericht fest, daß die un­günstige Goldverteilung Folge und nicht Ursache der Stö­rungen im weltwirtschaftlichen Gleichgewicht sei und daß die herrschende Krisis sich aus einer Reihe von Tatsachen, teils politischer, teils wirtschaftlicher Natur, erkläre. Zu dem gleichen Ergebnis sind die Erörterungen des Krisenproblems in der Internationalen Handelskammer gelangt.

Barometer der Weltwirtschaftskrise sind die öffent­lichen Haushalte, deren ungünstige Entwicklung wir in der ganzen Welt und selbst in den Reparationen empfan­genden Staaten beobachten können. Dre aus Krieg und In­flation erwachsene Not der Wirtschaft erzwingt die Gewäh­rung von Zuschüssen des Staates oder der Gemeinden an Erwerbswirtschaft und Verbrauchswirtschaft. Zuschüsse, die in der verschiedenartigsten Gestalt auftreten. Dies führt zu einer Steigerung der öffentlichen Ausgaben, während gleich­zeitig die Einnahmen unter dem Druck der Wirtschaftskrisis zurückgehen Hierzu treten die anschwellenden Soziallasten die unmittelbar von der Wirtschaft aufzubringen sind. Hand in Hand mit gesteigerter Einwirkung des Staates auf die Wirtschaft geht ein Erlahmen des privaten Unternehmungs geilte» tmb eme-iiWMWener Burotrarmerung- oer Wirtschaft.

Das stärkste Einzelsymptom der Krise ist die ständig zu­nehmende Arbeitslosigkeit. Sie bedeutet einerseits, insbesondere für die Industrie, Produktionseinschränkung, andererseits, insbesondere für Agrarprodukte und gewerb­liche Rohstoffe. Absatzstockung und Preissturz.

Wie erklären sich diese Erscheinungen?

Die mangelhafte Verteilung des Goldes ist im wesent­lichen darauf zurückzuführen, daß der natürliche Rhythmus des Austausches von Waren und sonstigen Gütern durch Reparationen und interalliierte Verschuldung gestört ist. Die politischen Zahlungen strömen von den Ländern großen Geldbedarfs zu dem Lande geringsten Geldbedarfs. Das Kapital wandert so aus politischen Gründen einen Weg, der dem natürlichen nicht ungestraft verletzten Gesetze der Wirt­schaft zuwiderläuft Dies verhindert zugleich die Wieder­herstellung einer Atmosphäre internationalen Vertrauens.

Erzeugnn g und Verbrauch sind aus den Fugen. Außerwirtschaftliche, politische Momente treffen mit wirtschaftlichen zusammen, um auf der einen Seite die Er­zeugung in Industrie und Landwirtschaft zu übersteigern, und auf der anderen Seite den Verbrauch unter das nor­male Maß herunterzudrücken. Die politischen Ursa­chen für die Ausweitung der industriellen Produktion lie­gen in der S ch a f f u n g neuer Staaten, die in dem Streben nach wirtschaftlicher Selbständigkeit neue Produk- kionsstätten begründen, die wirtschaftlichen in der Nutzbar­machung technischer Vervollkommnungen. Auch für die Landwirtschaft führen chemische und technische Vervollkomm­nung der Bodenbearbeitung sowie Wahl der besten Art und Aufzucht bei Frucht- und Viehwirtschaft zu außergewöhn­licher Steigerung der Erzeugung. Der ausgeweiteten Pro- duktionsfähigkeit steht eine Verringerung desKon- s -? m s gegenüber. Die Verringerung des Konsums ist zum Teil dadurch verursacht, daß die Agrarprodukte und gewerb- liche Rohstoffe erzeugenden Gebiete infolge des Preisfalles ihrer Erzeugn-sie chre Kaufkraft schwinden sehen und daß b' gleiche Erscheinung mit wachsender Arbeitslosigkeit auch die Gebiete gewerblicher Produktion ergreift. Zu diesen wirtschaftlichen Ursachen des Konsumrückgangs treten auch hier politische: Konsumschwäche und Konsumverweigerung gerade solcher Gebiete, die als Abnehmer großen Ausmaßes für gewer'liche Erzeugnisse in Frage kamen (Indien, Ruß- land, China). Zum Teil ist die Krisis durch die Mittel, die zu ihrer Heilung ergriffen wurden, verschärft. Hier sind ins- besonders die hohen Schutzzölle und der Widerstand gegen ausländische Kapitalanlagen zu nennen.

Neben den allgemeinen Ursachen der Krisis, die sich in der ganzen Welt fühlbar machen, wirken in den meisten Ländern besondere Krisenursachen. Für Deutschland trit! außerdem verschärfend hinzu, daß hier die in anderen Län­dern, insbesondere in Amerika und England vorhandene Ka­pitalschicht fehlt, die die Stöße der Konjunktur auffangen oder doch mildern könnte.

Wesentliche Voraussetzung für Ueberwindung der Kri­sis ist die W i e d e r h e r st e l l ung des nat i o n a I c h Vertrauens in die eigene Wirtschaftskraft und de in­ternationalen Vertrauens von Wirtschaft zu Wirtschaft der Grundlage internationaler Zusammenarbeit, die aus dem Engpaß allgemeiner Wirtschaftsnot zuruckfuhrt m eine We r- wirtschaft, die wieder das Vorzeichen gleichberechtigten Wett­bewerbs unter freien Völkern trägt.

Chauvinismus in Front

Maginol verteidigt den Rüstungswahnsinn mit Deutschlands Angriffslust.

Paris, 25. Februar.

Die Kammer setzte gestern nachmittag die Beratung des Heeresbudgets fort. Ein sozialistischer Abgeordneter erklärte unter Hinweis auf die von dem Vorsitzenden der Heereskom­mission betonte Unmöglichkeit der Herabsetzung der 2Hilitär- kredite, daß die Kammer angesichts der bevorstehenden Ab­rüstungskonferenz über diese Worte sehr beunruhigt sei. Denn die Vorbedingung für eine Organisation des Friedens fei eine Herabsetzung der militärischen Ausgaben. Der So­zialist S p i n a s s e antwortete dann auf einen Zuruf, er habe anläßlich seiner Anwesenheit in F r a n k f u r t a. M. auf der großen Reichsbannerkundgebung 31 000 junge Leute gesehen, die entschlossen seien, den Frieden zu verteidi- .gen. Nach seiner Ueberzeugung schwindeln die rechtsstehen­den Zeitungen in Frankreich genau so wie in Deutschland.

Hierauf ergriff

Kriegsminister 2TI a g i n o t das Wort und erklärte: Keine Macht, die den Friedens- vertrag von Versailles unterzeichnet hat, kann auf die ; Klauseln verzichten, durch die die Rüstungsbeschränkungen i Deutschlands festgelegt werden. Unsere augenblickliche- i stung hängt tatsächlich von diesem Zustand ab. Wenn Deutschland sich seinen Verpflichtungen entziehen würde, wären wir genötigt, unsere Bewaffnung heraufzusetzen, an­statt herabzusetzen. Das würde also nicht eine Beschränkung, sondern ein neues WettriKen geben. Man kann die Ab- ! rüstung der Völker nicht dadurch erzielen, daß man damit i anfängt, die bestehenden Abmachungen nicht zu berücksichti- ; gen. Man darf doch nicht sagen, daß alle Rationen auf den | Fuß der Gleichberechtigung gestellt werden mühten. Wenn ; man die Kriegsgefahr zum Verschwinden bringen will, ist es ; nur gerecht, ja notwendig, daß denen, die die Angreifer ge- ( und daß die Kanonen, die Nlck^ ngegriffen haben und die sich weigern, anzugreifen, nicht den können, daß die mili- tärischen Bestimmungen des Vt^.ailler Vertrages in Frage gestellt werden. Eine internationale Kontrolle muß den auf­richtigen Nationen die Versicherung geben, daß sie nicht zu Opfern neuer Angriffe werden. Unter diesen Vorbehalten i wird Frankreich alles tun, was von ihm abhängt, damit die I nächste Abrüstungskonferenz zu einer Verständi­gung gelangt. Was die Sicherheit anbeftrifft, so wird Frank- I reich diese durch nationale und internationale Mittel gewähr- , leisten. In einer Zeit, in der man so oft aus wahltaktischen ' Gründen sagt, daß der Krieg das Land bedroht, ist es not­wendig, dem Lande zu zeigen, daß es zur Vermeidung des Krieges erforderlich ist, eine Politik der nationalen Verteidi­gung und eine Politik der Verständigung unter den Völkern zu verfolgen, die sich gegenseitig ergänzen.

Nach den Berechnungen des radikalen Abgeordneten D a l a d i e r beträgt die Effektivstärke des französischen Heeres 556 000 Mann. Daladiers Angabe deckt sich somit mit den von Briand auf der letzten Völkerbundsversammlung gemachten Angaben. Frankreich hat also jetzt einen beträcht­lichen Effektivbestand, dem keine Armee Europas gleichzu- stellen ist. Auch Daladier hielt eine Abänderung der Mili- tärorganisation für notwendig.

Die weitere Debatte über das Hseresbudget wurde dann vertagt.

Internationale Getreidelonjerear

Paris, 25. Februar.

In der vom Europa-Ausschuß einberufenen Getreide­konferenz sprach Reichsminister a. D. Hermes, das er­klärte, daß Deutschland bereit sei, zusammen mit den Donau­staaten die Frage zu prüfen, ob ihnen durch den Ankauf von Weizen, Mais und Gerste geholfen werden könne unter der Bedingung, daß besonders in Bezug auf Weizen die Qualitäten den Bedürfnissen der deutschen Importeure entsprechen.

Im Namen Oesterreichs erklärte Sektionschef Schüller. daß sein Land das meiste Getreide aus Ungarn und Süd- slawien einführe, und daß es seine Käufe nach Maßgabe bet Bedürfnisse fortsetzen werde. Auch der Vertreter Belgiens, Italiens, der Schweiz und der Tschechoslowakei sagten zu, ihr Möglichstes zu tun, um den unter der Agrarkrise leidenden Donaustaaten durch Ankauf weiteren Getreides zu helfen

Dann wurden die Vertreter der Länder gehört, die ge­wöhnlich kein Getreide aus Mitteleuropa beziehen. Auck aus ihren Erklärungen geht hervor, daß ihre Länder so weit wie möglich den Donauländern helfen wollen, die Landwirtschaftskrise zu überwinden.

Nach einem Meinungsaustausch beschloß die Konferen- auf Vorschlag des Vorsitzenden, daß die Vertreter der Ex­portländer und der Staaten, die sich eventuell bereit erklärt haben, Getreide in den Donauländern zu kaufen, zusammen­treten sollen, um vor allem die Preisfrage und die Möglich­keiten für einen Abschluß von Kaufverträgen zu prüfen.

Der portugiesische Landwirtschaftsminister hat eine Verordnung erlassen, daß in staatlichen Bäckereien 20 Pro­zent Maismehl bei der Brotherstellung beigefügt werden müssen, um der Landwirtschaftskrise abzuhelfen.

Srianbs Baneuropa-Plan...

»bedroht die britische Industrie". w

London, 25. Februar.

Der diplomatische Korrespondent des Arbeiterblattes Daily Herold" beschäftigt sich mit dem Paneuropa-Plan Briands und äußert, daß durch die Richtung, die der Plan genommen habe, die britische Industrie und die kanadische Landwirtschaft bedroht seien. Die Besorgnisse, die man we­gen der Ziele des Planes hegen müsse, würden durch die Reden Briands bei der Eröffnung der Landwirtschaftskon- feren; in Paris noch gesteigert. Das in Paris unter der Parole »Europäische Einigung" ins Werk gefetzt werde, fei nicht nur ein Angriff auf Rußland, sondern auch auf Kanada und damit zugleich auf Großbritannien.

Zwischenlall im AeichspraKdeutenpalais

Selbstmordversuch eines Bittstellers.

Berlin, 25. Februar.

3m Palais des Reichspräsidenten versuchte ein Mann, sich mit einer parabellum-Pistole zu erschießen. Er konnt« von einem Kriminalbeamken an der Tat gehindert und fest­genommen werden.

Der Eindringling, ein gewisser Alois B r o l l, der 1902 in Oberschlesien geboren unb am 23. Februar dieses Jahres aus Kreuzburg in Oberschlesien nach Berlin zugereist ist war nicht durch das Hauptportal ins Palais gelangt, sondern durch einen Seiteneingang in der linken Ecke des Ehren- Hofes. Von dort gelangte er durch einen kleinen Raum in das Meldezimmer, in dem sich ein Pförtner und ein Krimi- Jialbeamter befinden.

ZTttflT wärwieZ^H an- ifrw^iu&riMas^ ttw» baUpU Unterstützung. ^Avf dessen^ Zureden, er möge ein schriftlicher Gesuch stellen, erklärte Broll, er habe nur noch zwei Stun den zu leben. Der Kriminalbeamte bemühte' sich, Broll zu beruhigen. Plötzlich langte dieser jedoch eine parabellum- Pistole aus der Tasche. Der Beamte, der daraus vorbereitel war, packte Broll am Arm und entriß ihm die Pistole, bis mit nur einem Schuß geladen war. Der Festgenommene der sofort der Polizei übergeben wurde, erklärte, die Kugel sei für ihn bestimmt gewesen.

Von unterrichteter Seite wird darauf hingewiesen, daß das fragliche Meldezimmer nicht unmittelbar an das Arbeits­zimmer des Reichspräsidenten angrenzt. Von dem Melde­zimmer führt zunächst ein Gang zu der Vorhalle der Zimmer der Referenten und erst an diese schließt sich die Doppeltür zum Arbeitszimmer des Reichspräsidenten an. Kein Be­sucher darf von dem Meldezimmer aus die übrigen Räume ohne Begleitung eines Beamten betreten.

Falsche Verdächtigung der Reichswehr

Ende einer Verleumdung.

Berlin, 25. Februar.

Vor dem Schöffengericht Berlin wurde am Montag und Dienstag ein Prozeß verhandelt, der sich u. a. mit der Be­schuldigung zu befassen hatte, die Reichswehr hätte 50 000 Sättel abgenommen und bezahlt, die sich später als unge­eignet erwiesen hätten, so daß sie umgearbeitet bzw. als Altmaterial hätten verkauft werden müssen. Im 8-Uhr- Abendblatt, einem bekannten Berliner Boulevardblatt, war in mehreren Artikeln auf Grund dieser und ähnlicher Be­hauptungen von einemneuen Reichswehrskandal" berichtet worden mit der Behauptung, daß durch diesen Skandal 5 Millionen Mark verschleudert worden waren. Es wurde weiter behauptet, die Lieferung von 50 000 Sätteln sei einer Münchener Firma Schroeter als Außenseiter übertragen worden und angedeutet, als hätten sich Offiziere der Reichs­wehr und Beamte des Beschaffungsamtes dabei nicht korrekt benommen. Die Behauptungen' gingen aus von einem Kaufmann Becker, der sich gleichfalls um die Sattellieferung beworben hatte. Ferner war der Chefredakteur des genann­ten Berliner Blattes. Zucker, angeklagt. Aus der Beweis­aufnahme ergab sich, daß die Behauptungen in vollem Um­fange unhaltbar sind. Von einer Korruption kann nicht die Rede sein. Schließlich bot der angeklagte Kaufmann eine Ehrenerklärung für die beleidigten Offiziere und Beamten der Heeresverwaltung an. Unter Berücksichtigung einiger weiterer Zusätze erklärte sich schließlich Reichswehrminister Groener für die beleidigten Offiziere und Beamten mit fol­gender Erklärung des Angeklagten Becker einverstanden:

Räch den Ergebnissen der Hauptverhandlung kann ich die in den zur Verhandlung stehenden Artikeln des8-Uhr- Abendblattes" enthaltenen Vorwürfe gegen Beamte und Of­fiziere der Heeresverwaltung über behauptete Mißstände bei der Vergebung von Heeresaufträgen nicht aufrechterhalten und nehme sie hiermit zurück. Die Behauptungen beruhen auf einem Irrtum."

Chefredakteur Zucker schloß sich dieser Erklärung seines Gewährsmannes an. Die Angeklagten übernehmen die Ko­sten des Verfahrens.