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HtrsfelöerTageblatt

hersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelü

Nr. 48

Donnerstag, den 26. Februar 1931

81. Jahrgang

Erwerbslosen-Krawalle im Reich

Die anqekündigte kommunistische Arbeitslosenaktion sührle in vielen Städten zu schweren Ausschreitungen

Die Rüftungswahrheit

In diesen Tagen vollziehen sich auf dem Gebiet der Abrllstungsfrage offenbar entscheidende Dinge. Der britische Außenminister Henderson hat mit einem Stab von militä­rischen Sachverständigen in Paris Verhandlungen geführt mit dem Ziele, eine englisch-französisch-italienische Flotten- vereinigung herbeizuführen. Die Verhandlungen in Paris sind nach den amtlichen Verlautbarungen zu einem günsti­gen Abschluß gebracht worden. Jetzt hat sich Henderson mit seinem Stäbe nach Rom begeben, um zu versuchen, auch Italien in diese Flottenfront einzubeziehen. Nach bisher unwidersprochen gebliebenen Pressemitteilungen ist Frank­reich in der Frage der Flottenabrüstung den englischen Wünschen ziemlich weit entgegengekommen, nachdem Eng­land sich bereit erklärt hat, Frankreichs Landabrüstungs- these zu unterstützen. Es muß in dieser Richtung tatsächlich ein Abkommen zustande gekommen sein, sonst hätte der französische Kriegsminister Maginot am gleichen Tage in der Kammerdebatte über das Heeresbudget nicht erklären kön­nen:Frankreich kann auf keinen Fall zugeben, daß man die Militärklauseln des Versailler Vertrages preisgibt, denn sein ganzes M i l i t ü r s y st e m basiert auf diesen Klauseln." . . .

Ein Blick auf den Rüstungsstand der Nationen zu Anfang dieses Jahres zeigt eine trübe Bilanz: Deutsch­land hat abgerüstet Völker ringsum starren in Waffen, mehr denn je. Die nüchternen Ziffern der Heeresstärken und der Bestände an Kampfmate­rial reden eine eindringliche, unmißverständliche Sprache. Sie enthüllen die abgrundtiefe, militärische Unterlegenheit unseres Volkes mit erschreckender Deutlichkeit. Sie offen­baren jedem unvoreingenommenen Betrachter, ein wie wei­ter Weg es noch bis zu der allgemeinen Abrüstung ist, die iuüer VölkerbundLsw böfete

ment vertraglich bindend in Aussicht gestellt wurde.

Von Sowjet-Rußland abgesehen, das außerhalb des Völkerbundes steht und mit seinen 154 Millionen Einwoh­nern die größte Armee besitzt (Friedensstärke: 1,2, Kriegs­stärke: 6,0 Millionen), marschiert Frankreich unter allen Mi­litärmächten unbestritten an erster Stelle. Es hält zu An­fang dieses Jahres bei einem Bevölkerungsstande von 41 Mill. Einwohnern nicht weniger als 656 000 Mann ständig in Waffen. Das etwas größere italienische Volk verfügt über ein Friedensheer von 388 000 Mann. Um ferner noch einige Beispiele aus unserer nächsten Nachbarschaft Heraus­zugreifen: Belgien (8 Mill. Einwohner) hält sich ein Frie­densheer von 66 000 Mann, die Tschechoslowakei (14,6 Mill. Einwohner) ein solches von 140 000 Mann, Polen (30% Mill. Einwohner) eines von 299 000 Mann. Und Deutsch­land mit seiner besonders ungünstigen strategischen Lage inmitten Europas? Unser 64-Millionenvolk verfügt nur über seine kleine Reichswehr von 100 000 Mann. Unsere militärische Unterlegenheit zeigt sich jedoch erst im hellsten Licht, wenn man auch die voraussichtlichen Kriegs st ä r - k e n berücksichtigt, und zwar Frankreichs mit 4%, Belgiens mit 0,6, Polens mit 3,2 und die der Tschechoslowakei mit 1,3 Mill. Mann. Deutschland hingegen wäre zu seiner Ver­teidigung nur auf 100 000 Mann angewiesen.

Noch krasser sind die Unterschiede in der A u s r ü st u n g der Heere. Für eine moderne Kriegsführung ist dem Ausrüstungsmaterial, den technischen Kampfmitteln Flug­zeugen, Tanks, schweren Geschützen usw. ausschlagge­bende Bedeutung beizumessen. Daher hat auch die Mehr­zahl der -Länder alle technischen Fortschritte für die Stär­kung der Heereskraft nutzbar gemacht. Deutschland jedoch steht weit, unverhältnismäßig weit zurück. Nicht nur hinter anderen Großmächten, auch hinter kleineren Völkern. Einige Beispiele: unsere Verteidigungsmittel beschränken sich auf 22 schwere Geschütze; Belgien hat deren 271, Frankreich 1200 lohne Bestände der Festungen), Polen 414, die Tsche­choslowakei 412. Wir haben keine Kampfwagen, keine Militärflugzeuge. Das kleine Belgien besitzt demgegenüber 65 Tanks und 234 Flugzeuge, Frankreich verfügt sogar im Kriegsfalle über rund 3500 Tanks und nicht weniger als 2500 Militärflugzeuge, Polen über 320 Tanks und etwa 1000 Flugzeuge, die Tschechoslowakei über 60100 Tanks und 850 Flugzeuge. Solche Beispiele ließen sich beliebig ver­mehren bei der Ausrüstung mit Maschinengewehren, leich­ten Geschützen, Reservematerial usw. im Festungsbau.

Diese tiefe Kluft zwischen den Völkern Europas zu be­seitigen. wird Aufgabe der allgemeinen Abrü­stungskonferenz sein, die am 2. Februar nächsten Jahres ihre Arbeit beginnen soll. Die Schicksalsfrage Euro­pas steht damit zur Entscheidung. Heute bereits hat hüben und drüben, bei uns und im Auslande, die öffentliche Dis­kussion über die Abrüstung lebhafter denn je eingesetzt. Des deutschen Volkes Standpunkt liegt fest, ist bereits wiederholt von offizieller Seite vor aller Welt unzweideutig zum Aus­druck gebracht worden. Wir haben auf Grund der Völker­bundssatzung und des Versailler Dokuments einen klaren Rechtsanspruch auf Durchführung her allgemeinen Abru- stung. Wir werden uns, wie e: er Reichsaußenmmister kürzlich betont hat, mit einer noch >>maeren Verzögerung der Erfüllung dieses Anspruchs nicht abfinden.Wir ver­langen Sicherheit, unb zwar denselben Grad von Sicherheit, den die anderen Staaten für sich in Anspruch nehmen."

Unruhiger»^ * 'Mittag

Plünderungen und Krawalle in Berlin.

Berlin, 26. Februar

Die für den Mittwoch angekündigte große Aktion der kommunistischen Partei führte im Laufe des Vormittags zu einigen Zusammenrottungen in verschiedenen Stadtteilen Berlins, die aber von der Polizei teilweise unter Anwen­dung des Gummiknüppels gesprengt werden konnten In der Gormannstraße kam es zwischen 11% und 12 Uhr zu Zusammenrottungen.

Zahlreiche Personen, die sich in den Räumen des Ar­beitsnachweises befanden, bewarfen aus den Fenstern die unken Ordnung schaffenden Polizeibeamten mit Vier­gläsern und Stühlen und gaben auch einige Schüsse ab, durch die aber Beamte nicht verletzt werden sind. Die Polizei ging darauf energisch gegen die Ruhestörer vor, räumte die Zimmer des Arbeitsnachweises und gab schließlich eine Anzahl Schreckschüsse ab.

Der Sachschaden ist erheblich. Die Demonstranten flüchteten * in die anliegenden engen Straßen, kehrten aber, sobald die Polizei zurückging, immer wieder zum Arbeitsnachweis zu­rück, so daß die Straße mehrfach geräumt werden mußte. I Zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Demonstranten und Schutzpolizei kam es mittags in Pankow Hier ver­suchten an der Berliner Straße Ecke Florastraße Erwerbs­lose einen Zug zu bilden, um nach Berlin zu marschieren Polizeibeamte gingen mit dem Gummiknüppel gegen die ! Demonstranten vor Dabei wurde ihnen heftiger Wider- I stand entgegengesetzt, und ein Oberwachtmeister wurde durch einen Messerstich in die rechte Hand, ein Oberleutnant durch Hiebe mit einem Schlagring im Gesicht verletzt. Vier der Täter wurden festarnommen Gegen 12_30^ ^hr, mi11aus - Wxf«chir«r>eMü i54/ «n-Er-zotT^ß^ bem Prioat- markt am Humann-Platz zu plündern: bei der Abwehr der Plünderungsversuche wurden zwei Polizeibeamte leicht verletzt. Zwangsgestellungen erfolgten nicht, die Ruhe konnte bald wiederhergestellt werden Gegen 11.45 Uhr bildeten sich in der Rückerstraße Ansammlungen, bei denen die Po­lizeibeamten beschimpft und mit Steinen beworfen wurden. Die Ansammlungen wurden zum Teil mit dem Polizeiknüp- ) pel zerstreut. Gegen 1.15 Uhr drangen acht Personen, ver- 1 mutlich Erwerbslose, in das Buttergeschäft von Thürmann, I Reinickendorfer Straße 34, ein und entwendeten Wurst- i waren: die Täter konnten entkommen.

Gegen zwölf Uhr mittags drangen etwa fünfzehn junge Burschen in einen Schlächterladen in der Lindenstraße mil dem RufeWir haben Hunger!" ein und stahlen für etwa zweihundert Mark Würste, mit denen sie die Flucht er­griffen. Das inzwischen herbeigerufene Ueberfallkommando verfolgte die Täter und nahm fünf von ihnen fest.

Bei den Erwerbslosendemonstrationen war die Häufig­keit auffallend, mit der versucht wurde. Lebensmittelgeschäfte zu plündern. So liegen Meldungen von vier Füllen aus verschiedenen Gegenden vor. die sich fast alle zur gleichen Zeit ereignet haben Ueberall wurden die ausliegenden Wurstwaren von den Ladentischen geraubt.

Ausschreitungen in Saarbrücken und Neunlirchen

Saarbrücken, 26. Februar. Bei dem kommunistischen Weltarbeilslosentag" kam es auch in Saarbrücken zu Un­ruhen. die von der Polizei und den Landjägern nur mil Mühe unterdrückt werden konnten. Es kam wiederholt zu Zusammenstößen, wobei die Polizei die Gummiknüppel zur Anwendung brächte. Viele Erwerbslose erlitten dabei Verletzungen. Zahlreiche Personen wurden verhaftet. Die Erregung der Menge machte sich in schweren Beschimpfun­gen der Polizei Luft.

Größeren Umfang nahmen die Unruhen in Neunkirchen an. Dort rotteten sich mehrere tausend Arbeitslose zusam­men, um einen Demonstrationszug zu veranstalten. Als die Polizei und die Lqpdjägec einschritten, rissen die Arbeitslosen an mehreren Stellen das Pflaster auf und bewarfen die Beamten mit Steinen. Darauf zogen die Schutzmannschaft und die Landjäger blank und trieben die Menge auseinan­der. Auch hier wurden mehrere Demonstranten, aber auch viele Beamte, verletzt und viele Personen verhaftet.

Zusummenstötze in Göttingen

Die bereits am Montag in Göttingen einsetzenoen V ruhen durch Ueberfälle der Kommunisten auf einen Stahl- Helmangehörigen und einen Nationalsozialisten, wobei 'bick schwer verletzt wurden, dauern noch an. Am Dienstag vcr suchten die Kommunisten, das Parteibüro der National­sozialisten zu stürmen. Die Polizei mußte wiederholt dem Gummiknüppel einschreiten. Nachmittags kam es in der Nicolaistraße zu einer Schlägerei, bei der von den Kom­munisten auch geschossen wurde. Eine Person erlitt schwere Verletzungen. Eine Gruppe Nationalsozialisten wurde am Weender Tor von Kommunisten beschossen. Bei der sich ent­wickelnden Schlägerei wurden einige Kommunisten leicht und zwei Nationalsozialisten schwer verletzt. Als in später Nachtstunde die Polizei auf der Geismarer Landstraße einen etwa 150 Mann starken kommunistischen Zug auflösen wollte, wurde sie ebenfalls beschossen. Die Polizei räumte die Gegend von den Demonstranten, oie einige Leichtverletzte M M Mten

Kommunisten greifen Schupo an

Die Polizei feuert. Vier Tote, zahlreiche Schwerverletzte

Leipzig, 26. Februar.

Im Anschluß an eine von den Kommunisten einberufen« Versammlung wurde in Leipzig- Volkmarsdorf ver­sucht, trotz des ausdrücklichen Verbotes einen Zug zu bilden Ein Kommando Schutzpolizei, das dagegen einschreilen wollte wurde von den Kommunisten angegriffen und mit Steinen Briketts und ähnlichem beworfen. Auch sollen aus der Reihen der Angreifer Schüsse gefallen sein. Sechs polizei­beamte wurden durch Sleinwürfe mehr oder weniger fchwei verletzt, während ein Beamter einen Streifschuß am Schenkel erhielt und bei einem anderen Beamten das Geschoß am Koppelschloß abprallte. Darauf machten die Beamten von der Schußwaffe Gebrauch. Hierbei wurde einer der Angrei­fer getötet, acht weitere wurden vorwiegend schwer verletzt. Zwei dieser Schwerverletzten sind nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus gestorben. Unter den Schwerverletzten befindet sich auch ein zwölfjähriger Knabe, der einen Steckschuß in bk Schläfe erhielt, als er, in einer Haustür stehend, den Aus­schreitungen zusah.

Im Laufe des Abends ist im Krankenhaus St. Jakob der Hilfsarbeiter Hans Hertel an einer schweren Kopfverletzung gestorben. Hertel, der sich an den Demonstrationen beteiligt hatte, ist somit das vierte Todesopfer der gestrigen Ausschrei­tungen. Mehrere der Schwerverletzten schweb«i noch in Le­bensgefahr.

Lebensmittelgeschäfte werden geplündert.

Berlin, 26. Februar.

Wie in den Vormittags- und Mittagsstunden, so demon­strierten auch am Nachmittag eine Anzahl von Arbeitslosen trotz des Demonstrationsverbotes. Die Züge, die sich an ver­schiedenen Stellen der Stadt bildeten, waren meistens außer- ordentlich trhmnfo up^-miirhun h..rrh ^m-jjai.mw»,' wwMw u«<^ wenduna des Gummiknüppels aufgelöst. Mehrmals wurden die Beamten tätlich angegriffen. Die Hauptschreier wurden fiftiert. Im Osten der Stadt kam es am Nachmittag zur Plünderung zweier Lebensmittelgeschäfte. Gegen Abend mußte in der Leipziger Straße nahe am Potsdamer Platz ein Demonstrationszug von etwa 80 Erwerbslosen von der Poli­zei aufgelöst werden. Zugleich kamen auch aus verschiedenen Teilen des Westens Meldungen, daß größere oder kleinere Trupps sich auf dem Anmarsch in diese Bezirke befänden. Die Polizei hat die notwendigen Vorkehrungen getroffen.

Die Polizei zieht blank.

München, 26. Februar.

Trotz des Verbotes, Versammlungen und Demonstratio­nen abzuhalten, verunstalteten die E r w e r b s l o s e n in den Abendstunden mehrere Demonstrationszüge von größerer Stärke. Die Polizei griff sofort an den betreffenden Stellen ein. Die Demonstranten bewarfen die Schutzleute mit Stei­nen und Eisstücken, so daß die Polizei blank ziehen mußte, um Ordnung zu schaffen. Zwei Personen wurden fest - genommen.

Polizeiaktion gegen die Nürnberger Kommunisten. Nürnberg, 26. Februar.

Auf Veranlassung der Polizeidirektion wurden gestern die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition und das Büro des Kampfbundes gegen den Faschismus ausgehoben. In den frühen Nachmittagsstunden sammelten sich trotz des Polizei­verbots in den um das Kaufhaus Schocken gelegenen Straßenzügen größere Trupps Arbeitsloser an, denen sich zahlreiche Neugierige zugesellten. Es mußten Landespolizei und berittene Polizei eingesetzt werden, die die Menge, stellenweise unter Anwendung des Gummiknüppels, zerstreuten. Bis 18 Uhr ist es zu nennenswerten Störungen nicht gekommen. Die geplanten Kundgebungen vor -dem Rathaus fanden nicht statt.

Mehrere Verletzte in Köln.

Köln, 26. Februar.

Die Polizei ging gestern in den Abendstunden gegen De- monstrationszllge von Erwerbslosen, die sich im Zen­trum der Stadt gebildet hatten, mit dem Gummiknüppel vor. Von den Demonstranten wurde mit Steinen geworfen, wobei mehrere unbeteiligte Passanten zum Teil nicht unerheblich verletzt wurden. Ein Polizist wurde leicht verletzt. M^re« Personen mürben verhaftet.

London, 26. Februar.

Times meldet aus Nairobi: der Konvent der Europäer- Vereinigungen der ostafrikanischen Gebiete beschloß, Lord Delamece und zwei andere Persönlichkeiten zu ersuchen, vor dem gemeinsamen Parlamentsausschuß für Ostafrika in London folgende Forderungen der Ansiedler zu vertreten: vorläufig keine verfassungsmäßige Föderation; reine ver­fassungsmäßigen Aenderungen in der gesetzgebenden Gewalt von Kenya; Zusammenarbeit zwischen den Gebieten auf Der Grundlage von Vereinbarungen in den gemeinsamen Dienstzweigen (Telegraph, Telephon, Eisenbahn uswz durch beratende Ausschüsse, die von jeder gesetzgebenden Körper- schaft ernannt werden; endlich Zurückziehung des Weißbuches über die Eingeborenen-Politik. -