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hersfelöeEageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

MsnaMch« vyugepretor durch Mt Pest bmgtx 1J0 Relch-Mark, aa«schltrßllch Befrage», für tzrrrstlö 1.20 Reichsmark bei freier Zustellung, flr Abbott* 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von 5uowig Zunke Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied deevbZV.

Nr. so (Erstes Blatt)

Sonnabend, den 2S. Februar 193t

81. Jahrgang

Differenzen bei den Flottenverhanölungen

Bei den Besprechungen in Rom soll sich ergeben haben, daß der englische Sachverständige Frankreich bevorzugt hat

Arbeitslosigkeit und Schenleroertrag

Von Dr. P a u l Fleischer.

Der Vertrag, den die Deutsche Reichsbahngesellschaft mit der Firma Deutsche Bahnspedition Schenker & Co. G. m. b. H. in Berlin über Rollfuhrdienst, Sammelspedition, Verkehrswerbung und Kraftwagenverkehr abgeschlossen hat, zieht immer weitere Kreise. Auch die Arbeiter- und Ange­stelltenschaft darf daran nicht achtlos vorübergehen, da sie durch den Vertrag auf das schwerste benachteiligt wird.

Nach dem Vertrag soll nämlich der gesamte Rollfuhr­dienst in der Weise in den Händen der Firma Schenker ver­einigt werden, daß diese ihn dort, wo er bereits besteht, grundsätzlich übernimmt, dort aber, wo er noch nicht durch­geführt ist, auf Wunsch der Reichsbahn einrichtet. Zwar können auch andere Spediteure als bahnamtliche Spediteure bestellt werden, wenn sie sich zu niedrigeren Sätzen als die Firma Schenker anbieten; da aber die Rollgebühren von der Reichsbahn nach Anhörung der Firma Schenker festgesetzt werden, ist diese jederzeit in der Lage, mißliebige Konkur­renten zu unterbieten. Die ausgeschalteten Bewerber jedoch können ebensowenig wie die übrigen Spediteure, die nicht als geeignet befunden werden, mit der Firma Schenker und den von ihr empfohlenen bahnamtlichen Spediteuren in Wettbewerb treten, weil die Reichsbahn letzteren eine Sub­vention gewährt, mit deren Hilfe die Rollgelder gesenkt werden sollen. Wollen sich darum die von dieser Vergünsti­gung ausgeschlossenen Spediteure ihre Kundschaft erhalten, müssen sie weit unter den Selbstkosten rollen, was jedoch auf die Dauer nicht möglich ist. Dem selbständigen Spe­diteurgewerbe bleibt sonach nichts anderes übrig, als die Än- und Abfuhr zur Bahn der Firma Schenker zu überlassen. Die Folge davon ist, daß der Spediteu. seinen Fuhrpark er» heblich verruraLLn imhJien weitaus M-Wen Teil seiner Ar­beiter und Angestellten entlassen muß. Die «werbstofei; Speditionsarbeiter aber können bei der Firma Schenker nur in geringer Zahl Beschäftigung finden, da die Eisenbahner, die infolge des Rückganges des Güterverkehrs vor der Ent­lassung stehen, im Rollfuhrdienst verwendet werden sollen.

Sachverständige schätzen, daß ungefähr 250 000 Speditionsarbeiter und - angestellte durch den Schenkervertrag brotlos werden. Diese fallen bei der allgemeinen Wirtschaftskrise der öffentlichen Fürsorge zur Last. Da ein Arbeitsloser durchschnittlich jähr­lich 1000 RM. als Erwerbslosenunterstützung erhält, müß­ten für 250 000 Speditionsarbeiter und -angestellte 250 Mil­lionen RM. von Reich und Gemeinden zur Verfügung gestellt werden. Ohne die Erhöhung der Beiträg- für die Arbeits- osenoersicherung sowie der Bürger-, B^er- und Getränke- teuer dürfte das nicht möglich sein. Darunter müßte jedoch )ie arbeitende Bevölkerung am schwersten leiden.

Durch die Entlassung von 250 000 Speditionsarbeitern und -angestellten würden aber nicht nur diese und ihre Fa­milien in bittere Not geraten, sondern auch andere Wirt­schaftszweige mit ihren Arbeitern in Mitleidenschaft gezogen werden. Nehmen wir an, daß ein Speditionsarbeiter und -angestellter durchschnittlich 3000 RM. im Jahre verdient, so würde sich sein Einkommen bei einer jährlichen Arbeitslosen­unterstützung von 1000 RM. um 2000 RM. verringern. In­dem also 250 000 Speditionsarbeiter und -angestellte wider ihren Willen zum Feiern gezwungen würden, verminderte sich die Kaufkraft des deutschen Volkes um 500 Millionen RM. Mit diesem Betrage aber konnten bislang die Kon­sumgüterindustrien und das Verkehrsgewerbe rechnen. Ver­gegenwärtigt man sich, daß 60 Prozent dieser Summe in Form von Löhnen der Arbeiterschaft dieser Gewerbezweige zugute kamen, so ergab das einen Betrag von 300 Millio­nen RM. Bei einem jährlichen Durchschnittsverdienst von 3000 RM. konnten dafür 100 000 Arbeiter in der Beklei- dungs-, Lebensmittel- und Genußmittelbranche, im Ver­kehrsgewerbe und in der Landwirtschaft beschäftigt werden. Verlieren aber 250 000 Speditionsarbeiter und -angestellte ihre Stellung, dann werden auch 100 000 Arbeiter und An­gestellte in anderen Betrieben brotlos gemacht. Damit er­schöpfen sich jedoch keineswegs die nachteiligen Folgen, die mit der Ausschaltung von 250 000 Speditionsarbeitern und -angestellten aus dem Produktionsprozesse verbunden sind, da auch die Arbeitslosigkeit der 100 000 Arbeiter in den Kon­sumgüterindustrien, im Verkehrsgewerbe und in der Land- wirtschaft das Feiern weiterer Arbeitermassen nach sich ziehen muß. Mit einem Wort: Tritt der Schenkervertrag in Wirksamkeit, so wird die ohnehin schon so stark ge- schwächte Kaufkraft der deutschen Arbeiter- und Angestell­tenschaft eine weitere Verminderung erfahren, so daß sich die Wirtschaftskrisis aufs äußerste verschärft. Der Schenker­vertrag gefährdet deshalb nicht nur die Existenz der unmit- telbar davon betroffenen Arbeiter und Angestellten des Spe- ditionsgewerbes, sondern wirkt sich darüber hinaus auch für die gesamte deutsche Arbeiter- und Angestelltenschaft in verhängnisvoller Weise aus.

Wie die Kaufkraft, wird auch die S t e u e r k r a f t der Arbeiter und Angestellten geschwächt, die durch den Schen- kervertrag der Erwerbslosigkeit anheimfallen. Deshalb sollte auch das Reichsfinanzmini steri um gegen diesen Vertrag Verwahrung einlegen; denn je enger der Kreis derjenigen wird, die noch über ein Einkommen ver­fügen, desto größer muß der Anteil an Steuern und Sozial- abgabon werden, der auf den «»»zsüren entfällt.

Sie Gewerkschaftraltion

Erklärungen von Brüning und Stegerwald.

Berlin, 27. Februar.

Bei dem gemeldeten Empfang der Gewerkschaftsführer durch den Reichspräsidenten gab Reichsarbeitsminister Ste­gerwald die Erklärung, daß er an den Kern der Tarifver­träge, an den Kern des Schlichtungswesens und an den Kern der Sozialversicherung nicht rütteln lasse.

Aber es gebe auf diesem Gebiete noch eine Anzahl 3n- flationserscheinungen und eine Anzahl Unausgeglichenheiten, die noch beseitigt werden müßten und wo die Gewerkschaften auch noch Konzessionen machen könnten. Den Vertretern der Arbeitgeber, die in den letzten Tagen von ihm verlangt hät­ten. das staatliche Schlichtungswesen wenigstens vorüber­gehend zu suspendieren, habe er geantwortet, daß er das entschieden ablehne.

Reichskanzler Dr. Brüning führte aus, daß die Re­gierung die heutigen Verhandlungen mit den Gewerk- ' schaftsoertretern von sich aus weiter fortsetzen werde. Er } wolle aber heute schon gegenüber irreführenden Mitteilungen f in der Oeffentlichkeit sagen, daß die Ermächtigung, die die Regierung in dem neuen agrarpolitischen Gesetzentwurf vom Reichstage verlange, nicht so gedacht sei, daß die Regierung nun sofort Zollerhöhungen durchzuführen beabsichtige; vielmehr soll jede eventuelle Aollerhöhung davon abhängig i sein, daß die Landwirtschaft zuvor gewisse Bedingungen auf dem Gebiete der Selbsthilfe erfülle, z. B. auf dem Gebiet der Rationalisierung, der Standardisierung, der Verkaufsorga­nisation durch Ausbau des Genossenschaftswesens usw. Der Reichsernährungsminister habe erklärt, daß er der Land- wirtickaft für die Durchführ^g dieser Selbsthilfemaßnah- men beffimnifexen^ w^rv^ämd ekfk^chSrsäÄ«« dieser Bedingungen werde die Regierung sich bereit erklä­ren. von der Ermächtigung eventuell Gebrauch zu machen.

Der Reichspräsident schloß die Unterredung mit dem Bemerken, daß er die Sorge der Gewerkschaften teile, daß er gewiß tun wolle, was in seinen Kräften stehe, zu helfen, und daß er glaube, daß auch die Regierung ihrerseits das Not­wendige und Mögliche gleichfalls tun werde.

Lohnverhandlimge» bei Rordweft

Essen a. Ruhr, 28. Februar.

Der Arbeitgeberverband der Nordwest-Gruppe hat sich mit den tariflichen Gewerkschaften in Verbindung gesetzt, um ihnen unter Hinweis auf die ungünstige Entwicklung der Ab­satzlage die Notwendigkeit eines sofortigen Lohnabbaues vorzutragen. Eine derartige Vereinbarung ist jedoch nur möglich, wenn der derzeitige Tarifvertrag, der frühestens am 1. März kündbar ist, außer Kraft gesetzt wird. Der Rahmentarifvertrag ist bereits zum 1. März kündbar. Das Bestreben der Nordwest-Gruppe geht dahin, mit der bisheri­gen Lohnsumme eine größere Anzahl von Arbeitern be­schäftigen zu können. Sollte sich ein Lohnabbau nicht durch­führen lassen, so glaubt die Nordwest-Gruppe neue Arbeiter- entlassungen in großem Umfange nicht vermeiden zu können.

lagimg der Landwirtschastrkammer

Minister Steiger über die agrarpolitischen Aufgaben.

Berlin. 28. Februar.

In der 13. Hauptversammlung der preußischen Land- wirtschaftskammer sprach Landwirtschaftsminister Steiger. Er erkannte an, daß die Rationalisierungsbestrebungen in der Landwirtscha'' schon Wirkungen gezeitigt habe; indessen cklüßten die Genossenschaften ihre neue Aufgabe mit noch größerem Nachdruck in die Hand nehmen. Es sei dringend zu wünschen, daß die Landwirtschaft freiwillig und ohne Zwang alle erforderlichen Maßnahmen sowohl auf dem Produktions- wie auf dem Absatzgebiete treffe.

Eingehend verbreitete sich der Minister über die Mög­lichkeiten, die Zinssätze für den landwirtschaftlichen Kredit herabzusetzen. Zum Schluß erklärte er, nicht nur der Osten bedürfe der Reichs- und Staatsfürsorge; sehr ernst seien die Verhältnisse auch in der Eifel, im Hunsrück, im Westerwald, in Teilen des Saucrlandes und in der E m s - N i e d e r u n g. Auch hier müßten Reich und Staat eingreifen.

Im Anschluß an eine vom Präsidenten Dr. Brandes beantragte Entschließung, die sich der Stellungnahme des Deutschen Landwirtschaftsrates zum neuen Agrarprogramm der Regierung im vollen Umfange anschließt, stellte der Präsident der Oberschlesischen Landevirtschaftskammer Franzke den Antrag, die Hauptlandwirtschaftskammer möge ihr Bedauern darüber aussprechen, daß landwirtschaftliche Vertreter einzelner Parteien im Reichstage in den letzten Tagen nicht zur Stelle waren, als es sich darum handelte, die Bemühungen des Reichsernährungsministers gegen die Wiedereinführung des Gefrierfleisches zu unterstützen; der Antrag wurde zunächst zurückgestellt.

Die römische» Flottenoerhandlmgen

Bemerkenswerte italienische Zurückhaltung.

Rom, 28. Februar.

Die englischen und italienischen Sachverständigen traten am Freitag erneut im P a l a z z o C h i g i zu einer Be­sprechung zusammen. Auch der italienische Außenminister Grandi hatte mit Henderson eine neue Unterredung.

Nach der Unterredung Hendersons mit Grandi begab ich dieser zum Palazzo Venezia, um mit Mussolini zu kon- erieren. Im Anschluß daran gab Grandi Henderson und )em britischen Admiral Alexander in der Villa d'Este bei Tivoli ein Frühstück, an dem auch der italienische Marine­minister Sirianni, der englische Botschafter sowie andere italienische und englische Persönlichkeiten teilnahmen. Die Sachverständigen setzten die Besprechungen am Freitagnach­mittag fort.

Die Eröffnung der englisch-italienischen Besprechungen über die Flottenfrage wird von der gesamten italienischen Presse mit größter Zurückhaltung kommentiert. Bei dem strengen Stillschweigen, das von allen beteiligten Stellen beobachtet wird, beschränkt man sich auf die

Warnung vor voreiligen Kombinationen.

Der römische Korrespondent desCarriere della Sera" er­klärt u. a., daß» jetzt noch entgegen gewissen französischen Tendenzen der Abschluß einer Verständigung zu Dritt in Frage stehe, dessen Zustandekommen davon abhänge, ob Italien annehmbare Vorschläge unterbreitet würden. Dabei stelle Italien allerdings keine übertriebenen Forderungen und sei zu den weitgehendsten Rüstungsverminderungen be­reit unter der Voraussetzung, daß seine elementarste Sicher­heit nicht gefährdet werde.

Nach französischer Darstellung auf Grund römischer In­formationen soll man in Rom der Ansicht sein, daß die An- Wfe^eM^ <h» ialWiea Ende ungefaßt worden sei.

Der an der Londoner Abrüstungskonferenz teiligemfin5 men hätte, wisse aus Erfahrung, daß die ziffernmäßigen Abschätzungen bei der Berechnung nicht der künftigen, son­dern der vorhandenen Flotten um 10 000, ja um 100 000 Tonnen voneinander abwichen, je nachdem, ob es sich um französische, englische oder italienische Schätzungen handele. Trotz der Zurückhaltung der italienischen Regierungskreise und der faschistischen Presse soll aber nach französischer Be­hauptung ein optimistischer Eindruck hinsichtlich des Aus­ganges der Verhandlungen bestehen.

Einer Havas-Meldung zufolge sollen sich zwischen dem Flottensachverständigen desForeign Office", Craigie, und den übrigen Mitgliedern der englischen Delegation

gewisse Meinungsverschiedenheiten ergeben haben.

Die Delegation soll festgestellt haben, daß Craigie bei der Berechnung der Ziffern der Tonnage, die Frank­reich gegenwärtig besitze und im Bau habe, allzu ent­gegenkommend gewesen sei. Die Frage sei nun, ob man unter diesen Umständen eine neue Prüfung der Ziffern vornehmen müsse.

Tatsache ist jedenfalls, daß man in London vor jedem über­triebenen Optimismus warnt. So meint z. B. der Times- Korrespondent, es fei unwahrscheinlich, daß schon jetzt ir­gendeine wichtige Erklärung von Rom aus erfolgen werde. Selbst wenn die Grundlage einer Vereinbarung gefunden sei, müßte erst die Zustimmung der Vereinigten Staaten und Japans eingeholt werden, bevor der erstrebte Funf- mächtepakt formell in Erscheinung treten könne.

Rom, 28. Februar.

Wie die Agencia Stefani über den Schluß des zweiten Tages der Flottenbesprechungen mitteilt, haben die englischen und italienischen Sachverständigen nach einem von Grandi gegebenen Frühstück um 16 Uhr ihre Arbeiten fortgesetzt. Um 18 Uhr begaben sich die Minister G r a n d i undSirrni nach dem Palazzo Venezia, um den Ministerpräsidenten Mussolini über die Verhandlungen zu unterrichten. Die Unterredung hat über eine Stunde gedauert. Gestern abend fand ein Diner in der englischen Botschaft beim Quirinal statt.

Zollgesetz fertig

Berlin, 28. Februar.

Das Gesetz über Zolländerungen ist vom Reichsernäh- rungsministerium im Benehmen mit den beteiligten Reichs­ressorts endgültig formuliert und dem Reichsrat zugeleitet worden. Reichsminister Schiele hat bereits den Reichsrat in einem eingehenden Referat über das Zollgefetz und das Agrarprogramm der Reichsregierung informiert, um eine Abkürzung der Einlassungsfrist und eine schnelle Behand­lung des Gesetzes im Reichsrat zu ermöglichen.

Sechs Neger hingerichtet

Columbia (Südkarolina), 28. Februar. Wegen der Er­mordung von zwei Weihen wurden sechs Neger auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Der Hinrichtung wohnten 16 Zeugen, darunter vier Frauen, bei. Es ist dies das erste Mal in der Geschichte des Staates Südkarolina, daß sechs Personen an einem Tage hingerichtet wurden.