yersfelöerTageblatt
^NAtigenprtls r Dir einspaltige 'Petitzeile 15 Vsennia, öft Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunüschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis- Nachlaß gewahrt. ♦ Für die Schriftleitung verant- wörtlich:-ranz Zunk in siersfeld. ♦ Fernsprecher Nr/
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
: Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.50 : Reiche-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Nersfeld : 1.20 Reicks-Mark bel freier Zustellung, für Abholer ; 1.00 Reichs-Mark.» druck und Verlag von Ludwig : Zunk« Buchdruckerei in Yersfeld, Mitglied desvdZV.
Nr. 107
Freitag, den 8. Mai 1931
81. Jahrgang
Die Folgen des Fünfjahresplanes
Rußlands Ausfuhrpolitik bedroht die Landwirtschaft aller Lander
Ergebnis der Woche
Die vom Reichskabinett eingesetzte Gutachterkommission zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat soeben den zweiten Teil ihres Gutachtens der Oeffentlichkeit übergeben. Er bringt ebensowenig wie der erste Teil eine sensationelle Lösungsform. Das Gutachten geht vielmehr von der nicht zu bestreitenden Tatsache aus, daß der Arbeitslosigkeit durch Arbeitsbeschaffung beigekommen werden müsse. Aehnliche Gedanken haben vorher schon andere Personen und Faktoren zum Ausdruck gebracht, ohne allerdings einen gangbaren Weg für die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit zu zeigen. Auch das Brauns-Gutachten bleibt im wesentlichen theoretisch, zieht aber zum Vergleich den Zustand der deutschen Wirtschaft nach dem Ruhrkampf und der Inflation heran, wo eine Ingangsetzung der Wirtschaft an dem Fehlen der notwendigen Betriebskapitalien scheiterte. Das Gutachten geht deshalb von jenem Erfahrungsgrundsatz aus, daß die Wirtschaft ihre Produktionsbasis erweitern könnte, wenn ihr die notwendigen Kapitalien zur Verfügung stünden. Es schlägt deshalb Kapitalbeschaffung durch Inlandskredite und Ausländsanleihen vor. Bis dahin scheint das Gutachten durchaus logisch zu sein; es widerspricht aber der international festgestellten Beobachtung, daß die Kaufkraft allgemein gesunken ist, die Warenerzeugung also die Gesamtkaufkraft der Welt wesentlich übersteigt. Das Gutachjen meint zwar, daß „das natürliche Betätigungsfeld solche Aufgaben sein würden, die sich für eine zentrale Planung eigneten" — wir können uns nichts Greifbares darunter vorstellen angesichts der Tatsache, daß das Arbeits- lvsenproblem zwar ein Problem der Arbeitsbeschaffung, die Arbeitsbeschaffung aber eine Frage des Warenabsatzes ist. Es erscheint unmöglich, den Gedanken der produktiven Erwerbslosenfürsorge in veredelter Form zu neuem Leben rfWtfttii^illliliKii ....... ■ —'-* ...... ."> «w. -
*
Eine ähnliche Unklarheit besteht auch in der Frage des freiwilligen Arbeitsdienstes, die sowohl in dem Brauns-Gutachten erwähnt und kürzlich auch in einer Besprechung zwischen dem Minister Treviranus und einer Reihe von Organisationsoertretern erörtert worden ist. Die .Arbeitslosigkeit ist eben eine Folge der nichtvorhandenen Arbeitsmöglichkeit. Von den rund 5 Millionen Arbeitslosen ind mindestens 4 Millionen ehrlich Arbeitswillige. Uns cheint deshalb auch das Problem des freiwilligen Arbeits- dienstes daran zu kranken, daß man noch nicht die Frage geklärt hat, woher die Arbeit kommen soll, die diese Arbeitswilligen verrichten sollen und wollen. Denn selbst wenn man daran denken sollte, Oedländereien zu kultivieren, dann kann man dort vielleicht einige hundert oder tausend Siedler neu ansetzen, aber das Gesamtproblem der Arbeitslosigkeit erführe damit keine Klärung. Soeben hat die Tagung der Internationalen Handelskammer in New Park den Grundsatz aufgestellt, daß zur Behebung der internationalen Agrar not die landwirtschaftliche Erzeugung eingeschränkt und auch die Anbaufläche eingeengt werden müsse. Kultivierung von Oedländereien, so notwendig sie ist, um Deutschland unabhängig vom Ausland zu machen, scheint in dem Augenblick ungeeignet, wo die Welt unter einer agrarischen Ueberproduktion leidet.
*
Es scheint überhaupt in unserem System der fiskalischen und privaten Wirtschaftsführung eine Fehlerquelle vorhanden zu sein, der man nicht beizukommen vermag. Aus der einen Seite bemüht man sich mit allen Kräften, der Landwirtschaft zu helfen, nicht zuletzt dadurch, daß man Agrar- und Lebenshaltungsindex in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen sich bestrebt. Kaum ist man aber in der einen Richtung einen Schritt vorwärts gegangen, drängen Gegenkräfte aus der anderen Richtung wieder zwei Schritte zurück. Es braucht nur an die B r o t p r e i s f r a g e erinnert zu werden. Das natürliche Empfinden der großen Masse fragt nicht mit Unrecht, ob es denn gar keine Möglichkeiten gebe, solche offensichtlichen Fehlerscheinungen mit bei Wurzel zu beseitigen.
*
Der Kamps um den d e u t s ch - ö st e r r e i ch i s ch e n Zollplan nimmt, je näher der Termin der Genfer Verhandlungen heranrückt, immer schärfere und groteskere Formen an. Selbst für den politisch Blinden ist es heute eine Binsenwahrheit, daß Frankreich seine ganze politische Macht aufbietet, um diesen Plan zum Scheitern zu bringen Mit Intrigen und Druckmethoden wird zur Zeit in einer Weise gearbeitet, wie sie seit dem Ruhrkampf nicht wiedel zu verzeichnen war. Von einer Friedens- und Verständigungspolitik kann jedenfalls keine Rede mehr fein. Rumänien wurde gezwungen, die deutsch-rumänischen Handelsvertragsverhandlungen abzufagen, Sauerwein, der soeben ein Interview mit Schober böswillig gefälscht hat, ist nach Budapest abgereist in der offenbaren Absicht, auch hier seine irreführende Pressepropaganda wirken zu lassen. In Paris hat die große Kammeraussprache über das deutsch-österreichische Zollverlairgen begonnen, die aller Voraussicht nach mit einer großen Regierungsdemonstration gegen Deutschland abschließen wird.
Aber die Erkenntnis bricht sich in allen diesen die internationalen Beziehungen der Völker zueinander berührenden Fragen doch mehr und mehr durch. Man nimmt nicht jede französische Behauptung für reine Wahrheit, sondern sieht hinter ihr ein Manöver, dazu bestimmt, Frankreichs Machi- gelüste zu befriedigen. Gewiß, Frankreichs Vasallenzahl ist noch groß, sein politischer und militärischer Einfluß überragend und einschüchternd. Aber überall macht sich doch eine aufkommende Dämmerung über Frankreichs U n« friedenspolitik bemerkbar. In Rom und London geht man seine eigenen Wege, und in Washington ist soeben von Hoover zur Frdge Abrüstung und Weltwirtschaftskrise eine Rede gehalten worden, die eigentlich die schärfste Verurteilung der französischen Politik enthält, die je von einst alliierter Seite gegen Frankreich ausgesprochen worden ist. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß nach der französischen Präsidentenwahl sich auch in Frankreich ein Stimmungs- umschwung geltend machen wird, der entweder wirklich dem Frieden dient, oder der eine ganz klare Grenzlinie zwischen den friedfertigen und den kriegförl^niden Staaten herbeifüh'ü.
Ararproblem und RMaudplan
Einschränkung der landwirtschaftlichen Erzeugung,
Washington, 8. Mai.
Die Vollsitzung der Internationalen Handelskammer I erörterte am Donnerstag die Rot der Landwirtschaft. Pro- | fessor Russell von der Landwirtschaftlichen Fakultät der Uni- ! versität Wisconsin bezeichnete die Einschränkung der landwirtschaftlichen Erzeugung, insbesondere des Weizenbaues, 1 auf die Bedürfnisse des einheimischen Marktes als eine zwingende Notwendigkeit. Ein bedrohliches Problem stelle Rußlands Fünfjahresplan und Rußlands Entschluß dar, die ztnEutife—tnm -twufu teuer. ntaftyeneu -Er«, -ÄE>jtiy» vo» Weizen zu bezahlen. Obwohl niemand voraussagen könne, inwieweit die russische Idee erfolgreich sein würde, so biete doch der zentrale, industrialisierte Betrieb des russischen Getreidebaues und dessen zentralisierte Absatzorganisation gute Aussichten für die Durchführbarkeit wenigstens dieses Teiles des großzügigen russischen Modernisierungsplanes. Dies sei nicht die einzige Ware, in-der die Vereinigten Staaten durch Rußland auf dem Weltmarkt bedroht würden: Rußlands Baumwollprodukton fei von 41000 Ballen im Jahre 1921 auf 2 Millionen Ballen 1930 gestiegen und 1932 würde Rußland keine ausländische Baumwolle mehr zu kaufen brauchen, ja kürzlich konnte es Amerika in Manchester bei einem Posten von 13 000 Ballen um einen halben Cent je Pfund unterbieten.
Andere Länder schützten sich durch Zölle vor der Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Deutschland sei hierin am weitesten gegangen. In den letzten 16 Monaten habe Deutschland den Weizenzoll um über 230 Prozent erhöht, auf das fast Doppelte des Weltmarktpreises. Das solle ein guter Schutz für die deutschen Landwirte sein, was immer auch diese Erhöhung für den deutschen Verbraucher bedeuten möge.
Frankreich habe seinen Weizenzoll verhältnismäßig noch stärker gesteigert, nämlich um 400 Prozent in vier Jahren, wenn auch der tatsächliche Zoll nur wenig mehr als die Hälfte des deutschen Zollsatzes besage. Amerika habe genau so gehandelt, indem es unter dem Vorwand einer Unterstützung der Farmer die Zollmauer auch für Industrie- produkte erhöhte, was zu Repressalien anderer Länder geführt habe. Die einzige Hoffnung für die Landwirte sei zur Zeit ein „Moratorium" für die landwirtschaftlichen Produkte.
Revision „unwirtschaftlicher" Schulde«?
Eine internationale Aktion in Washington.
New Pork, 8. Mai.
Auch die „New Nork Times" und der „Herald Tribune" bringen in großer Aufmachung Berichte über englische Bemühungen, die auch von der deutschen Delegation unter stützt würden, um die Formulierung eines Beschlußentwurfes fertigzustellen, wonach die Internationale Handelskammer eine Studienkommission zur Revision des Problems „unwirtschaftlicher" Schulden einsetzen soll.
Das Hauptargument für diese Bestrebungen soll nach Ansicht dieser Zeitungen das Mißverhältnis zwischen den Schuldverpflichtungen und dem Fall der Warenpreise um 25 bis 30 Prozent sein.
„Herold Tribune" weist darauf hin, daß mit dem Widerstand der französischen Delegation zu rechnen sei, und „Times" hebt gleichfalls hervor, daß über die Frage der Annahme der Resolution wahrscheinlich noch eine große Debatte zu erwarten sei.
In den Kreisen der Internationalen Handelskammer geht das Gerücht um, die britisch? Delegation erwäge, ob es nicht zweckmäßig sei, in einer der nächsten Sitzungen der Handelskammer eine Entschließung über Kriegsschulden , und Abrüstung einzubringen. Die Mitglieder der Delegation lehnten es ab, sich ju diesem Gerücht zu äußern. '
5 Zollunion vor der Kammer Eine Hetzrede gegen Deutschland.
Paris, 8. Mai.
In der Kammer brächte der Abgeordnete P b a r n e g a- r a y seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, daß England und Italien sich angesichts des deutsch-österreichischen Oollangleichungsprojektes durchaus kühl verhalten und sich rankreichs Haltung nicht angeschiosfen hätten. Er machte Briand zum Vorwurf, daß er die Haltung anderer Staaten und insbesondere die des englischen Außenministers Hender- falls allzu günstig interpretiert habe. Vor einigen Jahren habe Italien noch erklärt, daß der Anschluß den Krieg bedeuten würde, jetzt aber schweige es. Deutschland fordere für jedes ihm gemachte Zugeständnis ein neues (!) Gestern habe es noch das Saargebiet und Malmedy gefordert und heute oerlar-» es den Anschluß. Morgen werde es Danzig und die r ion des Poungplanes verlangen. Man müsse gegen- übe atschland eine entschlossene Politik einschlagen in enr inigkeit mit den Freunden Frankreichs in Osteuropa. Die ^.cherheit Frankreichs verlange, daß es keine weiteren Zugeständnisse mache.
hierauf erklärte Briand: Der englische Außenminister Henderson habe in Paris verlangt, daß die ganze Angelegenheit vor den Völkerbund gebracht werden solle. In dieser Forderung sehe er weder eine unfreundliche Geste, noch den Wunsch Englands, mit Frankreich zu brechen. Italien habe den Zusammentritt des 1922 eingesetzten Finanzkontrollaus- schusses verlangt. 3n allen diesen Fragen herrschte völlige Einigkeit und man müsse feststellen, daß die übrigen Alliierten um Frankreich einen engen kreis der Solwarität geschloffen hätten. Man werde erkennen, daß Frankreich keineswegs isoliert dastehe.
Nach der Rede Marnegarays wurde die Debatte auf Freitag nachmittag vertagt.
Prag, 8. Mai.
Im Außenausschuß des Senats eröffnete der deutsche sozialdemokratische Senator Dr. Heller die Debatte über den Plan einer österreichisch-deutschen Zollunion und führte u. a. aus:
Er halte es nicht für zweckmäßig, daß diese Frage von Anfang an auf das politische Gebiet gewälzt werde. Sie sei eine wirtschaftliche Angelegenheit. Seine Partei sehe nicht ein, daß die Zollunion einen solchen Kampfblock bilden müsse. Trotzdem habe seine Partei, ohne sich in allen Details mit dem Minister identisizieren zu können, keine Ursache, insbesondere den wirtschaftlichen Teil des Exposes des Ministers abzulehnen.
Senator Dr. Feierfeil (Deutschchristlichsozialer) erklärte, es geschehe nichts gegen Deutschland und das deutsche Volk, wo nicht Dr. Benesch führend dabei wäre. Die Argumente gegen die Zollunion bedeuten keine Aufgabe der Selbständigkeit Österreichs. Die Partei des Redners begrüße diesen Plan und wünsche, daß es nicht gelinge, ihn zu zerschlagen.
Senator Krejci (tschech. Sozialdemokrat) erkannte trotz der überaus großen Tragweite des Wirtschaftsprojektes an, daß es sich tatsächlich nur um die wirtschaftliche Frage handele.
Eewaltan-rohung gegen Danzig
Posen, 8. Mai.
In der hiesigen Universität fand eine Kundgebung der Studenten gegen Danzig statt. Alle Studentenverbindungen nahmen daran teil. Während der Ansprachen, die sehr scharf gegen die sogenannten Danziger Provokationen Stellung nahmen, erschollen laute Rufe wie „Fort mit dem Deutschen Hakatismus" und „Es lebe das polnische Danzig". Mm Schluß der Versammlung wurde eine Entschließung angenommen, in der es heißt,
daß die Posoner Bevölkerung geschlossen hinter den unterdrückten polnischen Brüdern stehe. Es werde eine Zeit kommen, in der diese nationalen Leiden ein Ende , haben würden.
Hart) der Versammlung zogen die Studenten in Gruppen Durd) die Straßen, ohne daß es vor deutschen Geschäften zu Zwischenfällen kam.
Erniichterunu in Bukarest
Schwere Vorwürfe gegen den rumänischen Außenminister.
Bukarest, 8. Mai.
Die Angelegenheit der Unterbrechung der deutschrumänischen Handelsvertragsverhandlungen nimmt immer größeres Ausmaß an. Es ist offenkundig, daß die Meinungs- verschiedenheiten zwischen dem Außenminister Ghika und den in Betracht kommenden Ressortministern einen immer schärferen Charakter annehmen.
Dem Außenminister wird vor allem der Vorwurf gemacht, daß er ohne Befragung und ohne Unterrichtung der zuständigen Minister vorgegangen sei. Es wird in hiesigen politischen Kreisen für nicht ausgeschlossen gehalten, daß der rächste Ministerrat ^sondere Ueberraschungen infolge dieser Meinungsverschied ' "en bringen ws?d.