HersfelöerTagrblatt
Ynzetgenpret«: die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezelle 50 Pfennig. (Grundschrist Korvus). vei Wiederholungen wird ein entsprechender preis- NachlaS gewährt. ♦ $ßr die Schriftleitung verantwortlich: Kranz Zunk m yrrsfelö. »sernfprecher Ut/
Nr. 112
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher-fuzeiger für den Kreis Hersfelö
Freilag, den 15. Mai 1031
81. Jahrgang
Doumer Frankreichs Präsident
Außenminister Briand hat vor der Stichwahl seine Kandidatur zurückgezogen
Ergebnis der Woche
Mit einer Art Sternfahrt der Leiter der europäischen Politik nach Genf sind die Beratungen im Europa-Ausschuß und Völkerbundsrat eingeleitet worden. Ein großer Teil der Minister hatte sich bereits am Mittwoch in Genf eingefunden, darunter der englische Außenminister Henderson, der zwar in Paris Station ge- macht hatte, eine Unterredung mit Briand aber vermied. Die deutsche Delegation reiste erst Mittwoch nachmittag nack Genf ab, nachdem das R e i ch s k a b i n e t t vorher noch den Gesamtkomplex des Genfer Beratungsstoffes durchberaten und die deutsche Stellungnahme grundsätzlich festgelegt hatte. Ärenn man den halbamtlichen Verlautbarungen glauben darf, ist man sich innerhalb des Reichskabinetts darüber einig daß Deutschland in allen deutsche Interessen berührenden Fragen eine entschiedene Haltung einnehmen wird. Bekanntlich tritt zunächst der Europa-Ausschuß zusammen, dem es obliegen wird, die durch den Paneuropa-Plan Briands aufgeworfenen Fragen in den Kreis seiner Betrachtungen zu ziehen. Die Basis der Aussprache wird durch den deutsch-österreichischen Zollunionsplan und durch die Vriandsche Gegenaktion wesentlich erweitert. Nachdem durch die Kammerrede Briands und durch die Antwort des deutschen Außenministers die beiderseitigen Auffassungen bereits ziemlich klar umrissen worden sind, wird man in Genf darauf bedacht sein, den Ausgleich herbeizuführen. Es ist bezeichnend, daß zwar seinerzeit Deutschland und Oesterreich ihre Zollabmachungen nach dem Zugeständnis Briands sofort den europäischen Hauptstädten bekannt gaben, während Frankreich bis heute Deutschland keinerlei Mitteilung über den Inhalt des Briandschen Gegenplanes gemacht hat. Da Rußland ausdrücklich zur Teilnahme an den Beratungen des Europa-Ausschusses eingeladen worden ist, werden sich sehr wahrscheinlichere Auseinandersetzunaen in Opnf Z^/?^
*
Während man sich in Genf zusammensetzt, angeblich um den Frieden Europas zu verstärken, hat sich in der südwestlichsten Ecke des europäischen Kontinents, in Spanien, als Auswirkung des Umsturzes eine neue revolutionäre Strömung entwickelt, von der man nicht Voraussagen kann, nach welcher Seite sie ausschlagen wird. Das erste Anzeichen einer monarchistischen Gegen- bewegung gab den Auftakt zu blutigen Tumulten, die sich hauptsächlich gegen den Klerus und gegen Einrichtungen der katholischen Orden auswirkten. Wie es heißt, gehen die Terrorakte von kommunistischer Seite aus. Es ist überraschend, welchen Zulauf diese Elemente aus den Kreisen der gutkatholischen spanischen Bevölkerung haben. Die neue spanische Regierung versichert zwar, daß sie sich für den Schutz der kirchlichen Einrichtungen wie für die Sicherung der Glaubensfreiheit und für das Privateigentum ein- setze; sie hatte bisher aber nicht die Macht, den Zerstörungen von Kirchen und Klöstern Einhalt zu tun. Die Gottlojen- bewegung, die von Moskau aus sich über die ganze Welt zu verbreiten beginnt, scheint jedenfalls in Spanien außerordentlich tragfähigen Boden gefunden zu haben. Dadurch wird man an die Aeußerung eines sowjetrussischen Agita- lors erinnert, der vor mehreren Monaten erklärte, das Ziel Der kommunistischen Propaganda sei, die Westmächte durch Bolschewisierung eines westlichen Staates in eine Zange zu nehmen, der sie auf die Dauer nicht widerstehen könnten. Das übrige Europa hat jedenfalls allen Grund, zu hoffen, daß es der spanischen Regierung gelingt, der kirchenstürmen- den Bewegung in Spanien Herr zu werden, weil sich sonst ein neuer Unruheherd entwickeln könnte, dessen bedenkliche Ausstrahlungen nicht abzusehen sind.
♦
Wenn man den Versicherungen von verschiedenen Seiten trauen darf, dann dürfte mit dem Abschluß des evangelischen Kirchenvertrages in Preußen eine klare Rechtslage in den Beziehungen der beiden christlichen Kirchen zum Staat herbeigeführt worden sein. Von evangelisch- kirchlicher Seite wird erklärt, daß nicht alle Wünsche erfüllt wurden, die man billigerweise Hütte erfüllen sollen. Aber die jetzige Rechtslage ist besser als der bisherige rechtlose Zustand. Jetzt kommt es vor allem darauf an, daß die vertraglichen Abmachungen von beiden Seiten im Geiste des Friedens und der Achtung voreinander gehalten werden. Der Staat sagt den Kirchen und ihren Einrichtungen den Schutz des Staates und volle Glaubensfreiheit zu. Die Kirchen andererseits anerkennen den Staat und gewähren ihm, was ihm gehört. Auf dieser Basis sollte ein friedliches Beieinanderwohnen und Füreinanderleben möglich sein. Der Friede der Kirchen mit dem Staat und untereinander erscheint angesichts der immer stärker hervortretenden Gott- losenpropaganoa notwendig, nicht nur im Interesse der Kirche. Das ist durch einen Erlaß des Reichsinnenmmisters Aum Schutze der Kirchen und ihrer Einrichtungen klar zum Ausdruck gebracht worden
*
Die Verhältnisse in Rußland und die jetzigen Ereignisse in Spanien sind keineswegs dazu angetan, die Augen verschließen zu wollen gegenüber Bestrebungen, die sich gegen Einrichtungen richten, die die Grundlage unserer Kultur und unserer religiös-sittlichen Gesellschaftsordnung darstellen. Zerstört man diese Basis, zerstört man gleichzeitig die
Grunosesten des Staates Wie eng hier staatliches und kirchliches Leben miteinander verbunden sind, wird uns in öem gegenwärtigen Augenblick der überaus beängstigenden Wirtschaftsentwickelung besonders offenbar. Der Reichsfinanzminister hat in diesen Tagen von der Möglichkeit gesprochen, daß „der s ch l i m m st e Fall eintrete" Er hat damit angedeutet, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für Deutschland unlösbar erscheinen könnte. Was sich daraus ergeben müßte. wäre ein Problem, das von Deutschland nicht allein zu meistern wäre.
BrUdentenwahl in Waides
Doumer blieb Sieger
Versailles, 13. Mai.
Bereits am frühen Vormittag begann die Auffahrt bei Parlamentarier zur Präsidentenwahl im Kongreßsaal ir Versailles. Als einer der ersten erschien im Saale Senats präsident Paul Doumer mit den Quästoren des Senats unt der Kammer, denen die Aufgabe zufällt, die Verhandlunger zu leiten. Als Doumer feinen Sitz eingenommen hat, setz starker Applaus ein. Einige Minuten vor Beginn bei Sitzung tritt Briand ein. Unbemerkt. Ihm wird keine Ovation dargebracht. Er nimmt auf der Regierungsbank Platz
Pünktlich um 2 Uhr eröffnet Paul Doumer die Sitzung indem er das Einbe'rufungsdekret des Kongresses verliest Als die Verlesung zu Ende ist, erhebt sich der Kommunis Duclos und bittet um das Wort. Präsident Doumer nimmi darauf keine Rücksicht.
Im selben Augenblick veranstalten die Kommunisten ein« Demonstration, indem sie im Sprechchor rufen: Les Sowjets Les Sowipt«! Coc -2" r — *“* Sozialisten, die hinter un£ vor ihnen sitzen. Jedoch lasier sich die Kommunisten nicht abhalten. Der Quästor der Kammer, der sozialistische Abgeordnete Barthe springt hinzu um Tätlichkeiten zu verhindern. Aber die Kommunisten diesmal von Eachin unterstützt, setzen ihre Demonstratior fort.
Um 2.10 Uhr beginnt der Aufruf der Mitglieder der Kammer und des Senats zur Stimmabgabe.
AIs Briand an die Wahlurne tritt, bereiten ihm seine Anhänger eine langanhaltende begeisterte Ovation.
Stichwahl ersorderlich
Im ersten Wahlgang erreicht keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit. Doumer erhält 442, Briand 401, hen- nessy 15, Abgeordneter Eachin (Komm.) 10, der Präsident der Republik Doumergue 7, Abgeordneter Ricklin 6, Senator Lebrun 4, Abgeordneter Painlevö 2, Senator Sleeg 1, Abgeordneter Renaudel (Soz.) 1, Kriegsminister Waginol
1 Stimme. Im ganzen haben 902 Senatoren und Abgeordnete an der Abstimmung teilgenommen. Die absolute Mehrheit von 452 Stimmen ist also von keinem Kandidaten erreicht worden.
Briand verzichtet!
Auf Grund der Ergebnisses des ersten Wahlganges verzichtet Briand auf die weitere Kandidatur. Die Linke präsentiert darauf den Radikalen Marraud als ihren Kandidaten.
Die Entscheidung
Um 6,15 Uhr beginnt unter atemloser Spannung der Versammlung der große, der entscheidende Wahlgang. Das Ergebnis konnte nach Briands Verzicht nicht mehr zweifelhaft fein. Zum Präsidenten der Republik wurde Senals- präfident Doumer gewählt. Er erhielt 504 und der Kandidat der Linken, Marraud, 330 Stimmen.
Nach der Mahl in Versailles überreichte Ministerpräsident Laval dem neuen Präsidenten das Protokoll der Kongreßsitzung und brächte den Wunsch zum Ausdruck, daß seine Wahl für Frankreich außen- und innenpolitisch ein Pfand des Friedens, der Eintracht und des Glücres fein möge. Der Vizepräsident des Senats, H a b i e r, sagte, das Land, daß Ihre demokratische Überzeugung und Ihre Unparteilichkeit kennt, wird unsere Wahl ratifizieren in dem Bewußtsein, daß Sie unsere Verfassung loyal respektieren werden und daß Sie den Haß gegen den Krieg und das beharrliche Streben nach Frieden verkörpern.
Nachdem der neue Präsident die Glückwünsche der Regie- rungsmitglieder, zahlreicher Senatoren und Abgeordneten entgegengenommen hatte, dankte er für die ihm erwiesene große Ehre und sagte, daß Frankreich der bisher befolgten Friedenspolitik, die vom Parlament stets gebilligt wurde, treu bleiben rverde. Namentlich an Präsident Doumergue werde er sich ein Beispiel nehmen, um außerhalb und über den Parteien stehend den von den Franzosen gewünschten inneren und äußeren Frieden aufrecht zu erhallen.
Doumev'"-- verließ in Begleitung von Ministerpräsident Laval Versailles und erstattete den amtierenden Präsidenten gegen 22 Uhr einen Besuch. Er wurde mit Hochrufen be» grüßt^ ebenso aber Briand.
Das Ausland über Briands Niederlage England bedauert.
London, 15. Mai. -
In der Londoner Presse kommt verschiedentlich die Überraschung über Briands Niederlage zum Ausdruck, doch wird hervorgehoben, daß dieser Prestigeverlust nicht tragisch zu nehmen sei, falls Briand Außenminister bleibe.
„Times" schreibt: Doumer hat einen Mann geschlagen, der mehr als jeder andere für einen vernünftigen Internationalismus eintritt. Der Sieg Doumers wird nur dann bedauerlich fein, wenn er den Verlust der Dienste Briands für Frankreich in Europa zur Folge hat.
*
Amerika ist überrascht.
New York, 15. Mai.
Die Blätter widmen der Wahl des französischen Präsi- denten viel Raum. „Times" und „Herold Tribune" erklären in ihren Leitartikeln die Gründe der Niederlage Briands, die hier vielfach überrascht.
*
Polen frohlockt.
Warschau, 15. Mai.
„Kurjer Polska" meint, die Wahl Doumers beweise, daß die Politik einer allzu raschen deutsch-französischen V e r= ständigung bankerott gemacht habe.
Briand vertritt Frankreich in Genf
Paris, 15. Mai.
Gestern vormittag fand unter dem Vorsitz des Präsiden- ficht vertreten, daß es seine Pflicht sei, sein Portefeuille als Außenminister zur Verfügung zu stellen. Ministerpräsident Laval hat, von seien Ministerkollegen einstimmig unterstützt, Außenminister Briand lebhaft gebeten, nach Genf zu reisen, um dort vor dem Europaausschuß und vor dem Völkerbund die Interessen Frankreichs zu verteidigen. Außenminister Briand hat den Vorstellungen der Ministerkollegen nachgegeben und sich bereit erklärt, nach G e n f zu fahren. Daraufhin hat Briand seine Demission zurückgenommen.
Außenminister Briand ist gestern abend nach Genf abgereist.
Entgegen den von Paris aus verbreiteten Nachrichten wird in Genf bekannt, daß Briand nicht nur auf einige Tage, sondern für die ganze Dauer der Arbeiten des Europaausschusses und des Völkerbundsrates nach Genf kommen wird.
Der Genfer Arbeitsplan
t Genf, 15. Mai.
Der deutsche Außenminister Dr. C u r t i u s hatte gestern nachmittag eine Besprechung mit dem Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric D r u m o n d, in der die Disposi- i Honen für die Tagungen des Völkerbundsrates, deren Vorsitzender der deutsche Außenminister ist, und des Europaausschusses besprochen wurden. Man glaubt, heute vormittag in der Tagung des Europaausschusses mit den beiden ersten Punkten der Tagesordnung, die mehr formaler Natur sind, fertig zu werden. Die Verhandlungen werden sich wahrscheinlich noch bis in die nächste Woche hinausziehen. Es ist vorgesehen, daß vom Montag ab, am Tage des Zusammentritts des Völkerbundsrates, am Vormittag Ratssitzungen und am Nachmittag Sitzungen des Europaausschusses stattfinden. Vorläufig glaubt man, daß beide Tagungen bis Pfingstsonnabend abgeschlossen werden können. . ,, ,
Der englische Antrag zu der deutsch-österreichischen Zollabmachung,der eine juristische Prüfung der Frage bezweckt, wird nach den jetzigen Dispositionen am Dienstag auf die Tagesordnung des Rates gesetzt werden. Vorher dürfte in der Generaldiskussion des Europaausschusses über Die Wirtschaftsfragen die Frage der deutsch-österreichischen Zollangleichung nach der materiellen Seite zur Behandlung kommen.
Wiederaufrollung der Flottenfrage?
Genf, 15. Mai.
' Der britische Außenminister Henderson hatte gestern nachmittag mit dem italienischen Außenminister G r a n d i eine Besprechung, in der hauptsächlich die wirtschaimchen Fragen, die auf der Tagesordnung des Europaausschustes stehen, besprochen worden sein sollen. Ob die beiden Minister sich auch über die unterbrochenen Flottenverhand- I u n g e n unterhalten haben, konnte nicht festgestellt werden. Es liegt aber nahe, daß diese Frag« bei späteren Zusammenkünften auf der jetzigen Tagung noch erörtert wird.
Um die Offenlegung des Nüstungsstandes
Genf, 15. Mai.
Das Völkerbundssekretariat veröffentlicht die Schreiben der englischen, deutschen und französischen Regierung betreffend die englischen und deutschen Anträge auf Offenlegung des Nüstungsstandes. Die deutsche Regierung erklärt hierzu, - daß die englischen Vorschläge vgn demselben..(Bebauten aus-