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Hersfel-erTageblatt

Reisfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Reisfeld

Nr. 133 Mittwoch, den 10. Juni 1931 81. Jahrgang

Pnzelgenprels: die elnfpalttge Petttzetle 15 Pfennig, die Rtklamyelle 50 Pfennig. (Grunöschrlst Korpus). Bei wlederhvlungen wird ein entsprechender prels- Nachlaß gewährt. 8«r die SchrlMritung »tränt- »»Mich: -ranz Zank in Reisfeld. Zernsprecher fit.<

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äst1« 1.20 Retchs-Mark b, Zastellur 1*00 Keichs-Mark. druck und Verb Zunk vuchdruckerri in Reisfeld, 01

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Englischer Gegenbesuch in Berlin

Freundschaftliche Ge Haltung der deutsch-englischen Beziehungen Kein Transfer-Moratorium

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Jetzt beginnt der schwerste Teil der Reise."

London, 10. Juni.

Die deutschen Minister Dr. Brüning und Dr. Curtiu« haben Dienstagvormittag die Heimreise angetreten. Aus dem Waterloobahnhof hatten sich Vertreter des Foreign Office, ein Stab der deutschen Botschaft, der österreichische Gesandte, Vertreter der deutschen katholischen Kirche und zahlreiche Vertreter der Presse eingefunden. MacDonald und Henderson hatten sich bereits am Abend vorher persönlich von ihren deutschen Gästen verabschiedet.

Kurz vor der Abfahrt des Zuges erklärte der Reichs­kanzler den zum Abschied Erschienenen u. a., daß der Be­such in London alles gehalten habe, was man sich vernünf­tigerweise davon versprechen konnte. Besonders sei er froh über die Gelegenheit gewesen, mit führenden Männern bei Wirtschaft und Politik in zwangloser Aussprache zusam­men gewesen zu sein.

So hatte der Kanzler noch am Nachmittag des Montag eine längere Unterhaltung mit Lord d'Abernon über Finanzfragen, besonders über das Problem, die Zentral- notenbanken zu einem gemeinsamen Vorgehen zur Behebung der Weltwirtschaftskrise 311- veranlassen. Als der Zug aus dem Bahnhof langsam hinausfuhr und die Berliner Herren aus den Fenstern des Pullman-Wagens den letzten Abschied winkten, meinte Major Church, ein persönlicher Freund Dr. Brünings: ' ' . K

Jetzt beginnt der schwerste Teil der Reise."

In Southampton begaben sich die Minister in Beglei­tung des deutschen Botschafters wieder an Bord des von del Admiralität zur Verfügung gestellten ZerstörersWin­chester", der sie nach dem Norddeutschen Lloyd-Dampfer Europa" brqchte, mit dem die deutschen Staatsmänner die Heimfahrt nach Deutschland antraten. Die Ankunft der ^WrfffTtF'-mirDer ^k-ebe u»*-k«~*«._ ^;i-LU-'e M aller- dings etwas durch starken Nebel im Kanal. J

Was sie uns mitbringen

Das Ergebnis des Besuches der deutschen Staatsmänner in England läßt sich zur Zeit noch nicht übersetzen. Aus jeden Fall ist es falsch, anzunehmen, daß sie eine festum- rissene Vereinbarung über irgendeine der schwebenden Fra­gen mit nach Hause bringen. Im Vordergrund der Unter­haltungen stand offenbar fast ausschließlich die internationale Wirtschaftskrise. Von dieser ausgehend haben Brüning unk Curtius die besondere Lage Deutschlands gekennzeichnet und unter Hinweis auf die soeben dem deutschen Volke mit der neuen Notverordnung auferlegten schweren Lasten erklärt, daß Deutschland ohne Entlastung von den drückenden Tri­buten vor einer Wirtschafts- und Zahlungskatastrophe steht. 211 an ist offenbar dahin übereingekommen, die im eng­sten vertraulichen kreise aufgenommene Aussprache fortzu- führen und sie auf alle daran beteiligten Staaten auszu- dehnen. Es war von vornherein vorgesehen, den englischen Premier und den englischen Außenminister nach Berlin einzuladen. MacDonald und Henderson haben, wie aus London gemeldet wird, zugesagt, ihren Gegen- besuch bereits in allernächster Zeit zur Fortsetzung der freund­schaftlichen Aussprache abzustatten.

Bericht im Kabinett

Wenn sich keine größeren Verzögerungen in der Heim­reise der beiden Staatsmänner ergeben, ist damit zu rechnen, daß noch am Mittwochabend unmittelbar nach der Ankunft des Kanzlers und des Außenministers eine Kabinettssitzung stattfindet, um den eingehenden Bericht über den Besuch in England entgegenzunehmen. Der Kanzler wird sich dann voraussichtlich noch im Laufe dieser Woche nach Gut Neudeck begeben, um dem Reichspräsidenten ebenfalls Bericht über den Englandbesuch zu erstatten. Eine Unterrichtung der Parteiführer dürfte dagegen erst Anfang der nächsten Woche erfolgen.

Ein Transsermoratorium?

In einem Teil der Berliner Presse wie auch von einem Nachrichtenbüro wurde behauptet, daß das unmittelbare Er­gebnis der Aussprache in Chequers eine Beschlußfassung des Kabinetts darüber sein werde, ob Deutschland in allernächster Zeit ein Transfermoratorium stellen soll oder nicht. Wie an unterrichteter Stelle zu diesen Gerüchten erklärt wird, liegen Mitteilungen, die einen solchen Schluß zuließen, bisher nicht vor. Die Reichsregierung stand jedenfalls bisher auf dem Standpunkt, daß mit einem Moratorium Deutschland durch­aus nicht geholfen würde, da eine zwei- oder dreijährige Aussetzung der Zahlungen nach dieser Zeit nachgeholt wer­den müßte. In dem Aufruf der Reichsregierung zur Not- verordnung ist vielmehr davon die Rede, daß Deutschland von den Tributen, die über die Leistungsfähigkeit Deutsch­lands hinausgehen, befreit werden müßte. Es könnte so­mit nur ein Schritt zur Revision des Neuen Pla­ne s in Frage kommen.

Sollte jetzt nach der Unterredung in Chequers im Ka­binett die Frage nach einem Moratorium zur Diskussion gestellt werden, dann ließe sich das nur daraus erklären, daß die englischen Minister ihren deutschen Gästen diesen

Weg vorgeschlagen hätten in der Erwartung, daß in Wei- terverfolgung der in Chequers beschlossenen internationalen Zusammenarbeit zur Ueberwindung der Wirtschaftskrise biejes Moratorium durch weiterreichende international zu treffende Vereinbarungen überholt würde.

Londoner Urteil über Chequers

Die Londoner Presse beschäftigt sich weiterhin eingehend mit der deutsch-englischen Aussprache.Evening Standard" erklärt: Der französische Vorschlag, Deutschland eine inter­nationale Anleihe zu gewähren gegen Verzicht auf die öster­reichisch-deutsche Zollunion und auf -Anträge in der Ab- rüstungsfrage sei nicht einmal erörtert worden. I. A. Spender meint inNews Chronicle", daß früher oder später Opfer gebracht werden müßten, um die Deutschen aus ihrer jetzigen Lage zu befreien.

Daily Mail" erklärt, in britischen Kreisen gelte es jetzl nicht mehr als möglich, sondern als wahrscheinlich, daß Deutschland im nächsten herbst die Reparationszahlungen suspendieren werde. In diesem Falle würde auf dem Kon­tinent die Möglichkeit einer Einstellung der Schuldenzah­lungen an die Vereinigten Staaten von den Staatsmännern ernstlich erwogen.

Mit dieser Möglichkeit werde sich zweifellos der Völker- bundsausschuß zur Untersuchung der europäischen Finanz­lage befassen, und es wäre keine große Ueberraschung, wenn Anfang des Herbstes nach dem Vorliegen des Ausschuß­berichtes ein Versuch unternommen würde, in dieser Frage eine übereinstimmende europäische Aktion zu sichern.Daily Telegraph" will aus der Tatsache, daß alle Beteiligten sogar noch größere Zurückhaltung gezeigt hätten, als man er­wartet habe, den Schluß ziehen, daß mehr geschehen sei. als ein Austausch von Informationen aus erster Hand. Er sei nutzlos, die Tatsache der Verarmung Deutsch­lands unbeachtet zu lassen oder als nicht so schlimm hinzu- stellen.Daily Herald" hebt hervor, daß die Beziehungen .twWöy--*»« beiden Realerunaen durch die Beivrechungen in Chequers. Die schon seit geraum*, i^i»jrMlWMUA im technischen Sinne waren, >etzt freundschaftlich im ein­fachen menschlichen Sinne des Wortes seien. Das sei nicht wenig; es bedeute den Abschluß eines Kapitels und den Be­ginn eines neuen im Buche der englisch-deutschen Beziehungen.

Wieder Beruhigung in Paris?

Henderson empfing am Montag die Botschafter Frankreichs und Italiens, um sie persönlich über die Ergebnisse der Zusammenkunft von Chequers zu unter­richten. Der französische Botschafter gab anschließend daran einen eingehenden telephonischen Bericht an den Quai d'Orsay, der anscheinend in Paris sehr befriedigt hat, mae sich in der ruhigeren Auffassung der französischen Presse über die deutsch-englische Aussprache bemerkbar macht. Im Petit Barislen" wird sogar die Möglichkeit einer finan^el- len Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich er­örtert, ohn, daß man 6k Idee einer internationalen Zu­sammenarbeit verwirft.Matin" stellt unter anderem fest, Deutschland (ti es gelungen, die Idee zu verbreiten, daß es an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angekommen sei. Diese Idee werde für Deutschland arbeiten. ImPetit Journal" wird festgestellt, daß man einer großen internatio­nalen Aussprache entgegensehe und vielleicht noch vor Ab­lauf des Sommers einer- Konferenz, deren Terrain mit Hindernissen und Fallen besät sein werde.

Am 8. August Bollrevtscheid?

Berlin, 40. Juni.

Nachdem der Aeltestenrat des Preußischen Landtags beschlossen hat, vom 7. bis 10. Juli eine Sondertagung des Landtages stattfinden zu lassen, in der das Gesetz über das Volksbegehren zur Auflösung des Preußischen Land­tages aller Voraussicht nach von der vorhandenen Mehr­heit abgelehnt werden wird, muß dann innerhalb der ge­setzlichen Frist der Volksentscheid durchgeführt werden. Wahrscheinlich wird der Volksentscheid in Der ersten Hälfte des Monats August, und zwar voraussichtlich am Sonntag, den 9. August, durchgeführt werden.

Keine Umsatzsteuererhöhung

Berlin, 10. Juni.

In der Erörterung der einzelnen Maßnahmen der neuen Notverordnung war unter anderem eine Beseitigung ober Milderung der Krisensteuer und ihre Ersetzung durch eine erhöhte Umsatzsteuer gefordert worden. In einer Unter­redung mit einem Pressevertreter erklärte Reichsarbeitsmini- ster Stegerwald, daß Reichskanzler Brüning in den lebten Wochen mehreren Stellen gegenüber mit der größten Ein­deutigkeit erklärt habe, die Erhöhung der Umsatzsteuer in der gegenwärtigen Stunde würde seinen Rücktritt nach sich ziehen. Die Umsatzsteuer müsse reserviert werden dafür, falls Komplikationen in der Reparationsfrage eintreten soll­ten oder aber dafür, falls die Hauptsteuer der Länder, die Hauszinssteuer, weiterhin katastrophal zusammenschrumpfe.

Stahlhelmtag und Boung-Plan-Nevision

über den Briand-Empfang und die Breslauer Stahlhelm- kundgebung.

Briands Ausführungen vor der Kammer.

Paris, 10. Juni.

In der Dienstagsitzung der Kammer gab es eine längere Aussprache über den Zeitpunkt für i Beratung verschiede­ner Interpellationen.

Die Abgeordneten M o n n e t (Soz.) und C o t (Radikal) ' haben über die Zwischenfälle an dem Lyoner Bahnhof bei der Rückkehr Briands aus Genf interpelliert. Sie protestierten auf das schärfste gegen die Behandlung der dem Frieden zu­jubelnden Menschen durch die Polizei und verwahrten sich ge­gen die unterschiedliche Behandlung, die den Anhängern der Linken und den Anhängern der Rechten gewährt worden sei.

Ministerpräsident Laval deckte das Vorgehen des Po- lizeipräfekten. Er betonte, daß durch die getroffenen Maß­nahmen nur die Ordnung habe aufrecht erhalten werden sol­len. Uebrigens hätten die Manifestanten nicht nur gerufen: Es lebe Briand! Es lebe der Friede!", sondern auch: Nieder Tardieu! Nieder Doumer!"

Die Interpellationen Cots und Monnets werden auf An- . trag der Regierung mit 326 gegen 257 Stimmen auf unbe­stimmte Zeit vertagt.

Der Abgeordnete Lorin (Fraktion Maginot) verlangte die baldige Diskussion seiner Interpellation über

1 die Breslauer Stahlhelmkundgebung,

I die eine Provokation dargestellt habe und an der sogar der Kronprinz, der Kandidat für die Nachfolge Hindenburgs sei, teilgenommen habe.

Die Antwort des Außenministers Briand gestaltete sich zu einer großen außenpolitischen Kundgebung. Die Red­ner auf den Stahlhelmkundgebungen, führte er aus, bewiesen nicht gerade pazifistischen Geist, Besonders in Breslau seien Marschällen, Generälen und Prinzen be- sonders o-om^-at^ ^.-^ p-chll^. Derartige Kundgebun­gen entsprächen nicht dem Geiste oec^ffDIsMuucveM'zM- schen beiden Völkern für die Organisierung eines festen dauer­haften Friedens. Er glaube sagen zu können, daß das von der französischen Regierung zum Ausdruck gebrachte Gefühl von der Reichsregierung geteilt worden fei. Wenn derartige Zwischenfälle sich ereigneten, müsse man sie kaltblütig und vernünftig betrachten, indem man sie auf ihr richtiges Maß zurückführe. Die Politik des Friedens und der europäischen Zusammenarbeit weise Deutschland seinen Platz zu. Die Reichsregierung sei aus einem Wahlkampf hervorgegangen, der Politiker in den Vordergrund habe treten lassen, die chauvinistischer seien als die Stahlhelmleute. Es wäre für Frankreich nicht gut, wenn die Reichsregierung durch die Ra- nonalfozialiften gestürzt würde. Briand wies weiter darauf hin, daß der Friedensgedanke in Deutschland unleugbare Förtschritte gemacht habe. Man dürfe nicht vergessen, daß der Sieg auf Frankreichs Seite sei, und auch nicht, daß das deutsche Volk durch seine, zumindest schmerzliche wirt- schastslage in starke Erregung versetzt werde. Wenn es auch mehrere Deutschlands gäbe, so bildeten doch die National­sozialisten nicht die Mehrheit und seien nicht in der Regie­rung. Zum Besuch der deutschen Minister in London sagte Briand: Es sei möglich, daß Deutschland bei den Londoner Besprechungen versucht habe, seine schlechte Wirtschaftslage geltend zu machen. Das fei fein gutes Recht. Frankreichs Recht fei es, England, wenn es irgend etwas vorscklage, was den Interessen des Landes zuwiderlaufe, Rein zu sagen. Es sei nicht möglich, das feierlich unterzeichnete Abkommen ohne Frankreichs Einwilligung umzustoßen. Es könne nicht die Rede davon fein, den Poung plan zu revidieren, weil er einen definitiven Charakter trage. Er enthalte in sich Mög­lichkeiten für Deutschland. Deutschland werde davon viel­leicht Gebrauch machen. Das sei sein Interesse. Von dort aber bis zu dem Schritt, ihn völlig umzugestalten und von einer internationalen Konferenz für die Schuldenfrage zu sprechen, sei ein weiter Weg. Bisher habe man sich an den französischen Außenminister noch nid)t in diesem Sinne ge­wandt. Die Kammer könne sicher sein, daß er sich nicht hin­ziehen lassen werde. (Lebhafter Beifall.)

Nach Briand sprach nochmals der Abgeordnete Lorin, > der behauptete, daß von einer allgemeinen Zusammenarbeit der Völker nicht die Rede sei. In Chequers habe es sich um I eine zweiseitige Unterredung gehandelt. Die Regierung Brüning paktiere mit den Hitlerleuten, deren Forderungen man kenne. Man dürfe einem Land wie Deutschland nicht mit den französischen Spargroschen wieder auf die Beine helfen. Als Treviranus vom Danziger Korridor gesprochen habe, hätten die Polen protestiert, aber Frankreich nicht. Briand erwiderte: Ich habe aber doch den Dank der pol­nischen Regierung entgegengenommen.

Die Interpellation Lorin wurde hierauf auf unbestimmte Zeit vertagt.

Die deutsch-rumänischen Handelsoertraasverhandlungen sind in Berlin ausgenommen worden. Für Deutschland werden die Verhandlungen von dem Ministenaldirettor Posse geführt; Rumänien ist durch den Delegierten Po- pescu vertreten.