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tzersfel-erTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS

Nr. 171 Freitag, den 24. Juli 1931 81. Jahrgang

Londoner Ergebnis: Atempause

Die schwierigsten Fragen sind noch zu meistern Das deutsch-sranzösische Problem bleibt akut

Ergebnis der Woche

Mit gepumptem Gelde Reparationen bezahlt.

kr. kr. Wenn diese Woche der Erwartungen ein Er­gebnis hatte, dann auf jeden Fall das eine große: klar und deutlich sind die Willensbereiche der führenden Staaten der Welt abgesteckt. Wer nicht nur in den Tag hineinlebt son­dern die Gesetze der großen internationalen Entwicklungen und Verwicklungen zu verfolgen in der Lage ist, dem mußte es klar werden, daß das ganze finanzielle Verteilungssystem des Versailler Vertrags und seiner Nachfolger zu einem allgemeinen Unglück führen mußte. Die merkwürdigen Sie­ger, die monatelang in Paris die Welt verteilten, ohne aus das zusammen gebrochene Deutschland und das ihm ver­bündete Mitteleuropa Rücksicht zu nehmen, lasteteten, da sich keiner von ihnen auch nur die geringste Mühe aufhalsen wollte, dem ansgebluteten Deutschland auch noch die ganze Bürde, wohlverstanden die ganze Bürde, sämtlicher von ihnen im Kriege gemachten Ausgaben auf. Das konnte nicht gut gehen. Der einfache Menschenverstand mußte sich sagen, daß dieses Finanzgeschäft der Sieger vom Klippschüler Karlchen ebenso gut hätte gemacht werden können, wenn man ihn dazu berufen hätte. Es ging nicht gut. Deutschland zahlte und zahlte Milliarden um Milliarden. Es zahlte, da es ja selbst nur noch die nackte Existenz besaß, mit ge­liehenem Geld. Das amerikanischeHandelsdepar- t e m e n t hat statistisch nachgewiesen, daß Deutschland in der siebenjährigen Reparationsperiode bei einer passiven Han­delsbilanz von 6 Milliarden Mark an Reparationen 10 Milliarden bezahlt hat. Diese 16 Milliarden Minus hat sich Deutschland leihen müssen Zu beachten ist dabei, daß Deutschland nach den Zahlungsplänen die Re­parationen nur aus seinen Handelsüberschüssen bezahlen sollte. Wenn diese Art Reparationen jemand Freude ge­macht hat. so mußte die Freude ein Ende mit Schrecken nehmen Plötzlich dämmerte die Erkenntnis auf, daß Deutsch­land weder etwas besitzt noch selbst bei angestrengtester Ar­beit soviel aufbringen kann, wie die andern von ihm for­derten. Um so weniger als die andern ja auch nicht mehr alles von ihm kaufen konnten oder gar nicht wollten. Mit dieser Erkenntnis zog sich.das Borgkapital zurück. Und nun steht die Finanzwelt vor dem großen Loch in Mit­te l e u r o p a , das, wenn es nicht bald ausgebessert wird, unfehlbar weiterreihen muß, um auch die schöne Golddecke zu vernichten, unter der die anderen behaglich zu ruhen glauben.

Jetzt muß Farbe bekannt werden.

Da stehen wir. Vor diesem Problem muß nun ein jeder Staat Farbe bekennen, muß er zeigen, was er will. Wie er sich zu der Gesamtlage Europas stellt. Zunächst wir Deutsche. Was uns auch in der gegenwärtigen Katastrophe die Bewunderung aller einbrachte, ist: die feste Ent­schlossenheit, uns zunächst selbst zu helfen. Mit einer vorbildlichen Selbstdisziplin, die den hohen Stand der Zivilisation Deutschlands erkennen läßt, trägt das deutsche Volk den ungeheuerlichen Einschnitt in sein ganzes Dasein, gibt den Männern seiner Führung freie Hand, nach dem Besten zu sehen. Gewiß, wir könnten die Selbsthilfe nach Art der Sowjets treiben. Aber das ist uns doch klar, soweit kann es niemand in Deutschland kommen lassen, daß mit einem Federstrich einfach die Arbeitslosen von der Bild­fläche zu verschwinden haben, um nicht mehr für sie sorgen zu müssen, wie die Sowjets das getan haben. Deshalb brau­chen wir Hilfe bei aller Selbstaufopferung, Geldhilfe, Kredit­hilfe. Wir bemühen uns um sie und müssen uns darum be­mühen.

Nur Frankreich will noch nicht.

Wer von den anderen Staaten dieses Problem klar er­kennt und keine weiteren Absichten hat, als dem in Not geratenen Deutschland zu helfen, damit dessen Not nicht seine eigene werde, sprang auch sofort bei. Amerika voran, das zunächst einmal die unsinnigen Tributschulden Deutsch­lands für ein Jahr zum Stillstand brächte, damit in dieser Zeit eine neue ordentliche Regelung der ganzen Wirtschafts­fragen vorgenommen werden kann. Ihm schlössen sich sofort England und alle großen Staaten an mitAusnahme Frankreichs. Frankreich wollte die Gelegenheit be­nutzen, nicht um Sicherheiten für sein Geld zu bekommen, sondern es will auch völlige Unterwerfung des armen Deutschlands unter seine politische Macht, die es seit 1019 grenzenlos ausdehnen konnte.

Darum Europas Sanierung verschoben.

Der schnelle, kühne und selbstvergessene Entschluß des deutschen Kanzlers, nach Paris zu gehen und mit den Füh­rern des französischen Volkes wie Mann zu Mann zu sprechen, besser wie Europäer zu Europäer, sie durch die Sch'lderung der Lage Deutschlands zu. bewegen, alles Miß­trauen abzutun, das Vergangene vergessen sein zu lassen, nur mi die Zukunft zu denken, an die Zukunft des nach end­lichen. Frieden verlangenden Europas und seiner Zivili- futhm brächte Frankreichs Regierung zu keinem anderen ®nHd)l >ß. Die nachfolgende Konferenz der Regierungs- männe^ in London konnte darum materiell nichts anderes erreichen, als was auch eine Versammlung der Weltbankier» erreicht hätte, nämlich eine Finanzoperation die oovfSnflg den Abfluß des fremden Geldes aus Deutschland

stoppt, die Deutschland noch eine kurzfristige Kredithilfe bringt, um zunächst über das Schlimmste hinauszukommen Die endgültige Sanierung ist verschoben Auf wie lange, das hängt von den Zwischenoerhandllmgen ab. Dabei ist zu bedenken, daß es sich nicht um eine Sanie­rung der deutschen Wirtschaft handelt, die ist so gesund wie in jedem anderen Lande, sondern um die Sanierung der Finanzen Europas, die durch die unsinnige den Wirtschafts­gesetzen hohnsprechende Goldverteilung in Unordnung ge­raten sind

Es geht um Deutschlands Existenz.

Was aber erreicht wurde, ist, wie gesagt, die klare Willenserklärung der einzelnen Mächte Amerikaner Eng­länder und Deutsche und sicher auch die anderen Groß­mächte denken der Not gehorchend in diesem Fall rein wirt­schaftlich: alle für einen, einer für alle Frankreich aber denkt politisch. Den Entschlüssen, vielmehr Empfehlungen in London konnte es zustimmen, da es kaum noch Guthaben in Deutschland stecken hat. Mit einer seiner bekannten schönen Gesten kann es zustimmen. Was es aber will ist die großt Anleihe für Deutschland, an der es nicht nur verdienen son­dern durch die es auf Deutschland den gleichen politischen Einfluß gewinnen will wie einst auf das zaristische Ruß­land, wie heute auf seine Trabanten in Mitteleuropa Nicht um seines Prestiges willen kann Deutschland solches nicht anuehmen, sondern um seiner Existenz als Staat willen Will Frankreich Sicherheit, dann sind, wie seine besten Freunde in Deutschland ihm vorrechnen, gerade seine Forde­rungen keine Sicherheitsfaktoren sondern das glatte Gegen­teil. Aber die Sicherheit ist für Frankreich auch in diesem Falle nur Vorwand

Kampf um die Hegemonie.

Können die anderen solchem Bestreben zustimmen? Ein vernünftiger ^raszösischer-PÄrtiksr bezeichnete die Haltung seiner Regierung ganz richtig: -Die Absicht Frankreichs Deutschland allein mit einer französischen Anleihe zu sanie­ren, zeige zu sehr die Spitze gegen England. Müssen mir uns denn immer nur gegen jemand verbünden, so fragt er, wie einst mit England gegen Deutschland, heute mit Deutschland gegen England? So steht es mit Frankreich Dieselbe Absicht läßt den Völkerbund nicht zu einem wirk­lichen Bund der Völker werden, Frankreich will ihn gegen die besiegten Völker verwenden. So steht es auch heute zu der allgemeinen Finanzsanierung. Nicht umsonst hat Frank­reich in seinen Kassen ungeheure Goldmengen aufgestapelt Weil ihm England in die Quere gekommen ist, versucht ee schon, die englischen Finanzen in Unordnung zu bringen und zeigt so, daß es nicht nur gestützt auf sein Schwert, sondern auch gestützt auf sein Gold die Hegemonie in Europa de facto ausübt. Mit der Anleihe an Deutschland hofft es, sie auch de jure ausüben zu können. Die europäische MachtFrankreichsgegendieWeltmachtEng- l a n d s !

Wohin treibt Europa?

Um dieser Hegemonie willen sind Frankreich keine Ver­träge heilig. Laval hat niemals die politischen Forderun­gen Frankreichs formuliert; der deutsche Kanzler, im Be­wußtsein, sie niemals erfüllen zu können, hat geflissentlich die Andeutungen überhört, so gelangten sie gar nicht in die Debatte. Aber die offiziösen Organe Frankreichs ließen zur Genüge erkennen, was man will. Zuletzt wurde ein sogenanntes politisches Moratorium lanciert Deutschland sollte fünf oder zehn Jahre nichts anstreben, was den Sta­tus quo in Europa verändere. Dasselbe Frankreich, das den ersten großzügigen Hoover-Plan feiner vollen Wirkung beraubte, weil es die Paragraphen des heiligen Poung- Planes nicht antasten lassen wollte, gibt glatt den Para- zraphen des Völkerbundspaktes preis, wonach eine Aenderung von Bestimmungen, die zum Unsegen auszuschlagen drohen, zur Debatte gestellt werden können. In seinem Streben nach Hegemonie erklärt Frankreich Verträge für heilig oder es sucht, sie zu umgehen, ganz so wie es ihm gelegen er­scheint. In dieses Bild paßt auch seine Note, die den Staa­ten seine Ansichten zur Abrüstung kundgibt. C? gibt nichts, was ärger dem Sinn, Geist und Wortlaut des Vertrages von Versailles und des Völkerbundes widerspricht als der Wortlaut dieser Note. Und doch strömt das gleiche Frankreich über von Worten der Gerechtigkeit. Eine merkwürdige Ge­rechtigkeit. Ueber diese Gerechtigkeit, die eine Welt ins Unglück stürzen soll und wird, müssen sich die übrigen Völker, die eine andere Auffassung von dem haben, was gerecht und billig ist, in den nächsten Wochen noch weiter unterhalten In Berlin und sonstwo auch. Je nach dem Ausfall dieser Unterhaltungen wird Europa mit Deutschland gesunden oder ja was? Niemand weiß, was kommen wird, wenn Deutschland wirtschaftlich zu Grunde geht oder in sei­ner Not den Lockungen Frankreichs nachgibt. Zunächst heißt es hier: Hilf dir selbst weiter!

Der ausländische Ministerbeluch

Wie amtlich mitgeteilt wird, ist an zuständiger lerliner Stelle die Nachricht eingetroffen, daß Staatssekretär Stimson am Sonnabend mit der deutschen Delegation hier einfrifft, während Premierminist r nzacdonald und Außenminister Henderson am Montag na- Berlin kommen.

Mächtelonferenz abgeschlossen

MoWillemaBnabmen - Prüfung der Bedürlniste

London, 23 Juli.

Die Londoner Konferenz ist beendet. Die letzte Voll­sitzung begann um 10 Uhr und fand um 12.20 Uhr ihren Abschluß. 3m Verlauf der letzten Sitzung sprachen noch einmal die hauptsächlichsten Vertreter. Der von dem Aus­schuß der Finanzminister ausgearbeitete Bericht wurde an­genommen.

Nach der Schlußversammlung wurde folgende.Erklärung veröffentlicht. Die kürzlichen übermäßigen Zurückziehungen von Kapital aus Deutschland haben eine akute finanzielle Krisis erzeugt Diese Zurückziehungen sind verursacht wor­den durch einen

Mangel an vertrauen, der nicht durch die wirtschaftliche und budgetäre Lage des Landes gerechtfertigt ist

Um die Aufrechterhaltung der finanziellen Stabilität Deutsch­lands sicherzustellen, die wesentlich ist im Interesse der ge­samten Welt, sind die auf der Konferenz vertretenen Regie­rungen bereit zusammenzuwirken, soweit es in ihrer Macht liegt, um das Vertrauen wiederherzustellen. Die auf der Konferenz vertretenen Regierungen sind bereit, zur Erwä­gung durch die Finanzinstitute in ihren - diesbezüglichen Ländern folgende Vorschläge zur Erleichterung der unmittel­baren Lage anzuempfehlen:

Beschlüsse

1. Daß der Zentralbankkredit von 100 Millionen Dollar, der vor kurzem der Reichsbank unter den Auspizien der Bank für Internationale Zahlungen gewährt wurde, bei seiner Fälliakeit für einen Zeit*, raum von drei Monaten erneuert wird.

2. Daß gemeinsame Maßnahmen von den Finanz­instituten in den verschiedenen Ländern zwecks Auf­rechterhaltung des Umfanges der Kredite getroffen werden, die sie bereits Deutschland gewährt haben.

Empfehlungen

Die Konferenz empfiehlt, daß die Bank für 3nternatio- ( nale Zahlungen eingeladen wird, ohne Verzug einen'Aus- schuß von Vertretern zu schaffen, die von den Gouverneuren der Zentralbanken ernannt sind. Der Ausschuß soll die unmittelbaren weiteren Kreditbedürfnisse Deutschlands und die Möglichkeiten der Konvertierung eines Teiles der kurz­fristigen Kredite in langfristige Kredite prüfen. Die Kon­ferenz hat mit Interesse eine Mitteilung Dr. Brünings mit Bezug auf die gemeinsame Garantie zur Kenntnis genom­men, die vor kurzem von der deutschen Industrie zur Ver­fügung der Golddiskontbank gestellt wurde. Die Konferenz ist der Ansicht, daß eine Garantie dieser Art es möglich machen müßte, eine gesunde Grundlage für die Wiederauf­nahme der normalen Operationen des internationalen Kre­dits zu verschaffen. Die Konferenz ist der Ansicht, daß, wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden, sie eine Basis für eine darauffolgende permanentere Aktion bilden werden.

Versöhnlicher Ausllang

Zum Schluß der Siebenmächtekonferenz sprach Minister­präsident Laval die Hoffnung aus, daß die Besprechungen der Auftakt zu einer Reihe Erörterungen seien, die zu einer politischen deutsch-französischen Zusammenarbeit führen mögen.

Staatssekretär Stimson unterstrich die Bedeutung der Aussprachen zwischen Deutschland und Frankreich und äußerte seine Zuversicht, daß sie in der ganzen Welt das Vertrauen befestigen würden. Bezüglich der Konferenz, er­klärte der Staatssekretär, daß er Zeuge eines sehr bedeut- famen Ereignisses gewesen sei, dessen Ergebnisse er mit Spannung erwarte.

Reichskanzler Dr. Brüning dankte vor allem den amerikanischen Staatsmännern für ihre Unterstützung und hob hervor, daß er von der Wichtigkeit einer vertrauens­vollen deutsch-französischen Zusammenarbeit überzeugt sei.

Außenminister G r a n d i erklärte, er hoffe, daß das ! Ende der Konferenz der Beginn einer neuen Atmosphäre I in der ganzen Welt, und besonders hinsichtlich guter Be- | Ziehungen zwischen den europäischen Nationen sei.

Vereinbarungen von allerhöchster Bedeutusi^

Premierminister Macdonald erklärte nach der Schluß­sitzung einem Pressevertreter gegenüber: Wirsind sehr zufrieden. Es ist nicht leicht, zwischen sieben Mächten eine Einigung herbeizuführen, trotzdem ist es gelungen Die Vereinbarung ist von allerhöchster Bedeutung und wird für die Hilfeleistung an Deutschland in stärkstem Maße ins Ge- wicht fallen

Staatssekretär Stimson erklärte einem Reuter-Vertre­ter gegenüber, er sei durch das Endergebnis durchaus z u f r i e d e n g e st e l l t.

Schatzsekretär Mellon erklärte: Ick bin überzeugt, daß die Konferenz Ergebnisse erzielt hat, die äußerst förderlich bei der Wiederherstellung der finanziellen»Stabilität Deutschlands sein werden.