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HersfelöerTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Nr. 224 Donnerstag, den 24. September 1931 81. Jahrgang

Bedrohliche Zuspitzung in Gstasien

Weiterer japanischer Vormarsch in der Mandschurei Besetzung von Lharbin geplant China rüstet zur Abwehr

WerschKefung des ostasiatischen Konfliktes

Der Völkerbund in Verlegenheit. hartnäckige Gegner.

Genf, 24. September.

Die auf gestern abend anberaumte öffentliche Sitzung des Völkerbundsrates, in der die Erörterung des chinesisch- japanischen Konfliktes fortgesetzt werden sollte, ist im letzten Augenblick abgesagt worden. Statt dessen werden die vertraulichen Verhandlungen zwischen den Ratsmitgliedern fortgesetzt. Wie verlautet, haben die Japaner den im Laufe des gestrigen Tages wiederum aufgetauchten Vorschlag der Entsendung einer Kommission neutraler Militärsach­verständiger in die Mandschurei nochmals a b ge­lehnt. Man spricht in Völkerbundskreisen von einer Ver­schärfung des Konfliktes.

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Die gestern abend abgehaltenen vertraulichen Besprechungen der Ratsmitglieder über den chinesisch- japanischen Konflikt waren gegen 9 Uhr beendet. Ein greif­bares Ergebnis wurde auch jetzt nicht erzielt. Die Sitzung war größtenteils angefüllt mit Erklärungen und Gegen­erklärungen der Parteien, aus denen der Rat ein Bild der tatsächlichen Lage und der im Augenblick möglichen prakti­schen Maßnahmen zu gewinnen suchte. Von chinesischer Seite wird nach wie vor die sofortige glatte Zurückziehung der japanischen Truppen verlangt, die bei der Gegenseite auf erhebliche Schwierigkeiten und Bedenken stößt. Da­gegen hat sich der japanische Vertreter nach langem Drängen der übrigen Ratsmitglisder bereit erklärt, seiner Regierung telegraphisch die Zustimmung zur Entsendung einer K o m". Mission neutraler Beobachter in die Mandschu­rei vorzuschlagen. Was die besonders heikle Frage der Betei- ligung der nicht im Völkerbund vertretenen Mächte an der Lösul!g?ss" KonsUkles artbetKfft, -so hat oie-Regteruit^. wi Vereinigten Staaten mitteilen lassen, daß sie sich an einer Untersuchung des Sachverhaltes in der Mandschurei im Augenblick nicht beteiligen würde. Dagegen verlautet, daß der Präsident des Völkerbundsrates beabsichtigt, in irgend einer Form die Völkerbundsversammlung mit der Angelegenheit zu befassen.

Der Brand im Fernen Osten China lehnt Gemischte Kommission ab.

Tokio, 24. September

Das japanische Außenministerium teilt mit, daß nach einer Mitteilung des japanischen Gesandten aus Peking die chinesische Regierung den Vorschlag der japanischen Regie­rung, eine gemischte chinesisch-japanische Kommission aus je drei Regierungsvertretern einzusetzen, a b g e l e h n t habe.

Die chinesische Regierung erkläre, daß irgendwelche Frie­densverhandlungen nur dann stattfinden könnten, wenn die japanische Regierung sofort sämtliche Truppen, die sich auf chinesischem Staatsgebiet befinden, zum Abmarsch nach Ja­pan veranlasse.

Kample an der Bahn Mulden-Tientsin

Räch einer russischen Meldung aus Schanghai sind an der Eisenbahnstrecke Mukden-Tientsin heftige Kämpfe im Gang. Die Japaner eröffneten 81 Kilometer von Mukden entfernt starkes Maschinengewehr- und Artilleriefeuer und zwangen die Chinesen, mehrere Dörfer und Städte zu räumen. Japanische Flugzeuge bombardierten eine Reihe chinesischer Dörfer. Die Verluste sollen sehr groß sein.

Besetzung von Charbin?

Der japanischen Gesandtschaft in Peking ist angeblich ein Telegramm des japanischen Generalkonsuls in Charbin zugegangen, in dem dieser im Zusammenhang mit den Bom­benanschlägen gegen das Generalkonsulat und gegen japa­nische Banken um Entsendung von japanischen Truppen zum Schutz der javanischen Kolonie bittet. In Charbin wohnen etwa' 14 000 Japaner.

In einer Meldung der chinesischen Presseagentur wird behauptet, daß japanische Truppen bereits nach Charbin unterwegs seien. Ein Gebietsstreifen zwischen der chine­sischen Ostbahn und der Grenze der Südmandschurei sei von den Japanern kampflos beseht worden.

Der Vormarsch der Japaner auf Charbin hat die chine­sischen Truppen zum weiteren Rückzug veranlaßt. Ein Teil zieht sich auf Charbin zurück, ein anderer ostwärts nach Tschintschau. Tschanghsueliang hat erneut Anweisung gege­ben, keinen Widerstand zu leisten.

WieDaily Telegraph" aus Mukden meldet, bereiten die Japaner die vollständige Besetzung der Mandschurei mit der Begründung vor, daß dort die Ordnung aufrechkerhal- ten werden müsse. Die ausländischen Banken in Mukden sind bis auf weiteres geschlossen, da die Währungsfrage nicht geregelt ist.

Auch eine Flottenoperation

Räch einer Meldung der sowjetamtlichen Telegraphen- Agc .r aus Schanghai sind am Dienstag in Ranking zwei japanische Kreuzer eingetroffen. Mehrere weitere javanische Kriegsschiffe haben Rgnking passiert und siyh in Richtung

yanrau avgegangen. In Schanghai selbst wird zufolge die­ser Meldung mit dem Eintreffen der japanischen Flotte ge­rechnet. In der japanischen Konzession in Schanghai sind Maschinengewehre aufgestellt.

Chinesische Gegenwehr

Eine starke chinesische Streitmacht hat einen Gegen­angriff auf Kungtschu-Ling, das ungefähr 60 Kilometer südlich von Tschangtschun liegt, unternommen. Die Kämpfe sind noch im Gange. Präsident Tschiangkaischek erklärte, daß die chinesische Regierung zum Kampf bereit sei, wenn der Völkerbund und der Kelloggpakt China keine Gerechtigkeit widerfahren lassen würden.

Rutziand will eingreifen

Der Einmarsch der Japaner in das Gebiet der chinesi­schen Ostbahn hat in Moskau Aufsehen erregt. Es wird er­klärt, daß dieses Vorgehen gegenüber der Ostbahn unnötig gewesen sei, da die chinesischen Behörden selbst sehr gut in der Lage seien, Ruhe und Ordnung aus der Bahn aufrecht­zuerhalten. Die russische Regierung hat von ihrem Konsul in Charbin einen eingehenden Bericht angefordert. Sie will Charbin vor einer militärischen Besetzung durch Japan schützen.

Bolkspartei kritisiert Brüning

Vorwurf mangelnder Entschlußfähigkeit und einseitiger

Maßnahmen. Curtius am Scheideweg.

Hamburg, 24. September.

In der gestrigen Fvaktionsfitzung der Deutschen Volks­partei fand auf Grund eines Berichtes des Fraktionsvorsitzen- den über seine Verhandlungen mit dem Reichskanzler über die erlassenen und geplanten Maßnahmen der Reichsregie- runa und über dkE'ffefaMe politische Lage eine eingehende politische Aussprache Jkiftr~

Die Fraktion verzeichnete mit großer Sorge und mit leb­haftem Unbehagen, daß die Reichsregierung gegenüber einer mit jedem Tag gefährlicher werdenden Gesamtlage sich zu durchgreifenden Entscheidungen noch nicht hat entschließen können und daß die bisher veröffentlichten Maßnahmen einen unverkennbar einseitigen Charakter tragen.

Vertretern der Presse gab gestern abend der Parteiführer Dingeldey

einige Erläuterungen. Dingeldey meinte, in den beiden Hauptfragen der Gegenwart: durchgreifende Reform der Hauszins st euer und Auflockerung des Zwangs- systems in der gesamten Wirtschaft sehe die Fraktion bis jetzt keinerlei Ansätze bei der Reichsregierung. Die bisheri­gen Maßnahmen seien weniger durch sachliche Überlegungen, als durch Rücksichten auf sozial-demokratische Wünsche diktiert worden. Von der Entscheidung der Fraktion sei die Exi­stenz der deutschen Reichsregierung abhängig. Das ver­pflichte zunächst. Aehnliche Besprechungen wie seinerzeit mit Hitler müßten aber fortgesetzt werden mit dem Ziel, nach jeder Richtung hin eine absolute Klärung zu schaffen. Im Augenblick könne er nur sagen, daß der Grundton der gegenwärtigen Einstellung zum Kabinett Brüning äußer- st e S k e p s i s sei.

In der Frage des Verbleibens des Reichsaußenministers Dr. C u r t i u s im Amt sei die Reichstagsfraktion weder Dr. Curtius noch dem Reichskanzler gegenüber irgendwie aktiv geworden. Persönlich habe er dem Reichsaußenminister ge­genüber ganz offen seine Meinung über dessen politische Situation gesagt, aber lediglich mit dem Ziel, daß Dr. Curtius auf dieser Aussprache die Entschlüsse basieren könne, die er v e r a n t w o r t e n zu können glaube. Er nehme an, daß der heute stattfindende Empfang C u r« tius beim Reichspräsidenten eine Klärung briM gen werde.

Börse bleibt vorläufig geschlossen

Berlin, 24. September.

Nach einer Bekanntmachung des Börsenvorstandes zu Berlin findet in dieser Woche eine Notiz von Wertpapieren und Devisen an der Berliner Börse nicht statt. Der freie Handel in diesen Werten ist nicht zulässig. Devisenkurse werden in der Reichsbank festgestellt werden. Die deutschen Börfenvorstände haben beschlossen, daß nach Klärung der jetzigen Lage wenn möglich in der nächsten Woche die Wiedereröffnung der Börse alsbald erfolgen soll.

Die Notierungen an der Metallbörse wurden heute wie­der ausgenommen.

Der österreichische Bundespräsident hat den 9l a t i o nalrat zu einer außerordentlichen Tagung für den 30. September nach Wien einberufen.

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Der Reichspräsident hat den Reichsgerichtspräsidenten i. R., D. Dr. Walter Simons anläßlich feines 70. Ge­burtstages mit dem Adlerschild des Reiches ausgezeich­net, der die Widmung trägt:Dem hohen Richter, dem Förderer des Völkerrechts".

Frankreich und die Welttrile .

Flandin über Europas Finanznöte.

Genf, 24. September

Der französische Finanzminister Flandin nahm im Wirt­schaftsausschuß der Völkerbundsversammlung in einer grö­ßeren Rede zu den aktuellen internationalen Finanzproble­men Stellung.

Flandin erklärte, das Rachkriegs-Wirtschaftssystem sei auf Lüge und Demagogie aufgebaut. Die Inflation des Budgets, der Finanzgebarung der Regierungen, der Län­der, der Gemeinden und der einzelnen Individuen seien ins Uebermaß gewachsen. Die Produktion sei bis ins Uebermaß gesteigert. Die Staatshaushalte einzelner Länder seien ver­dreifacht und vervierfacht.

Ein Land verarme durch Arbeitslosigkeit, ein an­deres Land durch Ueberrationalisierung und ein drittes durch einen hermetischen Abschluß vom ausländischen Ar- beitsmarkt.

Riemals ist soviel von der Rotwendigkeit der Solida- .

rität zwischen den Regierungen und Völkern geredet worden, niemals ist jedoch in einer Krise so egoistisch eine Lösung unabhängig von dem Wohlergehen der anderen gesucht worden.

Wenn von Sicherheit geredet wurde, so dachte jeder nur an sich, wenn von Abrüstung geredet wurde, so dachte je­der nur an den anderen. Es hat die Auffassung bestan­den, daß ein Verschwinden der interalliierten Schulden und der Reparationen eine wesentliche Erleichterung der inter­nationalen Lage herbeiführen würde. Ich glaube nicht daran.

Der Bericht der Baseler Sachverständigen zeigt viel­mehr, daß die Krise in Deutschland ihre Ursache nicht in Stak .Ltpaxyliouszahluagen^ sondern in der plötzlichen Zu- ^TntTitBhnntJ trrr ran s r, ^^^^. ^mMhLji^ '

Man könne unmöglich den Banken, Die kurzfristige Kredite gegeben haben, Vorwürfe wegen der Zurückziehung der Kredite machen wenn sie diese Kredite selbst benötigen.

Es sei durchaus irrtümlich anzunehmen, daß die Auf- Hebung der Reparationszahlungen zu einer Gesamt- lösung führen würde.

Nach seiner Auffassung werde die Rückkehr der Kapitalien erst stattfinden, wenn eine allgemeine Befriedung auf allen Gebieten eingetreten sei. Flandin befaßte sich sodann ein­gehend mit dem internationalen Goldproblem. Er vertei­digte hierbei energisch die französische Regierung gegen die vielfach erhobenen Vorwürfe einer unberechtigten Anhäu­fung der Goldvorräte. Die starke Anhäufung von Gold- vorräten sei nur der Ausfluß des allgemeinen Frankreich entgegengebrachten Vertrauens.

Deutschland habe tatsächlich während der Geltung des Poungplanes seine Reparationszahlungen an Frankreich teilweise durch Sachlieferungen gedeckt. Die Handelsbilanz Deutschlands gegenüber Frankreich habe sich während der letzten Zeit so günstig für Deutschland entwickelt, daß Deutsch- . land durch den Ueberschuh seiner Ausfuhr nach Frankreich seine Reparationszahlungen an Frankreich habe decken können.

Die gegenwärtige Krise könne daher nur durch die Schaffung des allgemeinen Vertrauens überwunden werden, erfüllen.

Flandin schloß mit den Worten:. Chinin ist Zwar ein bitteres Mittel, aber es heilt die Krankheit. Daher muß auch die gegenwärtige Krise mit bitteren, aber heilsamen Mit­teln bekämpft und geheilt werden.

Um die Büftungsvause

Die Auffassung Englands und Polens.

Genf, 24. September.

Im Abrüstungsausschuß des Völkerbundes sprachen u. a. die Vertreter Polens und Englands.

Der polnische Vertreter S o k a l erklärte, Polen könne einer Rüstungspause in dem angeregten Sinne nur zustim­men, wenn es die Garantie aller seiner Nachbarn habe, wobei er besonders auf die noch ungeklärte Haltung Ruß­lands hinwies.

Der englische Vertreter Lord C e c i l trat wie der Ver­treter Amerikas für eine rasche, die allgemeine Stimmung günstig beeinflussende Verwirklichung des italienischen Vor­schlages ein uno appellierte an den japanischen Vertreter, seine Bedenken zurückzustellen.

Als vermittelnde Lösung zwischen den verschiedenen Vorschlägen regte Cecil an, daß der Ausschuß eine Ent­schließung annehmen solle, in der der italienische Vorschlag in seinen großen Zügen enthalten sei. Diese Entschließung solle den Regierungen mit der Aufforderung übersandl wer­den, sie etwa bis zum 1. Rovember zu unterzeichnen oder gegebenenfalls ihre ablehnende Stellungnahme oder ihre Vorbehalte darzulegen.

Es wird auf die Erklärungen des französischen Vertre­ters ankommen, ob dieser Vermittlungsvorschlag Aussicht auf Annahme hat.