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yersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für -rn Kerls hrrsfel-

Nr. 231 Freitag, Den 2. Oktober 1931 81. Jahrgang

Grenzenlose Not im Reich

Zahlungsunfähige Banken und Gemeinden Vettiebseinfchränkungen und Teilftreiks an der Tagesordnung

Ergebnis der Woche

In anderen Welten.

kr. kr.Die Feste sind verrauscht . . ." So hätte es wohl früher in der besseren Zeit nach der Abfahrt der französischen Mini st er geheißen Wir haben keine Feste zu feiern. Auch nicht, wenn fremde Minister uns be­suchen. Die französischen Staatsmänner kamen gewiß auch nicht, um sich mit den unsrigen zu vergnügen, sondern um ein ernstes Wort zu reden. Die sonderbare Art der soge­nannten großen Berliner Weltblätter, alles ins Kreuzfidel« umzustimmen, so zu tun, als ob alles, was geschieht, auch unbedingt eine fröhlich-heitere Angelegenheit sein müßte, fällt heute, wo es den Menschen miserabel zu Mute ist, schon auf die Nerven. Diese Berichterstatter merken oft gar nicht, wie sehr sie ihrem eigenen, angeblich heißerstrebten Ziele schaden, .wenn sie ein karges Wohnhaus wie zu Zeiten der alten Regimes mit dem lächerlich protzenhaften Stuck 'Hrsr ewig besonnten Seele verzieren. Meldet da einer dieser Neunmalklugen ehrfürchtig, wie sich der RufNie wieder Krieg!", der den ankommenden Franzosen freundlich ent- gegenschallte, bis zu einem gewaltigen Sprechchor steigerte, Wenn schon ein Chor ewig Blinder eine ernste Angelegenheit in ein Theaterstück verwandelte . . . mußten wir das auch noch der Welt verkünden? Muß die Außenwelt nicht an­nehmen, daß bei uns alle derartigen Kundgebungen am End« genau so einstudiert wurden wie der SchreiNie wieder Krieg!" bei der Ankunft der Franzosen, Dabei sind gerade diese Leute, die solche Theater inszenieren, meist jene merk­würdigen Herrschaften, die immer davon predigen, Deutsch­land versäume es immer, eine Geste zu machen, die bw Stempel wirklicher Ehrlichkeit trage. DieNation beige" hat sie vor derselben Welt lächerlich gemacht, wenn sie er­klärte, man könne sie sich überall für 40 Sous besorgen.

Falsche Hoffrumg. ''^^^

Wenn eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich zustande kommt, dann muß endlich das ewige Verlangen nach einer sogenannten Geste Deutsch­lands verstummen. Früher war alle Welt der Meinung, der Streit zwischen Frankreich und Deutschland sei in dem Augenblick erledigt, wenn Deutschland auf Elsaß-Lothringen verzichte. Konnte Deutschland eine sichtbarere Geste feines friedlichen Willens geben als jenen Verzicht auf Elsaß- Lothringen im Vertrag von Locarno? Unb was erfolgte darauf? Eine Hydra von Hindernissen a la Elsaß-Lothringen wuchs aus jedem Verhandeln zwischen Frankreich und Deutschland. Immer war es Frankreich, das sich noch nicht zufrieden zeigte, das noch etwas von Deutschland forderte Wie oft, wenn Deutschland etwas zugestand, hieß es, das [ei nur Theater der Deutschen wie jener Sprechchor, ihre wahren Absichten hielten sie bis zu gegebener Zeit verborgen.

Vom Kennenlernen.

Viele meinten, die beiden Völker müßten sich näher kennenlernen, um sich zu verstehen. Wer sich ernsthaft damit beschäftigte, dies herbeizuführen, muß leider bekennen, daß ein näheres Kennenlernen der beiden Völker in ihren Mas­sen vielleicht gerade das Gegenteil erreichen dürfte. Der Durchschnittsfranzose lebt ein Leben, das in seiner bieder- meierlichen Bedürfnislosigkeit in krassestem Widerspruch steht zu dem Leben des Durchschnittsdeutschen. Gerade die hohen Anforderungen des Deutschen, des deutschen Bürgers und Arbeiters an das Leben, erschrecken den Franzosen, der nichts vom Leben verlangt als ein geruhsames, stilles Hin­leben mit den primitivsten Notwendigkeiten versorgt. Er versteht nicht, daß die Wohnungen der deutschen Bürger und Arbeiter Bequemlichkeit, Freude und Heimeligkeit ver­langen. Er versteht nicht die Pracht unseres öffentlichen Le- bens. Er versteht nicht, daß unsere Eisenbahnbeamten auf den Stationen wie Gardeoffiziere uniformiert gehen. All das erschreckt ihn, wenn er erkennt, welch ungeheurer Le­bensimpuls in diesen deutschen Symptomen zum. Ausdruck kommt. Von hier aus fühlt er die Sicherheit seines Lebens, das noch im Biedermeier steckt wie seine öffentlichen Ver­gnügungsstätten, bedroht. Und hierin liegt die Tragik der deutschen und französischen Verständiguna. Diese Kluft ist nicht mit einem CommuniquS, nicht mit schönen Reden zu überbrücken. Dann gibt der sparsame Franzose noch lange sein Geld nicht her.

Erleichtert die Lasten.

Auch die französischen Minister haben das deutsche Volk offenbar noch nicht verstanden. Sie haben ihrer Genug- tuung darüber Ausdruck gegeben, daß ste in Berlin von der Bevölkerung korrekt und durchaus nicht feindlich begrüßt wurden. Hatten sie etwa einen Bombenanschlag erwartet? Die Deutschen wünschen nichts wie Ruhe und Frieden und ihr Recht. Wenn die Franzosen sich durch ihre Agenten über alle Vorgänge in Deutschland unterrichten lassen, die sich auf militärische Angelegenheiten beziehen, dann könnte es ihnen eigentlich nicht schwerfallen, auch zu erfahren, wie man im deutschen Volk im allgemeinen über Frankreich und einen Ausgleich der deutsch-französischen Gegensätze denkt. Das deutsche Volk hat so Schweres in all den Jahren ge­tragen, daß der Wunsch nach Ruhe, und Frieden begreiflich ist. Was jetzt wieder von ihm verlangt wird an Lasten und Mschränkungen übersteigt fast Die Grenze des Tragbaren.

Deshalb wird man alles begrüßen, was die Leiden abkürzen kann. Man hüte sich aber, das jetzige Los noch zu erschwe­ren oder zu verlängern.

Beseitigt die Ungewißheit.

Gewiß ist das Kabinett Brüning nicht zu beneiden wegen der Entscheidungen, die es jetzt zu treffen hat. Nur möchte man endlich auch den Mut und den Willen zu einer Entscheidung sehen. Seit Wochen und Monaten verhan­delt man, erwägt man, und die Krise nimmt ihren Fort­gang. Was heute als Auffassung der Regierung verlautbart wird, wird morgen dementiert. Einmal heißt's, man will das W i n t e r p r o g r a m m mit den Sozialdemokraten machen, ein andermal, man sucht Anschluß nach rechts. Daß man sich ganz loslöst von den Wünschen der Interessenten, will nicht recht glaubhaft erscheinen. Und darin liegen Be­denken, die für die ganze innerpolitische Entwicklung ent­scheidend sein können. Man predigt uns fortgesetzt, daß jeder einzelne den Zeitverhältnissen Rechnung tragen und Opfer bringen müsse. Wohin sollen wir aber kommen, wenn die Ansprüche der Steuerbehörden an den Steuerzahler immer größer, die Einkommen des einzelnen aber geringer wer­den? Da fehlt die Logik und auch die psychologische Ueber- legung. Das deutsche Volk will endlich einmal wissen, wo­hin man es führen will. Dieses Verlangen ist um so mehr berechtigt, wenn rings um Deutschland die Goldwährungen wanken und im Innern geheimnisvoll von inflatorischen Maßnahmen gemunkelt wird. Nicht Dementis und schöne Reden können das Mißtrauen beseitigen, sondern Taten und klares Vorwärtsstreben.

Die Entschuldung der Landwirtschaft

Neuregelung der Finanzierung.

Berlin, 2. Oktober

Die Kris^ ^s ^euffdjen-Sc^

die geplante Abwicklung der im Osthilfegesetz vorgesehenen Maßnahmen in gleichem Maße beeinflußt wie die gesamt« übrige deutsche Wirtschaft. In der Begründung des Osthilfe­gesetzes vom 31. März 1931 mußte darauf hingewiesen wer­den, daß die Voraussetzung für die Ausfüllung der Rah­menbestimmungen die Möglichkeit der Vorfinanzierung künftiger Eingänge der Bank für deutsche Industrieobliga­tionen ab 1932 sein müsse. Auf Grund der weiteren Ent­wicklung der Weltwirtschaftskrise ist für absehbare Zeit mit jolchen Finanzierungsmöglichkeiten nicht' mehr zu rechnen. Die Bank für Deustche Industrieobligationen war daher gezwungen, andere Maßnahmen vorzubereiten.

Vom 1. Oktober 1931 ab werden Entschuldungsbelräge den abzulösenden Gläubigern dergestalt gutgebracht, daß 25 Prozent durch Barzahlung, der Rest des Ablösungsbelrages ils Buchforderung gegen die Jndustriebank oder durch Her­gabe einer Jnhaberfchuldverfchreibung (Ablöfungsscheine) belegt werden. Diese Umgestaltung der Finanzierung schafft die Möglichkeit, auch im neueinbezogenen Entschuldungs- gediet die Entschuldung in breiterem Rahmen in Angriff z» nehmen.

Aushebung des Mieterschutzes?

Der Abbau der Wohnungszwangswirtschaft.

Berlin, 2. Oktober.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Livinski erklärte im Wohnungsausschuß des Reichstags, er habe von dem Entwurf einer neuen Notverordnung Kenntnis erlangt, die die Aufhebung des Mieterschutzes, des Reichsmieten- gesetzes und des Wohnungsmangelgefetzes zum 1. April 1933 zum Inhalt habe.

Schon fehl solle der Mieterschutz für große und gekeilte Wohnungen aufgehoben werden. Auch für die Untermieter solcher Wohnungen solle der Mieterschutz nicht mehr ge­währt werden. Die Verpflichtung, Ersatzraum zu gewäh­ren, falle fort. Die Mieteinigungsämter bei den Amts- geeichten würden aufgehoben, dafür sollten Mietelnigungs- ämter der Gemeinden zulässig sein. Die Zuweisung von Wohnungen durch die Wohnungsämter sei nach dieser ge­planten Notverordnung nur noch gestattet bei einer Zah- resmiele von 400 Mark, gegen bisher 600 Mark.

Der Ausschuß beschloß, zunächst den Reichsarbeits- minister Dr. Stegerwald und Staatssekretär Iosl vom Reichsfinanzministerium um Auskunft zu ersuchen.

Tarisrecht bleibt?

Berlin, 2. Oktober.

Zu den bedeutungsvollen Verhandlungen, die Reichs­kanzler Dr. Brüning mit den Führern der Sozialdemokra- tle gepflogen hat, wird in gut unterrichteten Kreisen ver­sichert, man könne annehmen, daß die Reidjsregierung die Absicht aufgegeben habe, auf dem gesetzlichen Wege einen Eingriff in das Tarisrecht vorzunehmen, nachdem die Der- kreier der SPD. auf die schwerwiegenden parlamentarischen Folgen eines solchen Schrittes hingewiesen hakten. Wahr­scheinlich werde die Reichsregierung nach Erlaß der großen Notverordnung Unternehmer- und Arbeiterverkreker zusam­menberufen, um den Versuch zu machen, zwischen beiden eine Verständigung über die Lohnfragen herbeizuführen.

Der Streit im Ruhrbergbau

Essen, 1. Oktober.

Das Streikbild auf den Schachtanlagen des Ruhrgebieli hat sich nicht wesentlich geändert. So fehlen auf Zeche Rad- bod in Hamm von 825 Mann 629, auf Zeche Sachsen vor 780 Mann 536, auf Zeche Waltrop von 520 Mann 141, auf Zeche Prosper 1 und 2 von 1636 Mann 76, auf Zeche Fried­rich Ernestine von 425 Mann 96, auf Zeche Vereinigte Wel- Heim von 725 Mann 252, auf Zeche Friedrich Thyssen 4$ von 661 Mann 292, auf Zeche Friedrich Thyssen 25 vor 1415 Mann 315, auf Zeche Neumühl 1 und 2 von 1122 Mann 134, auf Zeche Friedrich Heinrich von 1780 Mann 634, bei der Niederrheinischen Bergwerksgesellschaft von 68k Mann 537.

Bei einzelnen Schachtanlagen, die am Mittwoch in Streik standen, sind die Belegschaften fast völlig oder doch zum größten Teil wieder eingefahren, während auf einiger ' Zechen infolge kommunistischer Propaganda der Streik neu ausbrach.

Kein Streit im Wurmrevier

Aachen, 2. Oktober. Die Versuche der Kommunisten im Wurmrevier Streik zu entfachen, sind ergebnislos ge­blieben. Auf sämtlichen Zechen des Eschweiler Bergwerks­vereins sind zusammen 20 bis 25 Mann wegen Streiks obet Aufforderung zum Streik fristlos entlassen worden. Di« meisten der Entlassenen gehören auf die Grube Adolf tr Streiffeld. Auf der Grube Karl Alexander in Bäsweilei wurden in der vergangenen Nacht Erwerbslose und Orts­fremde am unbefugten Betreten des Betriebs gehindert.

Neue Bergmannsnot im Oberharz

_ - -Lls«rcha^_2.DLsbe.. -.Drvr kkürs Dsraltädtchen Verback im Oberharz sieht mit schwerster Besorgnis dem Winter ent- gegen. Die seit einiger Zeit gehegte Befürchtung, das Hüt- tenamt in Lerbach werde stillgelegt werden, hat sich rasch bewahrheitet. Der gesamten Belegschaft, 114 Arbeitern unt 11 Angestellten, ist gekündigt worden. Die Belegschaft wird- am 10. Oktober ihre letzte Schicht verfahren. Mit dieser Stillegung ist der Gemeinde Lerbach der Haupternährungs- zweig genommen. Der größte Teil der Einwohnerschaft wird arbeitslos werden, und, wenn die Arbeitslofenfürsorge erloschen ist, schweren Zeiten entgegengehen, da keine Aus­sicht besteht, die Entlassenen unterzubringen.

Schlietzung des Neichsitiüitosiwerls Piesteritz

Witlenberg, 1. Oktober. Wegen der Abiatzkrise in stick­stoffhaltigen Düngemitteln ist sämtlichen Angestellten der Reichsstickstoffwerke Piesteritz bei Wittenberg die vorsorg­liche Kündigung zugestellt worden, nachdem bereits vor einiger Zeit einem gewissen Prozentsatz der Angestellten­schaft gekündigt worden war. Ebenso haben 200 Arbeiter die Kündigung erhalten, nachdem bereits vor einigen Wochen 200 Arbeiter entlassen worden waren.

Taristündigungen in Süddeutschlaud

Der Arbeitgeberverband für den Groß- und Einzelhan­del in Frankfurt a. M. kündigte den Lohntarif für die Han- delshilfsarbeiter zum 31. Oktober d. J. Dieselbe Maßnahme hat auch der Süddeutsche Arbeitgeberverband im Schwer- transportgewerbe ergriffen. Der Verband der Metall- industriellen hat zum 31. Oktober d. J. sämtliche Lohn- und Akkordverträge in der Metallindustrie gekündigt. Zugleich hat das Kartell der metallverarbeitenden handwerklichen Be­triebe die Kündigung der Lohnverträge für die Elektromon- teure. Kunst- und Bauschlosser, Spengler und Installateur« zum selben Termin ausgesprochen. Der Zentralverband der Angestellten teilt mit: Das Nürnberg-Fürther Arbeit- geber-Kartell hat den Angestellten-Mantel- und Gehalts- Tarifvertrag zum 31. Dezember 1931 gekündigt.

Zahlungsunsähig...

Lastrop-Rauxel kann keine Gehälter zahlen.

Lastrop-Rauxel, 2. Oktober.

Die Stadt Lastrop-Rauxel war aus Mangel an Bar­mitteln nicht in der Lage, die am 1. Oktober 1931 fälligen Gehälter an die städtischen Beamten, Angestellten und Lehrer der höheren Schulen auszuzahlen; auch alle anderen zu liefern Termin fälligen Zahlungen konnten nicht geleistet werden.

Die Volksschullehrer erhalten ein Fünftel des Oktober- gehaktes. Die Unterstützungen an die Wohlfahrtserwerbs- losen werden jedoch aller Voraussicht nach voll ausgezahlt werden.

MNelftandMni in Schwieri,leiten

Die Deutsche Mittelstandsbank Akkien-Gesellschaft teilt mit:Durch die allgemeine wirtschaftliche Lage sind wir gezwungen, unsere Schalter vorübergehend zu schließen, da die Auszahlungen mit dem Zurückfliehen der im Interesse des Mittelstandes ausgegebenen Kredite nicht mehr Schritt halten können, wir streben im Wege des gerichtlichen Vergleichs mit unseren Gläubigern ein Moratorium an.