Hersfel-erTageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 233
Montag, den 4. Oktober 1931
81. Jahrgang
Kampf um das Kabinett Brüning
Zusammengehen der Rechtsoppofiüon im Reichstag — Der Fall Curtius im Vordergrund
Sie Haltung der 915511$.
Mißtrauensantrag gegen das Gesamtkabinetk. — kein besonderes Votum gegen Lurtius.
Berlin, 4 Oktober.
Im Reichstag versammelte sich vollzählig der nationalsozialistische Fraktionsvorstand, um sich mit den Aufgaben der nationalen Opposition nach dem Wiederzusammentritt des Reichstags zu beschäftigen. Es wurde ein gemein» saines Vorgehen der nationalen Opposition beschlossen in der Form, daß zwar nicht gemeinsame aber doch gleichlautende Anträge im Parlament eingebracht werden.
Zu der bevorstehenden großen politischen Aussprache wird von der nationalen Opposition zunächst nur ein Miß- trauensantrag gegen das Gesamtkabinett gestellt werden. Von einem Mißtrauensvotum gegen Reichsaußenminister Dr. Lurtius im besonderen, wie es die Nationalsozialisten gleichfalls in Aussicht genommen hatten, soll Abstand ge- nommen werden, weil offenbar Dr. Lurtius nach den Richtlinien gehandelt habe, für die der Reichskanzler selbst die Verantwortung trage.
Sollte aber der Mißtrauensantrag gegen das Gesamtkabinett abgelehnt werden, so würden die Nationalsozia- lisicß auch für den kommunistischen Antrag gegen Curtius stimmen. Ferner beschloß der Fraklionsvorstand, die Ge- samtfraktion für den 13. Oktober vormittags, also einige Stunden vor Beginn der ersten Plenarsitzung des Reichstags, einzuberufen.
Der Fraktionsvorstand beschäftigte sich weiter mit der Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der nationalen Rechten, einem Plan, der nunmehr seiner Ver- wirklichung nahe zu sein scheint. Dieser Arbeitsgemeinschaft raer^Lß nicht nur die parlamentarischen Vertretungen der Rechten, also die Rationalsozialistische, die Deutscynalionale Partei und die drei aus der Landoolkpartei ausgeschiedenen Reichstagsabgeordneten angehören sondern auch eine Anzahl außerhalb des Parlaments stehender nationaler Verbände. Noch vor dem Zusammentritt des Reichstags wird voraussichtlich eine gemeinsame Besprechung über die Bildung dieser Arbeitsgemeinschaft stattfinden.
Der Fall Curtius
Der Reichsaußenminister erstattete der Reichsregierung einen ausführlichen Bericht über die diesjährige Genfer Tagung des Völkerbundes. An den Bericht, der die Vorgänge in der Völkerbundsversammlung, im Völkerbundsrat und in den Ausschüssen umfaßte, schloß sich eine eingehende Aussprache. Die Beratungen werden fortgesetzt.
Reichspräsident von Hindenburg empfing den Reichskanzler Dr. Brüning zum Vortrag über den Stand der Arbeiten der Reichsregierung.
Notverordnung erst Mittwoch
Berlin, 4. Oktober.
Die Beratungen des Reichskabinetts über die Rotver ordnung dürften erst am Montag zum Abschluß kommen. Am Dienstag werden die Ministerpräsidenten der Länder vom Kanzler mit den Einzelheiten der Notverordnung be- kannkgemacht werden. Am Sonnabend hielt der Kanzler dem Reichspräsidenten Vorirow über den Stand der Ka- binettsberatnngen. Mit der Veröffentlichung rechnet man jetzt aber erst für Mittwoch früh.
Eine Auflockerung des Tarifwesens ist, wie amtlich bestätigt wird, in der Notverordnung nicht enthalten. Wenn diese Tatsache von führender Gewerkschaftsseite als das Ergebnis des Eingreifens der Gewerkschaften und der Sozial- demokratischen Partei bezeichnet wurde, so wird von unterrichteter Seite darauf hingewiesen, daß der Reichskanzler von Anfang an beabsichtigte, diese wesentliche Frage zunächst einmal mit den beiden beteiligten Faktoren, den Gew-rk- fcbaften und den Arbeitgeberverbänden zu besprechen. Eme Meinungsänderung in der Tariffrage unter dem Druck der Sem er triften wird ausdrücklich in Abrede gestellt.
Gegen schwarze Börsen
Neues verbot der Veröffentlichung von Kursen.
Berlin, 4. Oktober.
Nachdem die Effektenbörsen seit einiger Zeit erneut geschlossen sind hat sich in gleicher Weise wie im Juli d. 3. im Interesse der Bekämpfung der schwarzen Börsen als notwendig erwiesen, die Veröffentlichung und zirkular- mäßige Bekanntgabe der Kurse sowie von Preisangaben beim Angebot und bei der Nachfrage von Wertpapieren zu verbieten. Ein solches Verbot ist im Wege der Notverordnung ausgesprochen worden.
Die Notverordnung entspricht im allgemeinen den in- Ä wieder aufgehobenen Verordnungen vom 15. und 1931. Das Verbot der Veröffentlichung von Kursen ausländischer Zahlungsmittel brauchte in dieser Verordnung nicht ausgesprochen zu werden, da es in § 13 der Verordnung über die Devisenbewirtschaftung vom 1. August 1931 enthalten ist.
Vor Besprechungen über die Lage
Berlin, 5. Oktober.
Wie wir erfahren, ist damit zu rechnen, daß die gemeinsame Konferenz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aus Regierungskreisen vor einigen Tagen angeküni. wurde, bereits Ende der neuen Woche, also noch vor de. Zusammentritt des Reichstages, stattfinden wird. Die Einladungen dürften bereits heute morgen hinausgehen.
An der Konferenz werden für die* Regierung beteiligt fein der Reichskanzler, der Reichsfinanzminister, der Reichs- arbeits- und Reichswirtschaftsminister, für die Arbeitnehmer die drei Gewerkschaftsrichtungen, also die freien, die christlichen und die Hirsch-Dunkerschen Gewerkschaften, für die A r b e i t ge b e r der Reichsverband der deutschen Industrie und die Vereinigung Deutscher Arbeitgeber-Verbände. Bekanntlich hat die Einladung den Zweck, zwischen den beiden großen Faktoren der Wirtschaft ein U e b e r e i n * kommen herbeizuführen, das hierzu beiträgt, die zu erwartenden außerordentlichen Schwierigkeiten in diesem Winter überwinden zu helfen. Nach Auffassung gutunterrichteter Kreise hatten schon die letzten beiden Wochen gezeigt, daß die Entwertung des Pfundes die wirtschaftliche Situation von der Ausfuhrseite her noch bedrohlicher gestalten wird, als man vorher befürchtet hatte. Es ist anzunehmen, daß die Reichsregierung den Arbeitgebern wie den Arbeitnehmern die Gefahren klarzumachen versuchen wird, die sich hieraus naturnotwendig für die deutsche Wirtschaft ergeben.
In unterrichteten Kreisen hofft man, daß sich niemand dem Ernst dieser Lage verschließen wird und daß Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in gemeinsamer Arbeit nach Lebensmöglichkeiten suchen werden. Den Weg dazu stellt man sich offenbar so vor, daß die Konferenz Ausschüsse für die verschiedenen Probleme einsetzt und daß diese Ausschüsse bereits in der nächsten Woche an die praktische Arbeit gehen.
Amerika wünscht den Kanzlerbesuch
Washington, 5. Oktober.
Der Direktor des Republikanischen Partei-Büros, Robert Lucas, sagte im Rundfunk u. a.: Nach dem Besuche L a v a l s erwartet man den deutschen Kanzler als Gast Hoovers. Er wird mit seinem Gastgeber eine Besprechung haben, die sicherlich von großer Bedeutung für die ganze Welt sein dürfte. Daß nacheinander die mächtigsten Persönlichkeiten aus jedem der drei bedeutendsten Länder Europas die Einladung des Präsidenten zu einer persönlichen Rücksprache angenommen haben, legt sowohl Zeugnis für die Führerstellung Amerikas unter den Großmächten der Welt als auch für den Einfluß und die Bedeutung ab, die Präsident Hoover genießt und auf die wir stolz sein können.
Obwohl die Zeitungen die Ausführungen über den Besuch Brünings in großer Aufmachung melden, besteht doch allgemein die Anschauung, daß Lucas lediglich eine parteipolitische Wahlrede hielt, ohn« im Auftrage des Weißen Hauses zu sprechen.
Der aktive Hoover
Washington, 5. Oktober.
Staatssekretär S t i m s o n bestätigte, daß er Senator Morrow nach Washington gebeten habe, u mmit ihm die europäische Lage, darunter die Frage des Polnischen Korridors zu besprechen. Er dementierte, daß ein Kon- fultativpakt formuliert worden sei. Nach wie vor kursieren in Washington Gerüchte, daß Hoover einen großzügigen Plan zur Besserung der internationalen Kreditlage erwäge und im Januar eine Art Koalitions- kabinett bilden wolle, dem die Demokraten Baruch und Owen D. Poung angehören sollen. Eine Bestätigung dieser Vermutungen ließ sich allerdings nickst erlangen.
Griechisch-türkische
Freundschaftsbezeugungen
Athen, 5. Oktober.
Während des am Sonnabend abend zu Ehren der tür» kischen Minister abgehaltenen Banketts hieß der griechische Ministerpräsident Venizelos in einem Trinkspruch die türkischen Minister in Athen willkommen und fuhr fort: Wir Türken und Griechen können für uns mit Genugtuung fest« stellen, daß die Annäherung u. Zusammenarbeit bei uns bereits eine vollendete Tatsache ist. Durch unsere Hingebung an die geheiligte Sache des Friedens geben wir dem Frieden der Welt einen hilfreichen Antrieb.
Der türkische Ministerpräsident I m e t P a s ch a antwortete mit einem Trinkspruch und sagte, der griechische Ministerpräsident habe eine getreue Auslegung der Gefühle der Türkei gegeben.
Deutsch-französische Kundgebung in Paris
Paris, 5. Oktober.
In einer großen in Paris abgehaltenen Parallelkund- gebung, zu der in Berlin verunstalteten Manifestation „Zwei Völker — ein Gedanke", die außerordentlich gut besucht war, sprachen von deutscher Seite Reichsanwalt Dr. Bruno Weil!, Chefredakteur Professor Georg Bernhard und General a. D. von Deimling für den Gedanken der deutsch-französischen Annäherung. Von französischer Seite antworteten ein Vertreter der französischen Katholiken, ferner der französische Völkerbundsdelegierte Professor Cassin, und die Abgeordneten Oberst P i c o t und C h a b r u n im gleichen Sinne. Am Schluß des Abends wurde von den Vertretern zahlreicher französischer Vereinigungen, die insgesamt annähernd drei Millionen Mitglieder hinter sich haben, eine an die Adresse des Reichskanzlers und des französischen Ministerpräsidenten gerichtete Entschließung angenommen, in der der Wunsch nach einer herzlichen und vertrauensvollen deutsch-französischen Zusammenarbeit zur Erreichung der Gleichheit der Rechte unter Achtung der internationalen Pflichten zum Ausdruck gebracht ist und die dem-- schen und französischen Minister für ihre Loyalität und Beharrlichkeit in ihren Anstrengungen beglückwünscht werden
Lord Reading reist nach Paris.
Paris. 5. Oktober.
Der Quai d'Orsay bestätigt, daß der englische Außenminister Lord Reading nächsten Mittwoch nach Paris kommen und eine Aussprache mit Außenminister Briand haben werde.
Handelskonferenz in Paris
- Sp Paris, 5. Oktober.
Die Internationale Handelskammer hat für den 22. Oktober einen Sonderausschuß nach Paris einberufen, der die Fragen, die sich für den Geschäftsverkehr aus der Entwertung des englischen Pfundes ergebe, besprechen soll.
Das Programm
der Oppositionellen
Anschluß an die II. Internationale. — Gründung eines Sozialistischen Schutzbundes.
Berlin, 5. Oktober.
Die Opposition der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die sich am Freitag in Breslau zur „Sozialistischen Arbeiterpartei" (SAP) züsammengeschlossen hatte, hielt in Berlin eine Reichskonferenz ab.
Das Hauptreferat hielt Seydewitz, der auf die Vorgeschichte des Ausschlusses der Opposition aus der SPD. ein« ging. Er führte u. a. aus, am 1. November werde in Berlin eine Tageszeitung der SAP., die „Sozialistische Arbeiterzeitung", erscheinen. Nachdem Klaus Z w e i l i n g über das Aktionsprogramm gesprochen hatte, erklärte Dr. Eckstein, Breslau, daß die SAP. sich der II. Internationale anschließen und mit deren linkem Flügel zusammenarbeiten werde. Im Gegensatz zum Reichsbanner der SPD., fuhr der Redner fort, werde die neue Partei einen sozialistischen Schutzbund ins Leben rufen. Die Führung der Partei werde von Rosenfeld und Seydewitz übernommen werden, von denen aber nur einer zu besolden sei. Politische Beschlüsse von besonderer Tragweite sollten nicht von der Reichstagsfraktion, sondern von den Ortsgruppen gefaßt werden.
Rücktritt des Hamburger Senats
Hamburg, 5. Oktober.
Der Senat hat in seiner Sitzung am Sonnabend einstimmig beschlossen, in seiner Gesamtheit zurückzutreten und bis zur Wahl eines neuen Senats die Geschäfte weiter zu führen. Der Präsident der Bürgerschaft ist ersucht worden, die Vorbereitung für die Wahl eines neuen Senats einleiten zu wollen. Der Präsident will die Rücktrittserklärung des Senats in der Bürgerschaftssitzung vom 21. Oktober vorlegen.
Aufruf des Papstes zur Nothilfe
Ein Appell des Papstes.
Vatikan-Sladt, 5. Oktober.
Der Papst fordert in einem apostolischen Schreiben alle Erzbischöfe und Bischöfe auf, mit Rücksicht auf den bevorstehenden Winter, der die schlechte Lage derArbeitlosen noch verschärfen werde, eine Unterstützung zu organisieren und ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß ihnen ma- terielle und moralische Hilfe zuteil werde, um zu verhindern, daß die wirtschaftliche Not die Massen zur Verzweiflung treibe. Ferner müßten die Bischöfe mit allen Mitteln dahin wirken, daß die gefährliche Rivalität unter den Völkern auf» höre, die ungeheuren Ausgaben für die Rüstungen verursache, wodurch bedeutende Summen der allgemeinen Wohlfahrt entzogen wMn. .
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