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Nr. 238 (erstes Blatt)

Sonnabend, den 10. Oktober 1931

81. Jahrgang

Die neue Regierung

Brunings neue Ministerliste fertig General Gröner auch Innenminister

Deutsche Woche"

Von Maria Jecker, M.d.RWR., Vorsitzende des Reichsverbandes Deutscher Hausfrauenvereine e. V.

Mit dem Schicksal der deutschen Wirtschaft ist das Schick­sal des deutschen Volkes eng verbunden. Die Notlage der Wirtschaft ist heute zur Gefahr für den Staat geworden; 5 Millionen Arbeitslose, eine Zahl, die noch beständig wächst! Bis vor kurzem noch blühende Wirtschaftszweige kommen zum Erliegen, die wachsende Unruhe über die weitere Zu­kunft, über das eigene Schicksal liegt lähmend über der wirtschaftlichen Tätigkeit. In der ganzen Welt hat sich in der letzten Zeit die Wirtschaftskrise unendlich verschärft. Die S.O.S.-Rufe Deutschlands haben vielen Ländern als Weck­ruf in die Ohren geklungen.

In vielen außerdeutschen Ländern hat man allerdings schon seit Jahr und Tag erkannt: das wirkungsvollste Mittel zur Belebung der heimischen Wirtschaft ist, die Selbst­disziplin des Verbrauchers zu stärken, sein Ver­antwortungsbewußtsein für das Wohl und Wehe des Jn- landsmarktes zu wecken. Der Deutsche geht an die Entfesse­lung einer großen Volksbewegung meist mit etwas größerer Vorsicht heran als der Ausländer. Er lebt zu lange unter dem Druck der aufgezwungenen Tributlasten, er bat durch manchen Rückschlag gelernt zu fragen, wie wirkt dies oder jenes außenpolitisch gesehen. Deutschland gehört zu den Ländern, die schon zu einer Zeit, in der es keine Tributver- pflichtungen und Auslandsschulden in dem jetzigen Ausmaß gab, gezwungen waren, zu exportieren, um die fehlenden Rohstoffe für Produktionsmittel, Nahrung und Kleidung ihrer Bevölkerung vom Ausland kaufen zu können. Dieser Zwang hat sich heute noch verschärft! Das Millionenheer der Arbeitslosen beleuchtet grell die Verpflichtung, nichts zu un- ternehmen, was sich als Störung der Exportmöglichkeiten auswirken körmter-"*^- ->-. . .- . -.^^^

So ist es leicht verständlich, daß die Idee einer deutschen cür den vorzugsweisen

Woche, die der Werbung füi Verbrauch deutscher W

Beispiel der Schweiz und der nordischen Länder, zuerst in Deutschland mit großer Zurückhaltung ausgenommen wurde. Diese Zurückhaltung hatte ihre volle Berechtigung, solange nicht einwandfrei feststand, daß die deutsche Woche nicht etwa eine Boykottbewegung sein soll, auf die das Ausland mit Einfuhrsperre antworten würde. Ereignisse gerade der letz'

a r e n dienen soll nach dem

ten Zeit beweisen, daß Verordnungen auf dem Wege der Gesetzgebung diesem Ziel mehr schaden als nützen; der praktische Erfolg bleibt meist gleich Null, und der angerich­tete Schaden ist schwer wiedergutzumachen.

Wenn wir uns also einig sind, daß die deutsche Woche keine Boykottbewegung gegen das Ausland fein soll, was will sie dann sein, was will sie erreichen? Sie will ganz bewußt den Schutz der deutschen Arbeit propagieren, dem deutschen Fabrikat und dem Produkt deutscher Scholle den deutschen Inlandsmarkt sichern. Sie will belehrend und a u f k l ä r e n ö wirken, aufklärend besonders in dem Sinne, einer weiteren Oeffentlichkeit zu zeigen, was deutsche Qua­litätsarbeit geschaffen hatz und was die deutsche Erde für die Küche des deutschen Hauses zu liefern imstande ist.

Einfuhr in bestimmten Grenzen wird nie vermieden werden können und dürfen; Deutschland gehört zu den Län­dern, die immer einen großen Teil der in ihrer Industrie verarbeiteten Rohstoffe aus dem Ausland beziehen müssen, und ein Zurückgehen dieser Einfuhr würde zu Lasten der deutschen Wirtschaft neue Massen von Arbeitslosen bedeu­ten. Aber das deutsche Volk und ganz besonders die deutsche Frau muh den Unterschied zwischen notwen­diger und entbehrlicher Einfuhr erkennen lernen. Bei der Aufzählung der Waren, die täglich im Werte von Millionen eingeführt werden, wird dieser Unter­schied recht leicht zu machen sein. Deutschlands Hausfrauen werden sich bestimmt nicht den Vorwurf zuziehen wollen, gedankenlos die nicht notwendige Einsuhr vergrößern zu helfen. Auch das Ausland wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Einfuhr von Waren, die es im eigenen Lande ebenso gut herstellt. Das Ausland braucht freilich in vielen Fällen als Nutznießer der deutschen Not nicht ganz so ängst­lich in der Wahl der Mittel seiner Propaganda zu sein, braucht selbst vor einem Boykott nicht zurückzuschrecken.

Das ist auch der Weg, den die deutsche Woche ganz be­wußt geht, wenn sie in Stadt und Land die Erkenntnis und das Verständnis für deutsche Qualitätsware durch groß- zügige Aufklärung und Werbung zu fördern trachtet. Wir muffen erkennen, daß nur in ruhiger, stetiger Arbeit durch Anpassung an die wirtschaftlichen Ver- h ä l t n i s s e geholfen werden kann. Diese Hilfe liegt in der Bevorzugung der Erzeugnisse deutscher Arbeit, deutscher Scholle. Nicht Worte, Taten allein können helfen. Diese Hilfe wird sich fernhalten von jedem schädlichen, verwerf­lichen Wirtschaftschauvinismus. wenn sie geschieht in der Einstellung: wer deutsche Ware kauft, schafft Arbeit und Brot. Das Bewußtsein gegenseitiger wirtschaftlicher Schicksalsverbundenheit soll durch die deutsche Woche geweckt werden. Wenn jetzt im Oktober in unzähligen deutschen Städten, in Stadt und Land die deutsche Woche durchgeführt wird, so will sie jedem deutschen Mann, jeder deutschen Krau sagen: Auf dich allein kommt es an; erkenne deine persönliche Verantwortung sind handle danach!

Zweites Kabinett Brüning ernannt

Weitere Stützung der Sozialdemokratie?

Berlin, 10. Oktober.

Reichskanzler Dr. B r ün in g hat gestern um 21.15 Uhr dem Herrn Reichspräsidenten folgende Kabinettsliste vorge­schlagen, die auch genehmigt wurde:

Kanzler und Aeuheres: Dr. Brüning;

Vizekanzler und Finanzen: Dietrich;

Reichswehr und Inneres: Dr. Groener;

Wirtschaft: Dr. W a r m b o l d;

Arbeit: Dr. Siegerwalü;

Justiz: Dr. Ioel;

Ernährung und Landwirtschaft: Schiele;

Verkehr: Treviranus;

Post: Dr. Schätze!.

Reichspostminister Dr. S ch ä tz e l hat sich seine endgül­tige Erklärung über sein Verbleiben im Amte bis heute vor­behalten.

Das bisher vom Reichsminister ohne Geschäftsbereich Treviranus verwaltete Amt des Reichskommissars für die Oststelle wird anderweitig besetzt.

*

Der Herr Reichspräsident hat den drei aus dem Amt scheidenden bisherigen Reichsministern, Dr. Curllus, Dr. o. Guerard und Dr. Wirth imherzlichen Worten gehaltene Ab- schiedsschreiben übersandt, in denen er ihnen namens des Reiches und auch perjsMich für ihre in schwerer Zeit ge­leistete Arbeit dankt. i

*

Die Ansicht darüber, ob das zweite Kabinett Brüning Aussicht hat, im Reichstag eine Mehrheit zu finden, find recht geteilt. Der Kanzler selbst aber rechnet ziemlich sicher mit einer Mehrheit. In der Tat gilt als sicher, daß die Sozialdemokratie auch diesem Kabinett gegenüber ihre To- lerierungspolitik fortsetzen wird. In Kreisen des Kabinetts rechnet man auch damit, daß sich die Gruppen der gemäßigten Rechten, mit Ausnahme der Deutschen Volkspartei, dem Ka­binett nicht versagen werden und daß es auch gelingen wird, * die Bedenken der Bayerischen Volkspartei aus der Welt zu räumen. Der Bayerischen Volkspartei wird es darauf an­kommen, gewisse Sicherungen dafür zu erlangen, daß das neue Kabinett keine Reichsreformpläne verwirklicht, denen die Bayerische Volkspartei nicht zustimmen könnte.

Daß im übrigen auch in der jetzigen Zusammensetzung des Kabinetts im Laufe der Zeit noch Veränderungen vor­genommen werden können, wird auch in Regierung streifen zugeoeben. So dürfte z. B. die Betrauung Dr. Groeners auch mit dem Reichsinnenministerium ein Provisorium dar- stellen. In politischen Kreisen wird übrigens auch darauf hingewiesen, daß das Zentrum statt der vier Minister im ersten Kabinett Brüning jetzt nur zwei Mitglieder im Kabi­nett hat, so daß die Kräfteverteilung innerhalb der neuen Reichsregierung also abgewogener ist.

Der Relchshankansweis

Deckung der Roten 30,1 Prozent.

Berlin, 10. Oktober.

Nach dem neuen Ausweis der Reichsbank hat sich in der verflossenen Bankwoche die gesamte Kapitalanlage der Bank an Wechseln und Schecks, Lombards und Effekten um 74,0 Mill. auf 3999,1 Mill. RM. verringert. Im einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -schecks um 142,7 Mill. auf 3688,1 Mill. RM. zugenommen, die Lom­bardbestände um 132,9 Mill. auf 167,6 Mill. RM. und die Bestände in Reichsschatzwechseln um 83,7 Mill. auf 40,4 Mill. RM. abgenommen. An Reichsbanknoten und Renten- bankscheinen zusammen sind 93,6 Mill. RM. in die Kassen der Reichsbank zurückgeflossen, und zwar hat sich der Um­lauf an Reichsbanknoten um 86,3 Mill. auf 452^9 Mill. RM., derjenige an Rentenbdnkscheinen um 7,3 Mill. aus 414,8 Mill. RM. verringert. Dementsprechend haben sich die Bestände der Reichsbank an Rentenbankscheinen auf 12,7 Mill. RM. erhöht. Die fremden Gelder zeigen mit 500,5 Mill. RM. eine Abnahme um 112,9 Mill. RM.

Die Bestände an Gold und deckungsfähigen Devisen haben sich um 78,7 Will, auf 1360,8 Will. RM. verringert. Im einzelnen haben die Goldbestände um 81,5 Mill* auf 1219,3 Will. RW. abgenommen, die Bestände an deckungs- fähigen Devisen um 2,8 Will, auf 141,5 Will. RM. zuge­nommen. Die Deckung der Roten durch Gold und deckungs- fähige Devisen beträgt 30,1 v. H. gegen 31,2 v. h. in der Vorwoche.

Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, hat die Reichsbank eine Diskonterhöhung zur Zeit nicht in Erwä­gung gezogen.

Zielbewuhte Wirtschaftspolitik

Das Programm des Deutschen Industrie- und Handelstages.

Berlin, 10. Oktober.

Der Deutsche Industrie- und Handelstag faßt das Er­gebnis der Sitzung feines Hauptausschusses wie folgt zu­sammen: .

Vor allem wurde darauf hingewiesen, daß nun alle am Welthandel beteiligten Länder ausnahmslos von der Welt­wirtschaftskrise ergriffen sind und damit das System der nationalen Wirtschaften und der Weltwirtschaft in stärkstem Masse gefährdet ist. Es ist deshalb höchste Zeit, sich zu ge­meinsamen internationalen Anstrengungen zusammenzufin- den, um die Währungen zu stützen, brachliegende Produk­tionsmittel und brachliegende Arbeitskräfte zu nutzen und den wirtschaftlichen Güter- und Kapitalaustausch wiederum, nicht mehr durch politisch bedingte Zahlungen gestört, in natürlichen Fluß zu bringen.

Für Deutschland ist die entschlossene Behandlung der ge- rade aus diesem Zusammenhang sich ergebenden wirtfchasts« politischen Grundfragen, und insbesondere eine auf Kosten­anpassung an allen Stellen gerichtete Politik unverschiebbar geworden. Die neue Notverordnung dringt nicht zum Kern der Probleme vor. Neben notwendigen Maßnahmen bringt sie auch solche, gegen die ernste Bedenken bestehen. Auf steuerlichem Gebiete hat die Hauszinssteuer vom Standpunkt der Wertherstellung und des Kreditwesens wie der Arbeits- beschäftigung eine durchaus ungenügende Regelung gefun­den Vor allem aber ist festzustellen, daß die großen Fra­gen, wie die Reichsregierung selbst anerkannte, immer noch der Entscheidung harren.

Die Volkswirtschaft geht einer Einschrumpfung auf die Herstellung und Bewegung der unentbehrlichsten und primi­tivsten Güter und damit einer zerstörenden Arbeitslosigkeit entgegen, wenn nicht diese Fragen alsbald gelöst werden. TMs^deulsche Volk bedarf hierzu einer überparteilichen Füh­rung und einer von ihr geleiteten sachlichen Zusammenarbeit all derer, die entschlossen und kräftig genug sind, Deutschland durch eine Politik nüchterner Erkenntnis und gemeinsamer Opfer zu erhalten.

Wie in voller Einmütigkeit betont wurde, muß nun un­gesäumt die Führung des Reiches sich in der Bewältigung der großen wirtschaftspolitischen Fragen bewähren. Nicht weniger als das deutsche Schicksal hängt davon ab.

Die Mansselder Krise

Reue Verhandlungen im Kupferbergbau.

Eisleben, 10. Oktober.

In der Stillegungsverhandlung in Eisleben wurde die Stillegungsfrist für die Kupferbetriebe der Mansfeld A. G für Bergbau und Hüttenbetrieb, Eisleben, auf den 17. Ok­tober festgesetzt. Von der Stillegungsaktion wird das Kup­fer- und Messingwerk in Hettstadt nicht betroffen, das auf jeden Fall weitergeführt wird.

Die verlautet, sollen auf Anregung der Gewerkschaft sofort neue Lohnverhandlungen im Reichsarbeitsministerium stakksinden, um die drohende Stillegung möglichst zu ver­hindern.

Die Ausriiaungrioerre

Berlin, 10. Oktober.

Ein Berliner Blatt war in einer scharfen Polemik gegen die Notverordnung davon ausgegangen, daß in den beamten- und pensionsrechtlichen Bestimmungen der neuen Notverordnung die Aufrückungssperre verankert sei, wie sie in Preußen bestimmt worden ist. In Wirklichkeit enthält die neue Notverordnung des Reiches kein Wort über diese Sperre!

Diese Tatsache hat den Landesverband der Höheren Beamten veranlaßt, an die preußische Staatsregierung den Antrag zu richten, die zweijährige Aufrückungssperre für die preußischen Beamten durch Aenderung der preußischen Sparverordnung vom 12. September wieder zu beseitigen

Atteutat auf Essens Lberbürgermeister

Essen, 10. Oktober.

3m Vorgarten der Dienstwohnung des Oberbürger­meisters Dr. Bracht in Essen-Bredeney explodierte ein Sprengkörper. Es handelt sich um eine mit Sprengstoff und Schrotstücken gefüllte Metallflasche, die über den Gar­tenzaun bis an das haus geworfen worden war und dann durch eine Zündschnur zur Explosion gebracht wurde. Am Gebäude entstand geringer Sachschaden. (Einige Fenster­scheiben im Erdgeschoß gingen in Trümmer. Die Po izel hat umfangreiche Ermittlungen nach den Tätern elngeleitek.

Diskonterhöhung in Frankreich

Paris, 10. Oktober.

Die Bank von Frankreich hat ihren Diskonksah von zwei Prozent auf zweieinhalb Prozent erhöht. Der Sag non zwei Prozent war seit dem 2. Januar 1931 in Geltung