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hersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 243

Freitag, den 16. Oktober 1931

81. Jahrgang

Brünings Schicksal noch unentschieden

Fortgang der großen Redeschlacht im Reickstaa Volkspartei und Landvolk gegen, Bolksdienst für die Regierung

Ergebnis der Woche

Das große Ringen.

R. P. Das neue Reichskabinett steht in schwerem Rin gen um die Anerkennung seines Programms, um die Fort führung der bisherigen innen- und außenpolitischen Linie Denn trotz der Regierungsumbildung ist es doch eigentlick das alte Kabinett, das sich entschlossen hat, das Schicksä Deutschlands in die Hand zu nehmen. Was Notverordnun- gen vorbereitet haben, soll nun ein Wirtschaftsprogramm be- enden, das allerdings in seinen Grundzügen noch nicht fest- steht. Erst aber spricht der Reichstag ein Machtwort Wie es ausfallen wird, steht zur Stunde noch nicht fest. Bis große Redeschlacht hat bisher nur eines erwiesen, daß sick zwei innerpolitische Mächte mit starkem Willen gegenüber stehen. Die nationale Opposition hat in Harzburx ein Programm aufgestellt, das jedes Paktieren mit der bis- herigen oder jetzigen Regierung ablehnt und selbst die Rs- gierungsgewalt erstrebt. Man muß es bedauern, daß ir dieser Stunde der höchsten Gefahr und Not das deutsch« Volk diese Zerrissenheit zeigt, wie sie uns in diesen Tagen des Reichstagskampfes vor Augen tritt. Was gibt der Parteien das Recht, das deutsche Volk bewußt und systema­tisch in zwei feindliche Lager zu trennen. In keinem Land« der Welt erleben wir ein ähnliches tragisches Schauspiel Dort strebt man zur Ueberwindung der Schwierigkeiten unt der Krise nach einer Konzentration aller aufbaubereiter nationalen Kräfte. Und bei uns: Kampfansage her­über und hinüber. Und dazwischen das deutsche Volk, ba« in seiner Not und seiner Sorge nicht ein und aus weiß. Ist es mit dem Grundsatz der Volksgemeinschaft und bei Demokratie vereinbar, daß man entgegen dem Geiste unt dem Wortlaut der Verfassung den einen oder den anderen Teil des deutschen Volkes vorr.der Mitarbeit.am Staats

Bedenkliche Inflationsgespräche.

Wie weit dieser innenpolitische Kampf gediehen ist, be­weisen die verschiedenen Nachrichten über angebliche 3m flationsmöglichkeiten. Ein westdeutsches Blatt hatte maß­geblichen Führern der deutschen Wirtschaft die Absicht nach­gesagt, durch eine künstliche Inflation wirtschaftliche Er­leichterungen herbeizuführen. Die beschuldigten Kreise stel­len solche Absicht oder gar dahinzielende Aktionen auf das allerentschiedenste in Abrede. In Harzburg hat der frü­here Reichsbankpräsident Dr. Schacht Ausführungen ge­macht, die im In- wie im Ausland eine sehr ernste Beur­teilung gefunden haben. Der Reichsfinanzminister sah sich dadurch veranlaßt, den Ausführungen Schachts auf das schärfste entgegenzutreten und ihm nachzusagen, daß er dem deutschen Kredit und der deutschen Währung keinen guten Dienst geleistet habe. Dr. Schacht hat dazu eine Klarstellung gegeben, von der man nur bedauern kann, daß sie nichi von vornherein vorlag und die falschen Auslegungen seiner Harzburger Worte verhindert hat. Die Währung ist in der heutigen Zeit allgemein zu beobachtender Währungskrisen ein sehr empfindliches Instrument, das auf jede Erschütte­rung irgendwelcher Art sofort reagiert. Jeder verantwor­tungsbewußte Mensch muß deshalb um so vorsichtiger mit feinen öffentlichen Erklärungen sein, je eher diese in der Lage sind, auf den einfachen Mann beunruhigend zu wir­ken. Wir haben doch wahrlich hinreichend Anlässe, beun­ruhigt zu sein. Und bei aller Gegensätzlichkeit der Auffassun­gen muß von jedem Politiker und Staatsmann das eine ge­fordert werden, daß er fachlich sich mit seinem Gegner auseinandersetzt und nur das eine Ziel im Auge hat, dem Volk und Vaterland zu dienen.

Was sagt uns Spanien?

Die Vorgänge in Spanien sollten uns in Deutschland eindringliche Lehren geben. Die systematische Ausschaltung eines wesentlichen Volksteils aus der Regierungsgemein- schaft und der staatlichen Verantwortung zeitigt Folgen, deren Richtung und Ausmaß nicht vorweg bestimmt werden können. Eine politische Bewegung, wenn sie zu Aktionen übergeht, ist weder in ihrer Richtung noch in ihren Zielen genau abzugrenzen. Das spanische Volk erhob sich gegen die sich einseitig auswirkende Diktatur. Die Träger dieser Revolution waren aber nicht in der Lage, die revolutionäre Bewegung bis zu einem bestimmten Punkte abzufangen Heute hat sie eine ausgesprochen k i r ch e n f e i n d l i ch e Tendenz. Das einst so fromme spanische Volk steht inter- esselos beiseite, wo die radikalisierte Masie den Freibeits- kampf gegen Zucht, Autorität und Kirche führt. Wir in Deutschland haben alle Veranlassung, die Verhältnisse in Spanien zu vergleichen mit Strömungen, die sich bei uns immer deutlicher abheben. Schon mehren sich die warnen- den Stimmen gegen das, was sich in Deutschland nach dieser Richtung entwickelt, ohne daß von den zuständigen Stellen Mittel und Wege gezeigt werden, dem einen Damm ent- gegenzusetzen. Selbst wenn sich die Führer der einzelnen Bewegungen ehrlich verständigen, sie bieten keine Gewähr dafür, daß die Masse, die weniger kompliziert denkt, und die die Feinheiten politischen Zusammenspiels nicht versteht, auch ihnen sinngemäß und willig folgt.

Laval fährt nach Amerika. . ,

Mit einem großen Stab von Mitarbeitern, Sachver­ständigen und journalistischen Akteuren tritt Lava! die Reise nach Amerika an. Laoal reist nicht leichten Herzens. Die Dinge in Frankreich sind keineswegs beruhigend. Der fran­zösische Sparer hebt Franc um Franc von den öffent­lichen Kassen ab, weil er von wachsendem Mißtrauen erfüllt ist. In dem Gebälk des französischen Bankenwesens knistert es verdächtig. Was nützt das Gold, wenn es tot in den Stahlkammern liegt. Und auch Hoover sieht bangenden Herzens den Verhandlungen mit Laval entgegen. Denn auch in der amerikanischen Wirtschaft sieht es nicht nach Besserung aus. Frankreich und Amerika können sich un­schwer über ihre beiderseitigen Beziehungen verständigen. Aber darum geht es nicht. Die Weltkatastrophe muß ver­hindert werden. Aber wie sagen sie's ihren Kindern? Vor allem in Frankreich müßte man zu einer völligen politischen Abrüstung kommen, der automatisch die militärische folgt. Die Bedrohung, das einseitige Machtstreben, die falsche Ver­teilung des politischen Gleichgewichts müssen beseitigt wer­den. Es gäbe schon Wege, der Krise beizukommen. Nur müßte man sich frei halten von ehrgeizigen Sonderwünschen. Die große internationale Verständigung ist ebenso bitter notwendig und möglich wie die Verständigung in Deutsch­land. Nur darf man nicht erwarten, daß alle übrigen nur gerade das eine Programm als das allein richtige aner­kennen. Darüber wird man in Washington reden; viel­leicht kommt etwas dabei heraus. Ein radikalerKurs- Wechsel aber ist n i ch t zu erwarten. Nur langsam wird man vorwärtskommen. Ob die Völker noch so lange Zeit haben?

ßiflttibittiieg der 833.

Line Forderung desManchester Guardian".

.-. - .. .................-X^>nhfea, In Cti.Ar----

Manchester Guardian" fordert, daß der 833- entweder neue Aufgaben zugeteilt werden sollen, oder daß sie so­fort liquidiert werden solle, denn ein großer Teil ihrer Mitglieder sei entgegen den Statuten nicht mehr auf den Goldstandard eingestellt, und der sich aus den Reparationen ergebende Tätigkeitskreis habe sich erledigt.

Dr. Schacht habe während der letzten zwei Jahre er« klärt, daß der Poungplan und die mit ihm verknüpften fi- nanziellen Abmachungen nur dann arbeiten könnten, wenn die BJZ. eine allgemeine Verteilung neuen Kapitals orga­nisiere. Was Dr. Schacht öffentlich gesagt habe, sei auch nachgewiesenermaßen die private Ansicht der englischen Bankiers gewesen.

Der Goldoerluft Amerikas

London, 16. Oktober.

Reuter meldet aus New Park: Der Goldverlust der Vereinigten Staten beträgt jetzt annähernd 567 Millionen Dollar, wovon der größte Teil während der letzten vier Wochen abgezogen worden ist. Damit haben die Vereinig­ten Staaten 80 Prozent des Goldes eingebüßt, das sie in den letzten zwei Jahren empfangen hatten. Zu Gerüchten, daß in Europa die Sicherheit des Dollars angezweifelt wird, wird bemerkt, daß der amerikanische Goldvorrat noch im­mer 4^ Milliarden Dollar übersteige, was eine Wprozen- tige Deckung des Notenumlaufs bedeutet.

Der französische Finanzminister Flandin erklärte zu den Goldzuflüssen in Frankreich u. a., Paris werde mehr und mehr ein Zwischenmarkt. Dollarguthaben seien zu­nächst in französische Francs und alsdann in andere De­visen umgewandelt worden, wie übrigens durch die Hausse dieser Devise in Beziehung auf den französischen Franc bewiesen werde. Finanzminister Flandin bezeichnete auch eine aus amerikanischer Quelle stammende Nachricht als völlig irrig, die der Bank von Frankreich Absichten unter­schiebt, die diese niemals hinsichtlich ihrer kurzfristigen Gut­haben in den Vereinigten Staaten gehabt habe.

Amerika zu den Ratsverhandlungen eingeladen

Genf, 16. Oktober.

Der Völkerbundsrat hat gestern abend nach einer zwei- einhalbstündigen geheimen und sehr bewegten Sitzung mit 13 gegen 1 Stimme prinzipiell beschlossen, die Vereinigten Staaten zu den Verhandlungen des Rates über den c^nefisch- japanischen Konflikt einzuladen. Die Ms«ndung der Ein­ladung und die Formulierung des Einladungsschreibens wird heute in einer öffentlichen Sitzung erfolgen. Der Ver­treter Japans stellte sich auf den Standpunkt, daß für die Einladung ein einstimmiger Ratsbeschluß notwendig sei. Dieser Einwand hat sich jedoch der Völkerbundsrat nicht zu eigen gemacht.

*

Die in der Geschichte des Völkerbundes denkwürdige Entscheidung vollzog sich unter großer Anteilnahme des Pu­blikums und der Presse, die mit großer Spannung auf den Fluren der Wlkerdmch»üÄMrr» dk» Ergebnis ahwartet«.

Deutscher Reichstag

Bollsdlenst für Bollspartei gegen Brüning

Berlin, 15. Oktober.

Vor Eintritt in die Tagesordnung verlangt Abg. Becker- Schlesien (Komm.) die sofortige Beratung eines kommuni­stischen Antrags dahingehend, daß die Wenz«slaus- Grube bei Neurode beschlagnahmt und den Bergarbeitern zur Verfügung gestellt wird. Die sofortige Beratung des Antrags wird abgelehnt. Die

Aussprache über die Regierungserklärung

wird fortgesetzt.

Simpsendörser (Chriftl.-Soz.)

fordert eine Außenpolitik, die alle Kräfte der Nation in den Dienst der nationalen Befreiung stelle und zum Kampf um die Ächtung und Gleichberechtigung unter den Großmächten benutze. Schwere und große Aufgaben ständen dem deut­schen Volke in der Reoisionspolitik noch bevor. Nichts wäre verfehlter und darin stimmt der Redner dem Reichskanz­ler zu als im gegenwärtigen Augenblick durch vorzeitige Lösung die Zukunft Deutschlands zu verschachern.

Der Sieg im Revisionskampf werde eine Frage der stärksten Nerven sein.

Der Erfolg könne nur gesichert werden, wenn die Lasten und Opfer, die der Kampf um Freiheit und Recht des deutschen Volkes erfordere, gerecht verteilt würden. Der Volksdienst fordere ein rasches und energisches Durchgreifen auf dem Gebiete des Kartellwesens. Leider fei schon viel versäumt worden.

Preisbindungen könne das Schlimmste den, nur dann könne auch die notwendige Anpassung der Lohntarife durchgeführt werden.

Weiter fordert der Redner eine Planwirtschaft mit Einglie­derung der Arbeiterschaft in den Produktionsprozeß als gleichberechtigten Faktor neben Unternehmer und Kapital. Die berufliche Organisation der Arbeiterschaft in den Ge­werkschaften sei für den Volksdienst die wirtschaftlich und politisch notwendige Ergänzung der Arbeitgeberverbände. Ferner fordere der Volksdienst die unverzügliche Durchfüh­rung des angekündigten Schutzes der landwirtschaftlichen Veredelungsproduktion. Der Appell des Kanzlers zu natio­naler Konzentration wird von dem Redner begrüßt, er glaubt aber, daß es ein nationales Unglück wäre, wenn man die radikalen Rechtsgruppen für immer und von vorn­herein grundsätzlich von der Mitarbeit und der Verantwor­tung ausschließen wollte. Im Anschluß daran wirft er die Frage auf, was die Harzburger Forderung nach Beseitigung des heutigen Systems bedeuten solle. Wenn man sogar die Verständigung mit Frankreich wolle, worin solle dann noch der Unterschied bestehen zwischen einer neuen und der jetzi­gen Außenpolitik? Unter lebhaftem Beifall des Volksdien­stes ruft der Redner auf zur Konzentration aller aufbau- willigen Kräfte.

Dr. Dingeldey (D. Lp.)

erklärt: Weil der Reichskanzler bei feinem Amtsantritt den Mut zur Unpopularität gezeigt, weil er Wege eingeschlagen hat, die von den bisherigen Methoden ganz abwichen, des­halb gaben wir ihm unsere Unterstützung. Wenn die wei­tere Entwicklung eine Aenderung unserer Haltung herbeige­führt hat, so ist es mir ein Bedürfnis zu betonen, daß die Hochachtung und Verehrung vor dem vaterländischen Willen, vor dem sittlichen Ernst und vor den hervorragenden Fähig­keiten des Reichskanzlers bei meinen Freunden selbstver­ständlich unbeeinflußt von jeder Meinungsverschiedenheit über die Methoden unverändert erhalten bleibt. (Beifall.) Die von uns gebilligte Politik der unpopulären Anerkennung der Wirklichkeit mußte naturgemäß zu einer immer weite­ren Entfernung von den Parteien führen. Es hat sich ge» zeigt, daß die Reichsoerfasfung nicht angepaßt ist den Re- gierungsmethoden, die zur Abwehr dringender Notstände erforderlich sind. Wir haben eine ungeheure Fehlleitung des Kapitals in Deutschland gehabt. (Abg. Dittmann (Soz.): Sind dafür vielleicht die Marxisten verantwortlich?") Ge­wiß ist auch zum großen Teil die Privatwirtschaft dafür ver- antwortlich. (Hört! Hört! Links.)

Die Milliarden aber, die von der öffenllidjen Hand in den Wohnungsbau gesteckt worden sind, können jetzt schon zum größten Teil volkswirtschaftlich als verloren betrachtet werden. Die Fehler liegen vor allem auch auf dem Gebiete der Löhne und Gehälter.

(Gr. Unruhe links, Rufe b. Soz. u. Komm.:Endlich ist es heraus, was er will!"). Wir habe den Kanzler unterstützt, indem wir ihm die Ausschaltung der parlamentarischen Hemmungen durch die lange Reichstagspause ermöglicht haben. Er hat bald darauf in einer Notverordnung entgegen allen Zusicherungen die Wirtschaft mit neuen schweren Steuern belastet. Die Ersparnismaßnahmen, die bei der Arbeitslosenversicherung geplant waren, sind durch den Ein-