HersfelöerTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für -rn Kreis Hersfeld
Nr. 247 Mittwoch, den 21. Oktober 1931 81. Jahrgang
Erleichterung der Tributlasten?
Neue amerikanische Erwägungen: 210 Millionen Jahresleistung —
Sonnn gibt nach?
Angeblich Zurückziehung der Truppen im Gange.
New gort, 21. Oktober.
Der japanische Botschafter Debuchi stattete Staatssekretär Slimson einen Besuch ab und erklärte, daß Tokio alle Einwendungen gegen eine Teilnahme der Vereinigten Staaten an den Genfer Verhandlungen zurückziehe. Er hob dabei aber hervor, dafz Japan nach wie vor den vom Völkerbund bezüglich der Einladung Gilberts eingeschlagenen Weg mißbillige. Dieser Punkt sei jedoch in Verhandlungen zwischen Tokio und dem Völkerbund zu klären.
Debuchi versicherte weiter, daß die Zurückziehung der japanischen Streitkräfte aus der Mandschurei bereits im Gange sei.
Nach in Tokio verbreiteten Gerüchten sollen der japanische Kriegsminister und der Chef des japanischen Generalstabs mit ihrem Rücktritt gedroht haben, falls Japan in Genf nachgeben würde. Die Verhandlungen im Kabinett über die weitere japanische Politik in der Mandschurei sind noch nicht abgeschlossen. •
Zu der erfolgten Verhaftung von neun japanischen Subaltern-Offizieren in Tokio, die unter dem Verdacht einer Verschwörung gegen den Staat stehen, meldet die „Times", daß diese Offiziere anscheinend mit einer der reaktionären Gesellschaften in Verbindung gestanden hätten, die in der mandschurischen Frage zu Gewalttätigkeiten geneigt sind. Soweit bisher festgestellt wurde, kommt eine weitverzweigte Verschwörung nicht in Frage.
Bedingungen für die Räumung
Es verlautet, daß die fünf wesentlichen Punkte, auf deren prinzipieller Anerkennung durch China Japan besteht, ehe es seine Truppen aus der Mandschurei zurückziehen will, dem französischen AußenMnister, dem Generalsekretär des Völkerbundes und dem N:erikarüschen Staats-, sekretär vertraulich vorgelegt wurden. Nach einer Auslassung von maßgebender Stelle sollen diese Punkte folgendes umfassen:
1. Gegenseitige Zusicherung des Tiefangriffs als Garantie der gegenseitigen territorialen Unverletzlichkeit;
2. Alle Formen der antijapanischen Bewegung, einschließlich des Boykottes, sind für immer einzuskellen;
3. Eine Zusicherung für die Sicherheit von Leben und Eigentum der Japaner:
4. Für die mit japanischem Geld gebaute Eisenbahn ist eine Zahlung zu leisten, und die bestehenden Abkommen über Eisenbahnbau in der Mandschurei sind anzuerkennen;
5. Die bestehenden Vertragsrechte einschließlich der japanischen Landpachtungen in der Mandschurei sind anzuerkennen.
SWerioe Bermittlungsaltion
In den vertraulichen Verhandlungen zwischen Briand und den Vertretern der japanischen und der chinesischen Regierung wird jetzt eine Formel gesucht, die Japan die Zurückziehung der Truppen ermöglichen soll. Die japanische Abordnung hat mitteilen lassen, daß bereits eine erhebliche Truppenzurückziehung stattgefunden habe. Es seien lediglich noch drei Plätze besetzt, die jedoch nur geräumt werden könnten, wenn die notwendigen Sicherheitsgarantien gegeben und eine allgemeine Verständigung mit China erzielt sei.
Man bemühe sich, eine Verständigung auf der Grundlage herbeizuführen, daß direkte japanisch-chinesische Verhandlungen über die äußerst verwickelten Grundfragen unter neutralem Vorsitz ausgenommen werden und die japanische Regierung sich verpflichtet, ihre Truppen bei der Aufnahme der Verhandlungen endgültig zurückzuziehen.
Die Weiterführung der Verhandlungen stößt insofern auf erhebliche Schwierigkeiten, als der japanische Botschafter fortgesetzt neue Anweisungen seiner Regierung nachsucht, und damit der Eindruck einer Verschleppung der Verhandlungen begründet erscheint. Auf chinesischer Seite zeigt man Bereitwilligkeit, Japan Sicherheitsgarantien zu geben, die jedoch von der Regierung in Tokio bisher als ungenügend abgelehnt wurden. Im allgemeinen besteht je- hoch der Eindruck einer weiteren Entspannung der Lage.
Studentendemonstration gegen Japan
Nanking, 21. Oktober.
Gestern haben, in Nanking etwa 20 000 Studenten vor dem Gebäude der nationalen Regierung demonstriert. Sie haben der Regierung eine Denkschrift überreichen lassen. In dieser wird gefordert, daß die chinesische Regierung nicht direkt mit Japan verhandeln solle. Die Studenten verlangen die Aufstellung von Freiwilligen- Formationen. Die Regierung wird aufgefordert, endlich die nationale Einigung Chinas durchzuführen.
Die Nankinger Studenten wünschen ferner, daß die diplomatischen Beziehungen mit S o w j e t r u ß l a n d, die seit zwei Jahren infolge des Konfliktes wegen der Ostchinesi- schen Eisenbahn unterbrochen sind, wieder ausgenommen werden. Die gleiche Forderung wird von einem Teil der chinesischen Presse vertreten.
Neuer Tributplan?
Herabsetzung auf 210 Millionen Mark jährlich?
Paris, 21. Oktober.
Von Bord der „Jsle de France" wurde der hiesigen Presse gemeldet, daß Amerika angeblich beabsichtige, die deutschen Tributzahlungen nach Ablauf des Feierjahres auf 50 Millionen Dollar jährlich (rund 210 Millionen Mark) herabzusetzen. Die Vereinigten Staaten seien jetzt bereit, der französischen Sicherheitsthese Rechnung zu tragen.
Der Sonderberichterstatter der „Information" drahtet seinem Blatt von Bord der „Jsle de France" einen bemerkenswerten Bericht über den mutmaßlichen Inhalt der Washingtoner Besprechungen. Als Quelle für diesen Bericht dürften in erster Linie die ebenfalls mit der „Jsle de France" reisenden amerikanischen Sachverständigen und Finanzmänner in Frage kommen, da Laval es abgelehnt hat, irgendwelche Auskünfte zu erteilen. Der Korrespondent meldet, es fei wenig wahrscheinlich, daß Präsident Hoover eine einfache Verlängerung des im Juli ablaufenden Feierjahres vorschlagen werde. Gegen eine derartige Lösung mache sich in parlamentarischen Kreisen eine starke Opposition geltend. Ein Teil der amerikanischen Oeffentlichkeit scheine jedenfalls einen weiteren Zahlungsaufschub zugunsten Deutschlands zu fordern. Die Schuldverpflichtungen der anderen Staaten gegenüber Amerika sollten jedoch nicht aufgehoben sondern nach Maßgabe der Zahlungsfähigkeit der Schuldner bestimmt werden, wobei natürlich an Frankreich gedacht werde.
Andere Gruppen, und zwar vornehmlich die gutunler- richteten Finanzkreise, traten ihrerseits für eine Aufrechterhaltung der Reparationszahlungen in verständigen Grenzen _M. Man könnedaherdsmit rechnen, daß eine Herabsetzung der TribukleistungengebiNgkiWM,-wobei W oon einer Jahreszahlung von 50 Millionen Dollar (210 Millionen RM.) spreche. Man habe sogar ins Auge gefaßt, von Deutschland gewisse Bürgschaften in Form von Sonderab- gaben zu verlangen.
Was die Abrüstung anbelange, so würden die Vereinigten Staaten auf einer Herabsetzung der Heeresausgaben nach einem bestimmten Satz beharren. Andererseits werde Amerika sich jedoch vermutlich dazu entschließen, an gemeinsamen Maßnahmen gegen einen etwaigen Angreifer teilzunehmen, der durch eine internationale Rechtsprechung als solcher festgestellt werden müsse. Man scheine in den Vereinigten Staaten jetzt zu verstehen, daß gewisse Sicher- Heitsbürgschaften notwendig feien.
Was die Wirtschaftskrise und die internationale Geldlage angehe, so habe man Grund zu der Annahme, daß die Regierung der Vereinigten Staaten über die gemeinsamen Maßnahmen der Emissionsbanken hinaus bereit sein würde, mit Frankreich zusammen eine feierliche Erklärung über die Aufrechterhaltung de. Goldwährung abzr 'ben.
Frankreich will nichts „opfern"
Der gleichfalls an Bord der „Jsle de France" reifende Sonderberichterstatter der Agentur Havas meldet, daß die französische Regierung jeder Herabsetzung der interalliierten Schulden und Reparationen beipflichten werde, vorausgesetzt, daß der Frankreich aus den Reparationen verbleibende Saldo nicht angerührt werde.
Um die Regulierung dieses Saldos zu erleichtern, sei man französischerseits geneigt, Sachlieferungen von Deutschland anzunehmen, um so gleichzeitig der Arbeitslosigkeit in Deutschland und Frankreich zu steuern und die Durchführung des Arbeitsprogramms zu ermöglichen, das kürzlich von der französischen Regierung für die Arbeitslosenbeschäfti- gung aufgestellt worden sei.
Paris schont den Dollar
Der New Vorker Sonderberichterstatter der „Agence Gconomique et Financiöre" meldet, daß die Bank von Frankreich das Abkommen mit der Federal Reserve Bank ratifiziert hat, das vom Unterofouverneur der Bank von Frankreich in New Park mit den führenden Persönlichkeiten der Federal Reserve Bank getroffen worden war.
In diesem Abkommen verpflichtet sich die Bank von Frankreich, 200 Millionen Dollar auf dem New Parker Markt zu belassen. Außerdem hat die Bank von Frankreich seit langer Zeit wieder einmal für 20 Millionen Dollar amerikanische Papiere gekauft.
Es sei wahrscheinlich, daß sie diesen Kauf mit den in Amerika noch vorhandenen Geldmitteln bezahle, die ursprünglich zurückgezogen werden sollten. Was im übrigen die Zurückziehung französischer Guthaben vom amerikanischen Geldmarkt anbelange, so ständen einige große Goldsen- düngen für eineReihe Pariser Großbanken bevor, die sich trotz der außerordentlich optimistischen Berichte der französischen Sachverständigen noch nicht völlig beruhigt hätten.
Aber Frankreich fordert Ersatz
Ruffische Zahlungsverpflichtungen in Deutschland
Unzutreffende Gerüchte über ein angebliches Moratorium.
Berlin, 21. Oktober.
In einem Teil der Presse werden Gerüchte verbreitet über eine Zahlungseinstellung Sowjetruhlands bzw. über Anträge aus ein Moratorium für fällige Zahlungsverpflichtungen in Deutschland. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, entbehren diese Nachrichten jeder Begründung.
Die Finanzlage der Gemeinden
Die Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Spitzenver- bände, die alle kommunalen Spitzenorganisationen von den Großstädten bis zu den Landgemeinden umfaßt, gab in einer Pressebesprechung einen ausführlichen Bericht über die kommunale Auffassung zur neuen Notverordnung vom 6. Oktober.
Für die Großstädte sprach Präsident Dr. M u l e r t, der gleichzeitig die allgemeinen Fragen behandelte. Er wies darauf hin, daß die Erhöhung der Reichshilfe für die Gemeinden u nz :län glich sei, weil die Erhöhung des finanziellen Hilfsfonds für die Gemeinden ausgeglichen würde durch das Ansteigen der Wohlfahrtserwerbslosen sowie durch den Fortfall der Gemeindeunterstützungen durch die Länder.
Für die Landkreise, die als Bezirksfürsorgeverbände 70 Prozent der Fürsorgelasten aller kreisangehörigen Gemeinden zu tragen haben, sprach Präsident Dr. von S t e m- p e l vom Deutschen Landkreistag. Er betonte, die ungemein schwierige Finanzlage der Landkreise. Für die Klein- und -Mittelstädte sprach Präsident Dr. Haekel, der darauf hin- wies, daß die Erhöhung der zur Verteilung kommenden 36ä6)Ä8ete$^ ^ktshec für die Gemeinden überhaupt keine Entlastung bedeute. Die Bestimmung, daß die Bezirksfürsorgeverbände an ihrem Anteil die zugehörigen Gemeinden angemessen beteiligen sollen, soweit ihre gene Kassenlage es gestattet, sei praktisch bedeutungslos, da die Kassenlage eben so sei, daß eine Hilfe unmöglich w de. Der Ausfall der Reichshilfe sei für die große Zahl bei kreisangehörigen Städte mit industriellem Charakter un rträglich, Aber auch die übrigen kreisangehörigen Städte feien außerstande, den vollen Lasten- anteil der Krisenunterstützung, 30 Prozent der Wohlfahrts- erwerbslosenunterstützung und die Kreisumlagen zur Dek- kung der restlichen 70 Prozent, aus eigenen Einnahmen auf» zubringen, weil letztere sich in einem katastrophalen Rückgang befinden. Die kreisangehörigen Städte, auf die gegenwärtig im Durchschnitt 18,5 Wohlfahrtser- werbslose auf 1000 Einwohner entfallen, bleiben für den schweren Winter, der eine erhebliche Erhöhkung dieser Zahl bringen wird, allein auf den Ausgleichsfonds art* gewiesen, aus dem ihnen bestimmungsgemäß nur dann Zuwendungen gemacht werden können, wenn sie den drohenden Zufammenbruch ihrer Kasten nachzuweisen vermögen. Ekn derartiger Zustand sei entwürdigend und unhaltbar.
Für die Landgemeinden unterstrich der Präsident des Deutschen Landgemeindetages, Dr. G e r e k e, diese Ausführungen.
Kranlenlallen-Slandal in Breslau
Der gesamte Vorstand der Ortskrankenkasse beurlaubt.
Breslau, 21. Oktober. Das Verficherungsamt der Stadt Breslau hat auf Anordnung des Wohlfahrtsminifters den gesamten Vorstand der Allgemeinen Ortskrankenkasse Breslau beurlaubt und den Leiter der kommunalen Betriebskrankenkasse mit der Geschäftsführung betraut.
Nach der Entscheidung des Reichsversicherungsamtes kann nur in einem Falle das satzungsmäßige Kastenorgan ganz ausgeschaltet werden: wenn nämlich sein gesamtes Verhalten es zur weiteren Geschäftsführung unfähig ober ungeeignet erscheinen läßt. Dieser Fall'werde Höchstrichter- lich einer „Weigerung, die obliegenden Geschäfte auszu- führen", gleichgesetzt und liege auch offenbar der jetzigen Anordnung des Breslauer Versicherungsamtes zugrunde.
Republikschutzgesetz in Spanien
Madrid, 21. Oktober.
Ministerpräsident Azatta hat den Cortes gestern nachmittag einen Gesetzentwurf zum Schutze der Republik vorgelegt.
Betriebskontrolle
durch die Arbeiter?
Madrid, 21. Oktober.
Der spanische Arbeitsmini-ster hat gestern in den Cortes einen Gesetzentwurf verlesen, der den Arbeitern ein Beauf- sichtigungsrecht über die Unternehmen zugesteht, bei denen sie beschäftigt sind.