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Hersfel-erTageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 250 <8ksttt Blich Sonnabend, den 24. Oktober 1931 81. Jahrgang

Italiens Gegenbesuch in Berlin

Als Vertreter Mussolinis hat sich Außenminister Grandi nach Berlin begeben

Mussolinis Vertreter

Deutschland erhält wieder einmal hohen Besuch, den Außenminister Mussolinis, Grandi. Wir haben in Deutschland allen Anlaß, den Besuch Grandis in Berlin mit Genugtuung und mit gewissen Hoffnungen zu begrüßen. Es war der Wunsch Mussolinis, selbst nach Berlin zu kom­men. Wie die Dinge aber heute liegen, hielt er es für ange­bracht, als seinen Stellvertreter Herrn Grandi zu schicken, der in der ganzen Welt als einer der fähigsten und gewand­testen Staatsmänner gilt. Grandi hat nicht erst in jüngster Zeit, sondern schon vor fast zehn Jahren Beweise seiner sachlichen und vernünftigen Ueberlegung gezeigt, als er, da­mals erst 26jähriger Politiker, auf den W i d e r s i n n der alliierten Reparationsforderungen hin- wies und diese aus politischen und wirtschaftlichen Erwä­gungen verurteilte. Grandi hat an dieser Auffassung bis zum heutigen Tage festgehalten. Dafür erbrachte er den Be­weis, als er in voller Uebereinstimmung mit Mussolini den Hoooer-Vorschlag demonstrativ begrüßte, ihm zustimmte, und damit auf den Reparationsanteil Italiens während des Schuldenfeierjahres vorbehaltlos verzichtete.

Deutschland hat im übrigen im Verlauf der Nachkriegs- jahre so oft Gelegenheit gehabt, die unbedingte Sachlichkeit Grandis in allen Fragen der Außen- und Wirtschaftspolitik festzustellen, daß eine engere freundschaftliche Zusammen­arbeit zwischen beiden Ländern bestimmt nicht zum Nach­teil Deutschlands sein würde. In Genf konnte bei den ver- schiedensten Gelegenheiten d}^-.u<älg? -ende oder völlige über» X~, ^ in **r Beurteilung bestimmter internationaler

Fragen zwischen Deutschland und Italien herbeigeführt wer­den. Besonders deutlich ist bas bisher in der Ab rü­st ungsfrage hervorgetreten. Grandis letzter Vorschlag für ein Rüstungsfeierjahr fand allgemeine Beachtung und scheiterte lediglich an dem Widerstand Frankreichs und seiner militärischen Verbündeten. Auch in der Frage der Revi­sion der Friedensverträge hat Grandi bisher einen Standpunkt eingenommen, der in Deutschland durch­aus gebilligt werden kann. 1930 erklärte Grandi in einer vielbeachteten Rede, daß die Revision der Friedensverträge sowohl im Interesse Italiens wie Europas, überwiegend ober im Weltinteresse liege. Er trat der französischen Be­merkung von derAbsurdität des Revisionsgedankens" mit der Bemerkung entgegen, daß nur das Festhalten an den Verträgen absurd zu nennen sei.

Man wird den deutschen Regierungsstellen in jeder Hin­sicht beipflichten können, wenn sie Wert auf die Feststellung legen, daß der Besuch Grandis eine willkommene Gelegen- beit biete, um die deutsch-italienischen Bezie­hungen noch enger zu gestalten, und eine gemeinsame Basis für die Befolgung einer europäischen Politik der Ver­ständigung und des Friedens vorzubereiten. Deutschlands Freunde in der Welt sind dünn gesät, und es war bisher nicht möglich festzustellen, daß in irgendeiner ausländischen Presse der Gedanke vertreten wurde,Deutschland sei ein wesentliches Element des friedlichen, politischen und nicht weniger des wirtschaftlichen Gefüges in dem Europa von heute wie von morgen". Dieser Satz stand aber in einem Aufsatz, den der Direktor desGiornale d'Jtalia" aus An­laß der Reife Grandis nach Deutschland schrieb, und in welchem unterstrichen wurde, daßItalien ein gesun­des, starkes, aktives Deutschland unter Ver­hältnissen wolle, die ihm die volle und ständige Ausübung seiner politischen Verantwortung ermöglichen." Wo fand man ähnliche Gedanken in der französischen Presse anläßlich des französischen Ministerbesuches in Berlin? Italien betrachtet die Politik der Verständigung unter dem Gesichtspunkt einer Gesundung Europas. Bei den französischen Verständigungs- beteuerungen wird man aber niemals das Gefühl los, daß Frankreich zunächst an seinen Vorteil und an die Siche­rung seiner Vormachtstellung denkt. Es hat in Deutsch­land keinen guten Eindruck gemacht und ebensowenig in Amerika, daß das erste Wort, das Laoal auf amerikanischem Boden sprach, dieSicherheit Frankreichs" behandelte.

Bei der ganzen Einstellung Grandis und Mussolinis zu den politischen und wirtschaftlichen Fragen, die Europa und die Welt bewegen, kann man erwarten, daß Grandi alle Möglichkeiten ausschöpfen wird, um eine gemeinsame Basis für ein deutsch-italienisches Zusammengehen zur Lösung der europäischen Probleme zu finden. Italien ist an einer be- riedigenden Klärung der Abrüstungsfrage ebenso interef- iert wie Deutschland. Italien erstrebt im Sinne der Hoover- chen Bemühungen eine Bereinigung der politischen Schul­ten und im Zusammenhang damit eine Lösung der Welt­krise. Das dürften auch die drei Hauptkomplexe sein, die Grandi nach den Vorbesprechungen Dr. Brünings und Dr. Curtius' in Rom in Berlin weiterzufördern hofft. Das deutsche Volk wird diesen Bemübungen Grandis um so auf­richtiger vollen Erfolg wünschen, als davon auch die deut- chen Interessen aufs stärkste berührt werden. Deshalb hat eder ernste deutsche Politiker und Staatsbürger allen An- , dem italienischen Außenminister beim Betreten beut* chen Bodens ein Herzliches Willkommen zu entbieten.

(Brandt über feine Berlinreile

Auf der Fahrt nach Berlin.

Rom, 24. Oktober.

Italiens Außenminister, Dino Grandi, hat am Freitag­abend Rom verlassen, um sich als Vertreter Mussolinis zum Staatsbesuch nach Berlin zu begeben. Legationsrat Thom- fen vom Auswärtigen Amt fuhr Grandi bis Kufstein ent­gegen, um ihm das Geleit nach Berlin zu geben.

Die italienische Presse begleitet die Reise mit ausführ­lichen Erörterungen über die deutsch-italienischen Beziehun­gen.

Der italienische Außenminister Grandi empfing vor seiner Abreise die deutschen Pressevertreter im Palazzo Chigi. Grandi wollte keine Erklärungen über seine Reise abgeben, da er den Berliner Unterredungen nicht vorgreifen könne. Der Zweck des Empfanges war lediglich eine per­sönliche vorherige Fühlungnahme mit der deutschen Presse. In der zwanglosen Unterhaltung erklärte er, daß es ihm eine Freude und Ehre sein weroe, den Reichskanzler wie- derzusehen und die unmittelbare Fühlung mit ihm wieder- aufzunehmen. Eine große Ehre sei es für ihn, dem Reichs­präsidenten Feldmarschall von Hindenburg vorgestellt zu werden. Er bedauerte, daß er sich infolge seiner Amerika­fahrt diesmal nur kurze Zeit in Deutschland aufhalten könne, hoffe aber, später einmal auf längere Zeit nach Deutschland zurückzukommen, um das Land näher kennenzulernen. Grandi kennt bisher gut Düsseldorf, Köln, Coblenz, Fran- furi Hai da- nnlund vor und nach der

Grandi verwies auf den Widerhall, den die deutsch- italienischen Besuche in Rom und Berlin in der öffentlichen Meinung beider Länder ausgelöst haben, und der beweise, welche Bedeutung diese Besuche über den offiziellen Cha­rakter hinaus für das gegenseitige Verständnis und die Zu­sammenarbeit beider Völker haben. Der deutsche Minister- besuch in Rom sei seinerzeit so begeistert ausgenommen wor­den, wie das sicher bei solchen Anlässen kaum je der Fall ge­wesen sei.

Japan macht Schwierigkeiten

Tiefer Meinungsgegensatz zwischen Japan und dem Völker- bundsrak. Chinesische Kritik.

Genf, 24. Oktober.

Zu Beginn der gestrigen Sitzung des Völkervundsrates gab Ministerpräsident Briand eine Note der japanischen Regierung bekannt, in der Japan betont, dah^s den Kellogg- Pakt nicht verletzt habe es habe lediglich zu legitimen Ver- teidigungszwecken und zum Schutze der mandschurischen Eisenbahn gewisse militärische Maßnahmen ergriffen daß dagegen China durch feindliche Handlungen und Boykott und eine antijapanische Agitation dem Kellogg-Pakt zuwiderge­handelt habe.

Der Vertreter Chinas gab bekannt, daß China zu V e r - Handlungen mit Japan nach erfolgtet Räu­mung bereit, unter keinen Umständen aber unter dem Druck der Besetzung verhandeln werde.

Briand brächte hierauf die japanischen Gegenvorschläge zur Verlesung. Japan macht darin die vom Rat geforderte Räumung davon abhängig, daß zwischen der chinesischen und japanischen Regierung vorher eine Vereinbarung über grundsätzliche F r a g e n, die die Beziehungen der bei­den Staaten betreffen, zustandekommt. Gerade diese For- deruna hat aber der chinesische Vertreter S z e sehr e n t - sch ie den ab gelehnt. Im übrigen will Japan dem Ratspräsidenten überlassen,

den Rat zu einem späteren Zeitpunkt zusammenzube- tufen, um eventuell eine neue Prüfung der Lage vor- zunehmen.

Im weiteren Verla. je der Verhandlungen t 'S Völker- bundsrates ergriff Lord Cecil das Wort und erklärte zu­nächst, daß die englische Regierung wegen der neuerdings wiederum gemeldeten B o mbe na b w ü r " - japanischer Fsua'-'"ze sehr mißgestimmt sei, b' Maßnah­men mit dem internationalen Recht nicht in Einklang stün­den. Auf die Fesfftellung, daß in dem japanischen Gegen­vorschlag kein fester Termin für die erneute Einberufung des Rates vorgesehen sei, antwortete Poshisawa aus­weichend. Br i a n d warf die Frage auf, ob auch eine von den früheren Streitfragen zwischen Japan und China, die sich auf die Mandschurei beziehen, Gegenstand der von Japan geforderten vorherigen Vereinbarungen sei. Wenn dies der Fall sei, so würde eine schwierige Situation ent* stehen. Poshisawa ging auf die Frage Briands nicht ein.

Nachdem der Ratsvorsitzende noch einige kritische Be­merkungen des chinesischen Vertreters über den schleppenden Gang der Ratsverhandlungen als ungerecht kurz zurückge­wiesen hatte, wurden die Verhandlungen, die im Zeichen eines tiefen Meinungsgegenfatzes zwischen Japan und dem Rat standen, auf heute vormittag vertagt.

Pessimismus in Washington

Kein Abkommen zu erwarten

Washington, 24. Oktober.

Gestern abend fand im Weißen Hause ein Abendessen im engsten Kreise statt, an dem allein Hoover, Laoal, Stim- son und der Vizefinanzminister Mills und ein Dolmetscher teilnahmen. Nach einer Erklärung des Staatssekretär Stim- fon hätten sich die Unterhaltungen darauf beschränkt, den Standpunkt beider Parteien genau kennen zu lernen. Es sei unmöglich, in drei Tagen alle Weltprobleme zu lösen. Ebenso ausgeschlossen sei es, daß Hoover und Laval irgendwelche Abkommen abschließen würden. Man könne nur beraten. Sowohl Hoover wie Laoal könnten nur für ihre Person sprechen, aber keine Bindungen irgendwelcher Art eingehen.

Erst abrüsten dann Schulden- Revifion!

Die amerikanische Presse beschäftigt sich eingehend mit dem Besuche des französischen Ministerpräsidenten Laval. Angesichts der vorgestrigen Rede Lavals in New Park, in dereine organisierte Sicherung des Friedens" gefordert wurde, sind die meisten Blätter auf einen gewissen Pessi­mismus gestimmt. Die Ansicht ist vorherrschend, daß Hoover sich unmöglich auf einen formellen Konsultativpakt einlassen könne, den der Senat ablehne. Ein Versprechen der Neutra­lität im Falle von Maßnahmen des Völkerbundes gegen einen an greifenden Staat werde sich schwer durchsetzen lassen, da in den seltensten Fällen barüL _>r Einmütigkeit erzielt I werden könnte, welcher Staat der angreifende fei.

In amerikanischen Kreisen wird als einzig mögliche Kon- zission eine einseitige Erklärung Hoovers bezeichnet, daß die amerikanische Regierung im Falle von Kriegsgefahr mit den anderen Mächten alsbald über geeignete Maß­nahmen in Beratung treten werde.

Sollte sich Laval mit einer derartigen Erklärung nicht be- gnügen, die vom Senat nicht ratifiziert zu werden brauchte, und sollte er sich aus diesem Grunde in der Frage der Ab­rüstung zu keinen Konzessionen verstehen, so würde die ame- Titanische öffentliche Meinung nur schwer davon zu über­zeugen sein, daß man auf die alliierten Kriegsschulden ver­zichten könne, um dem schwer rüstenden Europa den Ver- zicht auf die deutschen Reparationen zu ermöglichen.

Erste Unterredung StimsonLaval

Washington, 24. Oktober.

Staatssekretär Stimson hatte gestern inWashing - t o n bereits eine halbstündige Unterredung mit Minister- präsidenten L a v a l, in der die Reihenfolge der zu diskutie­renden Probleme festgelegt wurde.

Stimson war sichtlich befriedigt, daß Laval auf alle dies­bezüglichen, allerdings rein formalen Vorschläge, eingegangen ist.

Im Staatsdepartement wurde mitgeteilt, daß zuerst die F i * nanzfragen erörtert werden sollen, da bie politischen Probleme leichter angegangen werden könnten, wenn durch eine Verständigung über die Maßnahmen zur Sanierung der Wirtschaftslage eine Art Basis für die gemeinsame Arbeit gefunden fei.

Es wurde betont, daß hier in Washington keinerlei Ab­machungen getroffen wurden, die man dann den anderen als fait accompli vorlegen wollte. Man werde keine Neu­verteilung der Welt beschließen, andererseits aber auch nichts festlegen, was z. B. deutsche Opfer erfordere.

Sei ja gerade dieBehebungderdeutschenSchwi«- r z g k e i te n einer der Hauptpunkte der Diskussion. Man wolle mit Laval sprechen, um genau festzustellen, wi« weit die beiden Regierungen in ber Frage einer Beteiligung an der internationalen Zusammenarbeit gehen könnten. Sollte, wie man hoffe, in gewissen Punkten eine Einigung über den einzuschlagenden Weg erzielt werd" so merbe man diese Vorschläge den übrigen beteiligten > rungen zur Begutachtung unterbreiten.

Fort mit Dersa Les!

Senator Borah erklärt« gestern in Washington gegenüber französischen Zeitungsberichterstattern, daß eine Revision des Versailler Vertrages eine gebieterisch» Notwendigkeit sei. Er, Borah, würde, falls die Alli- ierten die deutschen Reparationen streichen, die Streichung der alliierten Schulden begünstigen. Bezüglich' der Abrü­stung erklärte er, er «rwarte, daß Frankreich für sich selbst bestimme, wie weit es a b r ü st e n woll«. Er sehe jedoch feine Aussicht auf Abrüstung in Europa, so lange gewiss« durch den Versailler Ve^^g verschuldete Zustände weiter bMrM. ^.i^x- -"^