hersfelöerTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher/inzeiger für den Kreis Hersfel-
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Nr. 253
Mittwoch, den 28. Oktober 1931
81. Jahrgang
Zunächst einmal Lohnfrieden
Lohnkämpfe sollen verschoben werden, bis der Wirtschaftsbeirat praktische Ergebnisse erzielt hat
zur neuen Notverordnung
Am Donnerstag wird der neugebildete Wirtschaftsbeirat zusammentreten, um unter Vorsitz des Reichspräsidenten von Hindenburg darüber zu beraten, welche Wege be- schritten werden sollen, um ohne neue ernstere wirtschaftliche Erschütterungen durch den Winter zu kommen. Es handelt sich vor allem darum, das wirtschaftliche Gleichgewicht wiederherzustellen, das durch Lohnsenkungen, Konsumrückgang, Einschrumpfung des Kreditvolumens und Ansteigen der Zinssätze empfindlich gestört worden ist. Wie dringend hier eine Entscheidung ist. beweist am besten die Tatsache, daß mit dem 31. Oktober etwa zwei Drittel aller abgeschlossenen Tarifverträge ablaufen und eine Neuregelung erfahren müssen. Die Gefahr ist groß, daß sich dadurch umfassende Lohnkämpfe entwickeln, und zwar auf einer Preis- grundlage. die weder der allgemeinen Weltlage noch den .Kaufkraftoerhältnissen in Deutschland entspricht
Da die Einkommen aus Löhnen und Gehältern in Deutschland zu 70 v. H. durch die Faktoren Lebensmittel. Miete und Verkehrstarife in stärkstem Maße beeinflußt werden, werden nach den in Regierungskreisen herrschenden Ansichten gerade diese Faktoren das Hauptaugenmerk des Wirtschaftsbeirats erfordern. Aber auch die Schwierigkeiten, die einer Preis- und Tarifsenkung auf diesen Gebieten entgegenstehen, werden dem Wirtschaftsbeirat in ihrem vollen Ernst bewußt werden müssen. Bei der Bemessung der industriellen Löhne sind alle Schlichtungs- und Schiedsinstanzen von der Erkenntnis ausgegangen, oaß die Produktionskosten eine umfassende Senkung erfahren müssen. Das war notwendig, einmal aus außenhandelspoliti- schen Gründen, zum andern aus Erwägungen, die sich aus den Jnlandsabsatz beziehen. Diese Methoden können aber nur insoweit einen Erfolg versprechen, als das Volkseinkom- tUöS^^lchütze^chas Realem kmnvrrn. im ^rcfien ■»JMfe'?'»'«b* erheblich in feiner Kaufkraft geschmälert wird. Daß hier die Grenze bereits erreicht wurde, weift jede Umsatzstatistik aus.
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Man hat zur allgemeinen Unkostensenkung einen ersten Schritt getan. Bevor man einen zweiten in derselben Richtung tut, muß eine Parallelmaßnahme erfolgen, die die Preisgestaltung den Lohnverhältnissen t. Nur dann ist die Gewähr gegeben, daß eine Konsumsteigerung, dadurch eine Produktionsbelebung und als deren Folge eine Entlastung des Arbeits- marktes eintritt. Und auf die Verminderung des Arbeitslosenheeres muß alle Aufmerksamkeit, aber auch alle Verantwortlichkeit der beteiligten Faktoren in Regierung, Wirtschaft und Arbeiterorgani ationen gerichtet sein. Mit grauer Theorie ist das Prob em Arbeitslosigkeit nicht zu lösen. Die Praxis allein muß hier Lehrmeister und Diktator
sein.
GesündeWirtschaftspolitik läßt sich nicht nach einseitigen Jnteressenwünschen, noch viel weniger nach Pa- ragraphenbestimmungen treiben. Sie ist auch nicht zu führen ohne sorgfältige Beobachtung des internationalen Wirtschaftsbarometers. Die englische Pfundkrise und in deren Gefolge die Krise verschiedener anderer Währungen konnte bei der Entscheidung über neue- Schritte von der Reichsregierung nicht außer Betracht gelassen werden. Auch die franzö- .fisch-amerikanische Unterhaltung konnte von Einfluß auf die deutschen Wirtschaftsentscheidungen sein. Aber einmal muß man Wollen und Weg zeigen, wenn wir nicht in der Krise versacken wollen. Wir kennen jetzt unsere Lage, die uns auf den Weg d e r S e l b st h i l f e verweist. Das ist kein Grund zur Resignation, im Gegenteil, das muß uns veranlassen. alle Kräfte anzuspannen, um mit klarem Ziel und festem Willen den A u f st i e g zu beginnen. Deckn darum geht es jetzt. Wir haben den tiefsten Stand unserer Wirtschaftsnot erreicht, jetzt gibt es nur einen Aufstieg, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. Der Weg zu diesem Aufftieg muß zwar noch gesucht werden; er wird steinig, dornig sein, und manches Geröll wird uns wieder zurückwerfen. Aber der Aufstieg wird gelingen, wenn wir gemeinsam vor gehen, uns gegenseitig stützen und immer wieder vorwärts schauen. Wir dürfen uns aber nicht gegenseitig behindern, dürfen nicht dem einen alles, dem andern gar nichts aufbürden.
Das ist der Sinn des Wirtschaftsbeirates. Er hat es in der Hand, der Regierung den Weg zu beschreiben, der gegangen werden muß. Man lasse endlich einmal die unglückselige Jnteressenpolitik beiseite. In allen Kreisen des deutschen Volkes sollte man sich sagen, daß wir wirtschaftlich in kurzer Zeit verbluten müssen, wenn es nicht gelingt, unsere Arbeitslosen wieder in den Produktionsprozeß einzu- gliedern. Mit diesem einen Problem hängen fast alle an- deren zusammen, die unsere Wirtschaft insgemein betreffen. Sie sind nicht mehr voneinander zu trennen und kön- nen deshalb nur in einer gemeinsamen Regierungsmaß- nahme geklärt werden. Wir befinden uns also auf dem Wege zu einer neuen Notverordnung, die neben dem Tarifwesen vor allem alle Fragen der Preisgestaltung, des Zwischenhandels, des Kartell- und Zinsenwesens umfassen muß. Für die Lösung all dieser Aufgaben werden dem Wirtschaftsbei- rat zwei bis drei Wochen zur Verfügung stehen, denn bis Ende November muß die neue Notverordnung ausgearbeitet fein, wenn das Wirtschaftsprogramm als wirtschaftliche Winterhilfe nicht seinen Zweck verfehlen soll.
Schwierige Lohnsragen
Beginn der innerwirtschaftlichen Beratungen.
Berlin, 28. Oktober.
Während bisher der französische Besuch in Washington und die Anwesenheit Grandis in Berlin das politische Interesse vor allem auf die außenpolitischen Fragen konzentrierte, rücken jetzt die innenpolitischen und namentlich die wirtschaftlichen Probleme wieder stärker in den Vordergrund Das kam schon in der Sitzung des Reichskabinetts zum Ausdruck, in der am Dienstagnachmittag die Verhandlungen des Wirtschaftsbeirats vorberaten wurden, die am morgigen Donnerstag unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten beginnen werden.
Daneben laufen augenblicklich die Verhandlungen über die Lohnherabsetzungen bei Eisenbahn, Post und Gemeinden. Von den Gewerkschaften werden alle Anstrengungen unternommen, um einen Lohnabbau zu verhindern, und zwar mit der Begründung, daß die vielfach eingeführte Kurzarbeit ohnehin schon zu einer bedeutenden Herabsetzung der Einkommen der Arbeiter geführt hat. Die Maßnahmen, die die Lisenbahnverwaltung, die Reichspost und die Gemeinden durchführen wollen, gehen nun aber auf Vorschriften der letzten Notverordnung zurück. Die Situation ist also nach beiden Seiten hin recht schwierig.
Schiedsspruch für die Reichsbahn
Der nunmehr gefällte Schiedsspruch für die Reichsbahn sieht im wesentlichen die gleich im Anfang des Verfahrens vom Schlichter vorgeschlagene Vertagung vor; jedoch
11aj verlängert und damit der Arvenssrlede zwischen den Parteien bis zur endgültigen Erledigung gewährleistet wird.
Er stützt sich darauf, daß die Notverordnungen dem Sinne nach selbst davon ausgehen, daß die Lohnregelungen der anderen öffentlichen Behörden vorweg erledigt und die Regelung bei der Reichsbahn erst zeitlich anschließend getroffen werden soll. Da diese anderen Verhandlungen un- j mittelbar bevorstehen und die Gewerkschaften den Schiedsspruch bereits angenommen haben, darf wohl auch mit der Annahme durch die Reichsbahnverwaltung gerechnet werden.
Die Wahlen in England
Sieg der „nationalen Regierung" erwartet
Bedeutende Gewinne der Konservativen, Verluste der Arbeiterpartei.
London, 28. Oktober.
Die Abgabe der Stimmen zu den Wahlen in England vollzog sich unter lebhafter Beteiligung in voller Ruhe und Ordnung und wird wahrscheinlich einen Rekord darstellen. Große Menschenmassen sammelten sich trotz des dichten Nebels vor den Kaufläden und Zeitungen an, wo die Ergebnisse durch Lautsprecher oder Scheinwerfer bekanntgegeben wurden. Die Lichtspieltheater waren bis auf den letzten Platz von einer gespannten Menge gestillt.
Die ersten bekannt gewordenen Wahlergebnisse deuten auf einen großen Sieg der „nationalen Regierung" hin. Um Mitternacht deutscher Zeit waren für. die Regierung 70 Mitglieder, gegen die Regierung 6 gewählt. Am eindrucksvollsten ist das bereits berichtete Ergebnis in den drei Wahlkreisen von S a l f o r d, die im Jahre 1929 den Konservativen von der Arbeiterpartei ab genommen worden waren und jetzt wieder sämtlich zu den Konservativen zu- rückgekehrt sind. Im Wahlkreis Eheltenham hat sich die Mehrheit des Konservativen Sir Walter Preston von 6746 bei den letzten Wahlen auf 17 261 erhöht. Die Arbeiter- stimmen zeigen hier auch eine leichte Erhöhung um 343, während die konservativen Stimmen sich um 7245 vermehrt haben. Zu dem Wahlergebnis von H o r n s e y ist zu bemerken, daß die Mehrheit des Konservativen Wallac von rund 33 600 eine der größten Mehrheiten ist, die jemals während eines Wahlkampfes in England zu verzeichnen gewesen ist.
Henderson geschlagen
Der frühere Staatssekretär des Aeußeren, Arthur Henderson, der Führer der oppositionellen Arbeiterpartei, ist in Burnley unterlegen.
Die Ergebnisse:
Das erste Wahlresultat, das bekannt wurde, ergab für den Wahlkreis Hornsey. (Grafschaft Middlesix) die Wiederwahl des konservativen Kandidaten. Die konservative Mehrheit ist von 9511 Stimmen auf 33 609 Stimmen gestiegen.
Washington erwartet deutschen Schritt
New Park, 28. Oktober.
Die angeblich zwischen Hoover und Laoal getroffene Vereinbarung, wonach die Regierung der Vereinigten Staaten durch Wiedereinsetzung des Kriegsschuldenausschusses die Zahlungsfähigkeit der europäischen Schuldner überprüfen wolle, falls der BJZ.-Ausschuß eine Aenderung des Young-Plans empfehlen sollte, steht im Mittelpunkt der politischen Gespräche in Washington.
Der Regierung nahestehende kreise behaupten, daß das Weiße Haus nach wie vor keinerlei Verflechtung der interalliierten Kriegsschulden mit den deutschen Reparationsleistungen anerkenne.
Am bezeichnendsten sind die Ausführungen der republikanischen „Herald Tribune". Das Blatt geht davon aus, daß Hoover gewillt sei, während der Zeit der Wirtschaftskrise die Zahlungsfähigkeit der Schuldnernationen einer möglichen Neuregelung der Kriegsschuldenfrage zugrunde zu legen. „Frankreich", so sagt das Blatt, „würde wahrscheinlich der Hauptverlierer bei einer Neuregelung der Reparationszahlungen sein, und andererseits angesichts seiner wirtschaftlich starken Position, mit anderen Worten seiner Zahlungsfähigkeit, von Schuldenkürzung, die durch den amerikanischen Kriegsschuldenausschuß empfohlen werden könnte, . den geringsten Nutzen haben."
Hoover, sagt das Blatt weiter, habe vermeiden wollen.
daß Deutschland amtlich seinen Bankrott erkläre, deshalb habe er die Bestimmungen des Young-Plans als Grundlage für die weitere Behandlung der Reparationsfrage aner- kannk. Washington erwarte, daß Deutschland baldigst die _U^Hl?fe£10iQ£ll ^shll^i^. ^IL^ksr^LL!^?.p_..-. LLtkLi—^ä.1^,.^.!?^-^^^'^fliX—. 1H— den Reparationszahlungen anzubahnen.
Grandi abgereist
Berlin, 28. Oktober.
Der italienische Außenminister Grandi hat gestern abend 10.02 Uhr mit seiner Gattin und seiner Begleitung Berlin wieder verlassen, um sich nach Rom zurückzubegeben. Legationsrat Thomsen vom Auswärtigen Amt wird ihn im Auftrage der Reichsregierung bis zur deutschen Grenze begleiten.
Nach den gestern bis 23 Uhr (MEZ.) vorliegenden Ergebnissen der Wahlen zum englischen Unterhaus sind gewählt worden:
konservative 56
Arbeiterpartei (Gruppe Henderson) 6
Liberale aller Richtungen 14
(davon Gruppe Simon 8).
Die Konservativen haben bisher 3 Sitze g e« wonnen und die Arbeiterpartei (Gruppe Henderson) hat bisher 3 Sitze verloren.
Die drei Wahlbezirke von S a l f o r d, die bei den letzten Wahlen Arbeiterabgeordnete wählten, haben jetzt den Führer der Konservativen gewählt. Der Arbeiterpart.'iler Bentillet wurde in Nord-Salford mit sehr großer Mehrheit geschlagen. In Süd-Salsord betrug bei den letzten Wahlen die Mehrheit der Arbeiterpartei 3254, die Konservativen erhielten jetzt eine Mehrheit von 6838. Der frühere Minister Lord Percy wurde in Hastings gewählt.
*
Um 0.05 Uhr deutscher Zeit war der Stand der Parteien wie folgt:
Konservative
Liberale (darunter 9 Simon-Liberale) 15
Arbeiteropposition 6
insgesamt gewählt: 85 Kandidaten, davon
79 Kandidaten von den Regierungsparteien und 6 von der Opposition.
Die Konservativen haben acht Sitze gewonnen und keinen verloren, die Simon-Liberalen haben einen Sitz gewonnen, die Arbeiteropposition hat acht Sitze verloren, die Unabhängigen haben einen Sitz gewonnen.
212 Millionen Reichrbahnanleihe
Berlin, 28. Oktober.
Das bis zum 26. Oktober, dem Tage des Ablaufes der verlängerten Steueramnefliefrist festgestellte vorläufige Zeichnungsergebnis auf die neue Reichsbahnanleihe betragt rund 212 Millionen Reichsmark, das sich noch um einige Millionen Reichsmark erhöhen dürfte. Die allgemeine Zeich- nungsfrist läuft bis zum 31. Dezember 1931.