Hersfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 254
Donnerstag, den 29. Oktober 1931
81. Jahrgang
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England wählt konservativ
Gewaltiger Erfolg der Partei Baldwins — Arbeiterpartei vernichtend geschlagen
Schutzzoll-Wahlen
„Das Dienstag-Wahlergebnis ist das sensationellste, was England in seiner Parlamentsgeschichte erlebt hat und über» trifft noch bei weitem die Ueberraschungen der Sinowjew- Wahlen. Die Arbeiterpartei hat eine vernichtende Niederlage erlitten.'' So lautet ein Stimmungsbericht von den englischen Wahlen, der noch vergißt anzuführen, daß die englischen Konservativen einen sensationellen Wahlerfolg zu verzeichnen haben. Daß diese Neuwahlen, veranlaßt durch die englische Wirtschaftskrise und gekennzeichnet durch das Auseinanderfallen der englischen Arbeiterpartei, grundlegende Veränderungen in der Zusammensetzung des englischen Parlaments bringen würden, war vorauszusehen. Daß die Umgruppierung der Wählermassen aber ein solches Ausmaß annehmen würde, hatte niemand erwartet. MacDo- nald, der langjährige Premierminister des Arbeiterkabinetts und Führer der nationalen Uebergangsregierung, äußerte sich selbst zu den Wahlen dahin: „Das Resultat ist nicht nur überraschend, sondern auch bestürzend."
Das Endergebnis der Wahlen steht noch nicht fest; nach den bisherigen Wahlziffern ist aber jetzt schon vorauszusehen, daß die Arbeiterpartei von ihren bisherigen 287 auf unter 75 Sitze zurückgehen wird. Die Konservativen dagegen werden von 260 auf über 450 Mandate emporsteigen und damit unangefochtene Beherrscher der englischen Politik werden. Sie steigen damit auf eine Höhe, die sie bisher noch nicht erreicht haben. Das muß um so mehr überraschen, als die Wahlen geführt wurden gewissermaßen unter der Konzentrationsparole: „Alle Mann auf Deck für den Wiederaufbau der englischen Wirtschaft!" Die Krise, die ihren stärksten Ausdruck durch die Aufhebung der Goldbasis für das englische Pfund fand, hat die Gemüter des englischen Volkes in einer Weise aufgerüttelt wie kaum ein anderes Ereignis. Es ist verständlich, daß weiteste Be- völkerungsschichten für die außerordentlich drückende Lage jene Partei verantwoMich mWeivW'^W das Steven führte. Bekanntlich entwickelte sich bie Zuspitzung der innerpolitischen Spannungen in England in ähnlicher Weise wie seinerzeit in Deutschland. Rigorose Einsparungen in den öffentlichen Haushalten, Gehaltskürzungen, aber auch durchgreifende Reformen und Leistungsabbau an den Sozialversicherungen kennzeichneten den Kampf des Arbeiterkabinetts MacDonald gegen die immer höher steigenden Krifenfluten. In diesem Augenblick revoltierte ein Teil der Mannschaft, als nämlich innerhalb des Kabinetts die Frage des Abbaus der Sozialgesetzgebung zur Entscheidung stand. Gegen den Willen der Arbeiterpartei, die er über ein Jahrzehnt hindurch geführt hatte, setzte er die Reformen durch, die er im Interesse des Staates für nötig hielt. Die Kabinettskrise und die Bildung der Nationalregierung waren die Folgen. Der größte Teil der englischen Arbeiterpartei nahm gegen MacDonald Stellung und schloß ihn aus der Partei aus.
Die Erwartung, daß diese Stellungnahme die gesamte englische Arbeiterschaft zusammenführen und der Arbeiteropposition zu einem entscheidenden Parlamentserfolg führen würde, hat sich in das gerade Gegenteil verkehrt. Nicht nur auf dem flachen Lande schwollen die konservativen Stimmen an, sondern auch in den reinen Industriegebieten schlug die konservative Schutzzollparole in überraschender Weise durch. Der englische Arbeiter scheint somit den Standpunkt zu vertreten, daß in erster Linie die englische Arbeit und Wirtschaft und damit die Existenz des englischen Volkes in seiner Gesamtheit gesichert werden muß. Der Erfolg der Konservativen hätte nicht so überwältigend sein können, wenn ihnen nicht arks den Kreisen der Arbeiterbevölkerung starke Kraftreserven zugeführt worden wären.
Es ist müßig, sich heute schon über die Zusammensetzung des neuen englischen Kabinetts den Kopf zu zerbrechen. Die Konservativen werden auf jeden Fall führend in der neuen Regierung sein. Es ist sogar möglich, daß sie bei ihrer überragenden Mehrheitsposition die Regierung allein bilden. Für Deutschland wie für das ganze übrige Ausland ergibt sich die schwerwiegende Frage, welche Rückwirkungen die englischen Parlamentswahlen auf die Außenpolitik Englands haben werden. In den großen Grundlinien der englischen Weltpolitik wird sich kaum etwas ändern. Denn in den Fragen des Abbaues der Kriegsschulden, der Reparationen und der Kriegsrüstungen sind auch die Konservativen im großen und ganzen einig mit der übrigen Bevölkerung. Die Hauptbedeutung der englischen Wahlen liegt auf wirtschaftspolitischem Gebiet. Schon in den letzten Monaten der alten Regierung machte sich in zunehmender Weise das Bestreben nach Aufrichtung von Abwehr- Zöllen geltend. Für Deutschland bedeutet das eine neue Erschwerung seines Außenhandels. Die Tories hatten schon immer die Abschließung des britischen Handelsgebietes besonders gegen den Import hochwertiger Fertigwaren betrieben. Sie hoffen, durch ihre neue Zollbill die Jnlands- kapitalien vollkommen der heimischen Finanz zu erhalten, und so das erschütterte Pfund wieder zu stabilisieren. Wenn auch nicht ein plötzlicher Umschwung der englischen Zoll- Politik zu erwarten sein dürfte, so wird doch das Ergebnis der englischen Wahlen sich gerade in der Richtung eines verstärkten Zollschutzes vor allem gegen den Import in- dustrieller Waren geltend machen
Konservativer Relordsieg
Schwere Niederlage der Arbeiterpartei.
London, 29. Oktober.
Die Niederlage der Arbeiterpartei hat alle Erwartungen, die selbst bei den optimistischsten konservativen in England gehegt wurden, überschritten. Von den früheren Kabinettsmitgliedern kehren nur sehr wenige ins Parlament zurück. henderson, Hayes, Herbert Morrison, Greenwood, Tom Shaw, Elynes, Alexander, Lees Smith, Pethick- Lawrence, Ammon, Roberts, Thurtle, Margaret Bondfield und Sir Charles Trevelyan sind geschlagen, Miß Ellen Wil- kinson. Den Tillett, Ren Turner und andere bekannte Arbeiterabgeordnete haben das gleiche Schicksal erlitten. Den Sozialisten sind Sitze abgerungen worden, die für ganz sicher galten.
In London haben sie ihre Hochburgen in Camberwell, in Hackney und anderen Stadtteilen verloren. Birmingham, Liverpool, Manchester sind verlorengegangen. In den Industriebezirken von Preston, Bolton und anderen sind die Sozialisten dank der Vereinbarungen zwischen den bürgerlichen Parteien geschlagen worden.
Die Mehrheit für die ins Parlament zurückkehrenden konservativen Minister war teilweise unerwartet hoch. Sir Außen Chamberlain erhöhte seine Mehrheit von 43 auf 11 841, und Sir Cunlisfe Lister's Mehrheit war dreimal so groß wie vor zwei Jahren.
MacDonald gewählt — Henderson geschlagen
MacDonald ist in seinem Wahlkreis Seaham wiedergewählt worden.
Der Minister Thomas, der mit MacDonald zur Nationalregierung übergegangen war, ist wiedergewählt worden, jedoch findet in seinem Wahlkreis nochmals eine Nach- prüfung der abgegebenen Stimmen statt.
In dem Wahlkreis"Burnley wurde der Führer der Ar-^ beiterpartei, Henderson, geschlagen. Er erhielt nur 26 917 : Stimmen gegenüber dem Vertreter der Nationalregierung, . der 35 126 Stimmen bekam. Sein Gegner war der Konter- ' admiral Campbell.
Lloyd George wurde in seinem Wahlkreis Carnavon gewählt. Seine Mehrheit über den konservativen Kandidaten betrug 5387.
Churchill, der in seinem Wahlkreis einen liberalen und einen Arbeitergegner hatte, ist wiedergewählt worden. Der bekannte linksradikale Arbeiterführer Mc Lean ist mit einer Mehrheit, die sich von 4600 auf 600 vermindert hat, wiedergewählt worden. Der Vorsitzende der Unabhängigen Arbeiterpartei, Fenner Brockway, ist geschlagen worden.
Absolute konservative Mehrheit
Das Endergebnis liegt gegenwärtig noch nicht vor. Nach
den bisherigen Resultaten haben erhalten:
Konservative 467
Nationale Arbeiterpartei 13
Liberale (darunter 24 Simonliberale) 69
Oppositionsarbeikerpartei 49
Kommunisten —
Neue Partei —
Unabhängige 3
Die Gesamtzahl der bisher Gewählten beträgt 601, davon sind 549 Regierungsanhänger und 49 Regierungsgegner. Unabhängige: drei.
Die beispiellose politische Umwälzung, die die Folge der Wahlen sein wird, hat die politischen Kreise sehr überrascht. Die Freude der Konservativen ist nur durch die bittere Enttäuschung der Arbeiterparteiler überboten.
In einer Zahl von Wahlkreisen erreichte der Prozentsatz der Stimmen den hohen Stand von 85 Prozent, was auf ein weit größeres öffentliches Interesse bei den diesmaligen Wahlen als im Jahre 1929 hindeutet. Der allgemeine Durchschnitt war viel höher als die Beteiligung bei früheren Wahlen.
McDonalds Urteil
MacDonald erklärte Pressevertretern, die Ergebnisse der Wahlen seien nicht nur überraschend sondern auch bestür- zend. Der Erfolg Thomas' und derjenige Sir Herbert Samuels feien erfreulich. Nichts zeige deutlicher, daß es sich dabei um den Sieg der nationalen Regierung, und nicht um den Sieg einer politischen Partei handele.
„Wendepunkt in der englischen Geschichte"
Die konservative Presse ist über das bisherige Ergebnis der Wahlen hocherfreut und bezeichnet sie als einen Wendepunkt in der englischen Geschichte. Die Torheit der orthodox eingestellten Führer der Arbeiterpartei, die ihre Partei über die Pflichten gestellt hätten, die sie der Gesamtheit des Landes gegenüber hakten, habe sich bitter gerächt.
So sagt der „Daily Telegraph", der Weg sei offen zu neuem Fortschritt und zu neuer Wohlfahrt. Fast durchweg wird auch angedeutet, daß sich England in absehbarer Zeit des Schutzes durch Zolltarife erfreuen wird.
Die Ausnahme in Berlin
In Berlin findet das Ergebnis der englischen Wahlen naturgemäß außerordentliche Beachtung.
Der „Abend" führt die Niederlage der Arbeiterpartei vorwiegend auf die Flucht der Liberalen zu den Konservativen durch die Verstellung der besitzbürgerlichen Einheitsfront zurück.
Die „Vossische Zeitung" ist der Auffassung, daß für die nichtenglifche Welt das Ergebnis hauptsächlich wirtschaftspo- litische Bedeutung habe. Die Zollmauer um England fei so gut wie errichtet. In den großen Grundlinien der englischen Weltpolitik werde sich nichts ändern.
Der „Lokal-Anzeiger" äußert sich ähnlich. Der Partei, die England in die jetzige Krise hineingesteuert habe, unter deren Herrschaft es seine Weltgeltung und seine finanzielle Machtstellung eingebüßt habe, sei von ihren bisherigen Anhängern die Quittung für ihr Versagen ausgestellt worden.
Die „Deutsche Zeitung" zieht die Folgerung, daß mit dem Marxismus auch die sogenannte „Verständigungspolitik" vernichtend geschlagen worden sei, die Deutschland so viel gekostet habe.
Der„Angriff" schreibt: Die Völker erwachen. Sie besinnen sich auf das, was ihnen not tut. Sie wünschen keine Hetze und Zersplitterung mehr in parteipolitisch orientierte liberale und marxistische Gruppen, Bünde und Parteien. Sie wollen allein, daß ihre Angelegenheiten national und nicht international geregelt werden.
Eine französische Stimme
Zu dem Ergebnis der englischen Wahlen schreibt der „Matin": Dieser eklatante Sieg des Regierungsblatts, der den Willen des englischen Volkes bestätigt, gegen die Politik der Unordnung und der Verschwendung, der Saumseligkeit und Ser llmiUiflfcP. ?p>u^ Ht nnp Anilin ^ den wichtigsten Arbelterzentren, wo die Doziausten mit einem leichten Erfolg rechneten, zutage getreten. Diese Wahl werde eine ungeheure Rückwirkung in der ganzen Welt und namentlich in Ländern haben, in denen die berühmten demagogischen „Experimente" das Wirtschaftselend verschärft und in den Arbeiterreihen schreckliche Leiden geschaffen haben.
Nunmehr Schutzzollpolitik?
Der überwältigende Wahlsieg der Nationalregierung in England hat in Amerika keineswegs überrascht.
Der gewaltige Erfolg der Konservativen läßt aber in amtlichen Washingtoner kreisen die Befürchtung aufkommen. daß England nunmehr den Weg der Schutzzollpolitik beschreiten wird.
Diese Pvlitik ist für Amerika um so schwerwiegender, als Kanadas Angebot, für Waren englischer Herkunft einen zehnprozentigen Abschlag auf die geltenden Einfuhrzollsätze zu gewähren, nunmehr ernsthaft in London erwogen werden könnte. Immerhin erwartet man, daß England den Freihandel nicht völlig aufgibt, sondern lediglich die meistgefährdeten Industrien schützen wird.
In einem Artikel über die englischen Wahlen sagt „Times", die letzten Siege der Arbeiterpartei seien eine Folge der gleichen Unzufriedenheit, die sich dieses Mal gegen diese Partei gewendet habe. Die Wahlergebnisse zeigten, daß das englische Volk eine Regierung mit einer Mehrheit im Unterhaus wünsche, auf die man rechnen könne, und die nicht mit überstürzten oder wahnwitzigen Experimenten arbeite,
MacDonald wird nicht Ministerpräsident bleiben.
London, 29. Oktober.
Die Größe ihres Erfolges hat selbst die Führer der konservativen überrascht, trotzdem sie mit einer erheblichen Stärkung der Partei rechneten. Die Mehrheit der konser- vKtiven ist so groß, wie sie in keinem Parlament war.
Trotzdem rechnet man damit, daß MacDonald dem Kabinett auch weiter angehören wird, wenn auch nicht als Premierminister. Es ist wohl anzunehmen, daß das Kabinett zunächst demissionieren wird, und daß dann eine vorwiegend konservative Regierung folgt. Für den heutigen Donnerstagnachmittag ist eine Kabinettssitzung angeseht. Ihre Entscheidung wird man zunächst abwarten müssen.
Eine große Menschenmenge wartete am Mittwochabend auf den Premierminister in Downingstreet und stürmte vor Begeisterung fast seinen Kraftwagen, der ihn vom Flugplatz, wo er aus Seaham eingetroffen war, nach feiner Wohnung brächte. Man konnte es dem Premierminister ansehen, daß er in den letzten Tagen nur wenig Schlaf genossen hatte. Er erklärte: „Ich bin dem Lande sehr „dankbar, daß es uns eine solche Unterstützung gegeben hat."
Die Unterlegenen
Die Größe des konservativen Sieges ist in erster Linie )urch die Eigenheit des englischen Wahlsy- t e m s bedingt. Das geht schon aus der Tatsache hervor, laß die alte Arbeiterpartei zwar immer noch halb s o - viel Stimmen bekommen hat wie die Parteien der nationalen Regierung, aber nur einen unverhältnismäßig geringeren Teil der Mandat». -