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Hersfel-erTageblatt

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Hersfelder Kreisbla« [ 1.S0*NijKs-inark'bet fteitt ZvstÄg, fiir ^bhd«

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Nr. 261

Freitag, den 6. November 1931

81. Jahrgang

Vor allem Vertrauen!

Eine Rede des Reichskanzlers vor dem Reichsausschutz der Zentrumspartei

Ergebnis der Woche

Sie können zusammen nicht kommen."

Kr. Kr. Laval ist nach seiner Amerika-Reise in Paris triumphal empfangen worden. Ein Beweis dafür, wie ge« waltig das französische Volk von dem Bewußtsein ergriffen ist, daß das, was jetzt bevorsteht, entscheidend sein wird für die ganze Zukunft. Für seine Zukunft. Für seine nächsten Jahre. Der Franzose denkt zunächst an sich selbst. Ueber- läßt den anderen ihre Sorgen. Europa ist für ihn ein Gebiet, das von seiner Lichtstadt Paris genau so seine Le­benskraft erhält wie seine Provinzen. Daß in anderen Ländern ebenfalls Kraftquellen aufgesprungen sind, die so gewaltig ihre Energien in das allgemeine Leben senden, wie etwa Berlin, das macht ihn mißtrauisch und mißmutig. Daß sich in Deutschland ein neues Lebensbild entwickelt hat, das sich von dem französischen wie Tag und Nacht unterschei­det, das begreift er nicht, und deshalb ist es ihm zuwider. Ihm ist die L e b e n s k u l t u r des Deutschen ein Be­weis seinerVerschwendung". Daß auch der kleinste Ar­beiter das Bedürfnis nach einer gemütlichen Wohnung hat, daß er eine kleine Sommerreise macht, daß er sich sein Radio hält, am Ende noch ein kleines Landgrundstück, das alles ist dem Franzosen unheimlich. Welche Bedürfnisse müssen dann erst die anderen Stände haben? Kommt ein Franzose des guten Mittelstandes in eine Wohnung des deutschen Mittelstandes, so glaubt der Franzose, alle Deut­schen seien Millionäre. Es sind solche Gegensätze in der Lebensauffassung zwischen den beiden Völkern, daß einer von denen, die meinten, die politischen Gegensätze würden verschwinden, wenn sich die Völker besser kennenlernen, heute schon glaubt, eine solche Bekanntschaft werde im Gegenteil die Gegensätze noch vertiefen. Von solchen Kennern des Problems wird auch angenommen, daß die ganze Geld­politik Frankreichs im Grunde nur dem französischen Wunsch entspricht, ganz Europa vorzuschreiben, wie es zu leben hat, überall das Leben nach dem französischen Bedürfnis abzu- stimmen. Viele sehen auch in dem ewigen S i ch e r h e i t s - verlangen nichts anderes als die Angst der Franzosen vor dem neuen Leben, das von Amerika seinen Impuls bekam, und das besonders in Deutschland gewaltig auf- rauschte. Mag sein. Jedenfalls würde der Jubel bei der Ankunft Lavals durchaus dem entsprechen. Denn Laval brächte doch das eine mit: Amerika will Europa seine Angelegenheit selbst ordnen lassen. Das heißt für den Fran­zosen: Paris diktiert. Als Symool für diese These brächte das Schiff mit Laval gleichzeitig auch wieder einen guten Batzen Gold mit. Daran sind wir ja schon gewöhnt, daß alle Goldsendungen nach Frankreich gehen.

Sie wollen Reparationen.

Herr Laval hat den deutschen Botschafter empfangen Man hat sich lange über die Fragen unterhalten, die in Washington Gesprächsthema waren, und die sich doch nur um den einen Punkt drehten: Was wird mit den Repa­rationen? Nachdem Laval von Hoover freie Hand erhalten hat, erklärt er der deutschen Regierung, der N o u n g - Plan müsse wieder in Kraft treten, Reparationen müßten gezahlt werden. Die Unterhaltung Lavalvon Hoesch wurde zudem durch ein Pressekonzert begleitet, dessen Grundton lautete: Was kümmern uns eure Kurzkredite! Und doch ist für Deutschland die Klärung dieser Frage von größter Wichtigkeit. Auch für Frankreich. Kommt es zu keiner Klärung dieser Kreditfrage, dann würde sich Deutschland am 1. März einer Lage gegenübersehen, die dem Bankerott äußerst ähnlich sähe. Ob Frankreich glaubt, dadurch eher zu Reparationen zu kommen? Diese Erkenntnis ist den Fran­zosen offenbar nachträglich erst gekommen. Denn plötzlich erklärt man in Uebereinstimmung mit der deutschen Auf­fassung, daß auch die Regelung der Kurzkredite in den Rahmen der deutschen Zahlungsfähigkeit hineingehöre Einige französische Blätter plaudern auch aus, daß in Washington die Frage der Kurzkredite eine nicht unwesent- iche Rolle gespielt habe. DerFigaro" bringt das auf olgende Formel:Laval hat in Washington einen kurz- ristigen Kredit erhalten mit der Aufgabe, ihn dazu zu be­nutzen, um Deutschland langfristige Kredite zu geben."

Was sagt hierzu Herr Laval:

Eine Klarstellung sollte eigentlich ganz ernsthaft von La­val gefordert werden. Nach einer auch französischerseits be­stätigten Aufstellung hat Frankreich aus den deutschen Re- parationszahlungen bisher 18 Milliarden RM. erhalten. Die Gesamtkosten des französischen Wiederaufbaus in den Kriegsgebieten sind mit 16 Milliarden aufgestellt worden. Wenn Frankreich tatsächlich nur die Forderung erhebt, daß einemoralische und juristische Garantie" für die Verpflich­tung Deutschlands zum Ersatz der französischen Wiederauf­baukosten geschaffen werden müsse, dann ist eigentlich die Reparationsfrage bereits erledigt. Denn der französische Wiederaufbau ist nicht nur bereits bezahlt, sondern mit über 2 Milliarden überbezahltl

Glut im Fernen Osten.

Es sieht wirklich noch nicht nach Frieden und Ver­ständigung aus. Der Völkerbund tagt zwar in Parmanenz, uzn die Kriegs fahr in der Mandschurei zu bannen. Abex

trotz aller BeschlüiXPnd Demarchen, trotz aller Hinweise aus die Friedensgarc ^-des Völkerbundsstatuts, rüstet man in Tokio und in Nanking weiter. Nach einer Tokioter Mel­dung sollen die Chinesen jetzt die Angreifer sein, wobei l« sich auf sowjetrussische Unterstützung eingelassen hätten, da sie sonst einen Angriff auf die japanischen Truppen nicht hätten wagen dürfen. Wohlverstanden, es handelt sich hier um eine japanische Meldung. Sie bestätigt im übrigen, daß auf beiden Seiten die Vermittlungsaktion des Völker­bundes nicht so ernst genommen wird, daß man sich daran kehren müßte. Auch in diplomatischen Kreisen sieht man die Lage als recht ernst an. Das Aufzüngeln der Kriegs­glut zu einem verheerenden Brande, kann jeden Tag noch erwartet werden.

Auch keine Beruhigung in Deutschland.

Auf Grund verschiedener Vorgänge war in der deutschen Parteipresse die Frage erörtert worden, wie weit Ge­spräche, die zwischen, nationalsozialistischen und Zentrums­führern stattgefunden haben, zu einer koalitionspolitischen Umgestaltung im Reiche führen könnten. Auf der Tagung des Reichsausschusses der Zentrumspartei am Donnerstag hat der Parteiführer, Prälat Dr. Kaas, diese Erörterungen mit der Erklärung abzutun versucht, daßdas Zentrum Wichtigeres zu tun habe, al. sich mit dem koalitionspoli­tischen Gerede auseinanderzusetzen", das in den letzten Wochen gewisse Kreise beschäftigt habe. Er hat in einem Nachsatz von der Notwendigkeit zur Sammlung, und auch von der Möglichkeit gesprochen,auch solche Grup­pen links oder rechts zu gemeinsamem Handeln, wenn auch nur auf Zeit, zusammenzuführen", daß man eigentlich nicht ganz klar erkennen kann, was nun an dem koalitionspolitischen Gerede" eigentlich ist. Der Kanzler selbst ist ebenfalls nicht deutlicher geworden und begnügte sich mit der FeftstellunH-^oatz für politische Experimente ' gegenwärtig in der deutschen Politik kein Raum sei". Die Türen werden also nach keiner Seite geschlossen. Was gegenwärtigExperimente" sein mögen, kann morgen schon zwingende Notwendigkeit werden. Der Zug der Zeit ist jedenfalls nicht zu erkennen. Die jüngsten Wahlen in Mecklenburg-Schwerin haben nur bestätigt, was vordem in Anhalt, in Hamburg, in Bremen sich ergeben hatte: Der sensationelle Abmarsch des Bürgertums nach rechts. Mit solchen Tatsachen muß ein Staatsmann rech­nen, der nicht überrumpelt werden will. Deshalb das vorsich­tige Abwägen der Worte, die auf der Zentrumstagung am Donnerstag gesprochen wurden: Kein Experimentieren, aber Sammlung und Zusammenfassung aller verantwor­tungsbewußten Parteien zu gemeinsamem Handeln.

Kaas und Brüning zur Lage

Gegenkoalitionspolittsches Gerede".

Berlin, 6. November.

Der Reichsparteiausschuß des Zentrums trat im Reichs­tag unter starker Beteiligung aus dem ganzen Reiche zu einer Sitzung zusammen. Sie wurde mit einer längeren Rede des Parteivorsitzenden Dr. Kaas eingeleitet, in der er auf die verschiedenen Fragen der Innen- und Außen­politik einging. Er führte u. a. aus:

Wenn irgendeine politische Machtgruppe in Deutschland, dann ist die Zentrumspartei davon überzeugt, daß den himmelschreienden Nöten unserer Zeit nicht mit Worten und Resolutionen beizukommen ist sondern n u r m i t T a - t e n.

Auch nicht mit Gesprächen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit anderer koalitionspolitischer Fronlbildun- gen. Die Deutsche Zentrumspartei hat wahrhaftig Wich­tigeres zu tun, als sich mit dem koalitionspolitischen Gerede auseinanderzusetzen, das in den letzten Wochen gewisse Kreise außerhalb unserer Reihen in der Oeffenl- Uchkeit beschäftigt hat und anscheinend noch beschäftigt.

In einem Augenblick, wo die politische Gesamtsituation und die parlamentarischen Entscheidungskämpfe der jüngsten Zeit ein klares Wort nach dieser Richtung verlangten, wenn nicht mit dem Sturz der Regierung Brüning unabsehbares Un­heil für Staat und Volk heraufbeschwocen werden sollte, ist ein solches Wort von der Reichstagsfraktion der Deutschen Zentrumspartei in einem eindeutigen Beschluß ausgesprochen worden.

Mir ist nicht bekannt, daß inzwischen Tatsachen einge- treten wären, die geeignet sind, die sachlichen Voraus­setzungen des damaligen Beschlusses zu verändern oder Herabzumindern.

Vor dem zweiten Kabinett Brüning und damit auch vor der dieses Kabinett aus staatspolitischer Ueberzeugung stützen­den Deutschen Zentrumspartei stehen, außenpolitische Auf­gaben von geradezu gigantischer Größe und von schicksals- entscheidender Auswirkung für Staat und Volk. In solcher Lage die Aktionsfähigkeit und die Verhandlungschancen des Kabinetts durch Erörterungen der bezeichneten Art zu be­hindern, oder zu vermindern, ist nach unserer Kenntnis und Anschauung der Dinge nicht zu verantworten.

Räch unserer Auffassung gilt es, wenn irgendwann so jetzt das Auseinanderbrechen des Volkes in zwei gleichstarke, den gegenseitigen Vernichtungskampf pro-

Das neue Kabinett MacDonald

London, 6. November.

Die amtliche Kabinettslifte ist soeben veröffentlicht worden und sieht folgendermaßen aus:

Premierminister und Erster Lord des Schatzamtes: MacDonald;

Schahkanzler: Reville Chamberlain;

Präsident des Handelsamtes: Runciman;

Staatssekretär für:

Aeußeres: Sir John Simon;

Dominions: Thomas;

Kolonien: Eunliffe L i st e r;

Indien: Sir Samuel h o a r e;

Schottland: Sir Archibald Sinclair;

Krieg: Lord Hailsham;

Luftfahrt: Lord Londonderry;

Inneres: Sir Herbert Samuel;

Erster Lord der Admiralität: Sir Bolton Eires M o n - feil (bisher Haupteinpeitscher der Konservativen).

Lordpräsident des Geheimen Rates: B a l d w i n;

Gesundheitsminister: Sir Hilton P o u n g;

Lordkanzler: Lord S a n k e y;

Lordgeheimsiegelbewahrer: Snowden;

Präsident des Unterrichtsamles: Sir Donald Maclean;

Minister für Landwirtschaft und Fischereien: Sir John Gilmore;

Arbeilsminisier: Sir Henry Belterdon;

_ huupiwmtnistcir -für öffentliche Arbeiten: Ormesby

Gore.

klamierende Lager unter allen Umständen zu verhin­dern. wenn irgendwann, so ist jetzt Volkssammlung die Forderung der Stunde und nicht Volksentzweiung. Die Stunde gehört und muß gehören der schöpferischen staatspolitischen Tat und nicht unfruchtbaren parlei- und koalitionspolitischen Wortgefechten.

Im Laufe der Tagung sprach auch der Reichskanzler Dr. Brüning, der u. a. erklärte:

Es gibt für die Reichsregierung nur einen weg: den weg der Ergreifung sachlich notwendiger Maßnahmen.

Sie wird sich durch keine Angriffe bei der Ausführung derselben irgendwie beeinflussen oder gar stören lassen.

Man kann allerdings mit Notverordnungen nicht auf die Dauer so regieren, wie man das in der Oeffentlichkeit viel­fach glaubt. Die Reichsregierung will den Reichstag nicht auf die Dauer ausschalten, sie muß Zeit und Raum haben, ihre Aufgabe zu lösen, dies allein ist der ausschließliche, alleinige Zweck der längeren Vertagung des Reichstags. Die Ver­schuldung Deutschlands ist im wesentlichen eine ausländische in ausländischer Währung.

Trotzdem darf die Reichsregierung die Mark dem Pfund unter keinen Umständen folgen lassen. Ich werde mich bis zum äußersten gegen jede inflatorische Maß­nahme stemmen",

insbesondere deshalb, weil nur dann in der öffentlichen und privaten Wirtschaft volle Klarheit und Wahrheit geschaffen wird, und wir dann auch außenpolitisch weiterkommen kön­nen. Die bisherige Politik der Reichsregierung hat bereits dazu geführt, daß heute in Deutschland die wirtschaftliche Lage Deutschlands mit ganz anderen Augen gesehen wird, als das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Auch die kommende Zeit wird das deutsche Volk noch vor weitere schwere Opfer und Einschränkungen stellen. Um so mehr muß das Volk unbedingte und gerechtmäßige Verteilung der Lasten haben.

Die Selbstkosten der deutschen wirtschaft müssen ge- * enkt werden, um sie konkurrenzfähig zu erhalten. Die- es Problem ist aber nicht zu lösen lediglich durch ein- eitige Lohnsenkung, denn das würde letzten Endes nichts weiter zur Folge haben, als eine weitere Ein­schränkung der Kaufkraft und damit die wirtschaft selbst schädigen.

Es muß möglich sein, daß die einzelnen Berufsgruppen sich schließlich verständigen, und das wird gelingen bei gegen­seitigem, aufrichtigen Verständigungswillen. Die Etatslage des Jahres 1932 wird eine jehr schwierige sein. Die Haupt­aufgabe wird es sein müssen, schnellstens zu soliden Ge­schäftsprinzipien und Maximen der Vorkriegszeiten zu kom­men. Weiter wird es die Aufgabe sein, daß in den jetzt beginnenden Verhandlungen eine Lösung des Reparations- problems gefunden wird, die für das deutsche Volk und die ganze Welt das Vertrauen wiederherstellt, ohne welches die Weltwirtschaft für lange Zeit gestört bleiben würde. Zugleich muß eine Regelung der kurzfristigen Kredite er­folgen. Alle diese Hauptaufgaben sind aber nicht durchzu- führen, ohne die Schaffung des Vertrauens im In- und Ausland. Die Welt muß sicher sein, daß in Deutsch­land keine politischen Experimente gemacht werden. Gerade dieser Winter wird dem deutschen Volke bie jdjmerften Ner­venkrise auferlegen.