Hersfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher /tnzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 303
Dienstag, den 29. Dezember 1931
81. Jahrgang
Großkampf um die Tribute
Der Gegensatz zwischen London und Paris soll im Interesse einer Einheitsfront gegenüber Amerika zu Überdrucken versucht werden
Handwerk an der Jahreswende
Die Lage des deutschen Handwerks im Jahre 1931 war sehr schlecht. Der Beschäftigungsgrad im Handwerk erreichte einen noch nie gekannten Tiefstand. Alle 5 nd- werkszweige waren zur Einschränkung ihrer Betriebe gezwungen, die zu großen Gesellenentlassungen führte. Zum Teil lag ein solcher Auftragsmangel vor, daß niemand wußte, wie die Ausbildung der Lehrlinge vorgenommen werden sollte. Die übliche Frühjahrsbelebung setzte verspätet ein. Auch die von den Spitzenverbänden des Handwerks verunstaltete Reichs-Handwerks-Woche, bei der es dank der rührigen Unterstützung der deutschen Presse gelang, die gesamte Oeffentlichkeit in der dritten Märzwoche in eindringlicher Form auf das.Handwerk hinzuweisen, vermochte bei der rückgängigen Konjunktur keine Belebung nach sich zu ziehen. Ein schwerer Rückschlag trat wieder ein, als im Juli die große Krise von der Kreditseite her zum offenen Ausbruch kam. Sie hatte zur Folge, daß auch bereits erteilte Aufträge wieder zurückgezogen wurden. Die Umsätze gingen weiter zurück. Neue Aufträge wurden kaum noch erteilt. Der Zahlungseingang für ausgeführte Arbeiten stockte beträchtlich, was um so schwerer ins Gewicht fiel, als jeder Rückstand an Steuern mit empfindlichen Verzugszuschlägen geahndet wurde. So ging das Jahr zur Neige, ohne daß auch nur von der geringsten Besserung gesprochen werden konnte. Was dieser Stillstand, dieser Rückgang im Handwerk für die gesamte Volkswirtschaft bedeutet, mag daraus heroorgehen, daß noch vor zwei Jahren rund 1,65 Millionen Gesellen und Angestellte im Handwerk beschäftigt werden konnten, während heute diese Ziffer höchstens eine Million betragen dürfte. . .
Die Löhne zeigten fallende Tendenz. Wenn auch die Berechtigung, ja Notwendigkeit hierzu in manchen Gruppen durchaus nicht bestritten werden kann so wäre es doch verkehrt, nun in einem ungehemmten Lohnabbau das einzige Mittel zur Besserung unserer Notlage erblicken zu wollen. Eine solche Auffassung verkennt die nachteiligen Folgen für den Binnenmarkt, an dem das Handwerk mit etwa einem Drittel des Umsatzes beteiligt ist. Eine gerechte Lösung dieser Frage dürfte in dem Ausgleich der sich wider- streitenden Meinungen liegen, wie denn auch das Handwerk als Ziel der Lohnpolitik weder ein zu hohes noch ein zu niedriges Lohnniveau erstrebt. Auf alle Fälle muß in Wahrung berechtigter Interessen eine Einkommensverteilung erreicht werden, die auf der einen Seite Möglichkeiten zur Kapitalbildung bietet und auf der anderen Seite durch die den gezahlten Löhnen innewohnende Kaufkraft eine angemessene Lebenshaltung für das gesamte Volk gewährleistet.
Auf gesetzgeberischem Gebiet stand das Jahr 1931 im Zeichen der Notverordnungen. Wir erinnern zunächst an die zweite Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 6. Juni. Nach dem Willen der Reichsregierung sollte sie der „letzte Schritt" sein, um eine Wandlung zum Besseren einzuleiten. Aber nur zu schnell mußte sich die Reichsregierung von ihrem vergeblichen Bemühen überzeugen. Mit dem offenen Ausbruch der Krise im Juli setzte eine Hochflut von Notverordnungen ein, die Stückwerk sein und bleiben mußten, da sie sich an die eigentliche Lösung der Probleme nicht heranwagten. In dieser Hinsicht zeigt die vierte Notverordnung vom 8. Dezember einen gewissen grundsätzlichen Wandel. Sie soll ja wohl nach dem „letzten Schritt" den „endgültigen Schluß- st r i ch" unter eine uns aufgezwungene Deflationspolitik ziehen. Im Interesse des Handwerks und der gesamten Wirtschaft wünschten wir ihr nur vollsten Erfolg. Allein, ob dieses Ziel erreicht werden kann, wenn man an Stelle der in der Wirtschaft bestehenden Bindungen staatlichen Zwang und behördliche Reglementierung setzt, erscheint — um uns ganz vorsichtig auszudrücken — zum mindesten im Augenblick noch sehr fraglich. Schade, daß sich die letzte Notverordnung bei allem anzuerkennenden Mut nicht dazu aufraffen konnte, auch die so notwendige Reichs- und Verwal- tungsreform in Angriff zu nehmen. Im Zeitalter des Fernsprechers und der Kraftwagen können wir uns bei dem vorliegenden Zwang zum Sparen beim besten Willen einen aufgeblähten Verwaltungsapparat nicht mehr leisten, den wir aus der „guten, alten Zeit" übernommen haben.
Die letzte Notverordnung erstrebt ja auch noch eine allgemeine Senkung des Preisniveaus. Ein neuer Reichskommissar sorgt für Ueberwachung der Preise und kann deren Herabsetzung anordnen. So sehr sich das Handwerk schon immer für einen gerechten Preisstand eingesetzt hat und so sehr es selbst bestrebt ist, nach Kräften an der Erreichung dieses Zieles mitzuwirken, so kann es doch nicht ganz die vorliegenden Bedenken von der Hand weisen. Es muß als ausgeschlossen bezeichnet werden, daß die Preise auf eine Mahnung von oben her in sich zusammenstürzen können. Bestimmend für die Preisbildung auf die Dauer bleiben nur Angebot und Nachfrage. Eine wirksame Ermäßigung wird sich nur dann durchsetzen, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen hierzu gegeben sind. Zu einem solchen Zurückgehen der Preise bedarf es aber weder obrig- keitlicher Weisung noch gesetzlicher Anordnung. Jedenfalls ist die in breitesten Volksschichten anzutreffende Meinung, als ob in kürzester Frist mit einer Reichsmark das Doppelte gekauft werden könnte, nicht gerechtfertigt. j
Ein Rückblick auf das Jahr 1931 muß dieses für das Handwerk als das Jahr der unerfüllten Hoffnungen erkennen lassen. Die vom Handwerk seit langem erstrebte grundsätzliche Wandlung der deutschen Wirtschaftspolitik konnte noch nicht erreicht werden. Für das Handwerk waren die letzten 12 Jahre eine einzige Enttäuschung. Eine Besserung wird auch erst dann eintreten, wenn die Reichsregierung bei allen ihren Maßnahmen und bei der bislang beliebten zu weitgehenden Berücksichtigung der Kollektivkräfte des Kapitals und der Arbeit den gerechten Ausgleich für alle Glieder der Wirtschaft wiederfindet.
Europas Schiüsalskrage
Regierungskonferenz im Haag
In Berliner politischen Kreisen verlautet, daß bisher über den Ort, wo die Reparationskonferenz zusammentreten soll, und den Zeitpunkt dieses Zusammentritts noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden ist.
Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Regierungskonferenz zu Beginn der zweiten Januarhälfte im Haag zusammentreten wird. Widerspruch gegen den Haag als Tagungsort hak sich jedenfalls bisher nicht geltend gemacht.
Ueber die Aufgabe der Konferenz erklärt der Londoner „Observer" kurz und bündig, daß die Nachkriegspolitik in ihrem wilden Reparationstraum die Welt von einem Unglück zum anderen geführt habe. Es fei gänzlich zwecklos, jetzt wieder eine neue Art von Poungplan ausarbeiten zu wollen. Die Welt habe lange genug unter den Reparations- und Kriegsschulden gelitten. Sie könne diese Bürde nicht mehr länger mit sich herumschleppen.
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FraazößiÄ-rsgiiichr TributMÄ-raA
Noch keine Einladung Lavals nach London?
Paris, 29. Dezember.
In einer amtlichen Veröffentlichung des Büros des Ministerpräsidenten wird mikgeleilt, daß, entgegen anderslautenden Meldungen Ministerpräsident Laval keine Einladung nach London zu einer Besprechung mit Premierminister MacDonald erhalten habe.
Die französischen und die englischen Sachverständigen verhandelten gegenwärtig über die Reparationen, und die Möglichkeit einer Begegnung der beiden Regierungschefs könne erst ins Auge gefaßt werden und würde auch erst opportun, wenn die Sachverständigen ihre Aufgabe gelöst hätten.
Man wird das Dementi mit Vorbehalt aufnehmen müssen. Das halbamtliche französische Nachrichtenbüro, die Havasagentur, hat berichtet, MacDonald habe Laval bri« f- l ich zu einer Aussprache noch r r Beginn der Regierungskonferenz eingeladen. Es liegt oie Vermutung nahe, daß Laval die Veröffentlichung dieser Tatsache aus taktischen Gründen gegenwärtig unwillkommen ist. Vielleicht darum das Dementi?!
Der außenpolitische Berichterstatter des „Echo de Paris", Pertinax, erklärt, die englische These ginge dahin, Deutschland ein fünfjähriges Moratorium zu gewähren und Frankreich zu dem Verzicht auf seine Reparationsforderun- gen einschließlich des ungeschützten Teiles zu bewegen und es auf der anderen Seite durch die Aufhebung feiner Schulden an Amerika schadlos zu halten.
Finanzminister Flandin mache demgegenüber geltend, daß Deutschland mindestens den ungeschützten Teil der Reparationen zahlen müsse, der ihm unter Umständen in Form eines Kredits an die Reichsbahn wieder zur Verfügung gestellt werden könne, wie dies bereits gelegentlich des hoo- ver-Moratoriums der Fall gewesen ist. Nach Wiederherstellung besserer wirtschaftlicher Verhältnisse solle Deutschland jedoch die Reparationszahlungen in vollem Umfange wiederaufnehmen, und nur vom geschützten Teil befreit werden, wenn Amerika seinerseits auf seine Schuldenforderun- gen verzichte.
Die beiden Finanzsachverständigen Flandin und Leith Roß seien sich schließlich dahin einig geworden, daß alles unternommen werden müsse, um die Gläubigermächte Deutschlands nach der Gewährung eines Moratoriums von der Schuldenzahlung an Amerika zu befreien. Die von MacDonald angestrebte Unterredung mit Laval scheine auch in erster Linie der Lösung dieser Frage zu dienen. Pertinax erklärt hierzu, daß die Aufstellung einer gemeinsamen englisch-französischen Front sehr wohl möglich sei. MacDonald habe seine sozialistischen Mitarbeiter über Bord ge= warfen. Wenn er sich nun auch dazu entschließe, sich auch von den deutschfreundlichen Anhängern zu befreien, so sei eine Einigung zum Besten Europas wohl möglich...
Englands Einstellung
Das führende englische Finanzblatt „Financial News" tritt für eine gemeinsame Front gegenüber Amerika ein. Das Blatt erklärt: Man braucht nicht von vornherein anzunehmen, daß Frankreich unfähig zu einer vernünftigen Auffassung sein wird und sich z. B.
mit einer Halbierung der Reparationsschuld und einem ausgleichenden Moratorium nicht einverstanden erklären wird. Wenn das der Fall sein sollte, dann wird es die Pflicht Englands sein, es von ganzem Herzen zu unterstützen, damit Europa Schulter an Schulter Amerika gegenübertreten rann.
Wenn dagegen Frank eich nicht zu wirklich erleichternden Maßnahmen bereit ist, bann wird es notwendig sein, der französischen Politik offen Widerstand entgegenzusetzen und Deutschlands Partei zu ergreifen. Gleichviel ob wir Frankreich sofort an unserer Seife haben oder für eine Zeit allein Vorgehen müssen, wir selbst müssen die Verankwor- ung einer Zahlungseinstellung auf uns n^mer.
In finanziellen Kreisen würde immer stärker die Ansicht vertreten, daß die Dinge sobald wie möglich auf die Spitze getrieben werden sollten. Wenn eine befriedigende Regelung nicht erreichbar sei, dann sollte statt einer zeitweiligen Vereinbarung, die nur eine Fortsetzung der Quälerei bedeuten würde, sich Deutschland zu weiteren Zahlungen außerstande erklären, und die Regierungen, die Kriegs schulden hätten, sollten seinem Beispiel folgen.
Washington nicht uninteressiert
Wie «Rew Pork Herald" aus Washington berichtet, glaubt man übrigens, daß die endgültige Entscheidung über die Beseitigung Amerikas an der Reparationskonferenz über die Schulden- und Reparationsfrage von der Fassung der Einladung an die Vereinigten Staaten abhängen werde.
Im Laufe der Unterredungen zwischen Hoover und den Mitgliedern des Kabinetts habe sich zwar eine Opposition gegen die Beteiligung der Vereinigten Staaten geltend gemacht. Doch wären Schatzsekretär Mellon und die Finanzsachverständigen für eine Beteiligung der Vereinigten Staaten.
Nach anderen Meldungen ist es nicht unmöglich, daß die englische und die französische Regierung in Washington riüen LTMLinüNLM-Schritt unternehmen wurden, um die Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung auf die Repa- rations- und Schuldenfrage zu lenken. Es fei unmöglich, das Moratorium ständig zu verlängern, ohne damit auch gleichzeitig die Wirtschafts- und Finanzkrise zu verewigen.
Die amerikanische Austastung?
In diesem Zusammenhang verdient eine amerikanische Stimme besondere Beachtung. Die „Rew park Times" erklärt, die Reparationen würden nicht völlig erlassen werden. Deutschland werde vielmehr in Uebereinstimmung mit dem Baseler Bericht die ungeschützten Zahlungen vorläufig leisten. Die Alliierten würden ihre Zahlungen an die Vereinigten Staaten dementsprechend einschränken.
Das Blatt sagt dann wörtlich: „Was immer die Senatoren reden, die Vereinigten Staaten sind an der Reparationsfrage beträchtlich interessiert. Die Reparationen sind mit den Kriegsschulden so eng verknüpft, daß kein amerikanischer Staatsmann den Knoten lösen kann. Ob die Vereinigten Staaten auf der Regierungskonferenz vertreten sind oder nicht, ihr Geist und ihr Einfluß werden sich dort bemerkbar machen."
„Frankreich hat schon zuviel erhalten"
Amerikas kühle, abwartende Haltung wird nicht zuletzt von einer Stellungnahme des Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Senat, Senator Borah, zum Baseler Ergebnis beeinflußt, Borah wendet sich mit bemerkenswerter Schärfe gegen den von Frankreich vertretenen Standpunkt in der Tributfrage. Er sagte u. a.:
„Wenn behauptet wird, daß Frankreich Anspruch auf unbedingte Wiedergutmachung der ihm zugefügten Schäden erheben darf, so lautet die Antwort, daß Deutschland bisher in verschiedener Form 9,5 Milliarden Dollar bezahlt hat, von denen 52 Prozent Frankreich erhielt. Diese Summe stellt einen Betrag dar, der ebenso hoch, wenn nicht größer ist, als die Schäden, die Frankreich sowieso nach eigener Schätzung erlitten hak."
Er sehe, betonte er weiter, keine Hoffnung auf Gesundung der europäischen Verhältnisse, bevor nicht die Tribut- zahlungen eingestellt seien. Amerika sollte sich daher a n den europäischen Fragen desinteressieren solange dieser Schritt nicht durchgeführt werde. „Es wird uns etwas kosten, wenn mir draußen bleiben", äußerte Borah, „aber es wird uns ruinieren, wenn wir drinnen bleiben". Seit zwölf Jahren würden Konferenzen zur Feststellung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands abgehalten, ohne daß sie wirkliche Hilfe gebracht hätten.
Schweres Autounglück: Vier Tote, vier Verletzte.
Rom. In der Nähe von Mantua stieß bei einem Bahnübergang ein Auto mit einem Zuge zusammen. Von den acht Insassen des Kraftwagens wurden vier getötet, drei schwer verwundet, während einer leichtere Verletzungen erlitt
Tragödie in der Sandgrube.
Neapel. Sechs Knaben, die in einer verlassenen Sandsteingrube spielten, wurden, als die Grube plötzlich e stürzt«, unter den Erdmassen begraben. Die Feuerwehr befreite mit größter Mühe die Verschütteten. Drei Kinder waren bereits erstickt.