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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDJV.

Nr. 5

Donnerstag, den 7. Januar 1932

82. Jahrgang

Die Vorbereitungen für Lausanne

Deutschland beharrt auf Entlösung Noch eine vernünftige Stimme

Der neue Tributkampf

Der amerikanische Botschafter in Paris, Edge, ist nach Berlin gereist, um mit dem französischen Botschafter in Berlin, Francoie-Poncet, zu frühstücken. Das ist eine etwas auffällige Tatsache, um so mehr, als Herr Poncet in den nächsten Tagen nach Paris reisen will. Zu dem Frühstück in Berlin ist auch der Reichskanzler eingeladen worden. Diese Zusammenkunft beim Diner hat also bestimmt recht bedeutsame polisische Hintergründe. Alle diplomatische Ar­beit bi^et Wochen dreht sich um zwei Probleme: Repara­tionen und Abrüstung. Wegen beider Punkte ist die Welt in zwei Lager gespalten. In dem einen hat die Erkenntnis sich durchgesetzt, daß zwischen der Weltkrise und den Repa­rationen ein ursächlicher Zusammenhang besteht; deshalb möchte man die Reparationen sobald wie möglich beseitigt wissen. Auch in der Abrüstung sieht man in diesem Lager einen Faktor, der wesentlich zur politischen Beruhigung der Völker beitragen könnte. Ganz anderer Auffassung ist man im Gegenlager, wo man die Reparationen wie die Rüstun­gen dazu benutzen möchte, um Deutschland für alle Zeit nie­derzuhalten, auf jeden Fall aber für die machtpolitischen Auseinandersetzungen der Zukunft unschädlich zu machen.

Der amerikanische Unterstaatssekretär Castle hat das Problem in Reparationen und der sich daraus ergebenden weltwirtschaftlichen Schwierigkeiten am treffendsten mit der Feststellung gekennzeichnet, daß Amerika Deutschland als guten Kunden für seine Erzeugnisse brauche, daß also Ame­rika an der Durchführung eines verständigen Planes für die Regelung der Reparationen ein starkes Interesse habe Was von Amerika gilt, gilt für jeden anderen Staat, dem daran liegt, wieder ruhige und normale wirtschaftliche und politische Verhältnisse in der Welt zu baden. Daraus er- Wirkungen der deutschen Tnbutzahlungen zu der Forderung geführt haben, endlich mit diesem wirtschaftlichen und politischen Widersinn Schluß zu machen. Es ist verschiedent­lich in den letzten Wochen behauptet worden, daß sich Frank­reich in der Reparations- wie in der Abrüstungsfrage in eine gewallte Isolierung hineinmanövriert habe. Der Grund dieser Politik wäre nicht ohne weiteres erkennbar, es sei denn, daß man annehmen wollte, Frankreich mache den Versuch, unter Berufung auf die Reparationsbestimmungen des Versailler Vertrages ein Veto gegen eine Regelung ein- zulegen, die nur einstimmig von allen Vertragspartnern vorgenommen werden kann.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen erhält der Be­such des amerikanischen Botschafters Edge ein anderes Ge­sicht. Der amerikanische Präsident Hoover hatte bekannt­lich große Mühe, seinen Moratoriumsvorschlag im Kongreß durchzubringen. Der Widerstand ergab sich jedoch nicht aus der grundsätzlichen Ablehnung einer allgemeinen Schul- denerleichterung seitens des Kongresses sondern als Antwort auf die Halsstarrigkeit Frankreichs. Frankreich wollte aus einem erweiterten Hoover-Moratorium ein Sondergeschäft in der Schuldenfrage machen, ohne sich aber zu verpflich­ten, in der Reparationsfrage weiterzugehen, als der ameri­kanische Schuldennachlaß sich für Frankreich auwirken würde. Geradezu empört aber hat in Amerika und in vie­len anderen Ländern die Tatsache, daß Frankreich seine rigorosen Reparationsforderungen gegen- über Deutschland aufrechterhält, obwohl einwandfrei sest- steht, daß Frankreich aus den bisherigen deutschen Repara­tionszahlungen rund 20 Milliarden Mark erhal­ten hat, während die Wiederaufbauschäden Frankreichs nach den Angaben des französischen Ministers für öffentliche Bauten nur rund 13^ Milliarden betragen Diese sind somit durch die bisherigen deutschen Zahlungen bereits mit über 6 Milliarden überbezahlt. Da der Ar­tikel 232 des Versailler Diktats Deutschland lediglich ver­pflichtetalle Schäden wiedergutzumachen, die der Zivilbe- Mkerung jeder der alliierten und assoziierten Mächte und hrem Eigentum während der Zeit entstanden sind, in der ich die beteiligte Macht mit Deutschland im Kriegszustand befand", und Frankreichs Minister für öffentliche Bauten in einem Vortrag vor Wiederaufbaugeschädigten die Höhe dieses Schadens ziffernmäßig bekanntgegeben hat, so kann kaum noch ein Zweifel darüber bestehen, daß Frankreichs Ver­langen auf Aufrechterhaltung der deutscher) Reparationsver- pflichtungen vertragswidrig ist.

In Deutschland gibt es keinen Menschen, der bereit wäre, mit Frankreich noch über die Berechtigung seiner Re- parationsforderungen zu verhandeln. Das Verlailler Diktat spricht ausdrücklich davon, daß sich die deutschen Repara- tionszahlungen nach der Leistungsfähigkeit Deutschlands zu richten haben. Deutschland hat nachgewiesen, und die Sach­verständigen aller Länder haben anerkannt, daß Deutschland weder wirtschaftlich noch finanziell in der Lage ist, weiter­hin Reparationen zu zahlen. Die bisher aus Deutschland herausgepreßten Tribute haben Deutschlands Wirtschafts­und Finanzkraft zerrüttet. Nach einer Londoner Verlaut­barung ist in dem ursprünglichen Entwurf des Layton-Be- richtes der Baseler Sachverständigen betont worden, daß der Voung-Plan praktisch nicht mehr durchführbar sei, daß Deutschland unmöglich irgendwelche Reparationstransfers vollziehen könne, und daß nicht allein eine Fortdauer des Moratoriums sondern die völligeSuspendierung

geSuspendierung

und gründliche Umgestaltung des Voung-Plans erforderlich sei. Der Entwurf verlangte deshalb aus wirtschafts- und währungspolitischen Gründen eine dauernde, also endgültige Reparationsregelung, die die Erfahrungen der bisherigen Reparationswirkungen auf Welt- und Geldwirtschaft berück­sichtigt. Dieser Entwurf mußte auf den Einspruch Frank­reichs abgeändert werden.

Das neue Baseler Gutachten geht bekanntlich in seinen Hauptforderungen nicht so weit wie der Baseler Sommer­bericht. Es erfaßt überhaupt nicht oas Kernproblem und weicht der Erklärung aus, daß es ein wirtschaftlicher Irr­sinn ist, in Zukunft noch an den Tributzahlungen festzu­halten, weil sie nicht nur dem Schuldnerland, sondern durch Zerstörung der Handelsbeziehungen und der wirtschaftlichen Grundlagen auch dem Gläubigerland Unheil bringen müssen. Es begnügt sich wegen des Widerstandes Frankreichs mit einem allgemeinen Appell an die Mächte, das deutsche Pro­blem, das in weitem Maße die Ursache für die wachsende finanzielle Lähmung der Welt ist, durch gemeinsames Han­deln zu lösen. In Lausanne wird sich zeigen, wieweit die einzelnen Mächtevertreter einer vernünftigen Regelung ohne französische Beeinflussung fähig sind. Botschafter Edge dürfte am Frühstückstisch den Versuch unternehmen. Herrn Poncet in Gegenwart des Reichskanzlers zu überzeugen, welche weitgehenden Folgerungen Amerika aus eine Weigerung ziehen müßte, zur wirtschaftlichen und politischen Beruhigung der Welt seine Mitarbeit zu leihen. Francois-Poncet sagt man nach, daß er starken Einfluß auf die Pariser Regierung ausübe; er hat es also in der Hand, dafür zu sorgen, daß die Auffassungen sich allgemein in der französischen Bevölke­rung und Regierung durchsetzen, wie sie nach der Veröffent­lichung der Depeche de Toulouse offenbar in der französischen Provinz stärker verbreitet sind, als die Pariser Presse es zugeben will.

MM Der Mampf um die Reparationen hat begonnen. Frank­reich hat es erreicht, den Beginn der Laufanner Konferenz weiter hinauszuschieben. Man wird also nicht überrascht zu sein brauchen, wenn man in Lausanne von vornherein nur auf eine Zwischenlösung abzielt, um dann nach provi­sorischer Verlängerung des Hoover-Moratoriums im Spät­sommer oder Herbst in die eigentlichen Repara.ionsberatun- gen einzutreten.

Die sranzösikche These

Havas bestätigt, daß die Unterredung, die der deutsche Botschafter mit Ministerpräsident Laval und Finanzminister Flandin hatte, der Vorbereitung der Reparationskonferenz galt. Der 18. Januar als Termin des Konferenzbeginns scheine der französischen Regierung wegen der am 12. Ja­nuar beginnenden Parlamentstagung zu nahe zu liegen. Die erste Woche dieser Tagung werde mit den Wahlen der Aus­schüsse und Büros von Kammer und Senat ausgefüllt sein. Da Ministerpräsident Lava! persönlich an der 'Wiederauf­nahme der Parlamentsarbeiten teilzunehmen wünsche, werde er zweifellos vorschlagen, die Einberufung der Reparations- konferenz um einige Tage, vielleicht bis zum 25. Januar, zu verschieben.

Das die französische These betreffe, dürfte sie Herrn von Hoesch durch Finanzminister Flandin dahin präzisiert wor­den sein: die französische Regierung wäre grundsätzlich ge­neigt. Deutschland ein Moratorium, jedoch nicht über den 1. Juli 1934 hinaus, zu gewähren unter der Bedingung, daß die ungeschützten Doung-Annuitäten von Deutschland während dieser Zeit weiterbezahlt würden, wobei Deutsch­land wie beim hoover-Moratorium die Möglichkeit hätte, über diese Summen zu verfügen, und zwar in Form ver­bürgter Anleihen an die Reichsbahn.

England mub nachgeben

Der deutsche Botschafter Freiherr von Neurath stattete osr feiner Abreise nach Berlin dem britischen Außenminister einen Besuch ab, wobei er auf die Notwendigkeit einer bal­digen zufriedenstellenden Dauerlösung der Tributfrage im Interesse der Erhaltung der Kreditwürdigkeit und Wieder­belebung des Wirtschaftslebens in Deutschland hinwies.

Der englische Außenminister erkannte voll an, daß auch die englische Regierung eine dauernde Lösung an sich für die wünschenswerteste hielt, wies aber auf die veränderten Um­stände hin, die eine derartige Lösung nicht möglich machten.

Er unterrichtete den Botschafter über den Standpunkt der britischen Regierung in Sachen der bevorstehenden Re­gelung.

Deutschlands Vorbereitungen

Die deutschen Botschafter in Paris, London und Rom, Dr. von Hoesch, Freiherr von Neurath und Dr. von Schu­bert sind in Berlin eingetroffen, um an den Reparations- beratungen teilzunehmen. Im Reparationsausschuß des Reichskabinetts sind das Auswärtige Amt, das Reichsfi­nanz-, das Reichswirtschafts- und wegen der Eisenbah­nen das Reichsverkehrsministerium vertreten. An den Beratungen dieses Gremiums nehmen die Botschafter teil, um ihre unmittelbaren Eindrücke von den Hauptplätzen zu übermitteln. In diesem Rahmen ist die Anwesenheit des deutschen Botschafters in Paris besonders wichtig.

England, Frankreich und Lausanne

. London. Reuter veröffentlicht folgende Meldung: Die britische und französische Regierung sind bemüht, eine Grundlage tu finden, die ihnen gestaltet, im Einver­nehmen mikein- r zu handeln, um einen

Erfolg der Dausanner Konferenz sicher zu stellen.

Die britische Regierung ist der Meinung, daß das Haupt­ziel der Konf-ren; die Wiederherstellung des Vertrauens der Welt zur wirtschaftlichen und allgemeinen Lage in Deutschland sein muy.

Noch eine vernünftige Stimme

Paris. Fernand de B r i n o n schreibt im Wirtschafts- blattInformation" zur Reparationskonferenz: Die Schluß­folgerung sei wohl nicht zu kühn, daß es nach Ansicht der Mehrzahl der Baseler Sachverständigen gut wäre, wenn man die Schulden überhaupt beseitigen könnte. Bedauerlich sei die Entdeckung, daß Frankreich von nun an nahezu das ein­zige Land sei, das das in den Verträgen festgelegte Recht verteidige. Aber Tatsachen seien nun einmal Tatsachen! Brinonstellt dann fest, daß sich in Frankreich eine gewisse Sinnesänderung bemerkbar mache, deren Niederschlag er in dem bekannten Artikel derDepeche de Toulouse" sieht, in dem die

Streichung der Reparationszahlungen gefordert würde. Nach seiner Ansicht ist die große Geste des radikalen^Blattes bei der gegenwärtigen innerpolitischen Lage in Frankreich schwer durchführbar. Trotzdem habe der Artikel des Blattes einen großen Wert, indem er einen neuen Fingerzeig gebe. Das Blatt habe einen Akt des Mutes voll­bracht und gezeigt, wie man die großen internationalen Dis­kussionen ansehen müsse, und zwar in einem Licht, das den

L^tte^is-s« fortgesetzten Beschwerden, die doch ohne Wirkung bleiben müßten.

Da; Reich fordert Endlösung

Angesichts der Tatsache, daß offiziell immer noch kein endgültiger Termin für den Beginn der Lausanner Repara- tionskonferenz festgesetzt ist, da Frankreich bemüht ist, den von England für den 18. Januar vorgeschlagenen Beginn um einige Zeit zu verschieben, wird von zuständiger Stelle erneut daran erinnert, daß Deutschland sich mit dem eng- lischen Vorschlag einverstanden erklärt hat. Die deutsche Regierung ist der Auffassung, daß die Konferenz so schnell wie möglich zusammentreten muß.

Selbstverständlich muß dabei Voraussetzung sein, daß bis dahin auch die Stillhalteverhandlungen zu einem Ab­schluß gelangen, damit Deutschland bei den Verhandlungen auf b« Reparationskonferenz restlose Klarheit über seine gesamten Zahlungsverpflichtungen schaffen kann. Auch die an den Stillhalteverhandlungen beteiligten Bankenkreise sind der Auffassung, daß ihre Verhandlungen bis zum Beginn der Lau anner Konferenz zu einem Ergebnis führen müssen. Sie hoffen, Mitte Januar das neue Stillhalteabkommen fertigges ellt zu haben.

wenn in den Erörterungen in der Oeffentlichkeit ge- genwärkig von einer provisorischen Regelung des Repara- tionsproblems und einer Vertagung der Reparakionskonfe- renz um mehrere Monate die Rede ist so muß demgegen­über, wie in unterrichteten Kreisen nachdrücklich betont wird, mit aller Entschiedenheit fesigestellt werden, daß eine endgültige Lösung des Reparationsproblems nötig ist. In allen Regierungs- und Sachverständigenkreisen steht man aus dem Standpunkt, daß höchste Gefahr im Verzüge ist und daß die Konferenz unbedingt zu einem endgültigen Er­gebnis führen muß.

Die Stillhalteverhandlungen

Geringe Herabsetzung der Zinsen.

Nach den Berichten der Pariser Blätter ist zwischen den Privatgläubigern Deutschlands und den Vertretern der deut­schen Banken in Berlin tatsächlich eine prinzipielle Verständigung zustande gekommen. Man weist aber darauf hin, daß noch nicht alle Schwierigkeiten beseitigt seien, und daß die Fragen der Zinsen und der Rückzahlun­gen noch nicht gelöst seien. Die halbamtliche Agentur Havas läßt sich von ihrem Berliner Vertreter berichten,

es bestehe die Möglichkeit, daß die Gläubiger einer, wenn auch nur geringen Herabsetzung der Zinsen, zu­stimmen würden.

Es sei auch wahrscheinlich, daß die deutschen Banken sich da­mit einverstanden erklärten, bereits vor Ablauf des ein­jährigen Moratoriums einen geringen Teil der Schulden zurückzuzahlen. Die Angleichung der beiderseitigen Auf­fassungen in diesen beiden Punkten werde jedoch noch auf gewisse Schwierigkeiten stoßen. DerExcelsior" ist der Auf­fassung, daß eine Verständigung in Berlin die geplante Aus- spräche zwischen dem französischen Ministerpräsidenten und MacDonald wesentlich erleichtern würde. DieEre Nou- velle" zieht aus der Berliner Konferenz die Schlußfolgerung, daß Deutschland weder feine Privatschulden noch die Tribute bezahlen wolle.