Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 6
Freitag, den 8. Januar >932
82. Jahrgang
Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs?
Zwischen dem Reichkanzler, dem Reichswehrminister und Adolf Hitler sand eine Aussprache über die Reichspräsidentenwahl statt
Ergebnis der Woche
Eine symbolische Legende.
kr. kr. Die Legende erzählt: Kaiser Konstantin wurde von einem Aussatz befallen. Seine Aerzte rieten ihm, sich im Blute junger Menschen zu baden. Es erging der Befehl taufende Kinder hinzuschlachten. Auf dem Wege zum Bade- Haus liefen die Mütter der Kinder dem Kaiser entgegen, in aufgelöstem Haar, und beschworen ihn, doch von dem Morde ihrer unschuldigen Kinder abzustehen. Der Kaiser, im Herzen schon der christlichen Milde zugeneigt, war gerührt, verzichtete auf das Bad mit der guten und ehrenvollen Begründung: nach römischer Ehre habe der sein Haupt verwirkt, der im Kriege ein Kind töte. Wer aber im Frieden ein Kind töte, sei um so schändlicher. Wer milde handle, sei nicht nur Besieger seiner Untugenden, sondern auch Sieger über die Barbaren. Lieber wolle er sterben, als durch den Mord an Kindern gesunden. Gesunde er, so sei sein Leben schändlich. Außerdem sei es ungewiß ob seine Aerzte recht haben. Damit gab er die Kinder frei. Es war aber der Hl. Sylvester, dessen Fest wir gerade vor kurzem feierten, der den Kaiser kraft göttlicher Gnade von seinem Aussatz erlöste.
Die Legende ist gut und sollte den Kaisern dieser heutigen Welt das Gewissen öffnen. Die Kaiser dieser Welt aber sind die gewaltigen G e l d m ä ch t e, die heute von einer Krankheit befallen sind, wie Konstantin. Wir wollen nur wünschen, daß sie die Heilmittel, die von so vielen Beratern angeboten werden, genau so beurteilen, wie der alte römische Kaiser. Die Ehre der Völker verbietet, im Kriege Kinder und Unschuldige zu töten. Wieviel schändlicher ist es. im Frieden sich zu heilen durch den Tod Unschuldiger. Was bedeutet aber die Not, die über uns hereingebrochen
Menschen? Wenn die Finanzmächte auf ihre Ehre halten wollen, dann muß auch ihr Herz mehr von der großen Milde bewegt werden, als von jenem Egoismus, der nur an seinen Vorteil denkt. Es ist nicht gesagt, ob die Finanzberater die Not der Mächte mit Heilmitteln beheben können und wollen, die anderen nur Elend bringen. Aber selbst dann, wenn sie damit gesunden könnten, wäre ihr Leben mit der Schande bedeckt, Millionen Menschen ins Elend gestürzt zu haben. Der Name des Heiligen Sylvester bedeutet nach der legenda aurea: einer, der aus dem Wald zieht Vielleicht ersteht ein solcher Mann, der die Not aus dem Walde unserer Wirrnisse und Irrtümer zieht und der die Krankheit der Finanzmacht heilen kann wie jener Heilige die Krankheit Konstantins. Aber vorhergehen muß, daß das Herz der Finanzmächte geläutert wird in christlicher Milde.
Wird sich in Lausanne ein Wunder vollziehen?
Wird dies Wunder geschehen auf der großen Konferenz in Lausanne? Alle Heilmittel werden nichts nutzen, die naturwidrig sind, von denen Gesetze des Lebens und der Moral verletzt werden. Sie tragen den Tod in sich selbst und müssen Schande und Verderben über die Welt bringen, über alle Menschen. Noch ringt in den Vorverhandlungen die deutsche Regierung mit ihren Widersachern, um sie zu veranlassen, den rein banalen gesunden Menschenverstand bei den bevorstehenden Tributverhandlungen zu Worte kommen zu lassen. Christliche Milde und Ehre des Machtinha- bers stehen ja in unserer Zeit weit hinter dem Wert, den sie offenbar zur Zeit Konstantins, des Heiden, noch innehat- ten. Die edlen Worte unseres greisen Reichspräsidenten von Hindenburg, haben gewiß ihren Eindruck auf die Welt nicht verfehlt. Wir sind auch sicher, daß die anderen Völker weit davon entfernt sind, zu wollen, daß mit einem untergehenden Deutschland ihre eigene Kulturexistenz bedroht wird. Aber welches Volk hat seine Machthaber so in der Hand, daß es sie zwingen könnte, Milde und gesunden Menschenverstand walten zu lassen? Es genügt, auf das übeltönende Echo aus dem französischen Blätterwalde zu horchen, um zu wissen, daß der gesunde Menschenverstand bei den französischen Machthabern noch nicht eingezogen ist. Frankreich ist das rückständigste Land in Europa, bitter ist, daß es auch seinen gesunden Sinn verloren hat gegenüber jener Zeit, da es sich noch rühmen konnte, eine Dienerin der reinen Vernunft und Logik zu sein.
Das Zeitalter der „Zivilisation"!
Wir nennen unser Zeitalter sogar das der Zivilisation und glauben, weil wir Flugzeuge, Eisenbahnen und andere Maschinerien in unser Leben einstellen, auf die alten Zeiten herabseben zu können. Was für zivilisatorische Stümper wir sind, die den edelsten Lebensausdruck dieser Erde, die Seele, geradezu für nichts achten, das erfahren wir schon in unserem alltäglichen Leben zur Genüge. Um es aber ganz deutlich zu machen, brauchen wir nur noch einmal die schöne Legende von Kaiser Konstantin zu betrachten. Angesichts des Jammers, den die Mütter um den beabsichtigten Mord ihrer Kinder vor ihm erhoben, stellt der Kaiser die tiefergreifende Betrachtung an: „Höret mich an, ihr Großen und alles Volk, das um mich steht: die Würde der römischen Nation ist geboren aus dem Brunnen der Milde und des Erbarmens, die das Gesetz gegeben hat. Wer im Kriege ein Kind tötet, der hat sein Haupt verwirkt. Welch
große Grausamkeit wäre es, wenn wir an unseren eigenen Kindern vollbrächten, was wir an fremden verboten haben." Welch tiefes Bewußtsein für die eigene Würde des Machthabers und feiner Nation spricht aus diesen Worten! Welch hohe Achtung vor dem Gesetz, unter das sich auch der stellt, der die volle Gewalt in Händen hat! Wie aber steht es heute bei uns? Bis zum großen Krieg bestand unter den Völkern auch eine Art Ehrenkodex, wonach die Zivilbevölkerung geschützt werden sollte vor kriegerischen Maßnahmen. All das ist dahin. Die neue Waffe, das tödliche Gas, kennt keinen Unterschied mehr zwischen der kriegführenden Armee und der Bevölkerung. Wie Frankreich seine eigene Bevölkerung restlos als Kriegsmacht ausgebildet hat, so werden seine Flugzeuge das tödliche Gas über Frauen, Greise und i Kinder ausschütten. In unserer Zeit hat keiner mehr sein Haupt verwirkt, der im Kriege ein Kind tötet. Heute ist es das Recht des Mächtigen, mit dem Blute aller Kinder einer fremden Nation den Thron feines Willens zu bauen. Das find Gedanken, die uns aufsteigen angesichts der wilden Weigerung einiger Nationen, abzurüsten, um einem endlichen Frieden Platz zu machen.
Erster der Welt ein Hl. Sylvester?
Wie wenig die bisher vorgesehenen Mittel, einen Krieg zu verhindern, tatsächlich wirkungsvoll sind, erleben wir täglich bei den Meldungen aus der Mandschurei. Trotz Bindung durch den Völkerbund, trotz der Untersuchungs- kommission vollendet Japan seinen Vormarsch in dem chinesischen Gebiet. Weder hält der Spruch des Völkerbundes die japanischen Truppen zurück, noch das Stirnrunzeln Amerikas. Wenn das so weitergeht, was mit der Einnahme Tschintschaus, mit der Verprügelung des amerikanischen Vizekonsuls in Mukden begonnen hat. dann haben mir bald einen allgemeinen^ Völlerkrieg im Osten zu er= > ’-^^S^ih^s arme UtüLMrrüngeu ^alls Europa bleiben rötrb. Hier ane in der Tributfrage sowie in der Frage der Abrüstung liegen Konfliktsstoffe von ungeheurer Explosivkraft verborgen. Jede provisorische Lösung der einen oder der anderen Frage löscht nicht die Gefahr. sondern verstärkt sie noch. Alle jene taufende Männer, die in pompösen Uniformen oder einfachen Fräcken in Genf und Laufanne zusammenkommen werden, mögen bedenken, daß es von ihren Beschlüssen abhängt, ob die große Nation der Menschheit noch soviel Würde aufbringen kann, daß um der Milde und des Erbarmens willen das Blut der Millionen von Kindern nicht geopfert wird, weder durch die wirtschaftliche Not noch durch die grausamste kriegerische Handlung, um — wenn auch nicht einem einzelnen Machthaber — sondern dem Machtinhaber unserer Zeit, der Finanzmacht, ein Mittel zur zweifelhaften Gesundung zu verschaffen. Möge unter ihnen ein Sylvester erstehen, der sie aus dem Walde der Wirrnis herauszieht und der über die falschen Lehren, die da vorgebracht werden, genau so obsiegt, wie einst der Hl. Sylvester nach der Legende siegte über die Lehren falscher Wahrheiten, die Konstantins Mutter Helene aus Jerusalem nach Rom gebracht hatte, um ihren Sohn von der wahren christlichen Lehre abzubringen.
Abriistungskonserenz
Nicht Sicherheitskonferenz.
Berlin, 8. Januar.
Angesichts der in der französischen Presse und Oeffent- lichkeit in diesen Tagen immer wieder neuaufgewärmten Behauptungen von deutschen Geheimrüstungen, mit denen Frankreich die Forderungen begründet, auf der kommenden Abrüstungskonferenz die Sicherheitsfrage in den Vordergrund zu schieben, wird von zuständiger deutscher Seite mit allem Nachdruck betont, daß
die Abrüstungskonferenz auf keinen Fall in eine Sicherheitskonferenz umgewandelt
werden darf. Die Aufgabe der Konferenz kann und darf nicht sein, die Sicherheitsfrage zu erörtern, sondern die Abrüstung der bisher noch immer stark gerüsteten Staaten in die Wege zu leiten.
Amerika und die Abrüstungskonferenz
Washington. Staatssekretär S t i m s o n erklärte vor dem Finanzausschuß des Repräsentantenhauses, er betrachte die Abrüstungskonferenz als wichtigste internationale Diskussion, an der Amerika bisher teilgenommm habe. Es mühten energische Schritte unternommen werden, um das Programm durchzuführen, das man in Versailles als Rechtfertigung dafür aufstellte, als man Deutschland zur Entwaffnung zwang. Die amerikanische Delegation bestehe aus „vernünftigen Friedensfreunden", und man sollte sie nicht durch Einengung ihrer Vollmachten oder Beschneidung der Mittel in ihrer Tätigkeit hindern. Wenn Amerika sich nicht in vollem Umfange an den Beratungen beteilige, so würde das Ziel der Weltabrüstung in weite Ferne gerückt und der Befriedung der Welt ein unberechenbar schwerer Schlag versetzt. Es sei Amerikas Pflicht, dafür zu sorgen, daß der feit Kriegsende bestehende anormale Zustand eines unbewaff- neten Deutschlands inmitten schwerbewaffneter Nachbar be- feitiaf werde.
Hindenburg soll bleiben
Aussprache Brüning-Groener—Hitler.
Berlin, 8. Januar.
Im Laufe des Donnerstagnachmittag fand im Reichskanzlerpalais eine Unterredung des Reichskanzlers und des Reichswehrministers mit Adolf Hitler statt. Wie zuverlässig verlautet, ist diese Aussprache auf Veranlassung des.Reichskanzlers erfolgt, um mit Hitler in eine Fühlungnahme über die in diesem Frühjahr notwendige Reichspräsidentenwahl zu treten.
Es ist seit langem kein Geheimnis, daß man sich besonders innerhalb der bürgerlichen Mittelparteien mit der Frage beschäftigt, angesichts der außerordentlich kritischen innen- und außenpolitischen Lage die Aufpeitschung der parteipolitischen Leidenschaften durch einen Wahlkampf für die Neuwahl des Reichspräsidenten dadurch zu vermeiden, daß man versucht, Hindenburg zu einer Verlängerung seiner verfassungsmäßig festgelegten Amtszeit zu veranlassen. Hindenburg soll allen bis dahin an ihn ergangenen Anregungen mit dem Hinweis auf die Verfassungsbestimmungen ausgewichen fein.
Nach jüngster Lesart soll er sich aber für eine Verlängerung seiner Amtstätigkeit unter der Bedingung ausgesprochen haben, daß sämtliche in Frage kommenden Parteien einen entsprechenden verfassungsändernden Gesetzentwurf unterstützen. Die daraufhin erfolgte inoffizielle Fühlung- j nähme mit den einzelnen Parteien scheint soweit gediehen । zu sein, daß man sich jetzt nur noch der Nationalsozialisten | und der Deutschnationalen versichern will. Aus verschiedenen äußeren Anzeichen, v n aus der Farm der Nemastrsalück- wuusM-ymrrs an den Reichschrasibeulen^ will man eine gewisse Bereitschaft der Nationalsozialisten zur Anerkennung einer Verlängerung der Amtszeit hindenburgs ersehen haben.
Wieweit die gestrige Aussprache Hitlers mit dem Reichskanzler und dem Reichswehrminister bereits eine positive Zusage Hitlers erbracht hat, ist bisher nicht bekanntgeworden.
Aus deutschnationaler Quelle verlautet, daß die Deutschnational« Volkspartei sich über eine Unterstützung eines entsprechenden Gesetzentwurfes noch nicht schlüssig ge« worden ist. In einem deutschnationalen Blatt wird erklärt, daß bisher innerhalb der nationalen Front unter Berücksichtigung der gesamten innen- und außenpolitischen Stellung des Reichskabinetts gegen ein derartiges Gesetz die schwersten Bedenken erhoben würden.
Aus einer Auslastung der Rheinischen Zeitung in Köln ist zu entnehmen, daß die Sozialdemokratie sich grundsätzlich für einen entsprechenden Gesetzentwurf ein« setzen würde Es könnte sich dabei nicht um eine neue siebenjährige Amtsperidde Hindenburgs handeln, sondern nur um eine im Verhältnis zu dieser siebenjährigen Wahlperiode kurz bemessenen Zeitspanne. Der deutsche Reichspräsident nimmt staatsrechtlich eine sehr bedeutsame Stellung ein. Daß zudem die Person HinKnburgs auch außenpolitisch das stärkste Aktivum bedeutet, hat sich gelegentlich seiner letzten Silvester- und Neujahrsansprachen gezeigt, die im In- und Ausland ein außerordentlich starkes Echo geweckt haben.
Hitler behält sich Entscheidung vor
von Seifen der NSDAP. wird parteiamtlich mitge- teilt: Adolf Hitler wurde am 5. Januar telegraphisch zum Reichsinnenminister Groener zur Besprechung nach Berlin gebeten. Der Führer hatte am 6. Januar, abends mit dem Reichsinnenminister und heute, am 7. Januar, nachmittags, mit dem Reichskanzler Dr. Brüning und dem Reichsinnenminister Groener Besprechungen, deren Gegenstand die Frage der Reichspräsidenkenwabl war. Adolf Hitler hat sich eine Stellungnahme dem Reichskanzler gegenüber vorbehalten, um vorher den Parteien der nationalen Opposition seine Auffassung mitzuteilen. ,
Die Sarzburger Front berät
Die Besprechung zwischen dem Reichskanzler, Reichsminister Groener und Adolf Hitler dauerte etwa IfA Stunden. Wie mitgeteilt wird, hat sich Adolf Hitler anschließend sofort mit den Führern der übrigen der Nationalen Opposition angehörenden Organisationen in Verbindung gesetzt, um sie über die Besprechung zu unterrichten und ihre Auffassung zu der Frage einer Verlängerung der Amtszeit des Reichspräsidenten von Hindenburg zu erfahren. Eine Zusammenkunft der Führer der Rationalen Opposition hat inzwischen bereits stattgefunden. Nach einer Klärung der Haltung der Harzburger Front in dieser Frage, worauf Adolf Hitler großen Werk legt, wird — voraussichtlich noch im Laufe des heutigen Freitags oder des Sonnabends — eine erneute Zusammenkunft Hitlers mit Brüning und Groener fiaktfinden. um die Frage zu beantworten, die ihm gestellt worden ist.
Der Reichskanzler empfing gestern abend die Abgeordneten Wels und Dr. Breitscheid zur Rücksprache über die Frage ber K-ichsprüsidenten-rocchl. _ . . i