Hersfel-er Tageblatt
Hersfelder Kreisblatt
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Nr. S
Montag, den 11. Januar 1932
82. Jahrgang
Völlige Streichung der Tribute
Reichskanzler Brüning: „Deutschland wird weder jetzt noch künftig Reparationen zahlen Sönnen"
„Deutschlands Ultimatum"
Brüning gegen jede weitere Tributzahlung.
Unter der Ueberschrift „Deutschlands Ultimatum" veröffentlicht soeben der „Star" ein Reutertelegramm aus Berlin über einen Besuch des englischen Botschafters Sir Horace Rumbold bei Reichskanzler Dr. Brüning.
hierbei verständigte der Kanzler den englischen Boshafter davon, daß Deutschland weder jetzt noch in Zukunft irgendwelche Reparationen zahlen könnte, wenn das wirtschaftliche Leben der Welt wieder belebt werden solle. Die deutsche Abordnung müsse auf der Lausanner Konferenz dringend für die vollständige Streichung der Reparationen eintreten.
Die Ansichten Brünings und seiner Kabinettskollegen über die Reparationen seien wiederholt den ausländischen Diplomaten gegenüber erläutert worden. Auch die Presse habe das der Oeffentlichkeit gegenüber getan. Man weise in den zuständigen Kreisen in Berlin darauf hin, daß das geborgte Geld, mit dem Deutschland bisher seine Reparationen bezahlt hätte, da es nicht für produktive Zwecke verwendet worden sei, tot sei.
Das deutsche wirtschaftliche Leben stehe jetzt am Rande des vollständigen Zusammenbruchs. Dieser würde sicherlich ganz unvermeidlich werden, wenn versucht würde, wieder die Reparationslasten Deutschland aufzuerlegen. Wenn Deutschland dagegen von dieser Last befreit würde, so werde es in der Lage sein, seine privaten Schulden zur gegebenen Zeit zu bezahlen. Aber es könne unmöglich diese und die Reparationen zusammen zahlen.
In Berliner politischen Kreisen wird bestätigt, daß der Reichskanzler eine Unterhaltung mit dem englischen Bot-
dabei darauf hingewiesen, daß Deutschland nicht die Mittel aebene
habe, um die Tributzahlungen fortzusetzen, jedoch sei dies nicht in der prägnanten Form, wie sie im Reutertelegramm
geschildert werde, erfolgj.
Reparationszahlung unmöglich
London, 11. Januar.
„Deutschland erklärt Großbritannien, daß es nicht zahlen tann!“, „Deutschlands Zahlungsunfähigkeits-Ultimatum!" sind die Schlagzeilen, mit denen die Blätter eine Reutermeldung aus Berlin versehen, in der eine Erklärung Dr. Brünings an den englischen Botschafter gebracht wird. Gleichzeitig werden Aeußerungen des Direktors Shaw von der Bank von England gebracht, der in Liverpool erklärte: Man habe die Wahl zwischen der Streichung der Kriegsschulden und Reparationen und dem Chaos!
New Vorder Bankkreise
sehen diese Meldungen, nach denen Deutschland in Lausanne erklären wird, daß seine Zahlungsfähigkeit zu Ende sei, nicht beunruhigend an. Mann hofft, Deutschland dazu bewegen zu können, die ungeschützten Zahlungen fortzusetzen. Ihr französischer Anteil könnte dann in Gestalt von Anleihen an die Reichsbahn zurückgegeben werden. Schließlich erwartet man wegen der Kürze der Zeit die Lösung des Reparations- problems erst auf der Genfer Abrüstungskonferenz. — In einer Erklärung vor der Presse sagt der fanzösische
Finanzminister Flandin
daß erst die amtliche Bestätigung dieser Londoner Meldungen abzuwarten ist. Wenn aber die Aeußerungen Brünings über die Einstellung der Reparationszahlungen richtig sind, würden sie bedeuten, daß die Reichsregierung dem Young- Plan und Versailles ein Ende machen wolle. Niemand be- streite den Ernst der Weltkrise, unb auch die französische Regierung habe begriffen, daß zur Ueberwindung der Weltdepression Anpassungen im System der internationalen Zahlungen notwendig sind. Die französische Regierung studiere mit großem Entgegenkommen die gönnet, die eine Einigung der Gläubiger und Schuldner herbeiführen könne. Wenn man aber vor der Konferenz von Lausanne eine derartige Erklärung abgibt, dann wird der Zusammentritt der Konferenz unnuh. Man könne nicht gleichzeitig die Rechte Frankreichs über den Haufen werfen und die Zusammenarbeit mit Frankreich suchen. — Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Interview, daß der Reichskanzler Dr. Brüning dem Chefredakteur des W.T.B. gab. Dieser fragte ihn im Hinblick auf
Deutschlands Vertretung in Lausanne welche Gesichtspunkte bei der Zusammensetzung der Delegation beobachtet wurden. Dr. Brüning erklärte, daß er es trotz der Arbeitsüberlastung für seine Pflicht gehalten habe, die Führung der Delegation selbst 311 übernehmen. Wenn auch der Reichsfinanz- und Reichswirtschaftsminister mit ihm reisen, so ist durch das Zurückbleiben der Staatssekretäre dieser beiden Ressorts die Arbeitsfähigkeit des Reichskabinetts in Berlin gesichert.
Der Innenminister Dr. Groener wird den Kanzler in Berlin vertreten.
Ueber die Mitteilung des Chefredakteurs, daß die Haltung der deutschen Delegation für Lausanne in der Oeffentlichkeit Nicht genügend bekannt sei, war der Reichskanzler sehr er
staunt, da ein Zweifel an der Haltung der deutschen Delegation nicht gut möglich sei. Dr. Brüning verwies hierbei besonders auf die amtlichen Aeußerungen während des Neujahrsfestes und seine Rundfunkrede vom 7. Dezember. Es gelte jetzt für alle beteiligten Wächte, die Schlußfolgerungen aus dem Bericht der Baseler Sachverständigen zu ziehen. Dieser Bericht habe noch einmal gewaltige Dimensionen der Weltkrise aufgezeigt und vor allem die verheerenden Folgen geschildert, die diese Krise besonders für Deutschland mit sich brächte. Wenn der Bericht auch der Welt die bis ans Äußerste gehenden Maßnahmen vor Augen führt, die Deutschland zur Bekämpfung der Krise ergriffen hat, und die in der modernen Gesetzgebung beispiellos dastehen, so beweist er aber auch, daß einseitige deutsche Maßnahmen nicht ausreichen. Die Lage Deutschlands, die in weitem Maße die Ursache für die steigende finanzielle Lähmung der Welt ist, fordert gebieterisch ein gemeinsames Handeln der Regierungen. Der Bericht gibt genau formulierte Vorschläge,"in welcher Richtung die Entschließungen der Regierungen gehen müssen. Er zerat sowohl die tatsächliche Zahlungsunfähigkeit Deutschlands wie die engen ursächlichen Zusammenhänge der deutschen Reparationszahlungen mit der ganzen gegenwärtigen Lage.
Der Bericht stellt ausdrücklich fest, daß sich die Vorsaus- sehungen grundlegend geändert haben, unter denen seinerzeit der Poung-Plan aufgestellt wurde. Hiermit sei alles gesagt, es liegt klar zutage, daß Deutschlands Lage dem Reichskanzler
politische Zahlungen unmöglich
macht, ebenso klar sei, daß jeder Versuch, das System solcher politischen Zahlungen aufrecht zu erhalten, nicht nur für Deutschland, sondern für die ga rze Welt zum Unheil führen müsse. Bei diesem Stande der Dinge sei der Reichsregierung ein Spielraum für Ueberlegungen, welchen Standpunkt sie
ein zunehmen habe, überhaupt aht qeqeben. Sie tonne auf worneyenoen Honrerenj mcyw anderes I . „ gebene Sachlige darzustellen und an die anderen beteiligten Regierungen die Aufforderung zu richten, daß sie auch ihrer
tun, als die ge-
seits dieser Sachlage Rechnung trügen und nicht nach Kompromißlösungen suchten, für die eine reale Möglichkeit nicht mehr gegeben sei. Abschließend erklärte der Herr Reichskanzler, er glaube bestimmt, daß es heute in keinem Lager mehr an der inneren Einsicht in die Notwendigkeit der jetzt zu ziehenden Schlußfolgerungen fehle. Es komme nur darauf an, auch den Blut zur Verwirklichung dieser Einsicht zu finden, und, wie der Sachverständigenbericht sage, die Behandlung wirtschaftlicher Probleme nicht wieder durch politische Gedan- kengänge beeinflussen zu lassen.
Das Echo der Kanzler-Rede
Die Erklärung des Reichskanzlers Dr. Brüning über die deutsche Zahlungsfähigkeit bildete in Paris und London die Hauptsensation des Sonntags. Das erste Echo der Kanzler-Erklärung aus Paris geht dahin, daß der Zusammentritt der Lausanner Konferenz überflüssig geworden sei. Diese Meinung hat in London gewisses Unbehagen verursacht. Man ist dort der Ansicht, daß eine Nicht- abhaltung der Konferenz eine völlige Stockung bedeuten würde, die so gefährlich sei, daß der gesunde Menschenverstand schließlich einen Ausweg finden werde. Denn eine verlängerte Ungewißheit hinsichtlich der Reparationen würde der schwerste Fehler in der Außenpolitik sein, den man sich vorstellen könne. Der Kriegsfluch internationaler Reparationen, so sagt Garvin im „Observer", müsse als das größte Hindernis für die wirtschaftliche Erholung der Welt im allgemeinen Interesse aus der Welt geschafft werden. Dies sei die Bedingung jeder deutsch-französischen Zusammenarbeit.
*
In einem Interview bemerkte der englische Premier- MaeDonald, minister
daß die Politik und der Standpunkt der englischen Regierung nur am richtigen Platz und zur richtigen Zeit bekanntgegeben werden könnten. Der Bericht der Sachverständigen und die innerpolitischen Probleme Deutschlands machen die Lausanner Konferenz noch notwendiger denn je. Denn es sei un- möglich, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Die gegenwärtige Lage sei das Ergebnis internationaler Abmachungen und eine internationale Konferenz fei deshalb nötig, um sich mit ihr zu befassen.
Der radikale Abgeordnete C 0 t erklärte in Paris, in einem Interview, was Brüning laut in einer etwas „brutalen Form" zum Ausdruck gebracht habe, sei nur das, was jeder innerlich denke, nämlich, daß es Zeit sei, mit dem aufreizenden und heuchlerischen Problem der Reparationen auf- zurüumen. Die Reparationen hätten der Welt schon mehr Uebles angetan, als Frankreich Gutes.
Zu der Erklärung Brünings über die Haltung Deutschlands auf der Lausanner Konferenz schreibt die Wiener „Reichspost", die Ausführungen des Reichskanzlers feien von entscheidender Bedeutung, weil sie von einem führenden Staatsmann kämen, der sich in dem gefährlichsten Augenblick der Krise niemals von Regungen oes Temperaments hinreißen lasse. Was Brüning sage, sei nichts anderes, als die praktische Schlußfolgerung aus dem Bericht, den die Sachverständigen in Basel veröffentlicht^.
Botschafter Dawes plötzlich zurückgetreten
Wird er Gegenkandidat von hoover?
Washington. Im Staatsdepartement herrscht große Ueberraschung über den Rücktritt des Generals Dawes 00m Posten des Londoner Botschafters, vor allem aber, weil er diesen Entschluß durch die Presse bekannt gibt, ohne die amtlichen Stellen vorher zu benachrichtigen. Man nimmt an, daß er wegen der schlechten finanziellen Lage der mittleren Banken beabsichtigt, sein Chikagoer Bankinstitut selbst zu führen.
Nach einem weiteren Gerücht beabsichtigt er, sich als Präsidentschaftskandidat gegen Hoover aufstellen zu lassen, und es wird darauf verwiesen, daß in den gegenwärtigen Zeiten ein Finanzsachverständiger an der Spitze Amerikas benötigt wird.
Präsidentschaft Hindenburgs notwendig
Entscheidung fällt heute nachmittag.
Berlin. Die Entscheidung über die Haltung der Rechten zu einer Verlängerung der Amtsdauer des Reichspräsidenten ist erst für heute zu erwarten. Als äußerster Termin der Antwort an den Reichskanzler wurde 16 Uhr genannt, und zwar dürfte die Antwort schriftlich gegeben werden. Bis dahin finden noch Verhandlungen zwischen Hitler, Hugenberg und anderen Organisationen der „nationalen Opposition" statt.
Bei einer Besprechung mit dem Reichskanzler erklärte Parteiführer D i n g e l d e y, daß die Deutsche Volkspartei ' selbstverständlich die Erhaltung der Präsidentschaft des I Reichspräsidenten von Hindenburg als oberstes Ziel ihrer | Ueberlegungen betrachte, das sie allen taktischen unterordne.
Magdeburg. Auf der Tagung der Reichsausschüsse der I Deutschen Volkspartei für Handwerk, Einzelhandel und Gewerbe sprach Parteiführer D i n g e l d e y über die politische Lage. Zur Frage der Reparationen sagte er u. a„ es bestehe kein Zweifel in Deutschland darüber, daß es nicht mehr in der Lage sei, die Reparationslasten zu zahlen. Das Ziel der deutschen Politik müsse sein, der Welt zu zeigen, daß die Unmöglichkeit, weitere Zahlungen zu leisten, nicht auf den bösen Willen Deutschlands, sondern allein auf das vertragswidrige Verhalten der Gegner zurückzuführen sei, die durch ihre unsinnige Politik die Voraussetzungen des von ihnen geschaffenen Vertrages systematisch zerstört hätten.
Zur Frage einer abermaligen Präsidentschaftskandidatur Hindenburgs sagte Dingeldey, daß Hindenburg für bie. Außenpolitik ein unerhört starker Faktor sei. Die Gestalt 1 Hindenburgs sei das Symbol dafür, daß Deutschland nicht die Beute revolutionärer Kräfte werde. Man müsse Verständnis dafür haben, daß Hindenburg seinen Namen nicht durch tumultarische Versammlungen geirrt sehen möchte. Deshalb solle der Reichstag seine Wiederwahl beschließen. Dingeldey wies auf Besprechungen hin, die er dieser Tage mit Hitler hatte, wobei Hitler die Notwendigkeit einer weiteren Präsidentschaft hindenburgs erkannt habe. Es sei zu wün'chen, daß Hitler den Weg finde, dies^ Erkenntnis in die Tat umzusetzen. Wenn Hitler in diesen Tagen mit Brüning gesprochen habe, so müsse man endlich an maßgebender Stelle ein Ende damit machen, die NSDAP. als jenseits der Gesetze stehend zu betrachten. Man dürfe die 1/SDAP. und die sogenannte Eiserne Front nicht mit zweierlei Maß messen.
Hugenberg und Hindenburg
Ratibor, 11. Januar.
Auf dem Kreisparteitag des Kreisvereins Ratibor-Land der Deutschnationalen Volkspartei sagte der stellvertretende Reichsparteiführer Dr. von Winterfeld, Berlin, u. a.:
Auf Grund einer Unterhaltung vom Sonntag vormittag mit Geheimrat Hugenberg könne die Deutschnationale Volkspartei einer Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs nicht zustimmen, und man müsse sich schon jetzt mit dem Gedanken vertraut machen, daß im Frühjahr die Reichspräsidentenwahl durchgeführt werden müsse.
„Kultur in Not"
Berlin. Auf der Deutschen Welle sprach am Sonntag der preußische Kultusminister Grimme über „Kultur in Not". „Deutschland", so sagte der Minister, „hat im Abbau kultureller Güter schon so viel getan, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig bleibt. Das ist Kultur in Not. Die tiefste Not ist aber, daß jeder institutionelle Abbau Menschen abbaut. Das Fehlen von Arbeilsmöglichkeiten ist erst Deutschlands größte kulturelle Not. Sobald der Jugend das für die Aktivität natürliche Betätigungsfeld fehlt, flüchtet sie in eine phantastische Welt und damit wächst die Not sich aus zur nationalen Existenzgefahr.
Trägt der Kulturabbau mit dazu bei, daß unsere Ver- handlungsführer mit einem ehrlich ausgeglichenen Etat i». L a u f a n n e erscheinen können, um dort den Weg zu suchen, daß sich das Wirtschaftsleben hoffnungsreich bessert, dann wäre der Abbau kultureller Güter nicht umsonst gewesen."