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Hersfelöer Tageblatt

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hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger M ven Kreis hersfelö

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in HerSfeld, Mitglied des VDJB.

Nr. 12

Freitag, den 15. Januar 1932

82. Jahrgang

Auftakt zur Tributkonferen;

Die internationale Debatte

Ergebnis der Woche

Es muß anders werden.

Daß die ersten Wochen des Jahres 1932 keine geruh­samen sein werden, konnte sich jeder schon denken, der eini­germaßen darüber Bescheid wußte, was dieses Jahr uns gleich in den ersten Monaten an politischen Auseinander­setzungen bescheren wird: Vorbereitungen zu den Wahlen in Preußen, Reichspräsidentenwahl, Abrüstungskonferenz und die jetzt schon alle zwei Jahre üblich gewordene Tribut­konferenz. Das alles verlangte gleich in den ersten Wochen schon eine derartige Anspannung aller politischen Kräfte, daß wir kaum noch einen Gedanken finden können für die in diesem Monat fälligen großen winterlichen Festveran­staltungen. Wer glaubte, er könne nach dem politischen Tru­bel der letzten Wochen sich einmal in sein Haus einschlie­ßen, um die Welt mit ihrem Trubel draußen bleiben zu lassen und sich ein anderes Lied als das garstige Lied der Politik pfeifen zu können, der wurde schön enttäuscht. Er muß, mag er wollen oder nicht, in dem Chor der politischen Sänger mitmachen. Denn die ganze Politik mit ihren Wir­kungen dringt ihm ins Haus ein. Außen- und Innenpolitik sind gleicherweise die Eltern der Notverordnung, deren Wir­kung gerade in diesen Tagen an den Lebensnerv jedes Haushaltes und jedes einzelnen greift. Da heißt es, sich weh­ren, da heißt es. helfen, damit es anders werden kann da ergeht nun an jeden Mann, an jede Frau, an jung und alt der Heroldsruf Sie alle müssen hinaus ins feindliche Leben Jeder muß feine Kräfte nach bestem Können und dort, wo es nottut, einsetzen, denn esmußanders wer­den Von der Tributkonferenz, von der Abrüstungskonfe­renz, von den bevorstehenden Wahlen hängt unser kommen­des Schicksal ab, nicht nur das Schicksal unseres Staates.

auf, Ohren auf zen auf, und mit frischem Mut ans Werk Jeder hat fernen Posten in unserem Staat, auf dem er wirken kann.

Deutschland zahlt nicht mehr.

Jene, die da glaubten, die Nation als Faktor der Or­ganisation der Menschheit auslöschen zu können, erleben in diesen Zeiten am eigenen Leibe, daß sie einer Nation ver­knüpft sind, wie die Gliedmaßen, wie die inneren und äuße­ren Organe unserem Körper. Wir alle sind Glieder des Gesamtkörpers einer Nation. Diese Nation steht in Wechsel­beziehungen zu anderen Nationen, die ihr Eigenleben füh­ren. So organisiert sich die Menschheit, so funktioniert ihr Lebenslauf. Vom Bestand, vom Lebensausdruck jeder ein­zelnen Nation hängt das Glück oder Unglück der Menschheit ab. Insofern sind alle Nationen an dem Schicksal jeder ein­zelnen interessiert. Seit dem Kriege wollen und wollen trotz aller Versuche sich die Wechselbeziehungen der Völker unter­einander nicht mehr so glatt und leicht wie früher gestalten Daran sind jene unseligen Verträge schuld, die den großen Krieg liquidieren sollten, die ihn aber in anderer Form aufs heftigste weitertoben lassen. Wenn da nicht endlich Wandel geschaffen wird, schlittern wir alle zusammen in einen endlosen Morast. Das geht nicht, daß Deutschland auf Grund eingehender Untersuchungen feststellt, es könne keine Tribute mehr zahlen, die Franzosen mit kaltem Blick den Amerikanern sagen: wir bezahlen dann auch keine Schulden mehr und der Amerikaner hohnlächelnd diktiert: du hast deine Schulden zu zahlen. Worauf der Franzose dem Deut­schen die Gurgel preßt, bis er in seiner Todesangst sagt, er bezahle doch Tribute, obwohl er keinen Pfennig besitzt, noch verdienen kann. So war es bisher. Keiner wird annehmen, ein solches Gehaben diene zum Besten der Völker. Es muß endgültig Schluß mit diesem jämmerlichen Spiel gemacht werden.Das klare Wort des deutschen Reichskanzlers, daß Deutschland keine Tribute mehr zahlen könne, hat endlich nicht nur uns, sondern die Einsichtigen in den andern Län­dern aufatmen lassen. Das Wort ist gesprochen, die Wahrheit ist gesagt und bekannt. Nun heißt es, weitersehen. Wir aber wollen uns stark machen, daß wir nicht unter die Räder kommen. Das erste Anzeichen der Stärke ist Entschlossenheit, und sie erwächst bei einem Volk aus der Einigkeit.

Die Welt horcht auf.

In Frankreich hat man getobt, hat man verleumdet und gedroht. Durch Nichtverlängerung der Reichsbankkredite möchte man Deutschlandkurznehmen". Angeblich soll auch eine gewisse Uebereinstimmung bereits mit der englischen und amerikanischen Staatsbank erzielt worden sein Vorerst aber ist es nur ein Wunschtraum der französischen Gewalt­politiker, die unter keinen Umständen den Ioungplan fah­ren lassen wollen. Trotzdem arbeitet man bereits an Kom- iromißplänen, da man eingesehen hat, daß den französi- chen Weg derGewalt niemand mehr gehen will. Aber chon die ersten Andeutungen über die französische Kompro­mißthese zeigen die bekannten Giftzähne: Die Deutsche Reichsbahn soll als Pfandobjekt dienen. Zur Ueberraschung in Paris erklärt man aber in Washington: völlig unmög­lich! Ganz im Hintergrund zeigt man auch in der franzö­sischen Presse verschiedentlich Repressalien auf. Aber ebenso entschieden erklärt Mussolini den Pariser Herren: Die Zei­ten des Ruhrkampfes sind vorüber. Die italienische Presse begleitet diese Aeußerung des italienischen Staatschefs mit der vorbebKtlofen Erklärung, daß die Reparationen und Schulden ein für allemal gestrichen werden müßten. Und der

aus dem Höhepunkt Appells Mussolinis an die Vereinigten Staaten

englische Nationalökonom Keynes gab als Anschauung des englischen Volkes wieder, daß kein Engländer im Volke noch etwas von Reparationen wissen wolle. Besonders kennzeich­nend für eine zunehmende vernünftige Auffassung auch in der englischen Wirtschaft ist ein Brief, den kürzlich ein mitteldeutscher Industrieller von einem englischen Bekannten erhielt, und in welchem sich mit Bezug auf die französische Reparationsthese folgender Satz befindet:Nun, wir kom­men schon einmal wieder zur Vernunft dann wird es wie­der gut: selbst Affen würden aufhören, Repara­tionszahlungen in Kokosnußwährung aus dem Nordpol­land zu erzwingen."

Alles für das Vaterland.

Die vergangene Woche stand innenpolitisch unter dem Eindruck der Bestrebungen zur Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs. Wenn man von parteipolitischen Erwägun­gen absieht, so zeichnete sich doch in den verschiedenen Ver­handlungen und Presseerörterungen die einmütige Auf­fassung ab, daß Hindenburg im gegenwärtigen Augenblick der berufene Repräsentant des deutschen Volkes in dem jetzt eingeleiteten deutschen Freiheitskampf ist. Welches Land der Erde hat eine solche Persönlichkeit aufzuweisen, deren ganze Lebensgeschichte Dienst am Volk und Vaterland bedeutet? Im Frieden und im Kriege gleich bewährt und gleich treu hat uns Hindenburg in der schwersten Zeit deut­scher Geschichte im Verlaufe eines Jahrhunderts das Bei­spiel von Opfermut, Gewissenhaftigkeit und Nationalbe­wußtsein gegeben. Hätte er es nötig, sich in seinem Alter noch um die Lösung innen- und außenpolitischer Wirren zu bemühen? Nicht ein Argument kann gegen ihn ins Feld geführt werden, das eine andere Begründung als die des Dienstes am Vaterland zuließe. Es sollte zum Besten Deutschlands und der deutschen Zukunft kein Meinungs­und kein Parteistreit um die Person Hindenburgs möglich

H-Mi -Ücht yutwijieit: uuu Nicht £iiiietuiÜU fi^H Ul Frage, sondern deutsche Freiheit, deutsches Nationalbewußt­sein, deutscher Wiederaufstieg. Kann ein Deutscher je ver­gessen, was Hindenburg dem deutschen Volke war und ist? Die Welt beneidet uns um diesen Mann, das deutsche Volk verehrt und liebt ihn, denn er ist und will nichts anderes fein als der treueste Diener feines Vaterlandes und seines Volkes.

Ohne Tributftreichiing keine Gesundung

Forderung des Industrie- und Handelskags.

' Berlin, 15. Januar.

Der Deutsche Industrie- und Handelstag hielt in Ber­lin eine zweitägige Sitzung seines Hauptausschusses unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr. Grund, Breslau, ab.

Präsident Dr. Grund schilderte in seiner Eröffnungs­rede die deutsche Wirtschaftsnot und erklärte, daß mit der Vierten Notverordnung Maßnahmen ergriffen worden seie-, die, wie auch der Baseler Sachverständigen-Bericht aner- kenne, bis an die äußerste Grenze gehen.

Keine deutsche Regierung wird aber jemals in der Lage sein, mit innenpolitischen Maßnahmen das Problem zu meistern, wenn es nicht gelingt, die Hauptursache unserer wirtschaftlichen und finanziellen Röte, die heute zur katsäch- lichen Zahlungsunfähigkeit Deutschlands geführt haben, zu beseitigen. Die politischen Zahlungen find es» die Deutsch­land die Erfüllung seiner privatrechtlichen Verpflichtungen unmöglich machen. Ohne endgültige Aufhebung der politi­schen Verschuldung Deutschlands gibt es keine Wiederherstel­lung seiner Kreditfähigkeit und keinen Wiederaufstieg seiner wirtschaft, aber auch keinen Weg aus der vernichtenden Krise, die heute die ganze Welt lahmt und zugrun': richtet.

Wir wissen dem Reichskanzler Dank dafür, daß er dies mit aller Klarheit und Eindeutigkeit ausgesprochen hat, und vertrauen darauf, daß er in diesem Sinn handeln wird. Ich glaube, der Reichskanzler kann die Ueberzeugung mit sich nach Lausanne nehmen, daß das gesamte deutsche Volk in dieser Frage einmal einig jedes weitere Kompromiß, für das es keine reale Möglichkeit mehr gibt, ablehnt. Das Vertrauen der von uns vertretenen deutschen Wirtschaft steht jedenfalls geschlossen hinter ihm.

Die Versammlung machte sich diese Erklärung des Prä­sidenten einstimmig zu eigen.

Der Reichskommissar für Preisüberwachung, Oberbür­germeister Dr. Goerdeler, gab sodann einen Ueberblick über die Aufgaben, die sich aus seinem Arbeitsgebiet er­geben. Eine weitere Preissenkung, erklärte er, könne so­wohl der Währung einen Schutz bieten wie auch die An­passung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit an die Welt­marktlage erleichtern.

Voraussetzung für den Erfolg aller Bemühungen in Deutschland und in der Welt sei aber die völlige Streichung der Deutschland auferlegten Tribute.

Im Anschluß daran unterstrich der Vorsitzende die Not­wendigkeit, die Möglichkeiten der Preisgestaltung im Rah­men der durch die Gesamtheit der öffentlichen Maßnahmen bedingten Verhältnisse zu sehen und in der besonderen Auf­gabe der Preisüberwachung jeweils die gegebenen wirtschaft­lichen Zusammenhänge und sozialen Schäden fernzuhalten, die sich sonst für die beteiligten Kreise wie die Volksgesamt­heit ergeben müßten.

an Amerika"

Mussolini fordert erneut Schuldenstreichung.

Der MailänderPopolo d'Jtalia" veröffentlicht einen Artikel unter der Ueberschrift:Vor der vollendeten Tat­sache der deutschen Zahlungsfähigkeit. Eine Ansprache an Amerika". Auch dieser Artikel dürfte aus der Feder Musso­linis stammen. Der Artikel geht davon aus, daß Amerika der einzige Staat sei, der niemandem etwas schulde, dafür aber Gläubiger aller sei. Diese Tatsache vereinfache das Problem. Alle seien sich dessen bewußt, daß es früher oder später zur Streichung der deutschen Reparationen kommen müsse. Die deutsche Regierung habe amtlich durch ihre Bot­schafter mitgeteilt, daß Deutschland nicht mehr zahlen könn«, weder heute noch morgen noch je. Das sei die vollendete Tatsache und als solche unwiderruflich, weil man nicht an­nehmen könne, daß Deutschland nicht alle Folgen seines Schrittes vorausbedacht habe.

England teile nun mit, daß es keine radikalen Lösungen wünsche. Frankreich finde in der noch unbestimmten Hal­tung der Vereinigten Staaten einen Grund zur Unnachgie- bigkeit. Der Schlüssel liege aber allein in den Händen der Vereinigten Staaten. Was sei zu tun?

Solle man Gewaltmaßnahmen ergreifen, um Deutsch­land zur Zahlung zu zwingen? Mit welchem Ergebnis? Die Zeit der Ruhrbesetzung sei vorüber. Eine derartige Maß­nahme, an der sich in irgendeiner Form zu beteiligen, Italien ablehnen werde, sei undenkbar. Was würde aus Locarno werden und was das Schicksal des Völkerbundes sein? Der einzige Ausweg sei, daß man zwischen den europäischen Staaten mit der Schuldenstreichung beginne und dann Ame­rika eine gemeinsame Front der europäischen Schuldner zeige. Glaubt Ihr, daß die Vereinigten Staaten den Mut hätten, die weiteren Zahlungen ihrer Kredite von den euro- pöijcheu Staaten zu jaraern, bu Deutschland eine solche Konzession gemacht hätten? Glaubt Ihr, daß die Vereinig­ten Staaten Europa zwingen würden, den verderblichen Kreislauf, den die Lausanner Konferenz setzt endgültig bre- chen soll, wieder neu erstehen zu lassen? Gegenüber einem Willensakt ganz Europas, das durch den gegenseitigen Er­laß der Schulden beweisen würde, daß es die Unterschei­dung zwischen Siegern und Besiegten überwunden habe, würden die Vereinigten Staaten nicht den Mut haben, dar­auf zu bestehen.

Amerika bleibt hart

Rew Dork Times" undRew Hock herald Tribune" erklären übereinstimmend, daß Präsident Hoover angesichts der nationalen Wirtschaftskrise fest entschlossen sei, alle euro­päischen Fragen, ausgenommen die Abrustungsfrage, zu- rückzustellen, um feine volle Kraft der Lösung der wichtigen Fragen des eigenen Landes zu widmen. Das Regierungs­blatt schreibt, hoover lehne selbst informatorische Schulden- besprechungen ab, obwohl er persönlich eine langsam fort­schreitende Schuldenrevision für angebracht halte. Die Rew Hork Times" erklärt in einem Leitartikel, wenn die Alliierten versuchen sollten, die Hilfe für Deutschland von der Rachgiebigkeit der Vereinigten Staaten abhängig zu machen, so wäre der Fehlschlag der Lausanner Konferenz schon klar, bevor sich die Konferenzteilnehmer von ihren Sitzen erheben würden.

Der amerikanische Staatssekretär Skimson hak es, wie amtlich mitgeteilt wird, abgelehnt, einen Beobachter zur Tributkonferenz nach Lausanne zu entsenden.

England für Endlösung

Lausanner Konferenz bestimmt am 25. Januar.

London, 15. Januar.

Obwohl es unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht so aussieht, als ob eine endgültige Regelung der Repara» tionsfrage erfolgen könnte, würde doch, wie Reuter zu wis­sen glaubt, die englische Regierung mit einer Zwischenlösung allein nicht zufrieden sein, die nur darauf hinausläuft, daß man auf der Stelle marschiert.

Die zuständigen amtlichen britischen Kreise unterstützen einigermaßen die Ansicht, daß ein langfristiges Moratorium nicht genüge. Es wäre besser, wenn man jetzt keine endgul- tigen' Regelungen erlangen könne, einen Vergleich zu schließen, der die Endlösung beschleunigt, anstatt sie zu ver­tagen. Es gilt, noch eine vorläufige Einigung mit der fran­zösischen Regierung zu finden, und wenn es gelingt, mit Frankreich zu einer Verständigung zu kommen Me I»rilli- sche Regierung hegt noch die Hoffnung, daß dies möglich sein wird so wäre ein allgemeines Abkommen zwischen den Gläubigermächten in Lausanne ungeheuer er­leichtert.

Man glaubt zu wissen, daß die englische Regierung es verstehen würde, wenn die Kriegsschuldenfrage in Lausanne nicht erörtert würde und sich die Konferenz einzig und allein auf das Reparationsproblem beschränken dürfte.

Die Kriegsschuldenfrage sann befriedigend ohne Amerikas Mitwirkung nicht diskutiert werden, und dieser Staat wird nicht einmal durch einen Beobachter in Lachanne vertreten sein. Im übrigen ist das Datum des 25. Januar feststehend. Man glaubt nicht, daß die Konferenz länger als eine Woche dSüern yM. -