Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 14
Montag, den 18. Januar 1932
82. Jahrgang
Eine hoffnungslose Angelegenheit
Die Lausanner Tributkonserenz, deren Beginn noch nicht gesichert i|t,wk6 allenfalls eine kurze Moratoiiums-Derlängerung bringen
Deutschlands Adriistungsdelegation
Berlin, 17. Januar.
Nachdem kürzlich Botschafter N a d 0 l n y zum Führer der deutschen Delegation zur Abrüstungskonferenz für die Zeit, während der der Reichskanzler oder sonstige Kabinettsmitglieder nicht persönlich in Genf anwesend sein werden, und Botschafter Graf W e l c z e ck zu seinem Stellvertreter bestimmt worden ist, sind nunmehr zu Delegierten Staatssekretär z. D. Freiherr von Rheinbaben, Unterstaatssekretär a. D. von Moellendorff und die Gesandten Göppert und Freiherr von Weizsäcker ernannt worden.
wein
Der Delegallon werden ferner als militärische Sachverständige Generalleutnant von Blomberg und Generalmajor S ch o n h e i n 5 sowie als Sachverständiger für die Marinesragen Vizeadmiral Freiherr von Freyberg angehören. Generalsekretär der Delegation ist Geheimrat Froh vom Auswärtigen Amt. Außerdem wird die Delegation noch eine beschränkte Anzahl von Sachbearbeitern des Auswärtigen Amtes und des Reichswehrministeriums sowie nach Be
darf anderer Ressorts umfassen. Die Zahl der Delegations- Mitglieder besaust sich auf 19
Dufour-Feronce in Berlin
Der deutsche Untergeneralsekretär im Völkerbund Du- sour-Feronce weilt gegenwärtig in Berlin, um mit den be- leiligten Reichsstellen über die Vorbereitung und Durchführung der Abrüstungsfonferenz Fühlung zu nehmen. Dabei wird den Blättern'zufolge im besonderen geprüft, wie die Besetzung der einzelnen Kommissionen, die im Verlauf der Konferenz gebildet werden losten, vorgenommen wird.
Ein überparteilicher Ausschuß gebildet.
Berlin, 17. Januar.
Zur Vorbereitung der Abrüstungskonferenz hat sich ein Ehrenausschuß für die deutsche Kundgebung zur Abrüstungs- konferenz gebildet. Dieser Ausschuß, dem Persönlichkeiten aller Parteien angehören, erläßt einen Aufruf, zu dessen Unterzeichnung er alle deutschen Männer und Frauen auf« fordert und in dem von der Internationalen Abrüstungskonferenz verlangt wird, daß sie sofort und ohne Zögern den Verpflichtungen nachkommt, die hinsichtlich der Verminderung der nationalen Rüstungen eingegangen worden sind.
Die ehemaligen Alliierten hätten im Vertrag von Versailles ihr Wort verpfändet, daß die Abrüstung bestimmter Rationen nur die Einleitung einer allgemeinen Entwaff- nung sein sollte. Die Satzung des Völkerbundes sichere die allgemeine Abrüstung zu. Ohne Zweifel müsse der nächste Schritt eine durchgreifende Herabsetzung der Rüstungen sein. Dieses Ziel könne nur erreicht werden, wenn alle Arten und Gattungen der Rüstungen gleichmäßig herangezogen werden. Der Friede könne nur durch eine allgemeine Abrüstung wirksam gesichert werden.
Englands Abrüstungsbedingung
London, 18. Januar.
Laut „Observer" hat die britische Regierung hinsichtlich der Politik, die sie auf der kommenden Abrüstungskonferenz vertreten will, den wichtigen Beschluß gefaßt, keinem Ab- rüstungsvorschlag zuzustimmen, der nicht die Verminderung in Rechnung zieht, die in den letzten Jahren stattgefunden habe.
Großbritannien werde also keinem Plan allgemeiner prozentualer Herabsetzung der bestehenden Rüstungen ju stimmen. Sollte die Konferenz durch Unnachgiebigkeit anderer Mächte scheitern, so würde Großbritannien gezwungen sein, seine gesamte Abrüstungspolitik einer Nachprüfung zu unterziehen.
Paris. Die Zusammensetzung der französischen Delegation für die Abrüstungskonferenz steht jetzt endgültig fest. Die Abordnung wird vom Kriegsminister T a r d i e u geführt werden. Ihr gehören außerdem an: der Marineminister und der Luftfahrtminkster sowie als technische Dele- giert« Senator Paul-Boneour und Abgeordneter Oberst Fabry.
China und Japan antworten
Washington. Die chinesische Regierung
die letzte Note des Staatssekretärs S t i m s 0 n, China habe nicht diess Absicht, irgendeinen Vertrag abzuschließen, oder eine Vereinbarung zu treffen, die im Widerspruch zu inser- nationalen Verträgen stehen würde. Die chinesisch« Regierung wendet sich ferner gegen die vertragswidrigen Handlungen der Japaner sowie gegen di« Verletzung des Völker- bundspaktes, des Neunmächtevertrages und des Kellogg- Paktes durch sie.
antwortete auf
Das amerikanische Staatsdepartement erhielt auch Japans Antwort. In amtlichen Kreisen werden die Erwiderungen beider Länder als b § friydjg « nd angesehen.
Keine Endlösung?
Skepsis um Lausanne. — Reues Moratorium und
Vertagung?
London, 18. Januar.
Unterrichtete Kreis« sind nach wie vor skeptisch, ob die Lausanner Konferenz zu dem festgesetzten Termin stattfin- den wird. Es heißt, daß England bestrebt sein wird, auf der Konferenz eine bedingungslose sechsmonatige Verlängerung des Kriegsschuldenmoratoriums durch- zusetzen, um so wenigstens einige der akutesten Schwierigkeiten zu beheben. Man hofft, Frankreich werde sich in den nächsten Tagen dazu bereit erklären, eine solche Regelung anzunehmen. Paris hat sich indessen bis jetzt noch nicht geäußert.
Während „Sunday-Times" sich von ihrem Pariser Korrespondent berichten läßt, die Aussichten auf eine französisch-englische Verständigung feien keineswegs gün = st i g, ist „Observer" 0 p t i m i st i s che r. Sein diplomatischer Korrespondent stellt die Sachlage so dar, als ob zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und England bereits eine Art Einvernehmen erzielt worden fei.
Es sei beschlossen worden, die Lausanner Konferenz nach einigen Tagen schon zu beenden. Man würde Amerika den Vorschlag unterbreiten, das jetzt bestehende Moratorium um weitere sechs Monate zu verlängern und die Beratungen Ende des Jahres wieder aufzunehmen mit dem Ziel, eine endgültige Regelung des Reparations- und Schuldenpro- blems zu suchen. Es sei nämlich unmöglich, innerhalb der nächsten Wochen eine dauernde Regelung zu treffen, wes-
So verzweifelt auch augenblicklich die Lage des deutschen Volkes fei, so schließt „Observer" feine Ausführungen, man sönne nicht verlangen, daß es, verglichen mir den Steuerzahlern der anderen in Betracht kommenden Länder, auf Rosen gebettet werde. Deutschland müsse wie jedes andere Land auch an den Kosten der Weltregelung Partizipieren.
Eine neue Mahnung Mussolinis
Ernste Besorgnis wegen der europäischen Lage.
London, 18. Januar.
Mussolini, der seine Ansichten in der Frage der Kriegsschulden und Reparationen in den letzten ^agen in nicht mißverständlicher Weise Ausdruck gegeben hat, schreibt im „Sunday Dispatch":
Die Weltkrisis hat den Punkt erreicht, wo sie die raschesten und wirksamsten Heilmittel erfordert. halbe Maßnahmen haben keinen Zweck mehr. Die Lage verlangt die Ener- gie, den Weitblick, den Mut und die Intelligenz der Besten, die jede Ration geben kann. Seit mehreren Monaten steht die Welt in einem wirtschaftlichen Kriegszustande. Richt Mehr lange und dieser Zustand wirtschaftlichen Krieges wird In Europa und der Welt allgemein sein.
Zum Schluß tritt Mussolini für einen Abbau derZ 0 ll - tarifmauern bei allen Nationen ein. Eine besondere Not« erhalten dies« Ausführungen Mussolinis durch den Bericht des römischen Korrespondenten des „Observer". Dieser schreibt:
„In Rom ist man der Ansicht, daß die Völker Europas keinen Arbeitslosen-Winter mehr hinnehmen und seine Rot so ruhig ertragen werden, wie sie diese in diesem Winter er- duldet haben. Diese Befürchtungen werden eines der Argumente Italiens fürStreichungderSchulden bilden, wenn die Lausanner Konferenz Zusammentritt."
Weihestunde des Kyffhäuserbundes
Berlin. Der Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser hielt am Sonntag mittag aus Anlaß des Reichsgründungstages eine Deutsche Weihe st unde im Sportpalast ab. Die Festrede hielt der Erste Präsident, General der Artillerie a. D. v 0 n ch 0 r n, der zunächst ein Begrüßungsschreiben des Ehrenpräsidenten des Bundes, des Reichspräsidenten von Hindenburg, verlas.
General von Horn protestierte gegen die Kriegsschult - lüge und erklärte, es gelte, die Frage des nationalen Bestandes und der nationalen Sicherheit aus dem Streit der Par- teien herauszuheben und alle Deutschen zu sammeln zur Lösung der gemeinsamen deutschen Aufgaben. Auch die Resolution, die von der Versammlung einmütig angenommen wurde, erhebt Einspruch gegen die Kriegsschuldlüge und fordert gleiche Pflichten für alle, „also Abrüsluna der Anderen im gleichen Umfange und nach gleicher Methode. wie sie uns aufgezwungen ist“. Sie verlangt ferner gleiche Rechte für alle, also auch in der Sicherheits- und Wehrfrage. Keinem Staat dürfe gestattet sein, was Deutschland verboten ist.
An der Massenkundgebung nahmen u. a. auch der Reichsminister des Innern und Reichswehrminister Dr. G r 0 e n e r, ferner General der Infanterie Hasse, Konteradmiral Heusinger, Reichsminister a. D. Geßler, Kriegsminister a. D. Scheuch, Generaloberst a. D. Heye und zahlreiche andere hohe Militärs teil.
Zwei Meinungen
Dingeldey erklärt:
Frankfurt a. d. Oder, 18. Januar.
Der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Dingei« dey, erklärte auf einer Vertretertagung des Wahlkreises V u. a.:
Der Standpunkt des Reichskanzlers, der dem Auslande die Unmöglichkeit weiterer Reparationszahlungen dargelegt hat, verdient volle Zustimmung.
^n diesem Zusammenhänge kam Dr. Dingeldey auch auf die bevorstehende Reichspräsidentenwahl zu sprechen.
Der Brief Hugenbergs an den Reichskanzler, so sagte Dingeldey, habe leider einen einseitigen politischen Charakter.
Hätte man mit allen Kräften eine VolkswahlHinden- burgs unterstützt, so würde es geradezu erlösend gewirkt haben.
... aber die Industrie?
Düsseldorf, 18. Januar.
Auf einer öffentlichen Kundgebung partei gegen die „Kriegsschuldlüge 1
der Deut
tschen Volks- Kriegsschuldlüge "und den Abrüstungs
betrug" griff Dr. Schlenker, der Geschäftsträger des Langnamvereins, im Lauf« feiner Ausführungen den Reichskanzler heftig an und erklärte,
Dr. Brüning genieße nicht mehr das Vertrauen der Partei, unbeschadet der Hochachtung, die er als Mensch verdiene.
Der Kreis der N a t i 0 n a l e n O p p 0 s i t i 0 n sei allein dazu berufen, einen tragbaren Modus mit Frankreich herbei« die den Mut aufbrächten, bei den kommenden Verhandlungen ein deutliches Nein auszusprechen.
Dr. Schlenker sprach sein Bedauern darüber aus, daß der Parteiführer der Deutschen Volkspartei an den Reichs- kanzler in der Frage der Amtsverlängerung des Reichspräsidenten nicht den gleichen Brief gerichtet habe, wie Hugenberg.
Der Appell an die Vernunft
Reichsminister Stegerwald spricht im Ruhrgebiet.
Recklinghausen, 18. Januar.
Zirks
Auf dem Kreisparteitag der Jentrumspartei des Bezirks Recklinghausen bezeichnete Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald in einer längeren Rede über innen- und außenpolitische Fragen sowie die damit in ausschlaggebendem Zusammenhang stehende Reichspräsidentenwahl das Jahr 1932 als für die Zukunft Deutschlands und die Geschicke der Welt entscheidend. „Gegenwärtig", so sagte Stegerwald, „sind wir nach vielen Irrungen und Wirrungen auf dem besten Wege, zu den politischen und wirtschaftlichen Realitäten zurückzukehren. Soll dieser Wege planvoll weiter- gegangen werden, oder sollen wir unserneut auf den Weg der Irrungen und Wirkungen abdrängen lassen?
Das Volk hat demnächst tatsächlich nur zu wählen, ob es den Weg der Demagogie oder den Weg der wirtschaftlichen und politischen Vernunft gehen will. Der Weg der Demagogie führt schnurstracks in den Bürgerkrieg, der Weg der politischen und wirtschaftlichen Vernunft langsam, aber sicher wieder aufwärts.
Die Gemeinde der politischen Vernunft muß dann allerdings eine viel größere Aktivität als seither entfalten und dem Volke in Wahrheit sagen, worum es geht".
Verfehlter litauischer Protest
Es war eine unpolitische Reise.
Berlin. Der litauische Gesandt« in Berlin, S ch a u l i s, überreichte am Sonnabend im Auswärtigen Amt eine Note, m der die litauische Regierung dagegen P r 0 t e st erhebt, daß offizielle deutsche Regierungsvertreter mit einer Mein«- ler Delegation verhandelt hätten und der deutsche Generalkonsul in Memel sich in die innerpolitischen Verhältnisse Litauens e i n g e m i s ch t habe. „
Wir erfahren dazu folgendes: Den Anlaß dieser Vorstellungen bildet eine Mitte Dezember erfolgte
private Reise des Präsidenten des Memeler Direktoriums und zweier Landlagsabgeordneter nach Berlin,
wo diese als Landwirt den bekannten Wunsch der litauischen Regierung nach Förderung des Viehexports nach Deutschland auch ihrerseits bei den zuständigen FachA- Hürden befürworten wollten. Die Reise hatte keinerlei offiziellen Charakter und keine politische Bedeutung. Die litauischen Vorstellungen sind daher vollkommen unberechtigt.
Keine russischen Ausfallbürgschaften
Berlin, 18. Januar.
Auf zahlreiche Anfragen aus der Industrie und Landwirtschaft wird von zuständiger Seite mitgeteilt, daß eine ! Uebernahme von Ausfallbürgschaften im Rußlandgeschaft infolge der im Zusammenhang mit den im Vorjahr abgeschlossenen pjatakoff-Abkommen stehenden sehr starken Inanspruchnahme der Garantiemittel bis auf weiteres nicht möglich ist. 1