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Hersf-r! öer Tageblatt

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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdrucker«! in Hersfeld, Mitglied des BDJB.

Nr. 19 (Erster Mit)

Sonnabend, den 23. Januar 1932

82. Jahrgang

Europa am Abgrund

Während Frankreichs Regierung erneut ihre Unnachgiebigkeit verkündet und die Pariser Presse gegen Deutschland einen beispiellosen Hetzseldzug führt, steigert sich die Krise zu einer Gefahr für den Frieden

Leimungsversuche

Die Lavalrede in der französischen Kammer hat einiges Porzellan zerschlagen, das man jetzt gern wieder notdürftig leimen möchte. Trotz der Hetz- und Drohreden im franzö­sischen Parlament an welchen sich wenn auch in milderer Tonart, selbst die französischen Sozialisten tapfer beteiligen hat man zwischen London und Paris diplomatische Fühler ausgestreckt, um zu versuchen, doch noch irgendwie zusam- menzukommen. Man hat in Paris erkennen müssen, daß die Einschüchterungspolitik von Paris in Deutschland kei­nen Eindruck mehr macht. Um so eifriger ist man in Paris bemüht, doch noch eine Front gegen Deutschland aufzustel- len. Die französischen Pläne gingen zunächst dahin, eine Reparationskonferenz erst für den November dieses Jahres zusammentreten zu lassen, um so Deutschland zu zwingen, sich notgedrungen mit einer Verlängerung des Hoover-Mo- ratoriums über die Mitte dieses Jahres hinaus einverstan­den zu erklären.

Die Aussichten dafür sind aber denkbar schlecht. Das neue französische Kabinett Laval, in dem nach Ausschiffung Briands der Ministerpräsident Lava! selbst das Außenmi- nisterium führt, hat sich gleich zu Beginn seiner Tätigkeit eine schwere Schlappe geholt. Laval hat nämlich durch den amerikanischen Botschafter in Paris die Forderung nach Washington weitergeben lassen, das Hoover-Moratorium zu verlängern. Das ist ihm rundweg abgeschlagen worden. Gleichzeitig ist von Deutschland aus auf eine englische An­frage unmißverständlich erklärt worden, daß sich Deutsch­land mit einer halb- oder ganzjährigen Verlängerung des - ly.^r-^r^nnt^ tf j&ESng^H .erMreu könne. Es wird in Berlin darauf hingewiefen daß die Zeit bis zum Ablauf noch fünf Monate betrage und daß man in diesen fünf Monaten sehr wohl die Tributfrage klä­ren könne. Offenbar hat die deutsche Regierung aber auch durchblicken lassen, daß eine Verlängerung deswegen nicht in Frage komme, weil die auf den Druck Frankreichs seiner­zeit aufgenommenen politischen Klauseln auf keinen Fall weiter anerkannt werden sollten.

Obwohl die Mitteilungen über die Stellungnahme der deutschen Regierung nicht von dieser selbst stammen son­dern von englischer Seite verbreitet werden, besteht nicht der geringste Grund, sie irgendwie anzuzweifeln. Die Ein­stellung ergibt sich nämlich durchaus folgerichtig aus dem, was der Reichskanzler Brüning in seinem bekannten Repa- rations-Jnterview geäußert hat. Gerade diese Meinungs­äußerung wird nicht der letzte Grund dafür gewesen sein, daß die Franzosen jetzt vorläufig die Konferenz von Lau­sanne sabotiert haben. Nützen wird ihnen das aber nichts, wenn keine Verlängerung des Hoover-Moratoriums zu­stande kommt. So ist selbst dann, wenn die Konferenz von Lausanne als aufgeflogen gelten muß, die Zeitspanne nicht sehr groß, in der die ausschlaggebenden Entschei­dungen fallen müssen. Es sind die nächsten fünf Monate.

In Wirklichkeit ist aber die Inangriffnahme der gan­zen Auseinandersetzungen auch gar nicht so weit hinausge­schoben worden, wie das im Augenblick erscheint. Die A b - rüstungskonferenz nämlich, die im ersten Augen­blick wenig mit der Reparationsfrage zusammenzuhängen scheint, wird wohl auf alle Fälle in den ersten Februar­tagen beginnen. Ihre Verhandlungen sind stark repara- tionspolitischen Charakters, handelt es sich doch darum, ob die gegnerische Aufrüstung, Die in erheblichem Maße ohne die deutschen Reparationen nicht zu finanzieren wäre, ein­geschränkt wird oder nicht. Ganz unzweifelhaft ist es, daß auch nur eine Teilabrüstung durchaus genügte, daß die euro­päischen Gegner Deutschlands im Weltkriege ohne Schwie­rigkeit ihre amerikanischen Schulden abdecken könnten, ohne auf Deutschlands Reparationen angewiesen aujein. Wenn diese Seite des Problems auch natürlich nur ein Teilaus­schnitt der Abrüstungsfrage überhaupt ist, so muß man doch feststellen, daß es sich hier um den entscheidenden Punkt handelt. Abrüstung und Revarationen und weiterhin auch die Handelspolitik können nicht isoliert für sich be­trachtet werden, weil sie sich gegenseitig viel zu stark beein­flussen, und weil die Gesamtheit der mit ihnen zusammen­hängenden Vorgänge die internationale Weltlage formt Dem können sich auch die Sieger des Weltkrieges nicht ent­ziehen, und ausschließlich in dieser Tatsache liegt die Stärke unserer Stellung.

Das hat man in Paris inzwischen erkannt, ferner auch die Tatsache, daß man in Amerika trotz der französischen deutschfeindlichen Propaganda das Pariser Intrigenspiel immer mehr durchschaut und dort beginnt, auf einen Schelm anderthalb zu setzen. So erklärt sich wohl die Meldung, daß auf Grund neuer diplomatischer Besprechungen die Möglichkeit bestehe, eine Tributkonferenz noch vor April, vielleicht sogar noch im Februar zustande zu bringen. Man will die Abrüstungskonferenz zur Grundlage nehmen und die in Genf versammelten Ministerpräsidenten zu einer Repa- rationsbesprechung etwa um den 8. Februar zusammenbrin- gen. In dieser ersten Besprechung hofft man dann wohl, eineBasis zu finden", von der aus sich die torpedierte Lau- sanner Konferenz vielleicht doch in irgendeiner Form noch auf die Beine stellen läßt. Andere Meldungen sprechen

Zusammentreffen sollen, während eine Ministerpräsidenten­konferenz für Juni vorbereitet werden soll. Was die Sach­verständigen allerdings in Lausanne tun sollen, bleibt schleierhaft, nachdem die Sachverständigen, des Sonderaus­schusses unzweideutig sich dahin ausgesprochen haben, daß das Reparationsproblem so schnell und so sachlich wie möglich werden muß.

Das Toben der französischen Kammer wie der fran- zösichen Presse täuscht jedenfalls über die Tatsache nicht hin­weg, daß man in den Kreisen des offiziellen Frankreich be­ginnt, sich Gedanken darüber zu machen, welcheAuswirkungen sich für Frankreich ergeben müßten, wenn durch sein Ver­halten in der Reparationsfrage die Verwirrung in wirt­schaftlicher, finanzieller und politischer Hinsicht in der Welt noch größer wird. Man kann zwar mit Gewaltmaßnah­men drohen, man kann sie auch beschließen damit erreicht man das Gegenteil von dem, was die Sachverständigen bereits zweimal dringend gefordert und was die Völker sehnlichst erwarten: eine Liquidierung des Krieges. Deshalb versucht man, wieder zu leimen, was man blindwütig zer­schlagen hat. e

Pariser Wutausbrüche

pöbelhafte Ausfälle gegen Deutschland.

Paris, 23. Januar

In französischen politischen Kreisen macht sich eine zu­nehmende Verärgerung über die Haltung Amerikas und be­sonders Deutschlands geltend. Es sei geradezuunglaublich", daß die Reichsregierung es wage, sich dem Standpunkt der bie Verlängerung des ^ooDer^-eierjagt^S^^ und ihre Ablehnung nuaj durchEinschüchterungsversuche und Drohungen" ver­schärfe. Mehr denn je fei jetzt eine englisch-französische Ver­ständigung notwendig.

Bezeichnend für die Stimmung ist der hysterische Haß­ausbruch derL i b e r t 6", die ihren Leitartikel mit der UeberschriftDiese Kanaillen" versieht. Der Verfasser schreibt, der neue Angriff Brünings müsse endlich von allen Franzosen begriffen werden.

In Zukunft sei nicht nur jede Verständigung sondern auch jede Verhandlung mit dem Reich unmöglich. Es habe keinen Sinn mehr, sich mit einem solchen Partner zu un­terhalten, dessen Unterschrift nicht mehr bedeute als die eines Gauners. Denn die deutsche Nichterfüllung der Ver­träge keine Sanktionen zur Folge hätte, dann gebe es kein Recht und keine internationale Moral mehr. Die deutsche Haltung müsse einfach als Erpressung bezeichnet werden. Das Reich sei noch so zynisch, daß es versuche, die Verantwor­tung auf Frankreich abzuwälzen. Angesichts einer derartigen gesindelhaften Unverschämtheit wisse man nicht, ob man Wut oder Ekel empfinden solle.

DerM a t i n" meint, wenn Deutschland endgültig auf seinem Standpunkt beharre, sei das erste, was Frankreich zu tun habe, die Nichtverlängerung des 25 Mil - lionen-Dollar-Kredites der Reichsbank. Wenn man deutscherseits darauf Hinweise, daß eine derartige Maß­nahme den Zusammenbruch der Mark herbeiführen werde, so könne man demgegenüber nur feststellen, daß die Stabi­lität der Mark von dem Augenblick an Frankreich nicht mehr interessiere, wo Deutschland seinen Verpflichtungen nicht mehr Nachkomme. Man habe nur ein Interesse, die Zahlungsfähigkeit eines Schuldners zu unterstützen, wenn man sicher fei, bezahlt zu werden.

Als zweite dringende Sanktionsmaßnahme schlägt das Blatt die sofortige Kündigung des deutsch-französischen Han­delsvertrages vor. Deutschland möge dann seine Waren, die es bisher an Frankreich verkaufte, unterbringen, wo es wolle. Diese Sanktionen müßten noch durch die Einstellung aller geschäftlichen Beziehungen und die Aufstellung einer schwarzen Liste" für alle deutschen Geschäftsvertreter in Frankreich ergänzt werden.

Petit P a r i s i e n" sagt, daß man erst wieder von einer Lausanner Konferenz sprechen könne, wenn zwischen Paris und London eine Verständigung erzielt sei. Jedes andere Vorgehen sei angesichts der Absicht der Reichsregie- rung, endgültig die Tributzahlungen einzustellen, von vorn­herein zum Mißerfolg verurteilt. DasI o u r n a l" meint, man müsse endlich der Reichsregierung zu verstehen geben, daß die Alliierten keinen zweiten Bankerott dulden würden, und daß Deutschland für einen entstehenden Schaden haft­bar gemacht werde. Eine BerlinerHavasmeldung" zieht aus der Haltung Brünings den Schluß, daß das Reich nicht nur von allen Reparationen sondern auch von der Rück­zahlung der im Zusammenhang mit dem Hoovermoratorium ihm gestundeten Beträge befreit werden wolle.

Setze in der Kammer

Im weiteren Verlauf der außenpolitischen Debatte in der französischen Kammer erklärte der Abgeordnete Louis Marin, von der äußersten Linken bis zur äußersten Rech­ten sei man in Frankreich der Ansicht, daß die Reparationen geheiligten Charakter trügen. Er wolle zwar den Ernst der

das Elend werde in Deutschland absichtlich organisiert.

Auf der Abrüstungskonferenz müsse die Regierungange­sichts der deutschen Rüstungen, deren Einzelheiten bekannt seien", festbleiben. Am beängstigendsten sei derRevanche- geist", in dem die deutsche Jugend erzogen werde. (!) Der Völkerbund sei nicht viel wert. Gegenüber Deutschland bleibe das Bündnissystem immer noch das Beste. Abg. D a lädier rief dazwischen:

Die Methoden der Regierungsmehrheit führen zum Kriege!"

H e r r i o t erklärte, die Erklärung des Reichskanzlers, daß Deutschland keine Reparationen mehr zahlen könne, sei nicht nur für die Franzosen, sondern auch für alle diejenigen un­annehmbar, die die internationalen Abkommen respektierten. Deutschland leide, weil es zuviel ausgegeben habe und weil es durch seine eigenen Kapitalisten verraten worden sei. Daß die Vereinigten Staaten nicht den Garantiepakt unter­schrieben hätten, sei die Ursache des ganzen Elends Die große Lösung würde in dem Eintritt der Vereinigten Staa­ten in den Völkerbund bestehen. Der Abg. D e l s o l sagte, die Erklärung des Reichskanzlers bedeute nicht, Deutschland könne nicht mehr zahlen, sondern Deutschland wolle nicht mehr zahlen.

Man müsse Deutschland gegenüber die starke Faust zei­gen und dürfe nicht nachgeben.

Namentlich in der Abrüstungsfrage heiße es festbleiben an­gesichts eines Deutschlands, das aufrüsten und den Versailler Vertrag umflogen wolle. Der Friede um jeden Preis be­deute den unvermeidlichen Krieg.

; Laval Sieger

Die Respektierung der Verträge."

Paris, 23. Januar.

Die Vertrauenskagesordnung Simon, für die Laval die Vertrauensfrage stellte, ist von der Kammer mit 312 gegen 261 Stimmen angenommen worden.

Die Vertrauenserklärung für Laval hat folgenden Wort- i laut:Die Kammer, der Politik internationaler Annäherung und Organisierung des Friedens getreu, deren notwendige Grundlage der Refektierung der Kontrakte bildet, billigt die Erklärungen der Regierung, spricht ihr das Vertrauen aus, lehnt jeden Zusatz ab und geht zur Tagesordnung über."

Briands Politik wird fortgesetzt

Ministerpräsident Laval erklärte zu Beginn seiner Rede vor der Kammer, er bleibe der Schüler der Friedens­politik Briands und werde sich bemühen, für diese weiter zu wirken. Aber das Friedenswerk könne nicht das Monopol einer bestimmten Persönlichkeit sein und Briand werde, weil er ihm so treu gedient habe, nicht gestatten, daß das Friedens­werk Gegenstand politischer Streitigkeiten werde und daß man feinen Namen mißbrauche, um eine Kampagne zu nähren, die auf die Behauptung abziele, Frankreich wäre be­reit, seine Politik europäischer Eintracht auszugeben.

Das alte Lied

Der erste Eindruck der zweiten Rede Lavals in Berliner politischen Kreisen läßt sich dahin zusammenfassen, daß sie ebensowenig wie die erste Rede Lavals einen sachlichen Fort­schritt auf dem Wege zu der von allen Mächten außer Frank­reich anerkannten unumgänglichen sofortigen Lösung des Re­parationsproblem bringt. Die Ausführungen Lavals wie­derholen in überspitzter Form noch einmal die hinlänglich be­kannte französische These.

Vor der Genfer Tagung

Umfangreiches Arbeilsprogramm des Völkerbund-rats.

Genf, 23. Januar.

Durch die Verschiebung der Lausanner Konferenz ist das Interesse an der Tagung des Völkerbundsrates, die am Mon­tag beginnt, größer geworden. Unter den mehr als 40 Punkten der Tagesordnung befindet sich die Klage des Für­sten Pleß gegen den polnischen Staat. Zum ersten Male wird sich der Rat mit den Beschwerden über die Unter­drückung derukrainischenMinderheit beschäftigen. Bisher hat die polnische Regierung eine Stellungnahme des Rates zu verhindern gewußt. Es scheint, daß auf ukrarni- scher Seite entschieden Wert darauf gelegt wird, diese Ange- legenheit aus dem Dunkel der Beratungen des Dreier-Komi- tees, in das Licht der öffentlichen Ratsbehandlung zu rucken. Ferner wird sich der Rat mit verschiedenen D a n z i g e ri Fragen beschäftigen. Auch wird der Rat nochmals zu der Lage im chinesisch-japanischen Konflikt Stel­lung zu nehmen haben. __

Der dem Völkerbundsrat vom Wirlschafiskomitee vorge­legte Bericht über die Weltwlrtichaftslage ist dies- mal von besonders aktuellem Interesse, da in diesem Bericht sehr deutlich und entschieden die Auffassung vertreten wird, daß die internationale Verschuldung der Hauvtgrund für Mt Lähmung des Wirtschaftslebens in der Welt ist

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