Hersfel-erTageblatt
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Nr. 21
Dienstag, den 26. Januar 1932
82. Jahrgang
Wertvolles Urteil der Gläubiger
Deutschland hat die Kredite nicht verschleudert — Wiederausnahme der Tributzahlnngen unberechtigt
Bank- und Währungsreform
Von Reichsminister a. D. Professor Dr. Moldenhauer, M. d. R.
Die Oeffentlichkeit, aber ebenso auch Reichsregierung und Reichsbank sind durch die Veröffentlichung einer Denkschrift des Präsidenten des Statistischen Reichsamts und des Instituts für Konjunkturforschung. Wagemann, über Bank- und Währungsreform überrascht worden. Der Widerhall in der Presse ist nicht sehr freundlich gewesen. Man hat die Kühnheit des Planes anerkannt, aber seine Gefährlichkeit betont. Seit vielen Monaten, eigentlich seit dem Juli des vergangenen Jahres ist die Frage der Umgestaltung des Bankwesens auf der Tagesordnung. Bis heute ist das Schicksal der Danat-Bank und der Dresdner Bank ungewiß, Fusionspläne tauchen auf und verschwinden wieder. Man hört von neuen Plänen der Reichsregierung auf dem Gebiet des Bankwesens. Der Reichsfinanzminister Dietrich machte gerade an dem Tage, an dem die Denkschrift Wagemanns erschien, geheimnisvolle Andeutungen, so daß man im ersten Augenblick seine Pläne mit denen Wagemanns irrtümlicherweise identifizierte. Die Regierung hat die Frage der Ueberwindung der Krise, soweit Deutschland die Macht dazu hat, von der Seite der Selbstkosten her angefaßt. Sie ist bisher an der Bank- und Kreditfrage vorbeigegangen. Wir würden nicht mit dieser Fülle von Ret- tungsvorschlägen seit einem Jahr überschüttet worden sein, wenn die Reichsregierung in allen diesen Fragen eine stär- kere Initiative entfaltet hätte. Trotzdem wird man fragen können, ob der Zeitpunkt besonders geeignet war und die Verwirrung, die heute schon besteht, durch die neuen Vorschläge nicht noch vergrößert worden ist.
Wenn man den Plan Wagemanns im ganzen überblickt, so findet man, daß er sich mit zwei F^en beschäftigt: einer Reform des Bankwesens und währungspolitischen Vorschlägen. Beide stehen in einem Zusammenhang, ohne daß jedoch anerkannt werden muß, daß dieser Zusammenhang eine so absolute Notwendigkeit ist, wie es die Denkschrift behauptet. Es läßt sich meiner Ansicht nach durchaus denken, daß man bei der kommenden Bankreform von den mancherlei guten und brauchbaren Anregungen, die die Wa- gemannsche Denkschrift enthält, Gebrauch macht, ohne daß man genötigt ist, die währungspolitischen Folgerungen zu ziehen. In der Kritik in der Oeffentlichkeit finden wir auch, daß die Bankvorschläge viel Zustimmung gefunden haben und im großen und ganzen als brauchbar bezeichnet wor- den sind. Sie laufen auf eine Reform des Giralsystems und des Depositengeschäftes, und zwar auf eine scharfe Trennung dieser beiden hinaus. Wagemann will hier verhindern, daß in Zukunft wieder kurzfristige Kredite zu langfristigen Anlagen benutzt werden. Er hält sich bei diesen Vorschlägen stark an das englisch-amerikanische Vorbild Sehr starke Kritik haben dagegen die währungspolitischen Vorschläge Wagemanns gefunden. Man sieht in ihnen die Gefahr einer neuen Inflation, eine Untergrabung des Vertrauens des Volkes zu feiner eigenen Währung. Wenn man den Plan Wagemanns von den Einzelheiten entkleidet und auf feinen Grundgedanken prüft, so ergibt sich folgendes: Wagemann unterscheidet hinsichtlich der umlaufenden Zahlungsmittel zwischen den für die Erwerbswirtschaft und den Verkehr nach dem Ausland notwendigen und den für die Konsumwirtschaft erforderlichen. Für die große Sphäre der Konsumwirtschaft lehnt er die Notwendigkeit von Zahlungsmitteln, die durch Gold gedeckt sind, ab. Es genüge hier ein« Form, die nicht den stengen Vorschriften des Bankgesetzes unterliegt, aber sich auf der anderen Seite durch ihre Deckung von der Scheidemünze . unterscheidet. Für diesen Teil der Geldwirtschaft genügen, wie Wagemann sagt, die kleinen Noten bis zu 50 RM., die etwa vier Fünftel der umlaufenden Noten ausmachen. Sie sollen bis zum Betrage von 3 Milliarden durch eine verzinsliche öffentliche Schuld, darüber hinaus durch festverzinsliche Schuldverschreibungen, die an einer Wertpapierbörse zugelassen sind, und durch reichsbankfähige Lombarddarlehen gedeckt werden; über 5 Milliarden hinaus müssen sie in gleicher Weise wie die großen Noten, nämlich mit 40 o. H. durch Gold und Devisen und der Rest durch reichsbankfähige Handelswechsel gedeckt sein. Man hat in diesem Vorschläge einer neuen Notendeckung eine Inflation befürchtet. Das braucht nicht zu sein. Denn diese Anleihe in Höhe von 3 Milliarden tritt an die Stelle der Finanzwechsel, die heute im Porfefeuille der Reichsbank und anderer Banken liegen. Es ändert sich nur die Deckung der kleinen Noten, nämlich bis zur Hohe von 3 Milliarden Anleihe statt Finanz- und Handelswechsel, nicht die Summe der umlaufenden Zahlungsmittel. Nur wenn die Reichsbank, die jetzt auch für die kleinen Noten eine Golddeckung haben muß und der durch diese Vorschrift in der Ausgabe der kleinen Noten eine Grenze gesetzt ist, von dieser Verpflichtung befreit wird, kann sie, wenigstens bis zum Gesamtbetrage von 5 Milliarden Mark, kleine Noten ausgeben, die durch festverzinsliche Schuldverschreibungen oder reichsbankfähige Lombarddarlehen gedeckt sind, und hier kann unter Umständen die Gefahr einer inflationistischen Wirkung liegen.
Die weiteren Bedenken, die sich ergeben, bestehen darin, daß es mir zweifelhaft erscheint, ob m^t dies« scharfe Grenze
zwischen dem Verkehr der Erwerbs- und der Konsumwirtschaft ziehen und durch die Notenhöhe festlegen kann. Auch im Verkehr der Erwerbswirtschaft, selbst Wh Verkehr mit dem Ausland spielt die kleine Note eine erhebliche Rolle — man frage nur einmal bei den Banken selbst nach —, während auf der anderen Seite auch für den Konsum häufig genug größere Noten verlangt werden. Aber abgesehen davon, scheint mir die größere Gefahr darin zu liegen, daß zwei verschiedene Arten von Noten nebeneinander laufen, die verschieden gedeckt sind. Wir sind seit Jahrzehnten an die Golddeckung gewöhnt. Wir sind seit der Inflation im höchsten Grade mißtrauisch. Wird nicht die Gefahr bestehen, daß jemand, der zwei 50-RM.-Roten hat, von dem Recht Gebrauch macht, von der Reichsbank eine 1v0.-RM.-Note im Umtausch zu verlangen? Wenn das in starkem Maße geschieht, wäre die Reichsbank heute nicht in der Lage, diesem Perlangen nachzukommen. Schließt man aber das Umtauschrecht aus, so schafft man eine Binnenwährung. die minderwertiger ist als die andere Währung, wenigstens in den Augen der breiten Masse. Und alle Erfahrung lehrt, daß zwei verschieden bewertete Währungen nebeneinander dazu führen, daß das schlechte Geld das gute Geld verdrängt.
Trotz aller dieser Bedenken wäre es falsch, über die Denkschrift Wagemanns einfach zur Tagesordnung Überzugehen. Es scheint mir vielmehr notwendig, daß der Plan von Reichsregierung und Reichsbank einer ernstlichen Prüfung unterzogen wird. Die Regierung wird aus dem Plan manche Anregung für ihre Arbeiten entnehmen, manchen guten Gedanken, wenn vielleicht nicht schon im Augenblick, so doch in ruhigeren Zeiten durchführen können. Auf der anderen Seite aber wollen wir uns davor hüten, die Technik zu überschätzen. So wenig man eine Krise auf dem Weg« der Dialektik überwinden kann, so wenig sind letzte
Systems auf rein technischem Weg« durch Aenderung eines Bankgesetzes oder durch Umbuchungen, durch Ersetzung der Finanzwechsel durch Anleihe, wie es Wagemann hier will, zu beseitigen. Voraussetzung für den Wiederaufstieg Deutschlands ist, daß in der für Die Zukunft entscheidenden Frage Klärung geschaffen wird, nämlich in der Tributfrage. Solange sie unentschieden ist, kann sich im Inland kein Vertrauen neu bilden, können wir auf Kredite vom Ausland nicht rechnen.
LeutschlandsAuffafsnngbeftätigt
Der Eindruck des neuen Stillhalteabkommens.
Berlin, 26. Januar
In politischen Kreisen werden das am Sonnabend abgeschlossene deutsche Kreditabkommen 1932 und der Begleit- bericht als eine Bestätigung der von Deutschland in der ganzen Schuldenfrage immer wieder zum Ausdruck gebrachten Meinung bezeichnet. Das Abkommen sowohl wie der Begleitbericht sind in einem Ton so vollkommenster Sachlichkeit gehalten, wie er nicht besser erwartet werden konnte.
Insbesondere enthält der Begleitbericht außerordentlich wertvolle Argumente für Deutschland. Genau so wie alle früheren Sachverständigengutachten, insbesondere der Baseler Bericht und wie der Wiggin-Bericht, bedeuten die neuen Aeußerungen der Sachverständigen eine ernste Mahnung an die Regierungen, zu handeln, und zwar schnell zu handeln. Es wird anerkannt, daß die deutsche Besteuerung nicht mehr erhöht werden kann. Stärker noch als in den früheren Berichten kommt zum Ausdruck, daß Deutschland nur durch Ausfuhr bezahlen kann.
In diesem Sinne geht das neue Gutachten insofern über die früheren hinaus, als ausdrücklich festgestellt wird, daß Deutsch and die ihm zur Verfügung gestellten Kredite im ganzen r chlig und zweckmäßig verwendet hat. Durch diese Feststellung werden die Argumente, die Deutschland gegen die von Frankreich Immer wieder erhobenen gegenteiligen Anschuldigungen vorgebracht hak, in wertvoller Weise unter- ftühf. Wenn sogar die Kreditgeber bestätigen, daß Deutschland die ihm gewährten Kredite nicht verschleudert hat, so werden dadurch alle Vorwürfe gegenstandslos.
Aus dem Inhalt des Abkommens selbst ist besonders bemerkenswert der Absatz über das Kündigungsrecht, in dem ausdrücklich festgestellt wird, daß Deutschland nach dem augenblicklichen Stand seiner Wirtschaftslage nicht zahlen kann. Der Hinweis, daß bei einer Veränderung der Lage eine erneute Prüfung durch die Gläubiger siattflnden muß. stellt eine eindeutige Erklärung dar, daß eine Wiederaufnahme der Reparationszahlungen für unberechtigt gehalten wird.
Zu diesem in dem Gutachten und in dem Begleitbericht selbst enthaltenen, für die Verfechtung des deutschen Standpunktes sehr wesentlichen Argumenten kommt nunmehr die Tatsache, daß Frankreich nicht mehr wie bisher die Verschiebung der Lausanner Konferenz mit dem Hinweis auf die noch nicht abgeschlossenen Stillhalteverhandlungen begründen kann.
Die andere Se,te:
Layton gegen weitere Zahlungen.
In einer Erklärung in der „Daily Mail" hebt Layton hervor, daß die Brüning-Erklärung den wahren Grund für die Dringlichkeit der Lage nenne. Die Last der internationalen Schuld könne nicht dadurch behoben werden, daß man aus Deutschland Reparationen herausquetschen oder andere Nationen ermutige, ihre Forderungen Deutschland gegenüber zu dem Zwecke aufrechtzuerhalten, um Deutschland in Zukunft wirtschaftlich zu belasten.
Der sich aus den deutschen Ueberweisungen nach dem Auslande ergebende Handelsverlust für England, Amerika und Frankreich sei in einem Jahre 12mal so groß wie die deutschen Zahlungen an alle Länder. Der Baseler Bericht beweise, daß eine Fortsetzung des bisherigen Systems zum Unheil führe. Es sei deshalb töricht, dies zu tun.
Caillaux für eine Kompromißformel.
Der frühere französische Minister und jetzige Senator Caillaux, beschäftigt sich in einen Artikel mit der Re- parationsfrage. Er erklärte, die Welt sei in eine Sackgasse geraten und könne nur durch Streichung der Schulden von Volk zu Volk wieder herauskommen. Er habe aber zu England das Vertrauen, daß es die Sache Europas in die Hand nehmen und daß es ihm gelingen werde, Amerika von der Schwäche feiner Stellung zu überzeugen. Damit die Engländer erfolgreich in Washington plädieren könnten, würden sie wahrscheinlich von Frankreich verlangen, daß es auf seinen Reparationsüberschuß nach dem Doung- Plan verzichte. Frankreich habe die Möglichkeit, dies ab- zulehnen. Das Recht stehe auf feiner Seite. Aber man müsse auch auf das Leben Rücksicht nehmen.
Das Interesse Frankreichs, verbunden mit dem 3nter- effe Europas, lege Frankreich Kompromißformeln nahe. me?e mußten allerdings eine vernünftige Entschädigung für das Zugeständnis enthalten, das Frankreich bringen würde. Caillaux sieht diese Gegenleistung in Form eines Wirt- schaftsvertrages, der die Rationen davor schützen würde, das Opfer ihres Edelmuts zu werden.
Grumbach fordert Entgegenkommen.
Der sozialistische Abgeordnete Grumbach kam in einer Sitzung des sozialistischen Bezirksverbandes des De- partements Oberrhein auf außenpolitische Fragen zu sprechen, wobei er erklärte, Frankreichs Interesse und das des Friedens im allgemeinen fordere es gebieterisch, mit allen Mitteln, die mit den lebenswichtigen Interessen eines jeden Staates vereinbar feien, der deutschen Republik, der deutschen Demokratie, und vor allem der deutschen Arbeiterschaft zu Hilfe zu kommen. Frankreich werde aber jedes Zugeständnis einem Deutschland verweigern, das sich Hitler und Hugenberg ausliefere.
Poincare meldet sich wieder.
Der ehemalige Ministerpräsident PoincarL veröffentlicht einen Artikel im „Excelsior", in dem er sich gegen die deutsche These in der Reparationsfrage wendet. Wenn man deutscherseits betone, daß die Reparationen auf dem Versailler Vertrag beruhten und daß dieser wieder Deutschland mit Gewalt aufgezwungen worden sei, so vergesse man, daß Frankreich gerade in der Reparationsfrage nicht die Durchführung des Versailler Vertrages verlange. Es sei lange her, daß Frankreich einen bedeutenden Teil seiner Rechte zugunsten seiner Gläubiger abgetreten habe. Ueber die Londoner Konferenz und den Dawes-Plan sei man zum Noung-Plan gelangt, der die Vorteile Deutschlands bedeutend verbessert habe (I). Wenn derartige Abkommen, so erklärt PoincarL, Papierfetzen werden, wie können sich die Staaten dann über irgend etwas einig werden? Was wird aus den Beziehungen der Völker zueinander werden und was aus der Zivilisation?
Frautreichs Friedeaswille! Bau von Riesenbombenflugzeugen.
Paris, 26. Januar.
Am Vorabend der Abrüstungskonferenz verzeichnet die Pariser presse mit besonderer Genugtuung die Verwirklichung eines neuen Luftflottenprogramms, das den Bau von vier Bombengeschwadern Vorsicht, die an Tragfähigkeit und Ausrüstung alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Das erste Bombenflugzeug ist bereits fertiggestellt worden. Der Apparat ist mit vier Motoren ausgerüstet und hat neun Maschinengewehre und elf Bombenwerfer an Bord. Seine Tragfähigkeit an Bomben beträgt 1000 Kilo- gramm bei einem Aktionsradius von 2000 Kilometern.
Frankreich hätt« seinen Friedenswillen wohl kaum besser unter Beweis stellen können! Wenn man die Ausführungen des Kriegsministers hört, daß die zur Verfügung stehenden Mittel ausschließlich zu Verteidigungszwecken benutzt werden, so werden wir zum mindesten wissen, woran wir uns zu halten haben. Man ist von französischer Seite schon so viel gewöhnt, daß es nicht überraschen würd«, wenn man den Bau dieser ausgesprochenen Angriffsflotte damit begründen würde, daß sie zum Abwurf von Nebelbomben und damit zum Schutz französischer Städte diene. Ein Grund mehr, daß Deutschland das Rechr für sich in Anspruch nimmt, sich auf gleiche Weise zu lchützen. _