tzersfe^er Tageblatt
Hersfetder Kreisblaü
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Nr. 28
Mittwoch, den 3. Februar 1932
82. Jahrgang
Abrüstungskonferenz im Kriegslärm
Wahrend Henderson vor den Vertretern von 64 Staaten die Weltabrüstungskonserenz seierlich eröffnete, hat fich die Krise in Ostaffen derart bedrohlich verschärft, daß die Großmächte eingreifen mußten
MrWmzslonserenz
henderson: „Das SchiNsal der Weltgeschichte!"
Genf, 3. Februar.
Die plötzliche Einberufung des Völkerbundsrates machte eine Verschiebung der Eröffnungssitzung der Abrüstungskonferenz um eineinhalb Stunden notwendig. Um 16.30 Uhr ist dann dieWeltabrüstungskonferen; unter Teilnahme der Vertretungen von 64 Staaten im „Batiment electoral" eröffnet worden, in dem sonst die alljährliche Vollversammlung des Völkerbundes zu lagen pflegt.
Bereits stundenlang vor Beginn der Konferenz drängte sich eine tausendkö lige Menge vor dem Eingangsportal. Die Diplomatentribüne und die Tribüne des Publikums waren bis auf den letzten Platz besetzt. In dem großen Konferenzsaal lagerte eine Stimmung gespannter Erregung. Die Ereignisse im Fernen Osten warfen einen ernsten Schatten auf den Beginn der Konferenz, die im allgemeinen Bewußtsein immer mehr zu der entscheidenden Belastungsprobe des Böl- kerbundes wird.
Die Abordnungen sitzen in alphabetischer Reihenfolge, in der ersten Bank, unmittelbar vor der Präsidententribüne, die deutsche. Ein ungewöhnliches Bild, diese Konferenzeröffnung, eine noch nie dagewesene Ansammlung von verantwortlichen Staatsmännern, Diplomaten, hohen Militärs, Politikern, dazu Neugierige aus aller Herren Länder.
Der vom Völkerbundsrat ernannte Präsident der Ab- >MiunaLküuLMM^^D^MMMMMtM^ K^MHHtüiHes yen* bersfffO><n^ 14.30 Uhr auf den Präsidenten- sitz. Henderson spricht englisch, die wichtigsten Teile seiner Rede stark unterstreichend. Seine klare, deutliche Stimme, der man die Erregung sehr anmerkt, durchgingt den lautlosen Saal. Henderson erklärt die Abrüstungskonferenz für eröffnet. . _
henderson
führt in seiner Eröffnungsrede folgendes aus: Der Völkerbundsrat hat im Jahre 1930 die Einberufung der Weltabrüstungskonferenz beschlossen. Die Konferenz steht vor der tragischen Tatsache, daß im Augenblick der Eröffnung ihrer Arbeiten im Fernen Osten eine außerordentlich schwierige Lage entstanden ist. Es ist eine imperative Pflicht für die Unterzeichnerstaaten des Völkerbundspaktes und des Kel- loggpaktes, sich an die genaue Einhaltung dieser beiden großen Sicherheiten und Garantien gegen Krieg und Gewalt zu halten.
Eine geschichtliche Stunde hat geschlagen. Die Konferenz ist einzigartig in ihrer Bedeutung und umfaßt die Vertreter des Völkerbundes und der außerhalb des Völkerbundes stehenden Staaten. Hier sind nunmehr die Wortführer von 1700 Millionen Menschen versammelt. Kein menschliches Wesen, sei es in den großen Industriezentren, in den Wüsten Afrikas oder in den Dschungeln des Ostens, in den Eisregionen der Arktis, das nicht hier durch einen Wortführer vertreten ist.
Niemals hat es noch eine Konferenz in der Geschichte gegeben, die eine dringendere und für die Menschheit wohltuendere Aufgabe hat als diese. Die Konferenz hat Fragen aller Nationen und aller Klaffen der Welt zu behandeln Ueber die Schwierigkeiten darf man sich keinen Illusionen hingeben. Wir müssen den festen Entschluß zeigen, diese Schwierigkeiten zu überwinden und Wege zu schaffen, neue glorreiche Ausblicke der Menschheit zu eröffnen. Die Konferenz beginnt ohne eine feste Tagesordnung. Die Aufgabe der Konferenz umfaßt nach meiner Auffassung folgende
drei Punkte:
1. Ein gemeinsames Abkommen über ein wirksames Programm praktischer Vorschläge, um so schnell wie möglich eine wesentliche Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen aller Länder zu erreichen.
2. Keinerlei Rüstungen außerhalb des jetzt festzusehen- den Rahmens des Vertrages, durch den sich alle Rationen verpflichten, das große Ziel der allgemeinen Abrüstung zu erreichen.
3. Sicherung der weiteren Arbeiten, um das endgültige Ziel zu erreichen auf dem Wege ähnlicher Konferenzen, die in kurzen Zeitabschnitten zusammentrelen sollen.
Es kann nicht aeleugnet werden, daß die Furcht der Nationen vor Angriffen einer der Gründe für die Aufrechterhaltung der schweren Rüstungen in der Welt war. Dennoch bedeutet das Bestehen von Rüstungen eine der Hauptursachen der gegenseitigen Furcht und des Argwohns, die das internationale Leben vergiften, den Willen zum Frieden paralysieren und die Nationen immer wieder in das Wettrüsten schleudern.
Die moderne Geschichte kennt genug Beispiele der 3rr- tümlichkeil der Auffassung, daß die Sicherheit einer Ration in direktem Verhältnis zu der Stärke ihrer
i Rüstungen steht. _ . ^
Es ist daher nicht verwunderlich, daß die gegenwärtige Generation immer argwöhnischer gegenüber dem sogenannten bewaffneten Frieden wird, der bisher die einzige Garantie gegen den Krieg war. Immer stärker ist die Erkenntnis im Wachsen, daß es keine größere und sichere Bedrohung des Friedens und der Sicherheit gibt, als die Aufrechterhaltung der außergewöhnlichen Rüstungen. Es ist nicht notwendig, die Grauen eines künftigen Krieges zu beschreiben. Die Welt sehnt sich heute nach einem endgültigen Fortschritt auf dem Wege der allgemeinen Abrüstung. Aber das Empfinden für die Unsicherheit hat bisher fortgesetzt zu neuen Rüstungen geführt und das Anwachsen der Rüstungen führte seinerseits wieder zu einem fortgesetzten Anwachsen des Empfindens der Unsicherheit. Dieser Zirkelschluß'muß jetzt unterbrochen werden. Die überbürdeten Nationen haben bisher keinen anderen Ausweg gewußt, als den öffentlichen Konflikt. Dieser Tatbestand muß jetzt klar erkannt werden. Aus diesem Grunde ist die Abrüstung einer der Hauptteile des Völkerbundspaktes geworden.
Die Mitglieder des Völkerbundes haben sich im Artikel acht des Völkerbundspaktes verpflichtet, daß die Aufrechterhaltung des Friedens eine Herabsetzung der nationalen Rüstungen zu dem niedrigsten Punkte fordert, der mit der nationalen Sicherheit vereinbar ist und mit gemeinsamem Vorgehen die internationalen Verpflichtungen zu stärken. Diese Verpflichtung bleibt weiter auf allen Mitgliedern des Völkerbundes lasten und jeder einzelne muß jetzt versuchen, den Völkerbund von dieser Verpflichtung zu befreien.
eirren-rmgen historischen Ueberblick über das bisherige Verhalten des Völkerbundes auf dem Gebiete der Abrüstung, schildert die Verhandlungen der Völkerbundsoersammlungen, des Völkerbundsrates und des Vorbereitenden Abrüstungsausschusses, die verschiedenen Versuche, auf dem Gebiete der Schiedsgerichtsbar- keit zu einer allgemeinen Regelung zu gelangen und weist insbesondere auf die Arbeiten des Vorbereitenden Abrüstungsausschusses hin, an dem auch die im Völkerbund nicht vertretenen Staaten teilgenommen haben.
Die Völkerbundsversammlung hat bereits versucht, den Kellovovakt und den Völkerbundspakt anscheinend in Uebereinstimmung zu bringen. Gewisse Staaten werden jedoch immer wieder auf den engen. Zusammenhang zwischen Sicherheit und Abrüstung Hinweisen. Aus diesem Grunde wurde ausdrücklich von gewissen Seiten gefordert, daß die Bestimmungen des Kellogg-Paktes in den Völkerbundspakt ausgenommen würden. Die gegenwärtige Konferenz wird sich daher ausdrücklich mit diesem Problem eingehend zu beschäftigen haben. Henderson schildert sodann die Verhandlungen zwischen den großen Flottenmächten. die Ergebnisse der Washingtoner Konferenzen von 1921 und 1922 bis zum Bruch der Dreimächte-Konferenz von 1927, die Ergebnisse der Londoner Konferenz von 1930, in denen die Großmächte versucht haben, in gemeinsamer Uebereinstimmung eine Flot- tenabrüstung zu erreichen. Henderson schloß:
Die Abrüstungskonferenz muß jetzt die endgültigen Zah. len für die Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen bestimmen. Die Welt verlangt die Abrüstung. Die Welt braucht Abrüstung. Die Konferenz hat es in ihrer Macht, das Schicksal der Weltgeschichte zu bestimmen.
Die Augen der ganzen Menschheit sind heute auf diese Konferenz gerichtet. Ich lehne es ab, die Möglichkeit eines Zu- sammenbruches der Konferenz in Erwägung zu ziehen. Niemand kann sagen, welche Folgen ein Zusammenbruch haben würde. Eines steht aber fest: Die Welt würde dann von neuem in den vernichtenden Wettstreit der Rüstungen hin- eingerissen werden, Dies ist die Alternative, vor der die Konferenz jetzt steht. Seien wir bereit, diese Aufgabe zu lösen.
Gegenwärtig kann es nur eine Gleichheit der Rechte für jede Ration in der von uns gebauten freien Gesellschaft der Völker geben. Es kann nur die Brüderlichkeit aller Völker geben, die in Zukunft nicht mehr Feinde, sondern treue Freunde sein werden. Es kann jetzt nur die Freiheil für jedes Volk geben, fein Leben ohne Furcht vor Ungleichheit, vor Bedrückung oder Krieg leben zu können. Läßt uns die große uns auferlegte Aufgabe in Angriff nehmen, laßt uns Entscheidungen fällen und die Rationen den ersehnten Höhen entgegenführen.
Der Eindruck von Hendersons Rede
Genf. Die Rede Hendersons in der Eröffnungssitzung der Abrüstungskonferenz hat im allgemeinen recht günstig gewirkt. Tendenziöse Ausstreuungen, daß der ehemalige britische Außenminister den Entwurf seiner Rede auf eine Intervention des Generalsekretärs des Völkerbundes hin an entscheidenden Stellen geändert haben soll, haben Befremden heroorgerufen. Die Meldungen über einen Konflikt zwischen dem Generalsekretär des Völkerbundes und Henderson sind ebenso wie die Meldung über eine Zensur der Rede durch den Generalsekretär, wie uns aufs Bestimmteste erklärt wird, aus der Luft gegriffen-
Reichstag am 16. Februar?
Berlin, 3. Februar
In parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß der Reichstag voraussichtlich am Dienstag, den 16. Februar, zu- sammenirelen wird, um zunächst den Termin für die Wahl des Reichspräsidenten festzusetzen.
Der Reichstag wird dann zu entscheiden haben, ob er sofort in eine große außen- und innenpolitische Aussprache eintreten oder ob er sich zu dem bisher dafür vorgesehenen Termin, den 23. Februar, wieder vertagen will. In Regie- rungskreisen scheint der Wunsch vorzuherrschen, daß der Reichstag überhaupt erst am 23. Febr ar einberufen wird. Die endgültige Entscheidung über den Termin des Zusammentritts wird vom Aeltestenrat geprüft werden, der voraussichtlich Ende dieser Woche sich versammeln wird.
Die llnterzeichnungslislen des Hindenburg-Ausschusses.
Berlin, 3. Februar
Der Hindenburg-Ausschuß teilt mit: „Der unter Führung von Oberbürgermeister Dr. Sahm-Berlin als Vertrauensmann und Reichsgerichtspräsident a. D. Dr. Simons als Stellvertreter stehende Ausschuß zu dem Wahlvorschlag Hindenburg hat die Unterzeichnungslisten für den Wahloorschlag versandt. Staatsbürger und Staatsbürge- rinnenkonner^urä^Ein^bLLD^^^M,Mi^" den Wahi- vorschlag unterstützen, vorausgesetzt, daß sie am Tage der Abgabe der Unterschrift stimmberechtigt zum Reichstag sind.'
Erforderlich ist die eigenhändige Unterschrift. Stellvertretung bei Abgabe der Unterschrift ist ausgeschlossen. Die Unterschrift muß leserlich sein, Vor- und Zuname enthalten, und durch Hinzufügung des Standes oder des Berufes und Angabe der Wohnung so deutlich gekennzeichnet sein, daß der Gemeindebehörde die Ausstellung der Bescheinigung über die Stimmberechtigung der Unterzeichner ermöglicht wird.
Eine nationalsozialistische Aeußerung
Die nationalsozialistische Parteikorrespondenz nimmt unter der Ueberschrift „Die Stunde des jungen Deutschland" zur Frage der Reichspräsidentenwahl Stellung und schreibt u. a.: Die Situation liege so völlig klar, daß nur Böswilligkeit oder hoffnungslose politische Blindheit sie nicht zu erkennen vermöge. Das moralische Recht und die innerpolitische Kraft, den deutschen Reichspräsidenten der nächsten i sieben Jahre auf den Schild zu heben, habe allein die nationalsozialistische Freiheitsbewegung, die das Schicksal Deutschlands geworden sei. Das sei die Meinung des deutschen Volkes, und dieser Stimme des Volkes werde die nationalsozialistische Bewegung Geltung verschaffen.
Sie werde auch den Kampf in der politisch entscheidenden Stunde der Präsidentenwahl nicht scheuen, wenn das Interesse der Nation es erfordere. Welche Wendung die vom Sahm-Ausschuß zu verantwortende Situation auch immer nehmen möge: Ueber den Ausgang dieses Kampfes möge man sich keiner Täuschung hingeben. Mit den Nationalsozialisten werde das ganze nationale und soziale Deutschland marschieren, wenn es zur Entscheidung gerufen werde.
Mtimo-Aurweis der Reichrbant
Berlin, 3. Februar.
Die Belastung der Reichsbank zum Ultimo war mit 306 Millionen Steigerung der gesamten Kapitalsanlage ver- . Hälknismäßig gering. Der Notenumlauf stieg nur um 209 Millionen. Der Gold- und Devisenschwund geht aber weiter. An Gold verlor die Reichsbank 8,5 und an deckungs- fähigen Devisen 6,2 Millionen. Das Deckungsverhältnis ist infolgedessen von 26,4 auf 24,8 v. H. zurückgegangen.
Aiir!8ndische Gliiiibigersront
in der Tributfrage gegenüber Deutschland?
Genf, 3. Februar
Von zuverlässiger ausländischer Seite wird mitgeteilt, daß die Verschiebung der Reise des englischen Außenministers Simon nach Genf auf die bisher noch nicht erzielte Einigung in der Tributfrage zurückzuführen fei. Die Ver- chandlungen über die Reparationsfrage würden zur Zeit mit größtem Nachdruck zwischen den europäischen Hauptstädten fortgeführt.
Sollte sich bis Anfang nächster Woche die Grundlage ' einer Einigung abzeichnen, so sollen die Außenminister von i England, Frankreich, Italien und Belgien in Genf zusam- I mentreten, um die grundsätzlichen Vereinbarungen festzu- legen und ein Uebereinkommen auszuarbeiten. Die deutsche Regierung soll sodann eingeladen werden, mit den vier Haupkgläubigermächten Deutschlands zu einer Konferenz in Genf zusammenzutreten, um eine endgültige Lösung in der Tributfrage zu finden.