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Hersfel-erTageblatt

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdrucker«» in Hersfelb, Mitglied deS VDIV.

Nr. 56

Montag, den 7. März 1932

82. Jahrgang

Unüberbrückbare Gegensätze

Frankreich sichert seine Vormachtstellung Gegen Gleichberechtigung Deutschlands

Aufmarsch der Kampffronten

Aufbau oder Chaos?

Königsberg. In einer von der Staatspartei veranstal- teten sehr stark besuchten Kundgebung zur Reichspräsidenten­wahl sprach am Sonntag Reichsfinanzminister Dietrich überAufbau oder Chaos?, Hindenburg oder Hitler?": Es scheine, als ob so etwas wie Aufwachen durch das Volk gehe, und daß namentlich auch die rechts von uns stehenden Elemente die ungeheure Gefahr des Rechtsradikalis- m u s begreifen und sich gegen ihn wenden, wie es Reden des deutschnationalen Kandidaten erkennen lassen.

Die Schwierigkeiten in der Politik der Nachkriegszeit seien auf den Weltkrieg, der Ursache alles Uebels, zurückzu- führen. Daher die Tatfache, daß der Kampf um die Repa­rationen und internationale Schuldenzahlung im Vorder­grund siehe.

Die innerwirtschaftlichen Schwierigkeiten beruhen dar­aus, daß man uns nach dem verlorenen Krieg alles Au.lands- vermögen weggenommen und uns mit ungeheuren Lasten be-

Der Minister wandle sich gegen eine künstliche Ueber­treibung der Deflation, gegen eine weitere Kürzung von Gehältern und Löhnen. Ebenso könne man weder die Kriegs­opfer, noch die Arbeitslosen im Stich lassen.

H i n d e n b u r g, so schloß der Minister, ist das Symbol der deutschen Einheit. Als 1918 das deutsche Staatsschiff unterzugehen drohte, blieb er auf der Kommandobrücke, die er auch jetzt nicht verlassen wird, weil Gefahr im Verzüge ist. Folgen alle seinem Beispiel, so werden am 13. März die Na­tionalsozialisten geschlagen werden und Hindenburg wird siegen!

*

Ludwigshafen. Reichsverkehrsminister T r e viranus Esrie auf einer Hinden-tmrg-Kundgebung in Ludwigshafen, die ernsteste Frage der deutschen Zukunft, der Aufbau eines gesunden Organismus der Staatsführung, drohe durch einen ungeheuerlichen Mißbrauch der Worte zu einem Parteischlag­wort zu werden, das die Wahrheit vernebele. Deutschland hat das Glück, in dieser zerrissenen Zeit in Hindenburg ein Staatsoberhaupt zu haben, das allen Parteien und ihren Programmen fern steht. Ist es möglich, in einer Lage, in der Deutschlands Kräfte bis aufs Aeußerste angespannt wer­den müssen, um einigermaßen Heil über den Berg der näch­sten Zukunft zu kommen, zugunsten von Parteien auf die moralische Stütze zu verzichten, die ein Hindenburg an der Spitze des Reiches bedeutet?

Am 13. März geht es nicht um Abrechnung mit innen­politischen Gegnern, um Leben oder Tod einer Partei, son­dern um ein Stück deutscher Geschichte.

Hitler in Weimar

Weimar. Am Sonntag mittag waren etwa 7000 thü­ringische S.-A.-Mannschaften der NSDAP. auf dem Markt­platz in Weimar aufmarschiert zu einer Wahlkundgebung für den Parteiführer Adolf Hitler . Die Ansprache Hitlers war kurz. Hitler sprach von den Folgen eines 13 Jahre lang herrschenden Systems, dessen Mißerfolge sich heute überall bemerkbar machten. Der nächste Sonntag müsse zu einem Sieg der Nationalsozialisten werden und das Gericht bringen über das bestehende Svstem.

Ein deutscher Reichsminister (gemeint ist Reichsminister Dr. G r o e n e r, d. Red.) habe an ihn die Frage gerichtet, wie denn eigentlich das nationalsozialistische Programm be­schaffen fei.

Dreizehn Jahre lang habe also ein an verantwortungs­vollster Stelle in Deutschland stehender Mann noch nicht Ge­legenheit gefunden, sich mit dem nationalsozialistischen Pro­gramm vertraut zu machen.

In kurzer Zeit dürften sich diese Herren klar darüber sein, daß sie nun keine Zeit mehr haben werden, das natio­nalsozialistische Programm zu lesen, vielmehr sei es jetzt Zeit, daß sie verschwinden.

Dafür würden die Nationalsozialisten ihr Programm verwirklichen.Wir sind", so kündigte Hitler unter lauten Heil-Rufen an,bereit, zum Gerichtstag anzutreten. Der 13. März soll ein Gerichtstag in der deutschen Geschichte wer­den. Den Kampf gegen Hindenburg habe er nicht gWöltt. Nachdem aber die Sozialdemokratie und das Zentrum sich hinter Hindenburg gestellt hätten, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als auch gegen ihn den Kampf aufzunehmen«

Getrennt marschieren...

vereint schlagen?

Meseritz. In einer Kundgebung des Kampfblockes Schwarz-weiß-rot zur Reichspräsidentenwahl erklärte Oberst? leutnant a. D. Duesterberg über seine Kandidatur:

Nachdem alle Verhandlungen mit Hitler gescheitert seien, müsse die harzburger Front jetzt in zwei Kolonnen vorgehen. Er habe die feste Hoffnung, daß nach dem ersten Wahlgang die Möglichkeit vorhanden sein werde, eine Einigung herbel- zuführen.

Im weiteren Verlauf seiner Rede fordert« Duesterbera für die Jugend das A r b e i t s d i« n st j a h r, das allein eini richtige Erziehung im staatsbejahenden Sinne gewährleiste.

Die Eiserne Front

Berlin. Am Sonntag fand im Lustgarten eine große Kundgebung der Eisernen Front statt. Ueber dem Platz kreuzten vier Flieger mit der AufschriftHindenburg".

Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutsch- lands, Otto Wels, erklärte in feiner Rede:

»Wir haben Hindenburg niemals deutsche Treue geschwo- ren. Wir tun es auch jetzt nicht. Wir haben in ihm niemals unseren Führer gesehen, und tun es auch jetzt nicht. Aber wir sgaen: Dieser Mann mit seinen 84 Jahren setzt seine ganze Person für die Sache ein und stellt sich denen entgegen, die Deutschland verderben wollen."

Vorbeugen fei die Parole: deshalb müsse der Republi­kaner für Hmdenburg stimmen, um den Faschismus entschei­dend zu schlagen.

Ein Todesopfer

Berlin. Zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten kam es am Sonntag an mehreren Stellen der Stadt zu Zu­sammenstößen. Dabei wurde ein nationalsozialistischer Flug­blattverteiler durch einen Kopfschutz getötet.

ISO Festnahmen

Die Polizei hat 180 Personen, die vor allem der NSDAP. und der KPD. angehören, festgenommen. Bisher ist nur ein kleiner Teil von ihnen wieder entlassen worden. Die mei­sten von ihnen werden sich wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Ruhestörung zu verantworten haben.

Neue japanische Angriffe?

Paris, 7. März.

Die Agentur Judopacifique meldet aus Schanghai, da« nach chinesisch«,Aachrichren ^Panische Truppen im Ab­schnitt NamsiangKlatingTaltsang weitere Angriffe un- lernehmen, und daß japanische Flugzeuge über Kimtschau und Sutschan kreisten. Die Chinesen sind wegen der japa­nischen Truppenbewegungen beunruhigt.

Wie das Kri«gsminist«rium in Tokio erklärt, sei der Befehl zur Entschendung von Verstärkungen noch nicht wider­rufen worden, weil die Absichten der Chinesen noch nicht klar zutage lägen. Von japanischer Seite werden die bei den letzten Kämpfen erlittenen Verluste der Chinesen aus 7000 Tote und 3000 Verwundete geschäht.

Schanghai. Der Zentralexekutivausschuß der Kuomin­tang beschloß, Loyang zur zweiten Hauptstadt Chinas mit den gleichen Rechten wie Nanking zu er­klären, und zwar unter dem Namen Hsiching, den diese Stadt unter der Dynastie der Tang mehrere Jahrhunderte vor Christi trug.

Favan schärt den Brand

Die gespannten russisch-japanischen Beziehungen.

Moskau, 6. März.

DiePrawda" beschäftigt sich ausführlich mit den sowjetrussisch-japanischen Beziehungen. Sie weist darauf hin, daß in der rußlandfeindlichen Bewegung in Japan nicht nur die Meinung eines einzelnen Generals oder Po­litikers sondern der gesamten japanischen Militärpartei zum Ausdruck komme, die an einen Zusammenstoß mit Ruß­land denke.

In den Händen der russischen Regierung befänden sich drei Schriftstücke von einer führenden Persönlichkeit des japanischen Militärkreises, aus denen zu ersehen sei, daß die japanische Militärpartei 1. dringend einen krieg mit Rußland verlange, in dem russische Gebiete, darunter das Baikal-Gebiet und das Küstengebiet von Wladiwostok, durch Japan annektiert werden solle, 2. die Kolonisierung der sibi- rischen Gebiete durch die japanische Armee anstrebe und 3. militärische Maßnahmen vorschlage, die geeignet seien, einen Konflikt mit Sowjetruhland hervorrufen, der zum Kriege führen müsse.

In diesem letzteren Schriftstück äußere ein Vertreter des japanischen Generalstabes, daß, wenn Rußland in einen Krieg mit Japan gerate, es nicht nur von außen, sondern auch von den oppositionellen Elementen im Innern Ruß­lands, die dem Sowjetregime feindlich gesonnen seien,^ an- gegriffen werden würde. ^ ' *** *

Japans Argumente

Opposition der kleinen Staaten?

Genf. In der Sonnabend-Debatte des Völkerbundes wurde von verschiedenen Staaten als bedauerlich angesehen, daß Japan die Frage des chinesischen Boykotts nicht vor den Völkerbund gebracht hat. Der Völkerbund müsse sich immer bewußt sein, daß er bei seinem jetzigen Vorgehen Prazedenz- fälle schaffe. . , .

Der Vertreter Uruguays nahm mit großer Entschieden- Heit gegen die japanischen Argumente Stellung und erklärte, die kleinen Staaten hätten im Völkerbund nichts zu suchen, wenn die Erwägungen des materiellen Interesses den Grund­sätzen des Rechtes vorgipgey.

Tardieus Großangriff

Gegen die deutsche Forderung auf Gleichberechtigung.

Paris, 6. März

Der französische Ministerpräsident Tardieu hat im Aus­wärtigen Ausschuß der Kammer eine große außenpolitische Rede gehalten, in der er erneut erklärte, Frankreich kenne keine Rüslungseinschränkung ohne die Organisierung des Friedens. Es werde weder einer allgemeinen Abrüstung zustimmen noch einen Ausgleich der sichtbaren Bewaffnung annehmen, der geradezu einePrämie auf den Betrug" so­wohl hinsichtlich der Anzahl wie desKriegspolentiels" darstellen würde. Niemals, ganz gleich unter welchen Am- ständen oder Vorwänden, könne von der Wiederaufrüstung eines Landes die Rede sein.

Dieser Angriff auf die deutsche Gleichberechtigungs- forderung wird von der Presse lebhaft besprochen. Heroor- zuheben ist die Kritik des radikalen Abgeordneten Ber- gery imOeuvre". Bergery schreibt: Im Verlaufe seiner Ausführungen ist der Ministerpräsident auf zwei Fragen eingegangen, die meiner Ansicht nach von großer Bedeu­tung sind. Als ich am 23. Februar interpellierte und er­klärte, daß Tardieus Abrüftungsplan bei dem gegenwärti­gen Sicherheitsstand die Rüstungseinschränkung billige, aber nicht die geringste Spur von einer Rüstungseinschrän­kung vorsehe, hatte der Ministerpräsident zuerst:Aber doch!" geantwortet, jedoch später zugegeben, daß ein Miß­verständnis vorliege und daß er sich, wenn die in dem Plan vorgesehene Sicherheitsorganisation nicht geschaffen werde, 1 gegen jede Rüstungsherabsetzuna sträuben würde. Ich habe außerdem gestern die Aufmerksamkeit Tardieus auf eine Stelle in einem Artikel desEcho de Paris" vom 1. Februar gelenkt. Bergery zitiert dann diesen Artikel,,-m dem der ÄußenpMttiker des"Echo de Paris" die Meinung äußert, daß man vor der Frage stehe, entweder zu wählen zwischen einer Schwächung der französischen Armee, um damit die Zustimmung Deutschlands zu den Abrüstungsklauseln zu erlangen, oder das französische Heer so zu verstärken, daß man Deutschland einen größeren Rüstungs- spielraum gewähren könne. Ich habe, so bemerkt Ber­gery hierzu, auf die Gefahr einer derartigen Behauptung hingewiesen, die die öffentliche Meinung auf die Aufrüstung Deutschlands vorbereite, und gefragt, ob dieser Artikel die Ansicht der Regierung widerspiegele. Tardieu hat mir ge­antwortet, daß die Regierung mit diesem Artikel in keiner Weise einverstanden sei und daß sie auf keinen Fall die Stärkung der Rüstungen irgendeiner Macht auf einer Konferenz zulassen würde, deren Ziel die Abrüstung sei.

Bergery ist der Ansicht, daß dasEcho de Paris" die Folgen der Haltung der französischen Regierung in Genf richtig beurteilt, daß nämlich, wenn man die bisher befolgte Politik, namentlich, was die Erweiterung des Schiedsge­richtsverfahrens anlange, nicht völlig umstoße, der Plan eines internationalen Heeres ein Luftschloß sei, daß Tardieu aber in diesem Fall jede Abrüstung verleugnen wolle und daß man dann vor der Aufrüstung Deutschlands stehe. Ueber die Folgen könne man sich nicht täuschen.

Keine Spitze gegen Deutschland

Französische Denkschrift über die Donauhilfe.

Berlin, 7. März.

Frankreich hat im Auswärtigen Amt eine Denkschrift über seine Absichten betreffend Hilfsmaßnahmen für die Do­nauländer überreicht. Es handelt sich um Erwägungen der französischen Regierung über die Möglichkeiten einer Ueber- Windung der im Südosten Europas bestehenden wirtschaft­lichen Notlage. Die Denkschrift geht ebenso wie die deut- schen Erwägungen von den Vorarbeiten des Finanzaus­schusses des Völkerbundes aus und wurde auch den anderen interessierten Großmächten überreicht. Es bandelt fid) nicht um einen fertigen Vorschlag, sondern stellt Betrachtungen dar über die einzuschlagenden Wege und über die gegebenen Möglichkeiten. Der französische Botschafter brächte den Wunsch seiner Regierung zum Ausdruck, daß sich Deutschland an den Arbeiten zur Herbeiführung einer besseren wirtschaft­lichen Organisation für den Südosten Europas beteiligt.

Die Tschechoslowakei ist der Ansicht, daß es sich bei dieser wirtschaftlichen Zusammenarbeit nur um ein freiwilliges Ab­kommen der fünf mitteleuropäischen Staaten handelt, also eine gewisse Art von Präferenzsystem. Die Minister der Kleinen Entente erklärten, daß in diesen Fragen völlig« Uebereinstimmung unter ihnen bestehe.

In Wien verlautet, daß das Regi«rungskommuniquö über den Schritt des französischen Gesandten in eindeutiger Weise den Befürchtungen entgegen tritt, daß die von Tardieu in Genf eingeleitete Aktion gegen oder ohne Deutschland ge­dacht war. Es ist eindeutig festgestellt, daß es der französischen Regierung fernlag, die Besprechungen über den konstruktiven Plan zum Wiederaufbau der notleidenden mitteleuropäischen wirtschaften ohne Deutschland durchzuführen. Im Vorder­grund der Lösung-möglichkeiten steht die Schaffung von Vor- zugszöllen.