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Fernsprecher Nr. 608. ' b Amtlicher Anzeiger für von Kreis Hersfelö in SeräfeV^ttgl^
Nr. 63
Dienstag, den 15. Mär; 1932
52. Jahrgang
Der Kampf geht weiter
Hindenburg und Hitler kandidieren im zweiten Mahlgang, Hugenberg will bei einer Neuwahl des Reichstags auf diesen verzichten
» Neu lins to ™ " 1
Politiker und Parteiführer, Staatsmänner und Bier- bankstrategen sind jetzt eifrig damit beschäftigt, das Ergebnir der Wahl vom 13. März „auszuwerten". Es ist amüsani .und überraschend zugleich festzustellen, wie alle „dieses Ergebnis vorausgesehen haben". In Wirklichkeit sind so ziem lich alle überrascht worden Der Reichskanzler hat noch an Freitag in der großen Berliner Sportpalast-Kundgebunk den Sieg Hindenburgs im ersten Wahlgang prophezeit Hitler war nach Aeußerungen vor Vertretern der Presse davon überzeugt, daß er mehr Stimmen auf sich vereiniger würde als Hindenburg. In deutschnationalen Kreisen rech nete man zwar nicht mit einem Sieg Duesterbergs. aber mi einer starken Zuwanderung von Stimmen aus dem Lage: der Mittelparteien Ganz groß waren die Erwartungen bei Kommunisten, die da hofften, aus der Parole der Sozial- demokratischen Partei für Hindenburg ein gutes Stimmen- geschäft zu machen. Sie sind alle enttäuscht worden. Nur diejenigen, die sich weniger von parteipolitischen Argumenten als von mathematischen Ueberlegungen leiten ließen sind mit ihrem Rechenstift am weitesten gekommen. Dies« hatten ihr Exempel ungefähr so aufgestellt: Die Zahl bei Wähler ist durch die Zahl der Jungwähler auf rund 4t Millionen angewachsen. Da mit 80 bis 85 Prozent Wahlbeteiligung zu rechnen war. kamen sie auf etwa 36 Millionen abgegebene Stimmen. Die Parlamentswahlen nach dem 14 September 1930 zeigten im Durchschnitt einen nationalsozialistischen Stimmenaufschwung bis zu 30 Prozent. Darau- berechnen sich gegenüber den Septemberwahlen rund $ Millionen nationalsozialistische Stimmen. Die noch immei im finnpr her M--el^rteien ha. ein übriges dazu getan, ona,
Auftrieb zu geben. Man rechnete infolgedessen hier mit 1( bis 11 Millionen Stimmen. Von diesem Mehr mußten alsc in erster Linie die sogenannten Hindenburg-Parteien abgeben.
Aber auch diese rein schematische Möglichkeitsrech- nung konnte deshalb nicht zu einem brauchbaren Ergebn» Uhren, weil die verschiedenen Imponderabilien gerade die- er Präsidentenwahl außer Ansatz blieben. Der große Feh er der politischen Parteien lag in erster Linie darin, das man glaubte, die politisch orientierten Wählermassen an ein« bestimmte Parteiparole binden zu können. Das ist schor deshalb nicht möglich, weil gerade die Parteimenschen fid mehr vom Gefühl als von politischer oder gar parteitaktischei Ueberlegung leiten lassen. Die Grenzen parteipolitischer Einstellung sind in den Wählerkreisen nicht scharf abgesteckt. Sie fließen ineinander über und machen deshalb jede Voraus berechnung unmöglich. Auf jeden Fall müßten aber die Parteien, gleich in welchem Lager sie stehen, die eine Lehn aus der Präsidentenwahl ziehen, daß auch die lauteste P r o p a g a n d a und die heftigste F l u g b l a t t- und P l a katsch lacht nicht in der Lage sind, den Wähler über die tatsächliche politische Lage hinwegzutäuschen. Die Präsiden tenwahl war vor allem nicht dazu geeignet, die Parteifronten neu zu formieren. Dazu lag die politische Linie nicht klar genug, während andererseits die zur Wahl gestellten Kandidaten in ihrer Programmentwicklung für die Präsidentschaft so grundverschiedene Temperamente entwickelt haben, daß der Wähler zu klarer Ueberlegung angeregt wurde
Eines wird man aus dem Ergebnis der Präsidenten wähl mit Genugtuung feststellen dürfen: Die Gefahr einer kommunistischen Hochflut scheint gebannt. Wie weit sich diese Neuorientierung der Wählerschaft auch nach rechts fort« setzt, das kann erst durch die nächste Parlamentswahl, in erster Linie durch die Preußenwahl am -7. April festgestellt werden. Das Stimmenergebnis der Nationalsozialisten läßt heute noch keine endgültige Schlußfolgerungen zu, wie auch die 18 Millionen Hindenburg-Stimmen für die Kräftever- schiebung innerhalb der einzelnen Parteien keinerlei Schlußfolgerungen erlauben. Nur eines steht fest, die Umgrup- p i e r u n g der Parteien ist n o ch n i ch t a b g e s ch l o s s e n Sie ist es um so weniger, nachdem aus dem Herzen des Volkes heraus sich immer stärker ein nationaler Willen gestaltet hat, der Anspruch erhebt auf eine Durchblutung unserer Innen- wie Außenpolitik mit nationalem Geist und nationaler Kraft. Ein solcher Wille ist um so notwendiger, nachdem das Ausland in den Nachkriegsjahren bei allen Zumutungen an Deutschland auf die politische Zerrissenheit und die n a t i o n a l e Gleichgültigkeit des deutschen Volkes spekuliert hat. Solange sich in Deutschland ein fester nationaler Wille nicht heraushebt, solange wird das Ausland bestrebt sein, aus deutscher Haut Riemen zu schneiden. Das Ergebnis der Wahl vom 13 März wie überhaupt die innerpolitische Entwicklung in Deutschland in den letzten zwei Jahren dürfte aber dem Ausland mit aller Deutlichkeit zeigen, daß das deutsche Volk sich zu einem natio- nalen Einheits- und Freiheitswillen durchgerungen hat, der entschiedener als bisher unberechtigte Forderungen des Auslandes und Versuche zu dauernder Versklavung zurückweist. Schon das erste Auslandsecho zeigt mit ziemlicher Klarheit, daß man diese neue nationale ©iüensbildung des deutschen Volkes begriffen hat. Das ist ein Erfolg der Hindenburg-Wahl, mit dem das deutsche Volk durchaus zufrieden fein kann.
Das Gesamtergebnis
Der Reichswahlleiter veröffentlicht ein berichtigtes Endergebnis, das folgende Uebersicht gestattet:
1. Duesterberg
2 558 813 Stimmen
2.
3.
4.
Hindenburg Hitler Tbälmann
5. Winter Zersplittert
Zusammen
18 654 244
11 341119
4 982 870
111 492
8 661
37 657 199 Stimmen
Dies Ergebnis bedeutet eine Wahlbeteiligung von ungefähr 87 v. H. Duesterberg erhielt etwa 6,8 v. H., Hindenburg 49,6 v. H., Hitler 30 o. H., Thälmann 13,3 v. H., Winter 0,3 v. H. der abgegebenen Stimmen.
Auftakt zum zweiten Mahlgang
Hitler kündigt seine erneute Kandidatur an.
Berlin, 15. März.
Die Frage, die sich jetzt nach dem ersten Mahlgang für die Reichspräsidentschaft ergibt, ist die, welcher Sammelkan- didat hindenburg von den Rechtsparteien entgegengestellt werden soll. Hitler scheint nach einer Kundgebung an die Mitglieder seiner Partei gewillt zu sein, auch für den zweiten Wahlgang zu kandidieren. Lr fordert dazu auf,
Er
sich auf das Gebot der Stunde besinnen“, wodurch es möglich werden müßte, „die wenigen Millionen fehlender Volksgenossen aus der widernatürlichen Front der Wähler her- auszubrechen und der NSDAP. zuzuführen".
Diese Erklärung ist offenbar ohne Fühlungnahme mit Hugenberg erfolgt. Denn „Der Montag", ein Blatt Hugenbergs, sagt u. a., „daß die Verhandlungen der nächsten Tage zeigen werden, ob nicht die Möglichkeit einer Einheitskandidatur der nationalen Opposition gegeben ist. Bisher hat sich nur Hugenbergfür diese Einheitskandidatur eingesetzt. Sie ist möglich, wenn die gesamte nationale Front will." Im übrigen macht das Blatt an Hand der Ziffern der Mecklenburg-Stre- litzer Landtagswahlen darauf aufmerksam, daß bei der Reichspräsidentenwahl „ein sehr erheblicher Teil der bürgerlich-nationalen Wähler, die nicht für die Kandidatur Duesterberg eingetreten sind, aber trotzdem von der Politik des Kanzlers nichts wissen wollen", für Hindenburg gestimmt hat. Während Duesterberg dort nur rund 9500 Stimmen aufbrachte, erhielten die Deutschnationalen bei den Landtagswahlen, die bekanntlich zusammen mit den Reichs- Präsidentenwahlen durchgeführt wurden, rund 18 500 Stimmen. Aus dieser Tatsache und auch aus dem Umstand, daß besonders in Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden überwiegend für Hindenburg gestimmt wurde, wird in deutschnationalen Kreisen geschlossen, daß sich bei den Preußen-Wahlen das Ergebnis stark zugunsten der Rechtsparteien verschieben werde. Man zweifelt im übrigen jetzt nach der Gegenüberstellung der für die einzelnen Kandidaten abgegebenen Stimmen bei der Präsidentenwahl nicht daran, daß Hindenburgs W a h l als gesichert anzusehen ist. Die in einigen SA.- Kreisen erörterte Frage, ob praktisch die Möglichkeit bestünde, daß Deutschnationale, Nationalsozialisten und Kommunisten sich auf einen gemeinsamen Kandidaten gegen Hindenburg für den zweiten Wahlgang einigen könnten, wird selbstverständlich weder auf der einen, noch auf anderen Seite ernst genommen.
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Hindenburg befriedigt
Kandidatur auch im zweiten Wahlgang.
Reichspräsident von hindenburg hat auf eine Anfrage der Vereinigten Hindenburg-Ausschüsse erklärt, daß er sich selbstverständlich auch für den zweiten Wahlgang zur Verfügung stellen wird.
Der Reichspräsident hat bis Sonntag abend um 11 Uhr laufend die Berichte über die einzelnen Ergebnisse der Wahl angehört und sich dann zur Ruhe begeben. Montag früh um 6.30 Uhr wurde dem Reichspräsidenten das endügltig« Ergebnis mitgeteilt, über das er sich sehr befriedig! äußerte.
Kundgebung der Hindendurg-Ausfchüffe
Die Hauptgeschäftsstelle der Hindenburg-Ausschüsse erläßt eine Kundgebung, in der es heißt:
„Das Wahlergebnis hat die Erwartungen der Hinden- burgausschüsie voll gerechtfertigt. Die Sammlung auf nationaler und überparteilicher Grundlage zur Durchsetzung der Kandidatur des Reichspräsidenten von hindenburg ist
i
vom Volke verstanden und gebilligt worden. Ueber die Parteien hinaus, welche die Wahlparole für den Namen hindenburg ausgaben, haben viele Millionen durch ihre Stimme dem Willen Ausdruck gegeben, an der Spitze des Reiches keinen parleimann sondern den bewährten Führer in guten und bösen Tagen zu sehen.
Die Gegner der Kandidatur Hindenburgs sind auf allen Fronten geschlagen. Herr Adolf Hitler hat trotz Aufbietung aller Kräfte einer straff organisierten Partei das von ihm selbst gesteckte Ziel nicht erreicht und ist um fast 7,5 Millionen hinter den für Hindenburg abgegebenen Stimmen zurückgeblieben. Die Kandidatur Duesterbergs hat sich, wie vorauszusehen war, als eine aussichtslose Zählkandidatur erwiesen. Die taktische Absicht, sie zum entscheidenden Faktor in der zweiten Wahl.zu machen, ist gescheitert. Beide Kandidaten der ehemaligen Harzburger Front haben fast fünf Millionen Stimmen weniger erhalten als Hindenburg. Der Sieg des Reichspräsidenten von Hindenburg ist im zweiten Wahlgang sicher. Der gesunde Sinn des deutschen Volkes hat sich trotz allem bewährt.
Bedauerlich bleibt, daß die politische Zersplitterung einen zweiten Wahlgang notwendig macht. Die Hindenburg- Ausschüsse werden auf der alten überparteilichen Grundlage ihre Arbeiten fortsetzen.
Was man in Regierungskreisen meint
Das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl wird in Berliner Regierungskreisen als ein großer persönlicher Erfolg des Reichspräsidenten von Hindenburg bezeichnet. Die Entscheidung für den 10. April sei bereits praktisch gefallen. Hindenburg bleibe Reichspräsident. Es wird weiter darauf hingewiesen, daß Hitler erheblich unter M*H^^ berg abgegebenen Stimmen seien für diese Reichspräsidentenwahl praktisch bedeutungslos. Es habe sich gezeigt, daß die hinter Hindenburg stehenden Parteien ihre Wähler vollständig herangebracht hätten.
Ein Borschlag hugenbergs
Verzicht auf zweiten Wahlgang, wenn Reichstagsneuwahlen
In einem Artikel zu dem Ergebnis der Reichspräsiden- tenwahl schreibt Dr. Hugenberg:
„Die Angst vor Erschütterungen, die etwa mit einem Reichspräsidentenwechsel verknüpft sein könnten, hat ein paar Millionen Wähler, die im Lager der Rationalen Opposition gegen das herrschende System stehen, dazu bewogen, für die Wahl des Feldmarschalls von Hindenburg zum Reichspräsidenten zu stimmen. In der zweiten Wahl entscheidet einfache Mehrheit. Nach Lage der Dinge ist damit zu rechnen, daß der Generalfeldmarschall von Hindenburg gewählt wird. Unter diesen Umständen führt eine Betrachtung, die sich über die Kampfesverbissenheit der Parteien erhebt, zu dem Gedanken, daß unser öffentliches Leben von den vielen Unklarheiten, die uns lähmen, befreit würde, wenn man folgendermaßen vorginge:
Außer den schon vorgesehenen Wahlen zum preußischen, bayerischen, würlkembergischen £ ndtag soll am 8. Mai die Neuwahl des aufzulösenden Reichstages statlfin den. Unter dieser Voraussetzung könnte durch verfassungs- änderndes Reichsgesetz anerkannt werden, daß die Abstimmung vom 13. März die Wirkung eines zweiten Wahlganges der Reichspräsidentenwahl haben soll, daß also die Wiederwahl von Hindenburgs erfolgt ist. Die gesamte nationale Opposition könnte einem solchen Vorschlag zustimmen, denn eine zweite Wahl würde nur hie Bedeutung einer Gegenprobe haben, die auf dem oben vorc schlagenen Wege einfacher, billiger und durchgreifender erreicht werden
Deulschnalionaler Aufruf
Die Deutschnationale Volkspartei erläßt einen Aufruf, in dem es heißt: „Die Ausnutzung der Autorität, die der Name des Feldmarschalls von Hindenburg in Deutschland genießt, die skrupellose Einsetzung der gesamten Machtmittel des Staates einschließlich der Gelder der Steuerzahler für die Parteiinteressen des Systems und die Angst vor Erschütterungen, die Millionen von Wählern im Lager der Nationalen Opposition zur Stimmabgabe für den Feldmar- schall bestimmt hat, täuscht noch einmal einen Erfolg des schwarz-roten Systems vor. Wie wir stets betont haben, sind bei der Reichspräsidentenwahl, einer reinen Personenwahl, die politischen Fronten andere als bei den Wahlen zum Reichstag und zu den Landtagen.
Die Wahlen in Preußen und die Wahlen im Reich, die wir auf Grund der Wahlergebnisse als Ausdruck des Volkswillens fordern, werden das Anwachsen des nationalen Gedankens erneut zeigen und den Zusammenbruch der schwarzroten Koalition besiegeln. Unter diesen Umständen wird der zweite Mahlgang hervorragend unter dem Gesichtspunkt der Preußenwahlen zu führen sein. Unser nächstes großes Kampfziel heißt Preußen. Das Beispiel von Mecklenburg- Strelitz zeigt, daß unser Ziel, die Beseitigung der marxistl- schen Herrschaft, zu erreichen ist, wenn alle Kräfte angespannt werden.