tzersftlöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 71
Donnerstag, den 24. März 1932
82. Jahrgang
Memel unter der Knute
Neuer deutscher Protest wegen der ungesetzlichen Auflösung des Memelländischen Landtags
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Die Erotzbanlenlufion
Danakbank besteht nicht mehr.
. Berlin, 24. März. |
Am Mittwoch fanden die ordentlichen Generalversammlungen der Deutschen Bank und Diskonto-Gesellschaft und der Darmstädter und Ralional-Bank stakt, um die im Zuge der großen Sanrerungsaklion der Beichsbank für die Großbanken durchgeführte Bankenverschmelzung zu bestätigen.
In der Generalversammlung der Dedibank wies Direktor W a.f s e ran a n n auf die Gestaltung des Bankwesens im allgemeinen und die Lage des Instituts im besonderen hin, wobei er heroorhob, daß die Dinge auf dem internationalen Kapitalmarkt in Verbindung mit der Wirtschaftskrise heute viel schlimmer seien als vor Jahresfrist. Das Problem des notwendigen Abbaus der internationalen Verschuldung, das nur in einer Atmosphäre wirtschaftlichen Vertrauens von den «Schuldnern gelöst werden konnte, sei von- den Gläubigern in einer Atmosphäre des Mißtrauens auf- gerollt worden mit der Wirkung, daß es überall zur Verschärfung der Wirtschaftslage, verschiedentlich sogar zu Wäh- rungsschwierigkeiten ernstester Art und in Deutschland schließlich zu der Vankenkrise vom Juli gekommen sei. Er erläuterte dann weiter die Entwicklung der Dinge, die zu der notwendigen Bankenverschmelzung geführt haben, wobei als Hauptgrundsatz aufgestellt wurde, daß das Vertrauen zu den Unternehmungen und zu den Unternehmern wiederher- gestellt werden mußte, wenn nicht eine der Hauptsäulen des kapitalistischen Systems zerbrochen liegenbleiben sollte.
In der außerordentlichen Generalversammlung der Danat-Bank entwickelte Direktor Dr. Goldschmidt die Gründe die zur Bankenfusion geführt haben. Auch für ihn stand der Grundsatz im Vordergrund, daß das Vertrauen wiederhergestellt werden müsse, denn Vertrauen und Erfolg entstünden nur, wenn der einzelne sür die Gesamtheit, ^^ GHOMtztzM rtjrer--’"^ffrr von einzelnen eintritt. Er ' ‘ wies ferner auf die Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaft hin und auf das Fazit des 13. Juli 1931.
In beiden Generalversammlungen kam es zu zum Teil stürmischen Aussprachen, die aber an dem Gesamtergebnis der Abstimmungen nichts zu ändern vermochten. Die Generalversammlung der Deutschen Bank und Diskontogesellschaft genehmigte einstimmig die bekannten Anträge auf Herabsetzung und Wiedererhöhung der Grundkapitals. Die Generalversammlung der Danalbank stimmte ebenfalls nach längerer Aussprache der vorgeschlagenen Herabsetzung des Grundkapitals sowie der Fusion mit der Dresdner Bank in dem vorgeschlagenen Sinne einstimmig zu. Damit hat die Danakbank aufgehört, als selbständiges Unternehmen zu existieren. Sie geht vielmehr restlos in der neuorganisier- ken Dresdner Bank auf.
Der Reichsetat für 1932 Rund eine Milliarde eingefpark.
Berlin, 24. März.
Die Aufstellung des Reichshaushaltsplans für 1932 steht vor dem Abschluß. Es wird noch eine Lhefbesprechung } der einzelnen Reichsministerien notwendig sein, ehe der Etat dem Reichskabinelt zugehen kann. Man kann damit rechnen, daß der Etat des Deutschen Reiches für 1932 in Einnahmen und Ausgaben auf etwa 8 5 Milliarden balancieren wird. Da der Reichshaushaltsplan für 1931 mit rund 9,3 Milliarden angesetzt war, hat das Reich für das neue Rechnungsjahr eine „Preissenkung" um rund eine Milliarde Mk. vollzogen.
Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß bei der Chefbe- sprechung oder bei der nach Ostern stattfindenden Kabinettssitzung über den Etat diese Ziffern noch eine Aenderung erfahren.
Erschreckender Verlehrrriickgans Tagung des Verwaltungsrats der Reichsbahn.
Berlin, 24. März.
Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft trat in Berlin zu einer Tagung zusammen. Er wählte den seit 1926 im Amt befindlichen Generaldirektor Dr.-Jng. e. h. Dorpmüller einstimmig auf weitere drei Jahre zum Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft. Der Herr Reichspräsident hat bereits die Wahl bestätigt.
Die Beratungen über die Finanzen der Reichsbahn ließen den gesteigerten Ernst der Lage erkennen, die sich für die Reichsbahn aus der darniederliegenden deutschen Wirtschaft und der Weltkrise ergibt. Die bisherige Entwicklung der Einnahmen im Januar und Februar 1932 bleibt — mit 42,4 Prozent weniger als in den gleichen Monaten 1929 — noch weit hinter den bisherigen schon sehr ungünstigen Annahmen zurück. 3m Personenverkehr wurden 19,6 Prozent weniger als im gleichen Zeitabschnitt 1931 und 24,5 Prozent weniger als in 1929 vereinnahmt. Roch viel mehr litt der Güterverkehr, bei dem der Rückgang der Einnahmen gegen 1930 über 30 Prozent und gegen 1929 beinahe 50 Prozent ausmachte.
Was wird aus Memel? Deutscher Protest bei den Signatarmächten.
Berlin, 24. März.
Zu der Auflösung des Memelländischen Landtages nimmt man in Berliner politischen Kreisen den Standpunkt ein, daß das litauische Direktorium von vornherein ungesetzlich gewesen ist. Es ist mit der direkten Bestimmung als Kampfdirektorium gebildet worden. Nach dem Memelstatut hätte das Memeldirektorium nach dem Mißtrauensvotum des Memelländischen Landtag abtreten müssen. Auch die Signatarmächte haben in ihrer'Note zum Ausdruck gebracht, daß eine etwa erfolgende Auflösung des Memelländischen Landtages eine Verletzung des Memelstatuts darstellen würde.
Rach Ansicht der politischen Kreise in Berlin ergibt sich aus der jetzigen Situation das folgende: Die Signalarmächlc sind in keiner Weife von der Verantworkung frei. Sie werden 1. den Fall Böttcher zur Entscheidung vor den Haager Gerichtshof bringen. 2. werden sie zu der Auflösung des Memelländischen Landtages und besonders 3. zu dem, was jetzt im Memelgebiet geschieht, Stellung nehmen müssen, um eine ordnungsmäßige Wahl, die am 4. Mai stattfinden soll, sicherzustellen. Sie werden alles tun müssen, um zu verhindern. daß die Wahl durch litauische Maßnahmen verfälscht wird.
Deutschland wird dahin wirken, daß die Kollektionote der Signatarmächte, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß die Maßnhme der Auflösung des Landtages ungesetzlich ist, mit der nötigen Energie durchgeführt wird.
Von deutscher Seite wird eine Demarche sowohl in ' Kowno als auch bei den Signatarmächten gegen die Auflösung des Landtages erfolgen, weil das Direktorium nicht dem Memelstatut gemäß zustande gekommen ist.
In der in Heydekrug erscheinenden „Memelländischen Rundschau" wird ein Aufruf wiedergegeben, der in dem litauischen Arbeiterorgan „Darbininku Balfar" erscheint. Darin heißt es: Litauische Arbeiter, beeilt euch, die memel- ländische Bürgerschaft zu erwerben. Wenn nicht, so werdet ihr nach den Wahlen Fremde im Memellande sein, und die I Deutschen werden über euch herrschen.
Das litauische Blatt betont fernerhin, das neue Direktorium habe eine Paßverordnung erlassen, auf Grund deren alle großlitauischen Arbeiter und Angestellten ohne Verzögerung die memelländische Staatsbürgerschaft erwerben könnten. Das sei außerordentlich wichtig. So könnten sie auch u. a. Arbeitslosenunterstützung gleich den Einheimischen beziehen.
Die „Memelländische Rundschau" bemerkt dazu, die Feststellung sei interessant, daß jetzt das litauische Blatt zu- gebe, daß eine entsprechende Verordnung von Simaikis erlassen sei, wonach jeder Litauer setzt sofort die memelländische Staatsbürgerschaft erwerben könne, während es bisher eines einjährigen Aufenthaltes im Gebiet bedurfte.
Zur Sicherung -es vfterlriedenr
Runderlaß des preußischen Innenministers.
Berlin, 24. März.
Der preußische Minister des Innern hat in einem Runderlaß die Polizeibehörden ■ ur Durchführung der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des inneren Friedens vom 17. 3. 1^32 besonders auf folgende Punkte hingewiesen:
1. In der Zeit vom 20. 3. bis zum 3. 4. 1932 mittags zwölf Uhr sind öffentliche politische Versammlungen somit alle politischen Versammlungen und Auszüge unter freiem Himmel verboten.
2. Für die Zeit des Osterfriedens ist jede Art der öffentlichen Verbreitung von Plakaten, Flugblättern und Flugschriften politischen Inhalts verboten. Diese Bestimmung unterscheidet sich von der entsprechenden Bestimmung über den Weihnachtsfrieden dadurch, daß auch die sogenannte Hauspropaganda getroffen wird.
3. Oeffentliche politische Versammlungen sowie politische Versammlungen und Aufzüge unter freiem Himmel, die nach Ablauf der Osterfriedenszeit stattfinden sollen, dürfen bereits vom 1. 4. 1932 ab öffentlich angekündigt werden.
Ferner weist der Minister des Innern in dem gleichen Runderlaß darauf hin, daß durch die Verordnung vom 17. 3. 1932 die entsprechenden Vorschriften der ersten Notverordnung vom 28. 3. 1931 insofern eine Aenderung erfahren haben, als in Zukunft alle Plakate und Flugblätter politischen Inhalts, ehe sie in irgendeiner Art öffentlich verbreitet werden, der zuständigen Polizeibehörde mindestens 24 Stunden vorher zur Kenntnisnahme vorzulegen sind. Durch die Aenderung der Bestimmungen wird die Vorlagepflicht also auch auf nur für die Hauspropaganda bestimmte Plakate und Flugblätter politischen Inhalts erstreckt.
Zeppelin in Pernambuco
Pernambuco. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist hier Mittwoch um 5.50 Uhr nachmittags (Ortszeit) glatt gelandet.
Zuerst Berftöndisung
M Sackett über die Tribut- und Schuldenfrage.
Paris, 24. März.
Der Berliner amerikanisch« Botschafter Sackett gewährte einem Vertreter des „Temps" eine Unterredung.
Ueber die politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands erklärte Sackett, daß das Reich die augenblicklichen Schwierigkeiten sehr wohl überwinden könne, wenn man ihm die unbedingt notwendigen Kredite zur Verfügung stelle. Die deutsche Frage sei außerdem ein Teil des allgemeinen Pro
blems der wiederaufrichlung Europas.
In der Tribut- und Schuldenfrage wies Botschafter Sackett auf den amerikanischen Standpunkt hin, wonach die europäischen Staaten sich zunächst unter sich einig werden müßten, um auf die Unterstützung Amerikas rechnen zu können. Seiner Auffassung nach sei eine Verständigung zwischen Frankreich und England der Ausgangspunkt für ein allgemeines europäisches Abkommen. Amerika werde erst dann sehen, wie weit es die Durchführung bzw. Verwirklichung eines derartigen Abkommen unterstützen könne. Es sei jedoch unmöglich, schon vorher irgendwelche Verpflichtungen zu übernehmen. Außerdem würde jede amerika- Nische Hilfe nur im Interesse der allgemeinen wirtschaftlichen Wiederbelebung erfolgen.
Amerika werde sich niemals zu Opfern bereit erklären, ' die nur dem einen oder anderen Staate zugute kämen. Die allgemeine Auffassung der amerikanischen Regierung und der amerikanischen Oeffentlichkeit in dieser Frage sei grund- satzlicher Ratur. Er könne deshalb nicht MMtL^LStddllUl- ak^Ote-Mk-iNKuM legenTble'mah in Amerika einer besseren Verständigung zwischen den einzelnen europäischen Ländern beimesse.
Auf die Lausanner Konferenz eingehend, erklärte der Botschafter, daß Amerika sich auf keinen Fall auch nur durch । einen Beobachter vertreten lassen werde. Inzwischen hcklte ! sich seine Regierung auf diplomatischem Wege über die Auffassung der verschiedenen europäischen Regierungen auf dem laufenden. Die Schaffung einer Donauföderation werde von Amerika als eine rein europäische Angelegenheit betrachtet und interessiere dort nur so weit, wie sie sich auf die Handelsverträge beziehe, die Amerika mit den Donaustaaten abgeschlossen habe.
Tardieus Mittel zum Zweck
London, 24. März.
In einer längeren Meldung weist der Variser Korrespondent der „Times" nach, daß Frankreich sie Reutralität oder die wohlwollende Zustimmung Italiens und Deutschlands zu dem Tardieuschen Donauplan hauptsächlich durch politische Druck- bzw. Lockmittel erreichen will: bei Italien durch Zugeständnisse in der Flotten- und der nordasrikani- schen Frage, bei Deutschland durch Entgegenkommen in der Tribut- und Abrüstungsfrage. Bei der Wiederherstellung des Vertrauens zwischen Deutschland und Frankreich könne England eine entscheidende Rolle spielen.
Die Entwicklung, die seit zwei Monaten am Quai d'Orsay begonnen habe, sei jetzt vollendet. Unter Briand sei die französische Politik romantisch gewesen, unter Laval negativ und unter Tardieu habe sie feste, aufbauende Formen angenommen. j
Englisch-irischer Streit und Unterhaus
London. Nach der Erklärung Staatssekretärs Thomas über den englisch-irischen Konflikt kam es im Unterhaus durch Aeußerungen linksradikaler Mitglieder zu erregten Szenen.
Der Abgeordnete B u ch m a n n bezeichnete die Mitteilung Thomas unter lautem Protest der Minister als Kriegserklärung wegen drei Millionen Pfund.
M a x t 0 n fragte, ob die irische Nation in einem Augenblick, wo die Regierungen in fast allen anderen Ländern der Welt mit der Revision von Verträgen und Herabsetzung von Schulden beschäftigt seien, nicht ebensogut behandelt werden solle wie ein auswärtiges Land.
Staatssekretär Thomas erwidert«, daß das Abkommen nur durch Zustimmung von beiden Seiten geändert werden könne. Das Haus brauche keinen Zweifel und feine Befürchtungen über den Standpunkt der britischen Regierung zu hegen.
Diese Erklärung ist am Vormittag in einer Kabinettssitzung erwogen worden. Der Minister wurde ferner im Zu- fammenhang mit dieser Angelegenheit vom König in Audienz empfangen.
In Irland wird die Entwicklung mit großer Spannung beobachtet. De Valera und seine Kabinettsmitglieder hielten eine Sitzung ab, während gleichzeitig der frühere Präsident des Irischen Freistaates, Losgrave, mit seinen früheren Ministern beriet.
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