HersfelöerTageblatt
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Nr. 73
Dienstag, den 29. Mär; 1932
82. Jahrgang
Vergleich in Leipzig
Preußen nimmt den velmittinngsoorschlag des ReichsgerichtsprSfidenten in der Klage der NSDAP an
5ns Handwerk in Not
Von Max Ludwig.
Präsident der Berliner Handwerkskammer.
Zunächst einige Worte über das Handwerk im allgemeinen. Die in früheren Jahren von „wissenschaftlicher" Seite erfolgte Feststellung, daß das Handwerk im Absterben begriffen sei und von der Industrie völlig verdrängt werde, hat sich als unzutreffend erwiesen. Sie wird kaum noch von erklärten Gegnern des Handwerks gewürdigt. Das Handwerl hat sich als lebensfähig erwiesen und kann schon deshalb nicht verschwinden weil es für örtliche und persönlich geartete Bedürfnisse. die durch Massenerzeugung nicht befriedigt werden können, nicht zu entbehren ist. Veränderungen, die durcb dir Wandlung des Bedarfs herbeigeführt wurden, konnten, fein« Lebensfähigkeit nicht unterbinden, auch sind für einige ab- sterbende Handwerkszweige neue erstanden.
Ganz ungeheuer aber leidet das Handwerk unter dei nun schon so lange andauernden Krise, wie sie das deutsch« Handwerk seit dem Dreißigjährigen Kriege nicht erlebt hat In manchen Bezirken sind 80 v H. aller Handwerk s- betriebe infolge gänzlichen Auftragsmangels st i l l g e - legt Im Bezirk der Berliner Kammer macht sich di« Krise besonders durch den dauernden Rückgang beschäftigte! Gesellen bemerkbar, die bemüht, sich eine Existenz zu schaffen, kleine Betriebe eröffnen, die dann bald wieder eim
gehen In der von
ammer zu führenden Handwerks- rolle kommt das zahlenmäßig zum Ausdruck. Wir hatten rund 100 000 veranlagte Betriebe, der Abgang betrug bis vor wenigen Tagen rund 4300 Dementsprechend geht auch die Zahl der Lehrlinge im Kammerbezirk zurück. Am 1. 10. 1930 betrug sie 54 730, am 1. 4. 1931 nur noch 50 1 W
Ist es schwierig, einem Lehrling, der aus dem Betrieb ferner Lehrmeisters wegen Mangels an Arbeit ausscheidet, eine andere Lehrstelle zu verschaffen, da jetzt überall die gleiche Not
herrscht.
Das Berliner Handwerk würde etwas mehr Beschäftigung haben, wenn ihm die Gelegenheit zum Verdienst nichi durch die sogenannte Schwarzarbeit wesentlich geschmälert würde. Welchen Umfang diese angenommen hat, ip weiten Kreisen gar nicht bekannt. Auf unserer Vollversammlung im November vorigen Jahres wurden darübei aus einem einzigen Handwerk geradezu erschütternde Mitteilungen gemacht. Danach wurden im Jahre 1928 Schwarzarbeiten im Malergewerbe im Werte von 948 972 RM (errechneter Lohnanteil 383 000 RM.), 1929 im Werte von 595 000 RM (Lohnanteil 267 000 RM) und 1930 für runt 154 Millionen RM. (Lohnanteil 670 000 RM.) festgestellt Wie viele Handwerker hätten durch diese Arbeiten Verdienst gehabt, und wie viele Gesellen hätten nicht entlassen zu werden brauchen! Und das sind nur die Zahlen, aus einem Handwerk, in vielen anderen Handwerkszweigen sind sie nicht weniger groß. Die auftraggebenden Privatleute welche diese Arbeiten vergeben, vergessen dabei, daß sie damit Arbeitgeber werden und gewisse Verpflichtungen übernehmen, die ihnen teuer zu stehen kommen können. Verunglückt ein Schwarzarbeiter bei der Arbeit, so hat der Auftraggeber für den Schaden a u f z u k o m - m e n. Passiert der Unfall einem bei einem Meister in Arbeit stehenden Gesellen, so trägt die zuständige Berufsgenossenschaft. an die der Meister seine hohen Beiträge zahlt, den Schaden. Es kann vorkommen, daß ein Auftraggeber unter Umständen zur Zahlung einer lebenslänglichen Rente verurteilt wird, da ja die Berufsgenossenschaft für ihn nicht in Frage kommt.
Ueber die Preisbildung des Handwerks bestehen in der Oeffentlichkeit vielfach irrige Meinungen. Der Handwerker ist bei der Festsetzung seiner Preise sowohl auf die Preise der R o h st o f f e angewiesen, die nicht von ihm, sondern von Kartellen festgesetzt werden, als auch auf die Höhe der Löhne, die vielfach ebenfalls nicht von ihm, sondern vom amtlichen Schiedsrichter bestimmt werden. Trobdem hat das Handwerk nach Möglichkeit schon die Preise gesenkt.
' gung der Belastung des Handwerks durch d soziale Abgaben, von deren Umfang der Käufer oder Besteller nichts weiß, mag hier ein Beispiel aus dem Schlosserhandwerk angeführt sein:
Zur Klarle Steuern un'
Die Abzüge des Arbeitnehmers, der eben Bruttolohn 2806 RM. bei 2300 Stunden im Jahr (1 Stunde mit -hält, fetzen sich zusammen aus Er- Invalidenversicherung, Krankenkasse
von
1,22 RM. berechnet) erl werbslosenversicheruna, I________
Einkommensteuer, Ledigensteuer, Krisensteuer und Bürger- steuer. Die Summe dieser Abzüge beträgt 483,40 RM. Zu dem mit 2806 RM. kalkulierten Lohn treten die Unkosten und Steuern des Arbe tgebers, welche sich zusammensetzen aus Erwerbslosenversicherung. Invalidenversicherung, Krankenkasse, Lohnsummensteuer, 1 Woche Urlaub, Berufsge- nossenschaftsbeiträge, Miete für Arbeitsplatz, Anteil an Be- schaftigung einer unproduktiven Kraft, Anteil an der Gewerbesteuer, Anteil an Jnnungs- und Handwerkskammerbeiträgen, Äerbrauch an Kleinwerkzeugen, Abnutzung der Maschinen, Verzinsung des Betriebskapitals, Umsatzsteuer und Berufsschulbeitrag. Diese Unkosten belaufen sich auf
1768,80 RM.
Daraus geht hervor, daß der in der Kalkulation zugrunde gelegte Lohn nicht 1,22 RM., sondern. 1,99 RM. beträgt. Diese letztere Summe hat der Arbeitgeber tatsächlich für die Stunde (ohne Risiko und ohne eigenen Gewinn) zu zahlen. Bei der Aufstellung sind die Kosten für Licht und Heizung nicht einmal berechnet worden. Ein Berliner Bäckerbetrieb hatte im Jahre 1931 bei einem Umsatz von 98 000 RM. Unkosten für dieselben Steuern und sozialen Lasten in Höhe von 4814,12 RM.
Die Leser mögen sich aus dieser Darstellung ein Urteil über die Lage des Handwerks bilden und über die Bedingungen, unter denen es arbeiten muß.
Vergleich angenommen
Eine Erklärung der RSDAP.
München, 27. März.
Die Pressestelle der Reichsleitung der RSDAP. teilt mit: „3n der Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich am 24. März 1932 wegen Erlasses einer einstweiligen Verfügung in Sachen RSDAP. Hitler gegen preußische Staatsregierung betreffend Polizeiaktion Severing hatte der Präsident des Staatsgerichtshofes nach Verhandlung zur Sache angesichts der klaren Rechtslage einen Vergleichsvorschlag gemacht, wonach sich die preußische Regierung verpflichtete, unverzüglich das von der RSDAP. in ihrem Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung geforderte Material herauszugeben. Dieser Vergleichsvoc- schlag wurde von dem preußischen Staatsministerium angenommen.
Sie Reichsleitung der NSDAP. erwartet hiernach, daß das preußische Staatsministerium das gesamte zur Aufrecht- erhaltuna der
dem Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf- s gezählt ist, unverzüglich herausgeben wird. Der Antrag auf । Erlaß einer einstweiligen Verfügung wird selbstverständlich von der NSDAP. zurückgezogen worden, wenn dieses Material ausgehändigt sein wird."
Tardieus Mitteleuropa-Projekt
Erste Besprechungen ZarMeus in London Ende der Woche?
Paris, 29. März.
Die Agentur Havas glaubt, die zeitliche Folge, in der die Verhandlungen über das wirtschaftliche Statut der Donaustaaten sich abwickeln werden, vorwegnehmend angeben zu können. In einer offiziösen Charakter tragenden Auslassung wird von einer gewissen „Verwirrung" in dieser Hinsicht gesprochen und dann erklärt, es scheine, daß eine ernste Besprechung zwischen MacDonald, Sir John Simon und Tardieu in London stattfinden dürfte, und zwar zweifellos Ende kommender Woche.
Alsdann würden auf Ersuchen der englischen Regierung die Vertreter Frankreichs, Englands, Italiens und Deutschlands zu einer Konferenz zusammentreten, die wahrscheinlich nicht vor Wiederaufnahme der Genfer Konferenzarbeiten stattfinden würde.
Nach dieser Konferenz werde man dann wissen, unter welchen Bedingungen die fünf interessierten Staaten: Oesterreich, Ungarn; Rumänien, Tschechoslowakei und Südslawien ihrerseits zur Teilnahme an den Verhandlungen herangezogen werden könnten.
Rumänien ist skeptisch
Bukarest. Der rumänische Finanzminister und Innenminister Argetojanu, der im Kabinett Jorga eine führende Rolle spielt, legte seine persönliche Meinung über den Donau-- Plan Tardieus dar. Der Minister hält eine Lösung der mitteleuropäischen Krise durch die Bildung einer Donauföderation nicht für möglich. Vor allem müßten alle Lösungen ausgeschaltet werden, in die sich politische Ele- m e n t« einmengen könnten.
Räch Meinung des Ministers könnte eine Lösung nur durch du Programm für die Rationalisierung der europäischen Gesamtproduktion ermöglicht werden. Die Agrar- staaten seien in erster Linie zur Verfolgung dieses Zieles berufen.
Viermächte-Konferenz in Genf
Paris. Ministerpräsident Tardieu und Finanzminister Flandin werden sich wahrscheinlich am Sonnabend auf ein oder zwei Tage nach London begehen. Die Konferenz der vier Großmächte wird — nach einer Zeitungsmeldung — am 11. April in Genf zusammentreten.
Generalstreik in Malaga
Madrid. In Ant«qu«ra (Provinz Malaga) ist der Generalstreik ausgerufen worden. Streikende haben das Kloster in Brand gesteckt.
Devalera zum Kompromitz bereit?
Aufstands-Gedenkfeier in Dublin.
London, 29. März.
Nach einer Reutermeldung aus Dublin fanden dort am 1. Osterfeiertag zur Erinnerung an den Aufstand von 1916 Kundgebungen statt. Kein Mitglied der Regierung oder der Nationalen Armee nahm an ihnen teil. Die Republikaner zogen ungehindert durch die Straßen und zeigten ostentativ ihre Stärke. Die Regierung tat nichts, um sie daran zu hindern.
D e v a l e r a hat das Weekend in Dublin verbracht und die Antwort an die britische Regierung entworfen. Wie verlautet, wird er darin erklären, daß die irische Regierung den Treueid gegenüber dem König von England als eine rein inländische, sozusagen häusliche Angelegenheit ansehe und daß seine Abschaffung keineswegs eine Verletzung des Vertrages mit England bedeuten würde. Indessen besteht Grund zu glauben, daß man hinsichtlich der Jahre rzah- lungen zu einem Kompromiß gelangen werde.
Hindenburg 49,6 Prozent
Das endgültige Wahlergebnis. — Wahlbeteiligung 86,2 %.
Berlin. Das endgültige amtliche Ergebnis der Reichspräsidentenwahl vom 13. März 1932 liegt nunmehr vor. Danach betrug bei einer Wohnbevölkerung des Deutschen Reiches von insgesamt 62 410 619 Personen nach dem Stande vom 16. Juni 1925 die Zahl der Stimmberechtigten nach der Stimmliste 43 248 593, nach den abgegebenen Stimmscheinen 685 738, insgesamt 43 934 331. Von den Stimmberechtigten haben sich an der Wahl beteiligt 37 889 626 — 86,2 Prozent. Davon waren 37 647115 Stimmen gültt^ und 242 511 Sirm- ^«h u«#««*^ *wn «n uulttgen gflnmiefr kauten auf Duesterberg 2 557 590 (6,8 %); von Hindenburg 18 650 730 (49,6 H); Hitler 11 339 285 (30,1 A): Thal- mann 4 983179 (13,2 %) und auf Winter 111 432 (0,3 %). Zersplittert waren insgesamt 4881 Stimmen.
Internationale Stiitznagranleihen für die Donaustaaten und Griechenland.
Paris, 26. März.
Der Finanzausschuß des Völkerbundes schlägt in seinem Bericht den Regierungen eine gemeinsame Stühungsanleihe vor, die zunächst jetzt Oesterreich und Griechenland zugedacht ist, später aber auch auf andere Donaustaaten ausgedehnt werden soll, um ihnen die Ueberwindung der augenblicklichen Krise zu ermöglichen.
Die „Agence Economique et Financier«" glaubt, daß der Europa-Ausschuß des Völkerbundes, der sich mit dem Tardieuschen Plan des Donauverbandes zu beschäftigen hat, bereits am 7. oder 8. April in Genf zusammentreten wird, so daß der Völkerbund, der sich am 11. April versammelt, sich mit einem bereits durchgearbeiteten Plan beschäftigen kann und in der Lage ist, zu den Vorschlägen Stellung zu nehmen, die der Finanzausschuß in seinem Bericht niedergelegt hat. Die in diesem Bericht vorgeschlagenen Anleihen sollen nicht nur von den Regierungen der interessierten Länder, sondern auch noch von anderen Regierungen garantiert werden.
Hollands SozialdemoKratie gespalten
Amsterdam. Auf einem außerordentlichen Osterkongreh der Sozialdemokratie ist eine Spaltung zwischen der Partei- mehrheit und einem radikalen linken Flügel eingetreten. Veranlassung gab die Aufhebung des Oppositionswochen- blattes „Sie Fackel", in der die Parteimehrheit wiederholt scharf angegriffen worden war. Sie neue Partei hat sich unter dem Namen „Unabhängige Sozialistische Partei" gebildet. Der Vorstand wird u. a. aus den bekannten radikalen Gewerkschaftsführern Fimmen und Steenhuis sowie dem Herausgeber der „Fackel", Schmidt, bestehen.
Österreich eröffnet das Haydn-Jahr
Bruck. Sie Feierlichkeiten zur 200. Wiederkehr des Geburtstages Joseph H a y d n s wurden van der Bundesregierung und den beiden Ländern Niederösterreich und Burgen- land mit einer Feier in Rohrau an der Leith, dem Geburtsort Haydns, eingeleitet. Nach einem Bittgottesdienst bega- ben sich die Teilnehmer zum Geburtshaus Joseph Haydns, wo Bundespräsident Miklasin einer Ansprache das künstlerische Schaffen Haydns charakterisierte. Dann folgte die Enthüllung eines Porträtsreliefs am Geburtshaus Haydns. Hierauf sprach Bundeskanzler Dr. B u r«s ch im Namen der Oesterreichischen Bundesregierung. Nach einer Ansprache des Unterrichtsministers begaben sich die Festtell- nehmer vor das Denkmal Joseph Haydns, wo der Bundespräsident im Namen der Republik Oesterreich einen Kranz niederlegte.
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