Hersfelöer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Reisfeld
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchbruckerei in Hersfelb, Mitglied deS BDJB.
Nr. 82
Freitag, den S. April 1932
82. Jahrgang
Ein kleiner Hoffnungsstrahl
Reichsregierung versucht erneut Wirtichastsbelebung — Senkung des Reichsbankdiskonts — Erwerbslosenflut ebbt langsam ab
Ergebnis der Woche
Im Wahlfieber.
Kr. kr. Ganz gewiß werden die nächsten Wochen durch die Wahl des Reichspräsidenten und der Landesparlamente in Preußen, Bayern, Württemberg, Anhalt und Hamburg von entscheidender Bedeutung für das Deutsche Reich und seine Stellung im Rahmen der übrigen Staatenwelt sein. Nur deshalb wird von allen politischen Zentren ein solch wilder Wahlkampf entfacht, wie er nur selten entbrannte. Ein solcher Wahlkampf, mit den modernen Mitteln der gegenseitigen Verunglimpfung bis zum äußersten getrieben ist alles andere als erhebend. Was aber könnte ein Volk das so ins tiefste Elend feines Daseins von äußeren Gegnern hineingetrieben wurde, nötiger haben als Kämpfe um das Erhabenste, das ein Volk besitzen kann, um seine innere Größe, seine Geschlossenheit, seine Willenskraft, die unbeugsam ist im Verfolgen seines Zieles: das Höchste zu leisten, wofür ihm diese Erde Möglichkeiten gegeben hat. Möge Deutschland bald aus dieser Periode des gegenseitigen Hasses, des gegenseitigen Verächtlichmachens herauskommen Wie können die anderen Völker Achtung vor uns aufbringen, wenn wir sie uns selber gegenseitig versagen?
Geschlossenheit tut not.
Uns aber tut die Achtung der anderen Völker vor uns bitter not. Mehr denn je müssen wir heute bei dem internationalen Verteilen der Güter dieser Erde sehen, daß wir nicht zu kurz kommen. Das blanke Schwert können wir nicht mehr in die Waagschale werfen, wenn uns von den anderen nicht unserem Werte entsprechend zugemessen werden sollte Das ist leider noch nicht und wird wohl auf lange Zeit noch nicht möglich sein. Um so mehr müssen wir die ganze Kraft unserer moralischen Macht ins Feld führen können. Nie aber plit»mwnBgii^«|i^^ selbst dauernd in den Haaren liegen? Geschlossenheit gibt auch Entschlossenheit. Mit einem einigen Volke hinter sich können unsere Vertreter auf den kommenden Konferenzen aanz anders auftreten, als wenn sie immer ängstlich zurückschielen müssen, ob da nicht böse Zurufe sie in den Augen der anderen herabsetzen und so ihren Worten den Ernst und das Gewicht nehmen.
Es geht um alles.
Wir haben in nächster Zeit über ganz ansehnliche Projekte zu verhandeln, von denen ein jedes geeignet ist, unserem völkischen Leben den Todesstoß zu versetzen. Soll es den Franzosen gelingen, uns aus dem Donauraume ganz zu verdrängen? Sollen uns da auch die letzten Möglichkeiten unserer wirtschaftlichen Ausweitung genommen werden? Trotz all unseres Unglücks steht Deutschland im Südosten Europas als bester Handelspartner hoch angeschrieben. Soll es Frankreich gelingen, an unsere Stelle die Tschechoslowakei zu setzen und uns auch noch im Südosten die Luft abzu- riegeln? Das aber blüht uns sicher, wenn Tardieus Pläne gelingen sollten. Es gey. ,v n nicht um die Gesundheit des europäischen Südostens, der seit dem Zusammenbruch der Habsburgischen Monarchie schwer leidet, es geht ihm um die Machtposition im Donautal. Um eine Machtposition gegen Deutschland. Diesem Frankreich Tardieus ist es ganz gleich, ob es sich dort um Monarchien, Republiken oder Diktaturen handelt. Dieses Frankreich macht mit allen Ge- fchäften, auch mit den deutschen Habsburger», wenn sie nur Deutschland Schaden zufügen. Aber der französische Plan, die Nachfolgestaaten wieder zu einem wirtschaftlichen Ganzen zusammenzufassen, hat doch schon wieder seine Gegenspieler hervorgerufen. Einmal den viel besseren Vorschlag Deutschlands, der eine Ausdehnung seiner Präferenzverträge mit Ungarn und Rumänien auch auf die übrigen Donaustaaten vorsieht, wodurch den Staaten wirklich eine Wirtschaftshilfe zuteil würde, die sich auch lohnte, ohne daß durch politische Berschnörkelungen Dem allgemeinen Frieden neue gefährliche Schlingen gelegt werden. Sodann sieht Polen mit mißgünstigem Auge, was sein Protektor da für seinen alten Konkurrenten, die Tschechoslowakei, für Vorteile schafft Recht rabiat meldet auch Italien seinen Anspruch darauf an, als Nachfolgestaat angesehen zu werden. Kurz, vorläufig ist noch hier alles in Bewegung. Nur das eine ist gewiß: sollte den Franzosen der Plan gelingen, dann können in Deutschland noch mal einige Wirtschaftsstätten schlafen gelegt werden. Jeder einzelne von uns ist dadurch in seiner Existenz bedroht, und mehr denn sonst ist damit das Schicksal jedes einzelnen Deutschen mit dem Ausgang des Gesprächs von London und Genf verknüpft. Hier eint und muß uns die die Not einen.
Politische Brandstifter.
Wo Konfliktstoffe noch nicht vorhanden sind, da werden sie von Brandstiftern skrupellos geschaffen. Die Gerichtsverhandlung in Moskau gegen den Attentäter, der mit seinen Schüssen auf den deutschen Botschaftsrat den deutschen Botschafter selbst treffen wollte, hat merkwürdige Hintergründe aufgedeckt. Feinde der Sowjets sind der Attentäter Stern und sein Komplice Wassiljew. Es ist erwiesen, daß ihre Auftraggeber die Sowjets so in Händel stürzen wollten, daß europäische Staaten gegen die Sowjets einschreiten müßten. Die Spuren zu diesen Hintermännern führen nach Polen, zu jenem Lubarski, der auch der Inspirator des Attentats auf
den russischen Armeeinspekteur gewesen ist. In dem deutschen Bot^' Her sollte die russische Sowjetmacht zu Tode getroffen werden. Die Sowjets machen mit den Attentätern kurzen Prozeß und erschießen beide. Ob damit aber die Angelegenheit erledigt ist? Wenn die Drahtzieher dieser politischen Mordhandlung tatsächlich in Warschau sitzen, dann kann immerhin erwartet werden, daß diesmal die Sowjets die Sache nicht so ruhig hinnehmen werden. Die Schüsse galten ja nicht dem Deutschen, sondern den Sowjets. Dieses Attentat mit seinen merkwürdigen Hintergründen wirft einen grellen Lichtkegel über die östlichen Gebiete. Unruhiger denn je sind hier die Verhältnisse geworden. In Polen und Litauen macht sich die Nervosität gegen das Deutschtum Luft. Vielleicht wird von den dortigen Politikern absichtlich der Blick dahin abgelenkt, da sich anderes vorbereitet . . Wer will es sagen?
Ende eines Ausbeuters.
Der geheimnisvolle Selbstmord Ivar Kreuzers, des Zündholzkönigs, über dessen Beweggrund soviel hin- und hergeraten wurde, hat eine überraschende Erklärung gefunden. Dieser Mann, der wie ein König mit Regierungen über Anleihen verhandelte, hat Bilanzen gefälscht, hat betrogen und unzählige Menschen um ihr Geld gebracht. Der von ihm erbaute ungeheure Monopolbau drohte in sich zusam- menzustürzen, so gab er sich selbst auf. Auch er war ein Schwindler. Schon wird auch dieser Fall ausgemünzt. Die Gegner des Kapitalismus weisen hin auf diesen wahrhaften Vertreter des kapitalistischen Gedankens, der letzten Endes nur in Betrug ausmünden müsse. Das würde bedeuten, daß der Weinbau letzten Endes nur zum Alkoholismus führe Im Gegenteil: auch dieser Kreuzer ist wie so viele andere keineswegs der Vertreter des Kapitalgedankens, sondern im Gegenteil sein Ausnutzer und Ausbeuter. Gerade unsere
Karen rwipn Gedanken des Eigentums in so vielem grunöMWWMW Ij M«,
ab für Betrügereien Kreuzers und so vieler, vieler anderer. Einige Monstre-Prozesse in Deutschland haben doch wohl sckon genug gezeigt, wie gerade die neue Gesellschaftsordnung vom Eigennutz einzelner am gründlichsten ausgebeu- tet werden kann.
Belebung der Wirtschaft?
Zusagen des Reichsfinanzministers.
Berlin, 8. April.
Reichsfinanzminister Dietrich beschäftigte sich in der Sitzung des Gesamtvorstands der Deutschen Staatspartei mit den nächsten Absichten und Plänen der Reichsregierung. Er bezeichnete es als absolut notwendig, daß zur inneren Beruhigung die Bünde und Organisationen, die jetzt geschaffen worden feien, verschwinden müßten. Zur finanziellen und wirtschaftlichen Lage führte der Minister aus, daß wir trotz aller pessimistischen Prophezeiungen die Sorge des Winters bewältigt hätten.
Der Sommer wurde eine gewisse Erleichterung bringen, aber es standen alsdann die Sorgen für den nächsten Winter bevor, und diese Sorgen könnten nicht allein mehr mit finanziellen Mitteln überwunden werden. Hierzu müßten alle wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten benutzt werden. Die nötigen Vorbereitungen der Reichsregierung seien im Gange. Die Reichsbank sei trotz ihres geringen Goldbestandes heute in einer viel besseren Verfassung als im Jahre vorher. Am 1. April habe ihre Beanspruchung 220 Millionen Mark betragen gegenüber einer Beanspruchung von 800 Millionen Mark im vorigen Jahre. Der Notenumlauf sei ebenfalls um eine halbe Milliarde geringer als im Jahre zuvor. Die Reichsregierung fei bereit, den vorsichtigen versuch einer Wirtschaftsbelebung zu machen. Bei diesem versuch werde auch die Frage der Diskontsenkung noch eine Rolle spielen. Es käme aber auch darauf an, daß die Dinge einfach gesehen werden und daß zur rechten Zeit die rechten Entschlüsse gefaßt würden.
Der Minister ging dann auf die Verhandlungen über das Donauproblem ein, bei dem keine einseitige Belastung Deutschlands erfolgen dürfe. Es müsse sich ein Weg finden lassen, der den Donaustaaten Hilfe brächte und der nicht für Deutschland eine einseitige Belastung bedeute. Was die Reparationsfrage anlange, so pfiffen es alle Spatzen von den Dächern, daß wir nicht zahlen könnten. Die Konferenz in Lausanne müsse eine große Entscheidung bringen.
DiskontsenIuns
Wie vom Reichsfinanzminister angekündigt, schweben innerhalb der Reichsbank Erwägungen darüber, ob der derzeitige flüssige Geldmarkt und die verhältnismäßig geringe Inanspruchnahme der Reichsbank nicht zu einer Senkung des Diskantes ausgenuht werden könnten, um von dieser Seite aus der Wirtschaft eine weitere Erleichterung zu verschaffen. Diese Erwägungen dürften sich zu einem Beschluß verdichtet haben, da der Zentralausschuß auf den heutigen Freitagnachmittag einberufen worden ist. Man dürfte in der Annahme nicht fehlgehen, daß eine Senkung des Dis- kontsahes um % auf 5^ v. H. beschlossen werden wird.
Leichter Rückgang der Arbeitslosigkeit
98 000 Erwerbslose weniger.
Berlin, 8. April.
Räch dem Bericht der Reichsanstalt wurden Ende März bei den Arbeitsämtern 6 031 000 Arbeitslose gezählt, das sind 88 000 weniger als Mitte März.
In der Arbeitslosenversicherung wurden 1579 000 Hauptunterstützungsempfänger (Abnahme 158 000), in der Krisenfürsorge 1 744 000 (Zunahme 27 000) gezählt. Die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen betrug Ende März 1 948 000 gegen 1 833 000 Mitte März.
Bayern und die RSDAB Ministerpräsident Held gegen die Kampfmethoden.
München, 8. April
Bei der Beratung des Etats des Staatsministeriums des Aeußern im Plenum des Landtages kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Nationalsozialisten. Der nationalsozialistische Redner Abgeordneter B u t t m a n n bezeichnete es als einen Mißbrauch der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, daß die Regierung Held nach ihrem Rücktritt noch zwei Jahre lang als geschäftsfüh- rende Regierung weiter amtiere. Ministerpräsident Dr Held wies diese Auffassung zurück, und nahm eingehend Stellung zu der Veröffentlichung der bayerischen amtlichen Pressestelle über Absichten der Nationalsozialisten nach einem Siege Hitlers. Die Dinge seien unhaltbar geworden, weil man mißbräuchlicherweise einen Druck auf die Bevölkerung auszuüben versuche, insbesondere auf die Beamten, daß keiner mehr sich getraue, seine Pflicht zu tun und die Staats- interessen draußen zu vertreten.
Die Zahl der Briefe fei Legion, die an ihn gekommen ' "no uno in wreiMgjjjj^tgyjjUgjj^nEj^
die Straße traue, und Feiner mehr wage, seine Meinung in der Oeffentlichkeit zu sagen, daß man gesellschaftlich und geschäftlich boykokliert werde, ja das Dort vom „Köpferollen" werde draußen den Leuten jeden Tag vorgehalten. Er lasse sich nicht einschüchtern, von niemand. Die Ableugnungs- versuche offenkundigen Dingen gegenüber seien nutzlos. Das Vorgehen der Rationalsozialisten sei eine Methode und ein System, das bekämpft werden müßte.
Alarmbereitschaft verboten
Durch eine Bekanntmachung des bayerischen Staatsmi- nifferiums des Innern ist in der Zeit vom 9. bis 11. April das Zusammenziehen und Zusammenhalten von Alarmbereitschaften von Mitgliedern politischer Vereinigungen für das ganze Staatsgebiet Bayerns verboten. Die Polizeibehörden sind zu einem strengen Vollzüge der Anordnung an- gewiesen.
Auswüchse des politischen Kampfes
Auflösung einer kommunistischen Antikriegskundgebung.
Berlin, 7. April
Die KPD verunstaltete eine Antikriegskundgebung im Sportpalast. Von der Versammlungsleitung wurde die Mitteilung gemacht, Krupp fei an Brüning mit dem Vorschlag herangetreten, den deutschen Vertreter in Genf anzuweisen. dahin zu wirken, daß Die japanischen Aufträge zur Lieferung von Kriegsmaterial auf Deutschland und Frankreich gleichmäßig verteilt werden (!!). Es sei daher Aufgabe des deutschen Proletariats, mit allen Mitteln gegen die Kriegs- ’ Hetzer zu wirken.
Dann sollte ein chinesischer Kommunist Ehingtalu spre- | chen, Als dieser das Rednerpult betrat, wurde ihm das Sprechen von der Polizei untersagt mit der Begründung, er hätte keine Sprecherlaubnis. Darauf veranstalteten die Versammlungsteilnehmer ein lärmendes Pfeifkonzert. Die Musikkapelle intonierte die Internationale, die von der Versammlung mitgesungen wurde. Beim Beginn der dritten Strophe räumten die Polizeibeamten zum Teil unter Anwendung des Gummiknüppels den Saal.
Kownoer Wahlschiebung
Aenderung des Wahlgesetzes zu ungunsten der Memelländer.
Kowno, 8. April.
Im litauischen Regierungsanzeiger wird jetzt auch die befürchtete Aenderung des § 76 des litauischen Seimwahlgesetzes zu ungunsten der deutschen Parteien im Memel- gebiet veröffentlicht. Auf Grund dieser Aenderung werden auch die Stimmen der kleinsten litauischen Splitterparteien, die bisher bei jeder Wahl im Memelgebiet in Erscheinung treten, aber unter den Tisch fielen, für die litauischen Parteien gezählt werden.
Gouverneur Merkys ist in Kowno eingetroffen, um mit der Regierung Verhandlungen zu führen.