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Hersfelöer Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelö

Nr. 91 Dienstag, den 19. April 1932

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.35 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfelb 1.10 ReichS-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reichs-Mark.

Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDIV.

82. Jahrgang

Stufenweise" Herabsetzung der Rüstungen

Ein tschechischer Borschlag, der weder Deutschlands noch Rußlands Gegenliebe findet

arbeitslose Jugend

Wir stehen vor der atembeklemmenden Wahrscheinlich­keit, daß uns schon in kurzer Zeit ganze Jahrgänge Jugend­licher, auf denen die Zukunft unseres Volkes beruht, ver­dorben werden, wenn die Erwachsenen es nicht fertigbrin­gen, radika! umzudenken. Die Wirtschaft schrumpft zusam­men. die öffentliche Verwaltung muß eingeschränkt werden, weil die Mittel für ihre Aufrechterhaltung in der bisherigen Form nicht mehr da sind, und draußen stehen sechs Millionen Arbeitslose. Die Eltern der jetzt aus der Schule entlassenen jungen Menschen aber leben noch unter Wunschoorstellungen für ihre Kinder, die diesen Tatsachen nicht Rechnung tragen. Selbst die jüngsten unter diesen Eltern haben ihre eigene Berufsausbildung und die ersten Jahre ihrer Berufslauf- bahn noch in der goldenen Vorkriegszeit erlebt. Die Groß- eltern und die älteren Verwandten, die Tanten und Onkels, die beim Planen für die Berufsausbildung des jungen Men­schen mitwirken, haben ihre ganzen Vorstellungen in jener Zeit gewonnen. Aber zwischen damals und heute liegt der Zusammenbruch einer Welt. Diesen Zusammenbruch haben alle miterlebt. Aber welche Folgerungen sich daraus erge­ben. können nur wenige leidenschaftlos erkennen.

Die alte Wirtschaft, die Deutschland immer mehr zum Lieferanten des technischen Rüstzeuges der Welt machte, ver­langte Jahr für Jahr immer größere Scharen von In­genieuren, Architekten, hochqualifizierten Technikern, Werk­meistern, Vorarbeitern und jener Elite der wissenschaftlichen Pioniere für diese Entwicklung. Es mußten Köpfe gezüchtet werden. Die Lücken, die dadurch in breiten Massen der eben­so notwendigen Handarbeiter, aus denen diese Köpfe letzten herMsaehM wurden, entstehe..Wußten. wurden auf dem Lande und in der Industrie durch polnische, ruthemsche, italienische und wallonische Arbeitskräfte ausgefüllt, die als Wanderarbeiter zu uns kamen und in zunehmendem Maße schließlich in deutschen Industriegebieten ihre dauernde Hei­mat fanden. Wer erinnert sich noch, daß alle Erdarbeiten für Wasserleitungen, Flußregulierungen, Straßenbauten und dergl. durch solche Ausländer ausgeführt wurden? Wenn man auch damals schon von der Ueberfüllung bestimmter geistiger Berufe sprach, so zeigte die Entwicklung doch, daß in Wirklichkeit nach verhältnismäßig kurzen Zeiten des Ab- wartens alle hochgezüchtete deutsche Kopfarbeit im Reiche und in den Einflußsphären deutscher Wirtschaft in der gan­zen Welt ihr Auskommen fand. Daß der auf eigenes Risiko arbeitende und der angestellte Kaufmann und Kaufmanns- ee im Rahmen einer solchen Entwicklung ausgezeichnete iegsmöglichkeiten hatte, ist selbstverständlich.

Daher kommt es, daß die Eltern und Großeltern, die über die Lebensausbildung ins Leben tretender Schulkinder zu entscheiden haben, aus solchen Erinnerungen heraus auch heute immer noch meinen, daß höhere Schulbildung und der Weg über die Universitäten und Hochschulen die beste Le­bensausrüstung für junge Menschen darstellen müßten. Sie haben außerdem im^Auf und Ab der seit dem Kriegsaus­bruch verflossenen Zeiten beobachten können, daß die Existenz eines selbständigen Unternehmers heute viel unsicherer ist als ehedem, daß dagegen diejenigen, die irgendeine Be­amtenstellung in der öffentlichen Verwaltung bekamen, sol­chen katastrophalen Schicksalsschlägen nicht ausgesetzt waren. Das gibt den um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern den Wunsch ein, auch diesen solche Lebenssicherheit zukommen zu lassen. Ein geradezu irrsinniges Bestreben, wenigstens sie schulmäßigen Voraussetzungen, die sogenannten Berech­tigungsscheine, für die Teilhaberschaft an einem so erträum­ten Lebenslauf zu bekommen, ist die Folge gewesen.

Es ist höchste Zeit, daß hier eine radikale Ernüchterung eintritt. Wenn über 40 000 stellenlose Akademiker vorhan­den sind, für die es keine Aussicht gibt, in eine durch das Studium angestrebte Lebensstellung hineinzukommen, dann werden die Millionen an Auswendungen für die Ausbildung weiterer Akademiker und dann wird all der Fleiß und all das Mühen, das diesem Ziele dient, zu einer grandiosen Fehlleitung von Kapital und Volksenergie. Das gleiche trifft dann aber auch schon für unser ganzes höheres Schul­wesen zu. Es gilt evenfo für die Kapitalaufwendungen und die Energien, die zur Erlernung eines anderen, statt auf die Erzeugung von notwendigen Lebensbedürfnissen auf die Verteilung gerichteten Berufes oder eines Berufes, dessen Ziel die Leistung von Organisations-, Führungs- und Ver­waltungsausgaben ist, die in Wirklichkeit im alten Umfange längst nicht mehr vorhanden sind.

Wenn man heute gezwungen ist, Siedlerschulen für Aka­demiker einzurichten, damit sie zur Selbstversorgung fähige Bauern werden können, dann ist es höchste Zeit, allen Eltern zu sagen, daß der Besitz des Referendarzeugnisses oder des Abiturs und der mittleren Reife es dem Stellenlosen nicht etwa leichter macht, seine Stellenlosigkeit zu ertragen oder sein Leben auf Selbstversorgung umzustellen. Wenn die Akademiker, die heute notgedrungen Siedler werden wollen schon unmittelbar nach der Schulentlassung diesen Schritt ge­tan hätten und das Kapital, das ihr Studium nicht nur sie sondern auch den Staat gekostet hat, bei der Errichtung ihrer neuen Existenz mit ansetzen könnten, so wär« das besser für st» und Mr die Allgemeinheit.

Ein Volk muß seinem Schicksal klar ins Auge sehen kön­nen, sonst setzt es seine Energien an falscher Stelle an. Es muß in ganz anderem Maße wieder Ziel der Eltern werden, ihre Kinder auf die unmittelbare Erzeugung ihrer Lebens­bedürfnisse vorzubereiten. So traumhaft schön einer besorg­ten Mutter, die sich die letzten Pfennige vom Munde ab- spart, um ihren Sohnetwas Besseres" werden zu lassen, die gesicherte Existenz eines Beamten erscheinen mag, so nachdrücklich muß ihr doch gesagt werden, daß aller Voraus­sicht nach am Ende der Studienjahre der Staat nicht in der Lage sein wird, ihren Sohn in eine solche Stellung zu über­nehmen, weil ihm die Mittel fehlen und weil die Zahl die­ser Stellen nicht mehr wachsen wird, sondern eingeschränkt werden muß. Das gleiche gilt sinngemäß für die Eltern, die ihre Kinder Techniker, Ingenieure, Chemiker oder Kauf­leute werden lassen wollen.

Diejenigen aber, deren Kinder schon von der neuen Pest unserer Zeit, der Arbeitslosigkeit, geschlagen worden sind, werden ihren ganzen Einfluß aufzuwenden haben, um sie in dieKolonnen des freiwilligen Arbeitsdienstes hineinzubringen. damit sie in neuer Umwelt an neuen schweren Aufgaben ein ausgefülltes Tagewerk bekommen und der entnervenden Un­tätigkeit und Hoffnungslosigkeit entrissen werden, in der sie seelisch und körperlich zugrunde gehen müssen. Wer es mit seinem Volke gut meint, muß von der Regierung verlangen, daß sie die Möglichkeiten zur Aufnahme des freiwilligen Ar­beitsdienstes für jede Kolonne jugendlicher Arbeitsloser schafft. Mögen kaltrechnende Wirtschaftler, die vergessen haben, daß ein Volk aus lebendigen Menschen besteht, die sogenannten wirtschaftlichen Ergebnisse des freiwilligen Ar­beitsdienstes noch so niedrig einschätzen, und mögen Bürokra­ten hundertmal ihre Paragraphen für wichtiger halten als die Rettung eines Heranwachsenden Geschlechtes, so müssen ihre Widerstände überwunden werden. Und ebenso ist es angepa^t werden, daß zu den dr^Dörfern, d/e jetzt in jeder Woche neu errichtet werden, ein Mehrfaches dieser Zahl hinzukommt.

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Nadolnys Erklärung

Räch Deutschlands Abrüstung die der anderen.

Gens, 19. April.

Der Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz hat nach mehrtägiger Pause seine Beratungen über Artikel I des Konventionsentwurfes fortgesetzt, und zwar durch eine Aus­sprache über die Frage, ob das Konferenzziel in einer einzi­gen Konferenz erreicht oder in Etappen verwirklicht werden soll. Der Präsident Henderson, der die vom Büro der Kon­ferenz beschlossene Tagesordnung vorlegte, erklärte, daß bei dieser Gelegenheit auch der deutsche Antrag über den Grundsatz der Rüstungsherabsetzung auf ein möglichst niedri­ges Niveau erörtert werden könne. Als erster Redner er­griff der deutsche Vertreter

Botschafter von Nadolny das Wort, um die erwähnte von Deutschland erhobene Forderung einer effektiven Herabsetzung der Rüstungen aus einen möglichst niedrigen Stünd ausführlich zu begründen. Botschafter Nadolny erklärte, daß in den deutschen Vorschlä­gen die Methoden zur wirksamen Erreichung dieses niedrig­sten Standes aufgezeigt worden seien.

Deutschland gehe davon aus, daß ein wirksamer ent­scheidender Schritt in der Abrüstung gemacht werden müsse.

Schon die schwere Finanzkrise an sich, unter der alle lei­den, müßte ein ausreichender Grund dafür sein, keine An­strengungen zu scheuen, um eine möglichst weitgehende Her- , absetzung des allgemeinen Rüstungsstandes zu erreichen. Kein Staat werde die Verantwortung auf sich nehmen wol- | len, diese allgemeine Herabsetzung durch den Versuch zu ver­hindern, die eigenen Rüstungen der Herabsetzung zu hinter­ziehen. Je großer und entscheidender die Rüstungsherab­setzung durch die gegenwärtige Konferenz sei, um so stärker werde für die ganze Welt die so notwendige finanzielle Er­leichterung und vor allem die politische Entspannung sein, deren die Welt noch mehr bedürfe als der finanziellen Er­leichterung.

Botschafter Radolny erwähnte, die deutsche Abrüstung als Beispiel dafür, bis zu welchem Grade man in kur­zer Zeit abrüsten könne.

Innerhalb weniger Jahre habe Deutschland seine ganze Wehrverfassung umgebildet, sein Heer auf ein Achtel, seine Kriegsflotte auf ein Zehntel des Vorkriegsstandes herabge­setzt, ungeheure Materialmengen abgeliefert oder zerstört, inbesondere sein gnzes Luftfahrtmaterial, feine schwere Artil­lerie, seine Linienschiffe und Unterseeboote. So habe bei­spielsweise die Zahl der zerstörten Flugzeuge 15 700 be­tragen.

Was in Deutschland geschehen sei, werde gewiß auch überall anderswo geschehen können, sobald man von ernstem Willen beseelt sei.

Im Hinblick auf die in der letzten Woche insbesondere von persischer Seite gemachten Vorbehalte wegen des jetzt schon ungenügenden Rüstungsstandes gewisser Länder, erklärte dex deutsche $ertr#iy, ogß thu wechgnilche Herabsetzung

und ein Verzicht auf das in Artikel 8 der Välkerbunds- satzung vorgesehene Mindestmaß natürlich nicht in Frage komme.

Deshalb könne Deutschland auch das rein mechanische Reduktionsprinzip der rusfischen Vorschläge nicht an- nehmen.

Der russische Grundgedanke, daß die starkgerüsteten Staaten stärker abrüsten müßten als die schwachgerüsteten, sei aber vollkommen richtig, und es würde sich empfehlen, zur Ver­wirklichung dieses Grundsatzes die russischen und die tür­kischen Vorschläge zu verbinden.

Zum Schluß faßte Botschafter Radolny den deutschen Standpunkt folgendermaßen zusammen: Deutschland ist der Auffassung, daß der Gedanke einer einfachen Limi- tierung der Rüstungen ausgeschaltet werden muh, und daß es unerläßlich ist, die Rüstungen nachdrücklich auf einen möglichst geringen Stand Herabzusehen. Ist diese Herab­setzung beschlossen, so muß ihre Durchführung in einer be­stimmten, möglichst kurzen Frist erfolgen. Was die Rle- thode betrifft, so stützt sich die deutsche Delegation auf Ar­tikel 8 der Völkerbundssatzung, wonach die besonderen Ver­hältnisse jedes Staates berücksichtigt werden müssen. Die Festsetzung der Zahlen müßte nach einer möglichst einfachen Methode erfolgen.

Die Aussprache

Nach der Red« des deutschen Vertreters legte der tschecho- slowakische Delegierte Vierlinger gleichzeitig im Namen der belgischen, dänischen, spanischen, estnischen, norwegischen und uruguayischen Delegationen einen Entschließungsentwurf über die etappenweise Erreichung des Konferenzzieles vor. Dieser Entwurf hat folgenden Wortlaut:

w««a ^^au vorgesehen ist, nur etappenweise und mit Hilfe einer Reihe von Revisionen, die möglichst nahe aufeinander folgen sollen, voll verwirklicht werden kam».

b-mAls. Vsche Vertreter erklärte, daß dieser Entwurf der deutschen Auffassung nur unvollkommen Rechnung trage h^Ä ö£r Ä^ Vertreter Litwinow die Erwähnung der Volkerbundssatzung als unannehmbar für die Nichtmit- gliederstaaten bezeichnete und eine Ergänzung durch den Hinweis auf die Notwendigkeit einersubstantiellen Her­absetzung im ersten Stadium" verlangte.

Auch der englische Außenminister erklärte, es komme Ä.?slS "A Podium an, und die in der Entschließung vor- fe^n ^«6" Etappen durften kein Vorwand zur Verschleppung .., Mit ähnlichen Vorbehalten sprachen sich der Mmcixe» rifctje Sunb^präfibent Motta, der schwedische Außenmini­ster Baron Ramel und der holländische Außenminister Be- merts van Blokland für die Entschließung aus Auch her lapanisch« Delegierte Sato und der italienische Außenmini^ ster Grandi erklärten sich mit ihr einverstanden.

^ fr«ntffifcjK D^ Paul-Boncour, der sich gleich- die Entschließung erklärte, legte besonderen Werk auf die Ermahnung des Artikels 8, durch den die Berücksich- &XfÄ^ ^ ,0",H8cn"*««&

Schrittweise zur Abrüstung

Genf, 19. April.

Runmehr ist der tschechoslowakische Antrag über das Konferenzziel wesentlich genauer gefaßt. Es wird ge­sagt, daß das Konferenzziel schrittweise erreicht werden soll, nachdem die gegenwärtige Konferenz eine entscheidende Etappe für die allgemeine Rüstungsherabsetzung auf das niedrigst mögliche Riveau herbeigeführt habe. Dieser Ent­wurf, der heute ohne weiteres angenommen werden dürfte, trägt demnach den Hauptgesichtspunkten Rechnung, die Bot­schafter Radolny gestern vormittag geltend gemacht hat.

Besprechungen Dr. Brünings

Genf. Reichskanzler Dr. Brüning hatte Montag abend eine längere Unterredung mit Grandi. Die Besprechung diente ebenso wie die Unterredung mit Sir John Simon der ersten Fühlungnahme der Staatsmänner für die Behand­lung der zur Debatte stehenden großen internationalen Fra­gen. Im Laufe des Nachmittags hat der Reichskanzler Hen­derson einen Besuch abgestattet. Der ungarische Außenmini- ster Dr. Walko hat sich für heute bei Dr. Brüning ange­meldet.

3eiwlins dritte Südameritalahrt

Friedrichshafen, 19. April. Unter der persönlichen Führung Dr. Eckeners ist das LuftschiffGraf Zeppelin zu seiner dritten Südamerikafahrt in diesem Jahre gestartet. Dr. Eckener hofft, bereits nach zweitägigem Aufenthalt die Rückreise, zu der zwölf Passagiere gemeldet sind, antrekey zu können,1