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§emspcech«c R°. 608. /imtlicher Mzeiger Dr öen kreis Hersfelö ?ÄÄWÄ
Nr. 100
Freitag, den 29. April 1932
82. Jahrgang
Tardieus wirksamer Dolchstoß
Hoffnungslose Lage in Genf — Die führenden Staatsmänner reisen ab
Ergebnis der Woche
Erst Wahl — nun Qual
Ein altes Sprichwort sagt: „Wer die Wahl hat, hat dir Qual!" In etwas abgeändertem Sinne kann das auch ach die zurückliegenden Wahlen in den einzelnen Ländern vom letzten Sonntag angewandt werden. Die Wähler hatten diesmal offenbar weniger Qualen, sich für die eine oder die an- dere Parteiparole zu entscheiden: das Wahlergebnis hal drei Grundrichtungen des deutschen Wählerwillene aufgezeigt, eine Links-, eine Rechts- und eine Zentrumsrichtung wobei die ersteren zwar einige Verästelungen auf- weisen, in der Hauptrichtung aber durchaus die Tenden- der politischen Meinung der Wählerschaft erkennen lassen Ganz ausgefallen sind die bisherigen Mittelparteien Man hat nach den Wahlen wiederholt die Frage aufgeworfen. wo die Wähler dieser Mittelparteien geblieben sind Die Antwort ist leicht zu geben. Sie sind fast restlos zu den Nationalsozialisten gestoßen um damit zum Ausdruck zu bringen, daß sie jetzt endlich auf den verschiedenen Gebieten der deutschen Innen-. Wirtschafts- und Außenpolitik entscheidende Taten sehen wollen Eine solche Auswirkung Jahre andauernder Not und Sorge ist verständlich. Nichi jeder vermag zu erkennen, wie die elementaren Linien bee politischen und wirtschaftlichen Lebens ineinandergreifen Man sieht nur das Ergebnis und vermutet den Fehler in d«m, was bisher geschehen bzw nicht geschehen ist. Man hätte viel früher dieser unkomplizierten Denkart jener Bür- gerkreise Recqnung tragen müssen, die von der Krisen welle erdrückt zu werden drohen Jenes von einem führenden Politiker geprägte Schlagwort, daß wir alle erst Prole tarier werden müßten, um wieder vorwärtszukommen hat vielfach wie ein Schreckgespenst die Bürgerkreise auf* - - .......g-Mtelt mch .jt^jk.-feNfc^ ü«^
rern ihr Vertrauen schenken, die versprochen haben, mit dem M jetzigen System zu brechen. Es ist verständlich, wenn man von einem „Systemwechsel" auch einen Lagewechsel zur Besserung erwartet. Die Enttäuschung in diesen Kreisen wäre gewiß außerordentlich, wenn man jetzt ver- su-sten würde, dem elementar hervorgetretenen Willen bei Wählerschaft, es einmal mit einem anderen Regierungsge- ipann zu versuchen, nicht Rechnung zu tragen. Gewiß muß für jeden verantwortlichen Politiker und Staatsmann oberster Grundsatz sein, dem Besten des Staates und Volkes zu dienen. Was aber dem Staate und dem Volke frommt, kann nicht auf Grund parteipolitischer Beschlüsse ober parteitak tischer Erwägungen entschieden werden. Jede Partei sofern sie dem Aufbau und der Befestigung des Staates ihre Kraft widmen will, .muß bereit sein, die Verantwortung für die Gesamtheit zu tragen. Die Presseerörterungen über neue Koalitionsmöglichkeiten oder über taktische Manöver wird man so lange kritisch und zurückhaltend behandeln müssen, bis abschließende Entscheidungen der in Frage kommenden Parteiinstanzen vorliegen. Es ist jedenfalls falsch, zu behaupten, die ausschlaggebenden Parteien hätten sich bereits nach der einen ober anderen Seite festgelegt.
Frankreich setzt seinen Willen durch
Die Länderwahlen in Deutschland haben vielfach auf das Ausland starken Eindruck gemacht. Die aus dem Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen sich für das Ausland ergebende Mahnung, endlich Deutschland Gleichberechtigung und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist in den meisten Fällen als berechtigt angenommen worden. Nur in Frankreich versucht man, den alten Gaul zur Nieder- Haltung Deutschlands westerzureiten. Das beweist das neueste Manöver Tardieus gegenüber der Abrüstungskonferenz. Die Genfer Verhandlungen waren unter dem überragenden Einfluß der englischen und amerikanischen Außenminister so weit vorgetragen worden, daß die Entscheidung. ob die Konferenz zu einem positiven Ergebnis kommen wird oder nicht, in diesen Tagen fallen sollte Für Freitag war die große Fünfmächte-Konferenz vorgesehen in der die Frage der generellen Abschaffung aller Angriffs- waffen, wie sie gegenüber Deutschland im Versailler Diktat eftgelegt worden sind, zur entscheidenden Diskussion stehen ollte. Für Frankreich gab es dann nur ein Ja ober Rein im dennoch auszuweichen und die Entscheidung in der Ab- rüstungsfrage sabotieren zu können, ließ sich Tardieu von seinen Aerzten ein „Kehlkopfleiden" bescheini- aen, das es ihm „unmöglich" mache, in Genf zu erscheinen Dieses Manöver ist so plump, daß der amerikanische Staatssekretär Stimson aus dieser Mitteilung Tardieus sofort die Konsequenzen zog und seine sofortige Rückkehr nach Amerika bekanntgab. Damit ist zwar Frankreich endgültig die Maske vom Gesicht gerissen worden, aber in Paris nimmt man das nicht so tragisch, weil man glaubt, das erreicht zu haben, was man erreichen wollte, nämlich eine wirkliche Abrüstung zu verhindern. Tatsache ist jedenfalls, daß die große Konferenz, die die Entscheidung bringen sollte, gescheitert ist und daß damit die drei großen Fragen der Abrüstung zu Lande, zur See und die der Re- larationen mindestens vorläufig unerledigt bleiben Es ist chwer vorauszusagen, welche Folgen sich aus der Torpe- rierung dieser Fünfmächte-Konferenz ergeben werden. Die Bemerkung eines Mitgliedes der englischen Delegation: „Vielleicht begreifen die Europäer in sechs Wochen end-
iich, daß sie sich nur selber helfen können" kennzeichnet den Ernst der Lage, wie er auch durch die Abreise Stim- sons angezeigt wird. Auch die Mitteilung, daß das britisch Kabinett Maßnahmen ergreifen werde, um einen Ausbau der britischen Flotte durchzuführen, und mit dem Baue neuer Schiffseinheiten so lange fortzuiahren, bis das Pariser und römische Kabinett dem Londoner Flottenpak! beigetreten sein werden, sagt deutlich, daß die Abrüstungskonferenz vielfach schon als gescheitert gilt.
Kriegerisches Durcheinander im Fernen Osten
Die theoretischen Abrüstungsverhandlungen in Gens finden auch weiterhin im Fernen Osten ihre drastische Unter- malung. Bald meldet man neue Offensiven, bald den unmittelbar bevorstehenden Abschluß eines Waffenstillstandes auf Grund des englischen Vermittlungsvorschlages. Was wirklich vorgeht, weiß man trotz allem nicht Noch'verwickelter sind die Verhältnisse in der Mandschurei, dem Ausgangspunkt des chinesisch-japanischen Konflikts. Während die vom Völkerbund beauftragte Delegation versuch!, ,an Ort und Stelle" zu gelangen, um auftragsgemäß zu prüfen, sümpft dort alles kreuz und quer durch- und gegeneinander. Wie man dort auf den Grund des Krifenherdes gelangen und daraus Schlüsse über das Vorgehen Japans gegen China ziehen will, das bleibt eins von jenen Genfer Rätseln, die dort schon oft aufgegeben wurden, bisher aber noch niemand zu lösen verstand. Nur eines scheinen die jüngsten Ereignisse an der Schanghai-Front bewiesen zu haben, daß die Japaner beginnen, Haare in der chinesischen Suppe zu finden. Sie erfahren die Wahrheit des alten Sprichworts, daß zum Kriegführen Geld gehört und daß dieses Geld um so teurer wird, je länger ein Krieg dauert. Der zweifellos fein rzeit geplante Handstreich auf Schanghai ist mißlungen unu hat
als die Japaner, die eine recht ausgedehnte „Etappenlinie" zu sichern und zu unterhalten haben. Auch die internationale Lage läßt es wohl beiden Mächten geraten erscheinen, zu versuchen, sich nun langsam auf einer vernünftigen Basis zu verständigen.
Der tote Punkt
Positive Politik am Krankenbett . . .
Immer stärker wird die Erkrankung Tardieus als rein politische bewertet. Durch sie sind sämtliche internationalen Verhandlungen ins Stocken geraten. Für die neue Fünf- mächtebesprechung ist ein Termin noch nicht bestimmt, und cs ist auch äußerst fraglich, ob eine Zusammenkunft der leitenden Staatsmänner noch vor der Konferenz von Lausanne erfolgen kann.
Die Tatsache, daß der amerikanische Staatssekretär Stimson sofort seine Abreise bekanntgab, daß MacDonald noch in dieser Woche nach England zurückkehrt, daß Brüning vor der vorgesetzten Zeit voraussichtlich Genf verläßt, wohin Grandi überhaupt nicht mehr zu kommen gedenkt, beweist, daß man allgemein der Ansicht ist, daß diese Krankheit viel Unheil im europäischen Mächtekonzern angerichtet hat. In allen Kreisen der Konferenz wird der starken Mißstimmung über das Fernbleiben Tardieus Ausdruck gegeben, und man braucht nicht nach dem Grunde zu fragen der die Veranlassung zu dieser wieder einmal verpaßten (Gelegenheit gegeben hat, wenn man z. B. in „Echo de Paris" liest,
daß „der glückliche Zufall, der die Genfer Konferenz unmöglich gemacht habe, zu preisen sei", weil ja doch diese Konferenz, wie der „Platin" feststellt, eben hätte scheitern müssen.
Sei nun Tardieus Krankheit echt, ober sei sie schlecht gespielt, auf jedem Fall steht fest, daß sie dazu benutzt wor- ist, Weltpolitik im französischen Sinn« zu machen, wo man nicht wünscht, daß vor den Wahlen entscheidende Beschlüsse gefaßt werden. Man will bestimmte Fragen nicht beantworten, die von Amerika, England, Italien und vor allem von Deutschland in ganz positivem Sinne gestellt worden sind
Will man auch die hohe Politik der ganz Großen dieser Erde nicht kritisieren, so fragt sich doch jeder in seinem 'chlichten Sinne, wäre es denn nicht möglich gewesen, daß der französische Ministerpräsident seine Genfer Kollegen ge« 5eten hätte, ihn in Paris zu besuchen, wo man dann „mit leiser Stimme und ohne Ueberanstrengung und unter äußerster Schonung des kranken Kehlkopfes Tardieus" alle die Dinge hätte weiterbesprechen können, über die die darbenden Völker nun endlich eine erlösende Parole sehnlichst erwarten. Aber das wäre ja positive Politik am Krankenbett gewesen . . .
Rüükehr des Kanzlers am Sonnabend
Reichskanzler Dr. Brüning besuchte am Donnerstagmorgen die englischen Minister MacDonald und Simon, dann frühstückte er mit MacDonald. Abends speiste er zulammen mit dem Amerikaner Stimson und dem Engländer MacDonald. MacDonald empfing außer Dr. Brüning auch Stimson und Paul-Boncour zu einer längeren Unterredung,
Die Ausschußverhandlungen der Abrüstungskonferenz gehen gegenwärtig nur äußerst langsam vorwärts. Es besteht der Eindruck, daß die Präsidenten die Anweisung erhalten haben, die Arbeiten ohne jede Beschleunigung fort- zuführen. Sie Ausschüsse tagen nur einmal täglich. Der Ausschuß für die moralische Abrüstung hat sich auf zehn Tage vertagt mit der Begründung, daß der Berichterstatter Zaleski nach Warschau gereift ist. Die Abrüstungskonferenz tritt auf der Stelle.
Reichskanzler Dr. Brüning wird voraussichtlich am Sonnabend wieder nach Berlin zurückkehren. Inzwischen ist der deutsche Botschafter in Paris von Hoesch nach Gens gefahren, wo er mit Reichskanzler Brüning eine Aussprache haben wird. Obgleich hier über die mit der Reise verbundenen Absichten amtlich nichts bekannt ist, dürfte die Begegnung doch dazu dienen, den Reichskanzler über die Pariser Stimmung nach den Preußenwahlen zu unterrichten.
Frankreichs Marktpolitik
Deutscher Appell zur
Genf, 29. April.
Sie allgemeine Aussprache übet die Offensivwaffen im Marineausschuß der Abrüstungskonferenz wurde durch den französischen Marineminister Dumont abgeschlossen Der zunächst erklärte, daß das wesentliche nicht die Abschaffung bestimmter Waffen, sondern ihre Reglementierung sei.
Die französische Marinepolitik sei ebenso wie die Ge- samtpolitik des Landes ausschließlich defensiv und trage in diesem Geiste lediglich den durch die geographische Lage gegebenen besonderen Bedürfnissen der Sicherheit un* der Verteidigung Rechnung._____ ______ ----»tnrnrre-—tfnnftHigmüHiH^ und falle ihre Bedeutung mit ber Entscheidung, die über di« schweren Bombenflugzeuge getroffen werde. Die geringste Bedrohung der Zivilbevölkerung stelle das Unterseeboot dar, das außerdem einen Schutz ber kleinen Flotten bedeute. Hinsichtlich der Linienschiffe und der Kreuzer zeige sich am deutlichsten, daß man den Offensiv- ober Defensiv-Charakter eines Schiffes nur nach den der modernen technischen Entwicklung entsprechenden Kriterien beurteilen sönne. Es sei die Aufgabe der Abrüstungskonferenz, ein Wettrennen um die Verbesserung der Qualität gleichfalls unmöglich zu machen, ein Ziel, das durch die bloße Verringerung der Tonnage nicht erreicht werden könne.
In dieser Weise benutzte Dumont wiederum die Anspielung auf das deutsche Panzerschiff zu einer Begrün dung des französischen Willens zur Aufrechterhaltung der bisherigen Flottenrüstungen.
Die Rede des französischen Delegierten enthielt einige nicht zur Sache gehörige Ausfälle gegen Deutschland, auf die der deutsche Delegierte Freiherr von Rheinbaben sofort erwiderte.
Freiherr von Rheinbaben griff bie von Dumont auch erwähnten vier Invasionen, die Frankreich im letzten Jahrhundert zu erleiden gehabt habe, auf, um dazu zu bemerken, daß der Ausschuß seine historischen Probleme zu lösen habe.
lleberdies seien „gewisse Invasionen", insbesondere denjenigen in der napoleonischen Zeit, Angriffe von französischer Seite vorausgegegangen, die zu den größten der Geschichte gehörten.
Freiherr von Rheinbaben appellierte schließlich an den französischen Delegierten, derartige Dinge im Interesse einer gedeihlichen Weiterberatung nicht zur Erörterung zu stellen. Von historischen Tatsachen, die allgemein bekannt seien, könne kein neuer Beitrag für die jetzige sehr genau um- schriebene technische Debatte erwartet werden, die im Geiste der Versöhnung und der Sachlichkeit geführt werden müsse.
• Washington bleibt optimistisch
Washington. Im Staatsdepartement teilt man nicht die pessimistische Auffassung, die über bie Abreise des amerikanischen Außenministers von Genf herrschen soll. Man weist darauf hin, daß Staatssekretär Stimson trotz seiner schweren Influenza die Gefahr der Reise unternahm, weil er anläßlich des Wiederbeginns der Abrüstungsberatungen mit den führenden Staatsmännern Europas über die Anglei- chung ihrer Ansichten auf diesem Gebiete an die Vorschläge Amerikas für sehr wesentlich hielt. Diese Beratungen habe er durchgeführt und seine weitere Anwesenheit in Genf sei daher zur Zeit nicht mehr erforderlich, um so mehr, als gegenwärtig eine Art Vakuum herrsche, verursacht durch die Ungewißtheit über den Ausgang der französischen Wahlen und über die Lage in Deutschland.
Im Weißen Haus wurde mitgeteHt, daß Stimson Hoo - v e r telegrafisch über den Verlauf der Genier Besprechungen auf dem Laufenden halte und seine Abreise für den 4. Mai von Cannes anaekündigt habe. Die Gesundheit Stimsons sei sehr angegriffen und er sehne sich nach baldiger Erholung von den Anstrengungen des Konferenzwerkes.
Trotzdem fei man nicht entmutigt, sondern habe von An. fang an mit einem fast einjährigen verlauf der Genfer Der- Handlung gerechnet und rechne auch jetzt noch mit einem schließt lchen positiven ^rgchui». _