Hersfelöer Tageblatt
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Druck und Verlag von Ludwig Funks P
Ludwig Funks Buchdruckerei
Nr. 102
Montag, den 2. Mai 1932
82. Jahrgang
Die Wahlen in Frankreich
Der erste Mahlgang
Frankreich wählt zur Kammer.
Paris. Der erste Mahlgang für die französischen Kam- merwahlen dauerte am Sonntag von 9 bis 18 Uhr. Die Zahl der Stimmberechtigten belauft sich auf 11500 000 — entspricht also etwa dem dritten Teil der Gesamtbevölkerung. Zur Wahl stehen 611 Abgeordnetenmandate, um die sich rund 3600 Kandidaten bewerben. Im Innenministerium rechnet man nicht damit, daß der erste Wahlgang die Entscheidung in mehr als 200 bis 220 Fällen bringen wird, so daß also vermutlich die restlichen 400 Abgeordnetenmandate erst beim zweiten am ^anpne-zrde» Sonntag be-
Der Wahltag ist nach den bis um 7 Uhr vorliegenden Nachrichten in ganz Frankreich ruhig verlaufen.
In dem Pariser Vorort I v r y ist es jedoch zwischen der Jugendorganisation der Patriotenliga und Kommunisten zu einer Schlägerei gekommen, in deren Verlauf sieben Personen verletzt wurden. Auch in dem stark von kommunistischer Bevölkerung bewohnten Vorort Courbevoie entstanden Schlägereien vor den Wahllokalen. Durch einen Re- volverschuß wurde ein Rentner schwer verletzt. In Bar - l e - D u c ist es nachts im Laufe einer Wahlversammlung zu Zusammenstößen gekommen, bei denen ein Bürgermeister schwer verletzt wurde. In B e l f o r t begannen die nationalen Frontkämpfer eine Schlägerei, wobei zwei Personen verletzt wurden.
Die Wahlbeteiligung dürfte in der Stadt Paris etwa 80 Prozent betragen haben.
Erste Übersicht
Das Ergebnis aus 160 Wahlbezirken ist nach der von Havas um 23.30 Uhr ausgegebenen Uebersicht:
Rechtsstehende 0 (Gew.— Verl.—)
Marin-Magmot-Partei 25 (Gew. 4, Verl. 1) Linksrepublikaner (Tardieu) 9 (Gew. 1, Verl. 7)
Radikale (Herriot) 15
Sozialrepublikaner 8
Sozialisten 13
Kommunisten 0
Z-ML A 0, Verl. 0)
>. 1, Verl. 1)
>. 2, Verl. 1)
>. 0, Verl. 0).
Unter den Gewählten sind Ministerpräsident T a r d i e u, der Radikale Herriot, der ehemalige Ministerpräsident pa i n l e v e, der Abgeordnete Louis Marin, Kammerpräsident und Sozialist Fernand B o u i s s o n, der Radikale E h a u l e m p s, die Sozialisten L^on B l u m und R e n a u- d e l sowie Finanzminister F l a n d l n.
Zum Verständnis der Statistik über das Ergebnis der französischen Wahlen seien folgende Parteibenennungen von rechts nach links angegeben:
Unter der Bezeichnung Rechtsstehende sind zu verstehen: die Reaktionaren, die Royaltsten und die Bonapartisten.
Alsdann folgt zufammengenommen die Partei Marin und die Partei M a g i n o t, zu welcher Gruppe auch die Ka- tholischen Demokraten hinzugezählt werden.
Unter der Bezeichnung Linksrepublikaner ist die Fraktion Tardieu zu verstehen.
Unter der Bezeichnung Rechtsstehende Radikale sind vereinigt: die Radikale Linke (ehemalige Fraktion Loucheur), Gruppe Franklin-Bouillon und die Gruppe der Unabhängigen Linken.
Die Radikalen (Herriot).
Sozialrepublikaner, zu denen auch die rechtsstehenden Sozialisten gerechnet werden (Chabrun).
Die Sozialisten. Die Ky-nmumsten.
Herabsetzung der MilitSrdienftreit?
Die Besprechungen in der Villa Stimsons.
London, 1. Mai.
Mährend der privaten Besprechungen in der Villa Stimsons ließ der amerikanische Staatssekretär, wie Per- tinax aus Genf dem „Daily Telegraph" meldet, Tabellen herumreichen, die für jedes Land die von ihm vorgeschlagene Heeresstärke enthielten.
Auf dieser Grundlage würde Frankreich etwa 100 OOC Mann haben. Diese Zahl nähere sich der oetfminberfeti Stärke der vier Jahresklassen vom Jahre 1936 ab, bei denen sich die geringere Geburtenziffer der Kriegsjahre auswirke.
Dr. Briining habe bei dieser Unterredung gefordert, daß Deutschland berechtigt sein solle, die Militärdienstzeit in bet Reichswehr herabzusetzen.
Es würde also ein schwierig zu bewirkender Ausgleich zwischen der Berufsarmee Deutschlands und der auf der ein- ausgebauten französischen Armee statt- ‘ 'alcheinlich stimme MacDonald in den
jährigen Dienstzeit au
zufinden haben. Wahrscheinlich stimme MacDonald in den meisten Punkten mit Stimson überein. Franzöfischerseits werde gesagt, daß der amerikanische Plan sich kaum mit den Forderungen der französischen Landesverteidigung und den Gesetzen über die Zusammensetzung der französischen Armee vereinbaren lasse. Außerdem habe Stimson die Frage der Sicherheit vollkommen außer acht gelassen.
Die Mai-Weltfeiern
Berlin. Im Mittelpunkt der Feiern für den 1. Ma standen in Berlin zwei Lustgartendemonstrationen, die der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands um 13 Uhr und die der Kommunistischen Partei Deutschlands um 15.30 Uhr Neben verschiedenen sozialdemokratischen Reichstags- unb Landtagsabgeordneten sah man auch den Polizeipräsidenten von Berlin, G r z e s i n s k i. Der preußische Innenminister S e v e r i n g war mit einem der Züge aus dem Stadtinnern mitgezogen. Die Festansprache für die Sozialdemokraten hielt der Vorsitzende der Berliner Stadtverordnetenfraktion, P l a t a u. Er forderte die 40ftünbige Arbeitswoche und eine klare Stellungnahme zum Wirtschafts- und Arbeitsbe- schaffungsprogramm der Gewerkschaften und zur Veröffentlichung der Arbeitsbeschaffungspläne der Regierung. Die Massen wurden nach vier von der Polizei vorgeschriebenen großen Plätzen dirigiert, wo sie sich auflösten. Die Kundge- bung ist ohne Zwischenfälle verlaufen.
Während des Abmarsches der SPD. sammelten sich bereits die Kommunisten an etwa 40 Stellen der Stadt. Der Aufmarsch war zur angesetzten Zeit um ^4 Uhr noch lange nicht beendet. Erst eine Stunde später war der größte Teil der Demonstranten im Lustgarten untergebracht."
Der Kommunistenführer Ernst Thälmann forderte in seiner Ansprache zu einer unbesiegbaren roten Einheitsfront gegen den Faschismus und gegen das drohende Verbot der proletarischen Wehrorganisationen auf.
Die Kundgebung, die ebenso wie die der SPD. sehr starken Besuch aufwies, verlief reibungslos.
Trier. Als Polizei eines der im kommuniftichen De- monstrationszug mitgeführten Transparente beschlagnahmen wollte, wurde sie von der Menge mit Steinen beworfen. Die Polizei räumte die Straße zweimal mit dem Gummiknüppel, wobei es mehrere Verletzte gab. Drei Kommunisten wurden festgenommen.
In Polen zwei Tote
Warschau. Bei der Maifeier in Dombrowa-Gora bei Sosnowitz kam es zu einer Schießerei zwischen Kommunisten und Polizei. Zwei Kommunisten wurden getötet. Sonst hatten die Maifeiern im ganzen Lande einen ruhigen Verlauf. Zahlreiche Funktionäre, hauptsächlich Jugendführer der in Polen verbotenen Kommunistischen Partei sind bei einer Polizeirazzia im Dombrowaer Revier verhaftet worden.
Französischer Kommunistenführer verhaftet.
Paris. In Paris und auch in der Provinz sind, soweit bisher bekannt, die Maifeiern völlig ruhig verlaufen. Entgegen ihrer Gepflogenheit haben auch viele Taxichauffeure nicht gefeiert.
In Bayonne ist es bei der Maifeier der Kommunisten zu Zwifchenfällen gekommen. Polizei und Gendarmerie nahmen den Redner und 20 Personen fest. Der leitende Polizeikommissar wurde von der Menge verletzt.
Zwischenfall vor der Londoner japanischen Botschaft.
London. Als die Polizei abends in der Nähe der Japa
Nischen Botschaft einen Maiumzug auflöfen wollte, kam es mit den Demonstranten zu einem ernsten Zusammenstoß. Ein Polizeiinspektor Mehrere Personen
und drei Zivilisten wurden verletzt, wurden festgenommen.
Angriff auf Australiens Ministerpräsidenten.
Melbourne. Bei der Maifeier der Arbeiter-Partei drangen Kommunisten bis zur Rednertribüne vor und bedrängten den Ministerpräsidenten Tunecliffe und mehrere Redner. Die Polizei mußte sie gewaltsam aus den Händen der Kommunisten befreien. *
300 Verhaftungen in Japan.
Tokio. Demonstrationsversuche der Arbeiterschaft zur Feier des 1. Mai führten zur Verhaftung von 300 Personen. Bei kleineren Zusammenstößen wurden mehrere Personen verletzt.
beugen,
Budapest. Die Polizei hat, um Demonstrationen vorzu- ien, 76 Personen, größtenteils bekannte Agitatoren, in »ahrfam genommen. Während des sozialdemokratischen rtfeftes wurden 20 Jungarbeiter sistiert.
Polizeirazzia
67 Nationalsozialisten zwangsgestellt.
Berlin. Polizeibeamte durchsuchten überraschend ein imtionalsozialistisches Verkehrslokal in der Alexandrinen- straße. Sechs Pistolen, ein Dolch und zwei Tränengasrevolver wurden gefunden. 67 Personen wurden nach dem Polizeipräsidium gebracht, zwei von ihnen blieben in Gewahrsam.
Britischer Beamter in Indien getötet.
Der Distriktchef von Midnapore, Douglas, wurde von einem jungen Bengalen Überfällen und schwer verwundet. Er ist seinen Verletzungen erlegen.
Selbsthilfe des Reiches
Der grobe Anleiheplan der Regierung
Berlin, 1. Mai.
In Regierungskreisen beschäftigt man sich ausführlich mit dem Plan einer steuerfreien Millionen-Anleihe, derer Erträgnisse der Bekämpfung der Erwerbslosigkeit gewidme werden sollen. Es liegt, wie von unterrichteter Seite erklär wird, bisher noch keine Kabinettsvorlage über diese Angelegenheit vor.
Man geht aber wohl nicht fehl in der Annahme, das; tatsächlich die Reichsregierung versuchen wird, die Finanzierung der unbedingt notwendigen Herabminderung der Erwerbslosigkeit durch eine im Inland aufzulegende Anleihi von einigen hundert Millionen RM. durchzuführen. Daß es schwer sein wird, zu normalen Anleihebedingungen heult die erforderlichen Beträge hereinzubekommen, liegt auf bet Hand. Die Reichsregierung wird deshalb genötigt sein, den Zeichnern der geplanten Prämienanleihe weitgehend ent- gegenzukommen, was sie insbesondere aus steuerlichem Gebiete zu tun in der Lage ist. Denn in dem Maße, in dem es gelingt, die Erwerbslosenzahl zu vermindern, gehen auch die enormen Belastungen der öffentlichen Hand auf diesem Gebiete zurück. Denn mithin die Reichsregierung die aufzulegende Anleihe steuerfrei erklärt, so kann man auf bet anderen Seite nur mit einem geringen Zinsfuß rechnen.
Die geplante große Prämienanleihe soll so hoch wie möglich gehalten werden. Eine bestimmte Begrenzung nach oben soll nicht vorgesehen werden. Die neue Anleihe soll mit einem sehr niedrigen Zinsfuß ausgestattet werden unb zahlreiche Vorteile erhalten. In erster Linie soll eine weitgehende Steuerbefreiung eintreken, außerdem wird ein sehr vorteilhafter Gewinnplan ausgestellt, und schließlich soll mit der Zurückzahlung bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit begonnen werden.
Die Reichsregierung hat sich zu dieser Art der Finanzierung entschlossen, da man schon mit der kürzlich aufgelegten steuerfreien Reichsbahnanleihe, die einen ähnlicher Anleihetyp darstellt, sehr gute Erfahrungen gemacht hat.
Das Reichskabinett will in angestrengten Dauersitzungen " ' " ' vielen lebet«»1
| um nw nur mit oem ^rat, konoern auch
I wichtigen Fragen der Arbeitsbeschaffung
tsbeschaffung beschäftigen.
Reichspräsident von Hindenburg empfing am Sonnabend den Reichskanzler zum Bericht über die Genfer Verhandlungen und bald darauf auch den Reichsfinanzminister Dietrich, der ihm nochmals über den gegenwärtigen Stand der Arbeiten am neuen Reichsetat Bericht erstattete. Bei der unerhört schweren Schätzung der Steuereinnahmen dürfte dem Reichskabinett die Entscheidung darüber Vorbehalten bleiben, welche Ziffern in die wichtigsten Einnahme-Rubriken des Haushaltsplans als vorläufige Schätzung einzusetzen sind.
MgiiaWe Lage der Reichsbahn Die Betriebsergebniste im März.
Berlin, 1. Mai
Die Deutsche Reichsbahngesellschaft veröffentlicht den Lagebericht der Reichsbahn für März 1932. Danach blieb der Güterverkehr im März angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die den Binnenmarkt und den Außenhandel lähmen, schwach. Unter der gleichen Erscheinung litt der Personenverkehr infolge der unverändert schlechten Wirt- schaftsverhältnisse sowie der ungünstigen Witterung.
Die Betriebseinnahmen beliefen sich auf insgesamt 244 468 000 RM. Die Ausgaben betrugen unter Berück sichtigung des Dienstes der neuen Schuldverschreibungen und Anleihen sowie der festen Lasten insgesamt 312 175 000 RM Die Gesamtausgaben übersteigen somit das im März 1932 aufgekommene Einnahmeergebnis um rund 68 Millioner RM., so daß nunmehr seit Beginn des Geschäftsjahres runc 222 Millionen RM. durch die Betriebseinnahmen nicht gedeckt sind.
Noch feine Zentrumsentscheidung
Die Vorstandssihung der Partei.
Berlin, 1. Mai.
Der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Zentrumspartei war in Berlin zu einer Sitzung zusammengetreten, über die folgender Bericht ausgegeben wurde:
„Der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Zen- trumspartei trat unter dem Vorsitz des Prälaten Dr. Kaas im Reichstag zusammen. Besonders wurde das Ergebnis der Länderwahlen besprochen und dabei mit Genugtuung und Dank festgestellt, daß durch die Treue der Wähler die Fort- führung einer aufbauenden nationalen Realpolitik gewahr
leistet ist.
Dem Reichskanzler, der für kurze Zeit der Sitzung bei- wohnte, wurde der Dank für seine tatkräftige Vertretung bee deutschen Standpunkts in Genf zum Ausdruck gebracht. Ais einmütige Auffassung kam zum Schluß zum Ausdruck, daß ...... —' " —e„ die letzt,
in den einivetenben politischen Verhandlungen d,e Entscheidung der Reichsparleileitung vorbehalten bleibt.
Kerrl-Peine Landtagspräsident?
Berlin. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß die Nationalsozialisten den Landtagsabgeordneten Kerrl-peine zum Präsidenten des preußischen Landtags vorschlagen wollen.