Hersfelöer Tageblatt
Anzeigenpreis,: Die einspaltige 45 mm breite Petitzeile 15 Pfg., die Rektamezeile (90 mm breit) 50 Pfg. (Grundschrift Korpus). Bei Wiederholungen wird entsprechender Preis-Nachlaß gewährt, ä Für die Schriftleitung verantwortlich: Franz Funk in Hersfeld Fernsprecher Nr. 608.
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS
Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.35 Neichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für HerSfeld 1.10 Neichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Neichs-Mark.
Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerel in Hersfeld, Mitglied des VDIV.
Nr. 103
Dienstag, den 3. Mai 1932
S2. Jahrgang
Polen auf der Lauer
Aufsehenerregende englische Meldungen über Warschauer Putschpläne gegen Danzig
Die Reichsbahn in der Krise
Ungünstiger Abschluß für das Geschäftsjahr 1931.
Berlin. 3. Mai.
Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft legt ihren Abschluf für das Geschäftsjahr 1931 vor. Die Zahlen zeigen eindring lich, wie schwer sich die gegenwärtige Krise auf die deutsch, Wirtschaft und damit auch auf das größte deutsche Verkehrs unternehmen, die Reichsbahn ausgewirkt hat. Die Reichsbahn mußte zum Ausgleich ihrer Bilanz 1931 ihre sämtli chen Rücklagen nahezu erschöpfen und ohne jede Reserm in das neue Geschäftsjahr hineingehen.
Die Einnahmen der Betriebsrechnung betragen runk 3849 Millionen Mark Das sind rund 721 Millionen Marl oder 16 vom Hundert weniger als 1930 und 1505 Millionen Mark oder 28 vom Hundert weniger als 1929. Den Einnahmen stehen Ausgaben von 3623 (4090) Millionen Mark gegenüber, und zwar für Betriebsführung 2236 (2406 Millionen Mark, Unterhaltung 906 (1090) Millionen Marl und Erneuerung 480 (594) Millionen Mark. Ohne Ein- rechnung der Tributlasten ergibt sich danach ein Be- triebsüberfchußvon rund 226 MillionenMk Unter Berücksichtigung der Tributzahlungen von 635 (660; Millionen Mark entsteht jedoch eine Mehrausgabe von 40* (180) Millionen Mark
Die Zersetzungsarbeit in der Reichswehr
Aufsehenerregende Feststellungen des Oberreichsanwalts.
Leipzig. 3 Mai.
In der Verhandlung des vierten Strafsenats des Reichsgerichts wegen der kommunistischen Zersetzungsarbeit im Reiterregiment 9 und wegen Zersetzung der Polizei gegen 12 Angeklagte aus Fürstenwalde und Berlin nahm der Vertreter des Oberreichsanwalts, ^dertzaarsunwGt Dx. Eichler, das Wort zur Begründung der Anklage. Seine Ausführungen sind für die ganze deutsche Oeffentlichkeit von besonderer Bedeutung. Der Oberstaatsanwalt erklärte u. a.: Es ist hier ein Fall von kommunistischer Zersetzungstätig- keit festgestellt worden, wie er in solchem Umfange noch nie Gegenstand eines Verfahrens war.
Die Verhandlung hat die ungeheuren Gefahren gezeigt, die dem Bestand des Reiches durch die Zersetzung der staats- erhaltenen Einrichtungen, Polizei und Reichswehr, drohen. Es ist kein Zweifel, daß die Taten der Angeklagten besonders schwer wiegen. In der Person des Angeklagten Schulz (Willy, früher städtischer Angestellter in Berlin), ist ein Leiter der Zersetzungsarbeit festgestellt worden, der die Zersetzung planmäßig einrichtete und in Fürstenwalde eine Ak- livgruppe bildete, deren ausschließliche Aufgabe es war, die dort liegenden Teile des Reiterregiments 9 für die kommunistischen Ziele zu gewinnen, d. h. die Soldaten für den Fall des gewaltsamen Umsturzes, den die KPD. nach gerichtlicher Feststellung erstrebt, auf die Seite der Kommunisten her- überzuziehen, oder sie zu veranlassen, in einem solchen Falle wenigstens untätig zu bleiben.
Der Oberstaatsanwalt teilte dann im einzelnen mit, wie insbesondere der Angeklagte Schulz gearbeitet habe. Schulz habe in den Verhandlungen seine Pläne genau entwickelt, wonach die Soldaten in Zellen zusammengeschlossen werden sollten. Der Plan der Herausgabe einer Soldatenzeitung .Der Rote Reiter" sei bald in die Tat umgesetzt worden. Zweck der Zeitung sollte sein, Unzufriedenheit unter den Mannschaften zu erregen und sie gegen ihre Offiziere aufzu- lehnen. Schulz habe dann den Overgefreiten Meier persönlich bearbeitet. Meier habe belehrende Schriften erhalten, die er lesen und weiterverbreiten sollte. Man habe von ihm auch eine Abhandlung über das Verhältnis Mischen Reichswehr und Bevölkerung verlangt. Für seine Mitarbeit seien ihm Honorare in vornehmer Höhe versprochen worden. Bei einer Besprechung habe nach Angaben des Zeugen Meier Schulz eingestanden, daß er an die Kasernenmauer gemalt habe: ..Brüder im Waffenrock, schießt nicht auf uns!" Dem Meier sei dann gesagt worden, wenn er erwischt werden sollte, was jedoch ausgeschlossen erscheine, so würd« man ihn nach Rußland schicken. Was er an Versorgungsgebührnissen einbüße, würde ihm in Rußland doppelt ersetzt. Meier wurde auch eingeladen, kommunistische Soldatenversammlungen in Berlin zu besuchen, die weitreichend gesichert seien. Tatsächlich seien solche Versammlungen in Berlin nicht abgehalten worden, sondern später, nachdem die Fürstenwalder Angelegenheit schon durch die Polizei bearbeitet wurde, habe eine kommunistisch« Soldatenversammlung in Hannover stattgefunden. Meier sei vorgelogen worden, daß ein Wachtmeister, 4 Unteroffiziere und eine ganze Anzahl von Mannschaften des Reiterregiments 9 schon für die KPD. arbeiteten.
Der Oberstaatsanwalt beantragte, die Angeklagten wie folgt zu verurteilen: Trost zwei Jahre und neun Monate Festungshaft, Schütze 2 Jahre 9 Monate Festungshaft Schulisch 2 Jahre 9 Monate Festungshaft, Hutler drei Jahre Festungshaft, Markwitz 2 Jahre Festungshaft, Welk Frei- spruch, Engwicht 2 Monate 2 Wochen Gefängnis, Schulz 3 Jahre Zuchthaus. Slusarek 2 Jahre Festungshaft, Borch ein Jahr 9 Monate Festung und Braun ein Jahr 9 Monate Festung.
BrHning berichtet über Genf Deutschlands Haltung unverändert.
Berlin, 3. Mai.
Der Bericht, d-n der Kanzler dem Kabinett über di« außenpolitische Situation erstattete, erstreckte sich eingehend aus alle Fragen, die in den Genfer Besprechungen mit den ausländischen Staatsmännern behandelt worden sind., vor allem also auf die Abrüstungskonferenz, die Reparattons- frage und das Donauproblem. Danach hat Dr. Brüning in Genf keinen Zweifel an der Bestimmtheit und Klarheit des Standpunktes gelassen, den Deutschland in diesen Fragen einnimmt. Das gilt in erster Linie für das absolute Bestehen auf Gleichberechtigung in der Abrüstung und gilt weiter vor allem auch für das Festhalten an der Linie der deutschen Reparationspolitik.
Di« Darlegungen Dr. Brünings wurden im einzelnen noch ergänzt durch Staatssekretär Dr. Bülow und Mini- terialdirektor Graf Schwerin von K r o s i g k, der be° änntlich der erste deutsche Sachverständige für die wirt- chaftliche und finanzielle Seite des Donauproblems ist. Mit der Kabinettssitzung sind nun die Beratungen eingeleitet worden, die die Lösung all der bedeutsamen Fragen bringen sollen, die in der nächsten Zeit geregelt werden müssen.
Generalangriff auf Brüning?
Bayerische Kombinationen über Generalitäts-Pläne.
München, 3. Mai.
Die Bayerische Volkspartei-Korrespondenz beschäftigt sich mit den Gerüchten von einem bevorstehenden Sturze der Regierung Brüning: Das Projekt, über die Leiche Groe - n e r s zu einem Sturz des gesamten Kabinetts zu gelangen, und einen politischen General zum Reichskanzler zu machen, öffne jedem nüchternen Beobachter die Augen darüber, wo- hin der Wea der deüiiujen ÜüÜtii iäbcc w^y müh bem Reichspräsidenten zumute» wolle, sich von der Politik Vrü- nings abzuwenden.
Aum Schluß ihrer Betrachtungen über die Gerüchte, die in Berliner politischen Kreisen lediglich als K o m b i Nationen geweitet werden, hebt die Korrespondenz hervor, daß der von Minister Groener befolgte Grundsatz, daß ein Parteiheer in einem geordneten Staatswesen keine Daseinsberechtigung habe, unbedingt richtig sei. Diesen Grundsatz wiederum freizugeben, wäre ein verhängnisvolles Abgleiten in eine politische Geisteshaltung, die Vogel-Strauß« artig die Gefahr übersehe, um dem vagen Opportunismus einer rasch vergänglichen Stunde zu frönen.
Bei einer solchen patlei werde Bayern nimmer dabei sein, da es vielmehr seine Augabef darin erblicke, ein Hork politischer Vernunft und ruhiger Besonnenheit zu bleiben.
Wann Landtagseiaberusnng?
Eine Entscheidung des Staatsgerichtshofes.
Leipzig, 3. Mai.
Der Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich gibt soeben eine Entscheidung bekannt, in der es u. a. heißt: Es war bisher bestritten, ob das Einberufungsrecht der Minderheit nur dann besteht, wenn das Parlament feine Tagung geschlossen hat, oder ob es auch geltend gereicht werden kann, wenn das Parlament sich nur vertagt hat.
Die Frage ist durch eine Klage der Deutschnationalen Fraktion und der Deutschen Fraktion des preußischen Landtages gegen den Präsidenten des preußischen Landtages zur Entscheidung durch den Stauksgerichtshof für das Deutsche Reich gelangt. Dieser hat zugunsten der Minderheit er- tannl und ausgesprochen, daß der Landtagspräsident dem Einberufungsantrag eines Fünftels der Landkagsmitglieder ruch während einer bloßen Vertagung folgen müsse.
Der Staatsgerichtshof hat feine Entscheidung besonders auf Artikel 24 der Reichsverfassung gestützt Die Entste- zungsgeschichte von Artikel 24 läßt deutlich erkennen, daß nan bei Schaffung der Reichsverfafsung das Einberufungs- :echt auch bei einer Vertagung hat gewähren wollen. Die gegenteilige Meinung würde zudem der Mehrheit die Mög- ichkeit geben, das gerade gegen sie gerichtete Minderheits- recht dadurch zu vereiteln, daß sie keinen Tagungsschluß mehr eintreten läßt, wie das ja auch jetzt — freilich aus inderen Gründen — regelmäßig geschieht.
Land für die Siedlung
Es muß noch sparsamer gewirtschaftet werden.
Berlin, 3. Mai.
Im Reichsarbeitsministerium hat mit Vertretern der Siedlungspraxis eine Besprechung darüber stattgefunden, wie es möglich sei, die Siedlung weiter zu verbilligen. Die Besprechung bezog sich besonders auf das Siedlungsland, welches jetzt aus der Osthilfe anfallen wird.
Es bestand allgemein Uebereinstimmung darüber, daß man versuchen müsse, noch einfacher und sparsamer als bisher zu siedeln. Die Vertreter der Siedlungspraxis gaben auch der Auffassung Ausdruck, daß alles Land im Osthilfegebiet, das nicht mehr entschuldet werden kann, nunmehr wirklich auch mit größter Beschleunigung der Siedlung zu- zufübren ist
Wien droht!
Angeblich ein Handstreich auf Danzig geplant.
London, 3. Mai.
„Daily Expreß" veröffentlicht in sensationeller Aufmachung einen Bericht seines Sonderkorrespondenten in Danzig, in dem es u. a. heißt, Polen habe seine Pläne für die Besitzergreifung des Freistaates Danzig fertiggestellt. Rur ein in 12. Stunde erfolgtet Schritt Frankreichs habe verhindert, daß die polnische Flagge über Danzig wehte.
Der Korrespondent sagt, die maßgebendste Persönlichkeit an Ort und Stelle — fein Pole oder Danziger — habe ihm erklärt: „Die Polen haben ihren Kopf verloren." Die Behörden hätten befürchtet, daß die polnische Flotte in den Danziger Hafen einfahren und wie im Falle der Wegnahme von Wilna, die Welt vor eine vollendete Tatsache stellen würde. Der Oberkommissar Graf Gravina habe sich dringend mit dem Generalsekretär des Völkerbundes in Verbindung gesetzt und ihm warnend von dieser Gefährdung des europäischen Friedens Mitteilung gemacht
Der Danziger Korrespondent des Arbeiterblattes „Daily Herald" sagt, eine Katastrophe sei vermieden worden. Aber die Lage bleibe ernst und bedürfe einer sorgfältigen Behandlung. Der Sonderkorrespondent der „Daily Mail" in Zoppot berichtet ebenfalls, daß eine neue internationale Verwicklung mit knapper Rot vermieden worden sei.
Die AussaNung in Berlin
Zu den englischen Meldungen wird von unterrichteter Seite in Berlin erklärt, daß nach den Feststellungen des Auswärtigen Amtes offenbar amtliche Warschauer Kreise nicht hinter derartigen Plänen stehen. Man hält es aber für denkbar, daß irgendwelche chauvinistischen Elemente in Polen ähnlich« $iu«i*Äü<
3n politischen Kreisen ist man der selbstverständlichen Auffassung, daß die deutsche Regierung gegebenenfalls alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anwenden wird, um einen derartigen Handstreich aufs schärfste entgegenzulreten und daß sie die Entwicklung der Dinge mit größter Wachsamkeit verfolgen wird.
Eine amtliche Danziger Verlautbarung
Von amtlicher Danziger Seite wird mitgeteilt: „Die Meldungen englischer Zeitungen, deren Wortlaut hier noch nicht vorliegt, knüpfen offenbar an die Nachrichten polnischer Blätter an, die seit Wochen und Monaten ohne jede Hemmung Danzig angreifen, die Beseitigung von Hoheits- rechten der Freien Stadt Danzig verlangen, offen zur Gewaltanwendung gegen Danzig auffordern und in unerhörter und völlig unberechtigter Weise den hohen Kommissar des Völkerbundes schmähen. Die englischen preüemeioun- gen sind sichtlich weiter die Foleg des Verhaltens der polnischen amtlichen Stellen gegenüber der Danziger Wirtschaft, das in seiner Konsequenz zum völligen Erliegen der Danziger Wirtschaft führen müsse, und das wiederholt zu Anträgen auf Entscheidung beim hohen Kommissar des Völkerbundes geführt habe."
Gin Dementi der BSilerdundrttmminors
Das Sekretariat des Hohen Kommissars hat der Danziger Presse eine Zuschrift zugehen lassen, in der auf das entschiedenste die Alarmnachrichten über einen beabsichtigten Putsch Polens dementiert werden, soweit sie auf seine Tätigkeit und seine Person als Völkerbundskommissar Bezug nehmen. Die Danziger amtlichen Stellen haben zu den Meldungen bisher noch nicht Stellung genommen.
Polen dementiert Putschpläne
London, 3. Mai.
Laut Mitteilung der Londoner Polnischen Botschaft hat der polnische Botschafter am Montag im Foreign Office vorgesprochen, „um die Aufmerksamkeit auf die völlig unwahren Berichte dreier Londoner Zeitungen über angebliche aggressive Absichten Polens auf Danzig zu lenken".
Runciman für Schuld enstreichm^
London, 3. Mai.
Der Präsident des Handelsamtes, R u n c i m a n, forderte am Montag in einer Rede auf dem Jahresbankett der Londoner Handelskammer nachdrücklich, die Nationen sollten sofort „die schlechte Politik der letzten zwölf Jahre üertr 'm" und „eine vollständige Beendigung aller Kriegssch: m- zahlungen und Reparationszahlungen herbeiführen.
Stabilisierung des Dollar
Washington, 3. Mai.
Das Repräsentantenhaus nahm am Montag einer Gesetzentwurf an, der die Stabilisierung des Dollar an der Basis seines Wertes von 1926 durch das Bundesreserr. Mit Vorsicht.