Hersfe! öer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger Dr den Kreis Hersfelö
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdrucker«! in Hersfelb, Mitglied des VDZB.
Nr. 104
Mittwoch, den 4. Mai 1932
82. Jahrgang
Umbildung der Reichsregierung?
Rücktritt des Reichswirtschaftsministers Dr. Warmbold — Keine Gesamtdemission des Kabinetts
Der 6M ob ZMdkW»
Zu dem Plan des
Groener, eine
staatliche Jugendorganisation einzurichten, wird von besonderer Seite geschrieben:
In der Nachkriegszeit hat sich der Staat bisher auf eine Betreuung der Jugend durch die Schule beschränkt und es der Initiative der mannigfaltigen freien Verbände überlassen. sich der pädagogischen Ausgestaltung ihrer Freizeit anzunehmen. Die Tatsache, daß etwa 55 v. H der deutschen Jugend in irgendeinem der vielen Bünde politischer, konfessioneller oder gewerkschaftlicher Richtung, einem Jugend- oder Sportoerbande usw. organisiert sind, läßt auch im allgemeinen den Schluß zu, daß mit diesem freien Wettbewerb der Kräfte und Ideen der geistigen Eigenart unseres Volkes am besten Rechnung getragen wird. Wenn dennoch neuerdings in verantwortlichen Kreisen sehr ernsthaft Pläne erörtert werden die auf nichts anderes hinauslaufen als auf einen teilweisen Eingriff des Staates in diese bisher der Selbstverwaltung autonomer Körperschaften überlassene päüagogische Provinz, so müssen dafür sehr gewichtige Gründe vorliegen
Ohne die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Krisenlage unseres Volkes würde in der Tat wohl kaum ein verantwortlicher Staatsmann in Deutschland sich entschließen, in das Gebiet der Jugenderziehung einzugreifen. denn noch allemal sind freiwillig getane Dinge mit größerer Freudigkeit und damit auch mit größerem sachlichen und pädagogischen Nutzeffekt verbunden gewesen als Pflicht- mäßig erzwungene. Aber die Sorge um rund eine Million jugendlicher Arbeitsloser, die verzweifelt und ohne jede Aussicht auf Erwerb und berufliches Weiterkommen auf der äMWStäuftg per Bekwatzriojung in Die Arme getrieben wird, lassen ein längeres Zusehen der Regierung nicht mehr erträglich erscheinen. Es wird also darauf ankommen, die dergestalt unumgänglich gewordenen Entscheidungen auf eine Weise zu treffen, durch die den Erfordernissen des Staates Genüge geleistet wird, ohne daß dabei die wertvollen Erfahrungen des von der Jugend und ihren Verbänden selber Geschaffenen übersehen und die von ihnen herausgebildeten Lebensformen beeinträchtigt werden. Wenn irgendwo, so muß auf dem Gebiete der staatlichen Regelung der — freiwilligen und unfreiwilligen — Freizeit der Jugend eine bürokratische und lebensfremde Regelung vermieden werden. Das wird aber nur dann möglich sein, wenn sich die freien Verbände nicht von vornherein gegenüber den Plänen der Regierung völlig ablehnend verhalten, sondern wenn sie den abnormen Verhältnissen der Gegenwart Rechnung tragen und sich für eine positive Lösung der von der Frage umschlossenen Probleme mit zur Verfügung stellen.
Aus den verschiedenen Aeußerungen des Reichsinnen- Ministers Groener ist bislang bekanntgeworden, daß an die Schaffung einer überparteilichen und weltanschaulich neutralen staatlich geförderten Jugendorganisation gedacht ist Auffallend war bei den Auslassungen des Ministers die starke Hervorhebung des sportlichen Zweckes des geplanten Jugendverbandes. Hier wird gerade von gewerkschaftlicher Seite wie auch von den freien Jugendverbänden darauf hin- wiesen werden müssen, daß der junge Arbeitslose in Deutschland vor allen Dingen nach Arbeit verlangt. Alles andere — Körperbildung, Musik, geistige Anregungen usw. — gehört ganz selbstverständlich mit in den Rahmen eines bündisch gegliederten Gemeinschaftslebens hinein, aber es darf nicht zum Mittelpunkt oder gar Selbstzweck der Gemeinschaft werden. Diese Erkenntnis, die sich in der Jugendbewegung und der Arbeitslagerbewegung längst durchgesetz! hat, sollte als A und O einer staatlichen Regelung der Jungmannschaftserziehung gelten um so mehr, als die - ohnehin geplante — enge Verbindung mit dem freiwilligen Arbeitsdienst ihre Berücksichtigung unschwer ermög- lichen dürfte.
Erscheint das aus irgendwelchen Gründen nicht tunlich. so wäre mindestens eine Aufgliederung des staatlichen Ju- aendpflegeverbandes nach Sachgebieten (freiwilligen Arbeitsdienst Siedlung, Wehrsport, städtische Lehrstättenaus- bildung, soziale Hilfsarbeit usw.) mit der ausdrücklichen Maßgabe zu empfeh en, daß die Jugendlichen sich selber für diejenige Organisationsform entscheiden können, die ihnen selber am meisten zusagt. Durch solche Wahlfreiheit ließe sich wenigstens noch ein Teil der Begeisterung für den selbstgewählten Einsatz'aufrechterhalten, was aus psychologischen Gründen von Wichtigkeit wäre. Ebenso w chtig wäre ferner, der geistigen Haltung der jungen Generation darin entgegenzukommen, daß eine solche staatliche Jugendorganisation weitgehend nach dem Prinzip der Selbstoer- waltung aufgebaut würde und sich auch landschaftlich enger verwurzeln könnte.
Endlich bedarf es einer ernsthaften Ueberlegung, ob es richtig wäre, wenn man auf den — allerdings naheliegenden — Standpunkt verfiele, lediglich die derzeit arbeitslose Jugend in die neue Jugendorganisation zu schicken (was auf dem Umwege über die Arbeitslosenunterstützung sicherlich am leichtesten möglich wäre), oder ob nicht vielmehr gerade der politische Sinn des Groenerschen Planes nur dann erreicht werden kann, wenn die gesamte Jungmannschaft
einer bestimmten Altersstufe — d. h. doch wohl nach vollendeter Berufsausbildung oder nach dem Schulabgang — ausnahmslos für ein bis zwei Jahre zur Teilnahme an dei Arbeitspflicht herangezogen wird. Schaden würde das niemandem, die Entlastung des Arbeitsmarktes wäre noch erheblicher, und vor allem: der ungeheuren Gefahr, die in dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer deklassierten Jugend liegen würde, wäre von vornherein vorgeheugt. Freilich wäre auch damit noch nicht viel erreicht, wenn nicht ein anderes hinzukommt.
Der Staat wird sich in allen Instanzen darüber Hai sein müssen, daß eine Verwirklichung so weittragender Pläne nur gelingen kann, wenn er sich der bereitwilligen Anteilnahme der deutschen Jungmannschaft selber zu versichern vermag. Ohne ein Aufweisen großer Linien und Ziele in seiner Politik, die von der jungen Generation freudig und unbedingt bejaht werden, wird er einen solchen Einsatz nicht erreichen. Voraussetzung einer jeden staatlichen Jugenderziehung ist daher die Entschlossenheit zur endlichen Inangriffnahme jener großen staatlichen Reform- fragen, um die Regierung und Parteien bis heute noch immer herumgegangen sind wie die Katze um den heißen Brei. Man kann die junge Generation unseres Volkes nicht zur politischen Verantwortung erziehen wollen, ohne selber ein Vorbild politischer Führung gegeben zu haben
Förderung der Arbeitsdienstes verstärkter Einsatz bei der landwirtschaftlichen Siedlung.
Im Anschluß an die Kabinettsvorlage des Reichs- arbeitsministers vom 3. März 1932 schweben zur Zeit Erwägungen. den freiwilligen Arbeitsdienst auf eine wesentlich breitere Grunolage zu stellen. Ob uno in welchem Umianü das in dieser Kabinettsvorlage entwickelte Programm verwirklicht werden kann, läßt sich noch nicht übersehen. Der vom Reichsarbeitsminister vorgelegte Entwurf einer Ergänzung der Verordnung über die Förderung des freiwilligen Arbeitsdienstes vom 23. Juli 1931 beschränkt sich auf die Einfügung eines Sonderabschnittes, der eine Reihe von Vorschriften für den Arbeitsdienst bei landwirtschaftlichen Siedlungen bringt. Die Ergänzungs- Verordnung regelt den verstärkten und vereinfachten Einsatz des freiwilligen Arbeitsdienstes bei der Durchführung der landwirtschaftlichen Siedlung. Da sich der Entwurf auf die landwirtschaftliche Siedlung beschränkt, ist die etwa erforderliche Ausdehnung auf die vorstädtische Kleinsiedlung bis zum Vorliegen entsprechender Erfahrungen ausgesetzt worden. Als Arbeitsdienst wird im übrigen nur die Mitarbeit derjenigen Personen anerkannt, die nicht selbst auf Grund des Siedlungsverfahrens eine Siedlerstelle erhalten.
Die Vorschrift bringt eine Erweiterung des för- derungsfähigen Personenkreises. Bisher sind insbesondere nicht förderungsfähig: von den Jugendlichen unter 21 Jahren bietenden, die keine Anwartschaft auf versicherungsmäßige Arbeitslosenunterstützur 7, erworben haben oder die vor dem 3. November 1930 aus der Arbeitslosenunterstützung ausgesteuert sind, von den Personen über 21 Jahre alle diejenigen, die keine Arbeitslosen- oder Krisen- unterstützung beziehen, also insbesondere Personen, die nicht zu den Arbeitnehmern gehören, Ausgesteuerte, Wohlfahrts- erwerbslose.
Diese bisher ausgeschlossenen Gruppen können nunmehr nach der Ergänzungsverordnung, wenn sie Arbeitsdienst bei landwirtschaftlichen Siedlungen verrichten, im Rahmen der verfügbaren Reichsmittel ebenfalls gefördert werden. Die Begrenzung der Förderungsdauer, regelmäßig 20 Wochen, wird beseitigt, um die Weiterbeschäftigung des Arbeitswilligen bis zur Beendigung des Siedlungsvorganges zu ermög- lichen. Da damit gerechnet werden muh, dah sich Arbeits- dienstwillige aus örtlich entfernten Gebieten zur Alithilfe bei der landwirtschaftlichen Siedlung drängen werden, ist die Möglichkeit der Gewährung von Reisekosten und Arbeits- ausrüstung im Einvernehmen mit dem örtlich zuständigen Arbeitsamt vorgesehen.
Da die wesentlichen Voraussetzungen der Förderung für Siedlungsarbeiten feststehen, legt der vorliegende Entwurf die Entscheidung allein in die Hand des Arbeitsamts- vorsitzenden. Es fällt also die bisherige Art der Entscheidung durch den Vorsitzenden des Landesarbeitsamtes im Benehmen mit einem Ausschuß seines Verwaltungsaus- fchusses fort. Als Arbeiten bei landwirtschaftlichen Siedlungen kommen auch im Sinne der neuen Ergänzungsver- ordnung Bodenverbesserungen und Wegebauarbeiten in Frage, soweit sie in unmittelbarem Zusammenhang mit der Siedlung stehen. Die Anliegersiedlung ist eine Form der landwirtschaftlichen Siedlung.
Verschärfte Devisenbestimmungen
Berlin, 4. Mai.
Die Devisenlage macht einige Verschärfungen der Bestimmungen für den Reiseverkehr nach dem Auslande und dem Saargebiet notwendig. Die Devisenbewirtschaftungs stellen werden für nicht geschäftliche Reisen fortan den Nachweis der Dringlichkeit der Reise verlangen: bei Reisen zum Kurgebrauch im Auslande ist hierbei die Vorlage eines amtsärztlichen Zeugnisses erforderlich.
„Kleine Krise"
Rücktritt des Wirtschaftsministers Dr. Warmbold.
Berlin. 4. Mai.
Reichspräsident von Hindenburg empfing den Reichskanzler Dr. Brüning zum Vortrag. Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, soll sich in der einstündigen Aussprache eine völlige Uebereinstimmung zwischen den Auffassungen des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers ergeben haben. Wie weiter verlautet, soll der Kanzler mil dem Reichspräsidenten das Rücktrittsgesuch erörtert haben das Reichswirtschaftsminister Dr. Warmbold eingereichi hat. Die Frage, wann Professor Warmbold zurücktritt, ist noch nicht völlig entschieden. In parlamentarischen Kreisen glaubt man, daß der Minister bis zum Zusammentritt der Reichstages im Amt bleiben wird. Als mutmaßliche Nach- folger werden an erster Stelle Staatssekretär Dr. Trendelenburg und der Preisüberwachungskommissar Dr. Goer- deler genannt.
Wie verlautet, ist der Wunsch des Reichswirtschaftsmi- nisters Warmbold. zurückzutreten. hauptsächlich auf Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Ka - binetts zurückzuführen, da sich der Reichswirtschaftsminister mit der hauptsächlich vom Reichsarbeitsminister befürworteten Einführung der -10-Stundenwoche nicht einverstanden erklärt. Auch wegen der beabsichtigten Prämienanleihe zur Finanzierung eines Arbeitsbeschaffungspro- gramms sollen Meinungsverschiedenheiten entstanden fein.
Der Reichswirtschaftsminister hat an den wichtigen Kabinettsberatungen über das wirtschaftliche Reformprogramm bereits nicht mehr teilgenommen. Seit langem trug sich
Ihm war der von Dr. Brüning und Dr Dietrich angekündigte Schlußstrich unter die Deflation nicht entschieden genug, er blieb mit seiner privatkapitalistischen Einstellung im Neichskabi- nett allein, die Gegensätze, besonders zwischen ihm und dem Reichsarbeitsminister verschärften sich zusehends.
Es ist möglich, daß der Rücktritt des Reichswirtschaftsministers den Auftakt zur Neuordnung der Regierungs- frage überhaupt gibt. Dr. Brüning wollte seit langem fein Kabinett ergänzen, in dem zwei der wichtigsten Ministerien sozusagen mitverwaltet werden: das Ministerium des Auswärtigen und das Reichsinnenministerium.
Auch die Kräfteverschiebung bei den politischen Parteien die bei den letzten Wahlen zutage getreten ist, drängt nach einer Auswirkung im Reichskabinett.
Gegensätze m ReichsKabineLL
Um wirtschafte- und sozialpolitische Fragen.
Berlin, 4. Mai.
Wie wir zu den Blättermeldungen über Rücktrittsad- sichten des Reichswirtschaftsministers noch erfahren, hatte Professor Warmbold gestern nachmittag eine längere Unterredung mit dem Reichskanzler Dr. Brüning. Irgend, eine Entscheidung in den zur Erörterung stehenden Fragen ist keinesfalls vor heute zu erwarten.
Die „Germania" meist darauf hin, daß über die Lösung der aktuellen Wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen schon seit geraumer Zeit Gegensätze im Reichskabinett bestanden hätten. Es ist ausgeschlossen, fügt das Blatt jedoch hinzu, daß diese partielle Krise des Reichswirtschaftsministeriums, die lediglich in fachlichen Ressortdifferenzen begründet liegt, weitergehende politische Folgen haben könnte. Die Arbeiten des Kabinetts, die uns über wichtige gesetzgeberische Maßnahmen und parlamentarische Entscheidungen sehr schnell nach Lausanne führen, vertragen keine Unterbrechung und ferne Störung.
Krisenstimmung in Österreich parlamenksauflösung? — Parteiführer beim Bundeskanzler.
Wien, 4. Mai.
Im Parlament herrschte am Dienstag wegen der bevorstehenden Entscheidung über die Anträge auf Auflösung des Nationalrats, die heute im Verfassungsausschuß behandelt werden sollen, ausgesprochene Krisenstimmung. Unausgesetzt fanden Besprechungen des Bundeskanzlers Dr. B u - r e s ch mit den Parteiführern statt. Zwischendurch stand auch auf Anregung des Landeshauptmanns Dr. Rintelen die Bildung einer bürgerlichen Konzentrationsregierung zur Debatte, doch ließ man diesen Gedanken wieder fallen.
Buresch erklärte Pressevertretern, die Besprechungen mit den Parteien würden heute fortgesetzt. Sollten die Sozial- demokraten im Verfassungsausschuß einen neuen formulierten Antrag auf Auflösung einbringen und dieser angenommen werden, so werde die Regierung die Konsequenzen ziehen.
Andererseits stehe es noch nicht fest, ob ein Auflösungs- antrag der Sozialdemokraten zur Annahme gelangt, da, wie verlautet, der H e i m a t b l 0 ck vielleicht dagegen stimmen dürfte, trotzdem er selbst einen solchen Antrag neulich eingebracht hatte.