Hersfel-erTageblatt
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Nr. 133 (Erstes Blatt)
Sonnabend, den JL Juni 1932
82. Jahrgang
Auftakt zur Dibutkonferenz
Die fravzösisch-englilchen Vorbesprechungen in Paris — Bon Lausanne keine Endlösung zu erwarten
Zum Konflikt Reich-Preuben
Auseinandersetzung zwischen Landkagspräsidenk und Regierung.
Berlin, 11. Juni.
Der Präsident des Preußischen Landtags Kerrl Hai an den geschäftssührenden preußischen Staatsminister Dr. Hirtsiefer ein Schreiben gerichtet, in dem er seinem Befremden über den Schritt des Ministers bei der Reichsregierung wegen des Briefes des Reichskanzlers an den Landtagspräsidenten Ausdruck gibt.
Dieser Schritt des Ministers Hirtsiefer sei weder staatsrechtlich noch verfassungsmäßig irgendwie gerechtfertigt. Er könne die Auffassung licht teilen, daß der Reichskanzler sich der Vermittlung der preußischen Regierung hätte bedienen müssen, um an den Landtagsprastdenten Heranzutreten.
Landkagspräsidenk Kerrl erklärt, daß er eine solche Vermittlung der geschäftssührenden Regierung in dieser Frage ohne weiteres aus staatsrechtlichen Gründen abgelehnt haben würde. Die Frage der Reubildung der Regierung sei ejn Akt der Legislative, deren einzig berufener Vertreter zur Zeit der Landkagspräsidenk sei. Er habe von dieser Auffassung dem Reichskanzler Mitteilung gemacht und ihn gebeten, weiterhin direkt mit ihm zu verhandeln.
^r lehne jede Vermittlung durch die geschäftsführende Regierung um so mehr ab, als gerade die Parteien, die die Mitglieder der geschäftssührenden Regierung stellen, die Be- schleunigung der Regierungsbildung durch die erneute Bestätigung der Geschäftsordnungsänderung verhindert hätten.
Der Landlagspräsident ersucht in rÄem Schreiben zum Schluß, ihm oen Aufenthalt des Ministerpräsidenten Braun mitzuteilen, da er den Drelerausschuß einzuberufen beabsichtige.
Der Dreier-Ausschuß, dessen Einberufung Präsident Kerrl am Schluß seines Schreibens ankündigt, jetzt sich aus dem Präsidenten des Landtags, dem Präsidenten des Staatsrats (zur Zeit Dr. Adenauer, Zentr.) und dem preußischen Ministerpräsidenten zusammen. Ihm ist in der Verfassung die Befugnis übertragen, das Parlament vor Abschluß der Legislaturperiode aufzulösen.
Preutzenvarlament am 15. Juni
Berlin, 11. Juni.
Der Aellestenrak des Preußischen Landtags beschloß, den Landtag am Mittwoch, den 15. Juni, zusammentreten zu lassen. Auf die Tagesordnung werden gesetzt die Anträge auf Aufhebung der preußischen Notverordnung und der nationalsozialistische Amnestieentwurf. Ein deutschnationaler Antrag, die Wahl des Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung der nächsten Landkagssihung ,u sehen, wurde gegen die Stimmen der Antragsteller und des Zentrums abgelehnt. Der Landtag wird zunächst nur am 15. und 16. Juni lagen.
Mehrheit gegen Notverordnung
von maßgebender nationalsozialistischer Seite wird erklärt, daß auch die nationalsozialistische Fraktion im Preu- ßischrn Landtag die Aufhebung der preußischen Rotverordnung verlangen werde. Da gleiche Anträge von den Deutschnationalen und den Kommunisten bereits gestellt worden sind, ist damit bereits eine Mehrheit für die Aufhebung der Rolverordnung vorhanden.
Zu der Frage, ob der Landtag berechtigt sei. die Notverordnung aufzuheben, hat Landtagspräsident Kerrl erklärt, daß er der Ansicht des Landtags nicht vorgreifen wolle. Eine Klärung dieser Rechtsfrage werde wohl durch den Staatsgerichtshof noch erfolgen müssen.
Kafsenlage gesichert
Rundfunkrede des preußischen Finan-ministers. M Berlin, 11. SunH W
Der preußische Finanzminister Klepper sprach M stern abend im Rundfunk über die neue preußische Notverordnung. Der Minister betonte, daß die Kafsenlage nunmehr gesichert sei und die bis zum Ende des Rechnungsjahres benötigten Mittel zur Verfügung ständem Er erklärte nochmals, daß der preußische Landtag nicht in der Lage sei, die Notverordnung aufzuheben, da sie auf Grund einer Ermächtigung des Reichspräsidenten ergangen sei. Angesichts der zwingenden Tatsachen, so schloß der Minister seinen Vortrag, könnte auch eine neue ‘Regierung aus den Reihen der Bekämpfer der Notverordnung nicht eine einzige der finanziellen Maßnah- nun aufheben, welche die Staatsregierung jetzt getroffen hat.
Zur Einberufung des Preußenparlaments
Der Beschluß des Aeltestenrats des Preußischen Landtages, daß der Landtag selbst schon am 15. 3uni zusammentreten soll, wurde mit den Stimmen der Nationalsozialisten, der Deutschnationalen und der Kommunisten gefaßt. Die Ablehnung des deutschnationalen Antrages über die Wahl ^§8 MvÄLMMMtm -Mate B« ven
Stimmen d« NLtioMlsöMMstM, Kk KöMMMN und der Sozialdemokraten.
Abg. Sieger (Air.) «MrU es für einen Bruch mit allen früheren Herkommen, daß man auf die Wunsche zweier großer Fraktionen, die Aam> zur Hessenwahl frei zu haben, keine Rücksicht genommen habe.
Der Aeltestenrat wird sich bei Beginn des kurzen Tagungsabschnittes vom 15. und 16. Juni darüber schlüssig werden, ob die Wahl des Ministerpräsidenten am 22. Juni auf die TagMchuung gesetzt werden soll,
Tribute und Schulden
Um die Haltung Frankreichs in Lausanne.
London, 11. Juni
Nachdem bereits in den letzten Tagen mehrere führende Blätter angedeutet hatten, daß Frankreich jetzt in der Re- parationsfrage einzulenken beginne, glaubt nun der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" sagen zu können, es werde sich binnen kurzem zeigen, daß infolge des Regierungswechsels die amtliche Stellungnahme Frankreichs zur Reparationsfrage eine derartige Aenderung erfahren habe, wie man sie bisher nicht für denkbar gehalten hätte.
Der Berichterstatter hält eine Zustimmung Frankreichs zu einer Annullierung der Reparationszahlungen durchaus für möglich, allerdings unter der Voraussetzung, daß entweder Amerika auf die alliierten Kriegsschulden verzichtet oder, daß Großbritannien bereit ist, zusammen mit Frankreich, Italien, Belgien und den anderen interessierten Mächten den Vereinigten Hiaate« mitzuieUen, sie seien infolge des Wegfalls der Reparalionseinnahmen nicht mehr in der Lage, ihre Kriegsschulden zu bezahlen.
Dieser Standpunkt unterscheide sich grundsätzlich von dem Tardieus, der lediglich zu Zugeständnissen bei den geschützten. nicht aber bei den ungeschützten Annuitäten bereit gewesen sei. Die neue französische Regierung werde sich zwar nicht so ohne weiteres bereitfinden lassen, den Anspruch auf die ungeschützten Zahlungen preiszugeben; wenn aber Die geplante Weltwirtschaftskonferenz die Möglichkeit gäbe durch diese und andere Maßnahmen die wirtschaftliche Erholung der Welt und die Aussöhnung der Völker zu fördern, dann könnte man annehmen, daß die französische Regierung ein solches Opfer in vollem Ernst erwägen würde wenn auch oielle-cht einige Zeit darüber hingehen könnte, die öffentliche Meinung Frankreichs auf einen solchen Schritt vorzu- bereiten.
Räch Ansicht des Blattes ist von den Lausanner Verhandlungen unter den obwaltenden Umständen eine endgültige Entscheidung der Reparationsfrage nicht zu erwarten. In diplomatischen Kreisen glaube man, daß man nach der ersten allgemeinen Debatte in Lausanne eine provisorische Lösung anstreben werde, die praktisch in eine Verlängerung des Hoovermorakoriums bis zum Jahresende hinaus aufen werde.
Zu diesen Darlegungen des diplomatischen Berichterstat- ters bemerkt „Daily Telegraph" im Leitartikel: Gegenwärtig besteht selbstverständlich keine Hoffnung, daß Amerika mit einer völligen Streichung aller Schulden einverstanden ist. Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß nach den Novemberwahlen die amerikanische Politik dem Argument, daß eine Streichung der Kriegsschulden den Welthandel wieder in Gang bringen und somit den Vereinigten Staaten selbst nur von Vorteil sein würde, ein willigeres Gehör schenkt.
Eine gemeinsame Erklärung der alliierten Mächte an die Vereinigten Staaten über die Unfähigkeit zur weiteren Bezahlung der Kriegsschulden würde, wie das Blatt betont die Lage Englands nicht verschlechtern, sie würde sogar vielleicht einen günstigeren Eindruck in Amerika machen, als ein isolierter Schritt einer einzelnen Macht.
Die Tagungsskätte der Tribuk-Konferenz.
U. B. z. das Hotel du Ehateau in Lausanne-Ouchy, ta dem dk Irl5u«onf»«nj sag« wirk
Londoner Optimismus - Baris schweigsam
An Pariser Finanzkreisen scheint man sich in bezug auf 5ie Ergebnisse der Zusammenkunft zwischen Herriot und MacDonald ziemlich große Hoffnungen zu machen. Worin diese Hoffnungen praktisch bestehen, läßt sich in diesem Augenblick allerdings nicht deutlich erkennen. Die „Agence ’conomique et financiere" stellt fest,
daß die Londoner Regierung fest entschlossen sei, auf dem Gedanken der Streichung sowohl der Reparationen wie der Kriegsschulden zu beharren.
3n Paris werde es sich bei der Ministerbegegnung demnach nur darum handeln, die nötige Form zu finden. Es ist übrigens sehr auffallend, daß 95 o. H. aller Nachrichten und Informationen über Lausanne aus London stammen, während die französische Presse aus eigenen Quellen wenig oder nichts zu berichten weiß. Sowohl Herriot selbst wie der Finanzminister Germain Martin hüllen sich in vollkommenes Schweigen
Ablage Coolidges
Der frühere amerikanische Präsident Calvin Coolidgc beschäftigt sich in einem Aufsatz mit dem Problem der intet' alliierten Kriegsschulden. Er vertritt den Standpunkt, daß diese Schulden nicht gestrichen werden könnten. Rast einer Erörterung der Umstände, unter denen während seine: Amtszeit die verschiedenen, der Regelung der Kriegsschulden dienenden Abkommen geschlossen wurden, erklärt Coolidge die damalige Regierung der Vereinigten Staaten hätte keinen der Vertragspartner zu übervorteilen oder ein vorteilhaftes Geschäft zu machen gesucht. Das Geld, das die Vereinigten Staaten an Europa ausgeliehen hätten, hätten [h ihrerseits borgen müssen Wenn man nun die Schulden vor Europa nicht eintreiben wolle, so müsse man es den amerikanischen Steuerzahlern-entziehen.
Saargelitt als Grurenungsobieft
Verknüpfung mit den Tributen wiederum verlangt.
Paris, 11. Juni.
Der Präsident der französischen Saarvereinigung, bet Senator Ordinaire, hat an den französischen Ministerpräsidenten Herriot ein Schreiben gerichtet, in dem er die Verknüpfung der Saarfrage mit dem Tribukproblem auf bet Lausanner Konferenz fordert und die Aufmerksamkeit bes Ministerpräsidenten auf die diesbezügliche Entschließung bet Vereinigung richtet. Er führte u. a. aus, daß die Volks abftimmung im Saargebiet verschoben werden müsse, da sie rechtlich anfechtbar sei, solange Deutschland nicht zahle und demnach auch die Staatsgruben nicht bezahlen könne.
Schließlich fordert Senator Ordinaire die Bildung einet besonderen Abteilung im französischen Außenministerium für die Behandlung der Saarfrage. Die Schaffung einer Derartigen Zentralstelle sei das mindeste, was die Oeffent- lichkeit im Interesse Frankreichs fordern könne.
Die Hilfsaktion für Lefterreich
Genfer Verhandlungen über einen Überbrückungskredit.
Genf, 11. Juni
Der unter dem Vorsitz des schweizerischen Bundesrates Mufy tagende Gemischte Ausschuß des Völkerbundes hat sich mit der Frage der Finanzhilfe für Oesterreich beschäftigt.
In den Verhandlungen ist der Gedanke des vorläufi- zen Ueberbrückungskredlls in Höhe von etwa 40 Millionen Schilling zurückgekreken gegnüber dem Plan einer umfassenden konstruktiven Finanzhilfe, die sich zwischen 260 und 300 Millionen Schilling bewegt.
Man sieht in führenden Kreisen des Gemischten Aus- jchusses die Lage Oesterreichs keineswegs als verzweifelt an, und man glaubt, daß eine Gesundung der Währungs- and Finanzverhältnisse Oesterreichs auf dem jetzt ins Auge gefaßten Wege durchaus ausfichtsvoll sei.
Der Schweizer Bundesrat befaßte sich in einer Son- )ersitzung mit der Lage in Oesterreich. Der Bundesrat ent- chied sich grundsätzlich für eine Beteiligung der Schweiz an dem Kredit.
'Jn^aatüc^ung der spanischen KrongKter
Madrid, 11. Juni.
Der Ministerrat hat eine Verordnung debilligt, die d'e praktische Durchführung des Beschlusses der Cortes, die Güter und das Vermögen des ehemaligen Königs Alfons zu enteignen, zum Gegenstand hat. Bekanntlich soll der Staat Eigentümer aller Güter und Vermögen der Königs werden, einschließlich der auf seinen Namen lautenden Banknoten und Wertpapiere.
In Washington geht wieder das Gerücht um. daß Se- nator Borah endgültig mit Hoover gebrochen habe, well Hoover angeblich beabsichtige, die Volksabstimmung über die Prohibitionsfrage auf das Wahlprogramm zu setzen.