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Hersfelöer Tageblatt

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckeret in Hersfeld, Mitglied des BDJB.

Nr. 148

Montag, den 27. Juni 1932

82. Jahrgang

Vor der Entscheidung

Permanenzerklarung Ende der Lausanner Konferenz?

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Berlin, 27. Bunt.

Das Schicksal der Lausanner Konferenz liegt jetzt bei dem, was Herriot aus Paris mitbringt. Da die Verhand­lungen in Lausanne heute weitergehen, ist es durchaus möglich, daß die Entscheidung bereits im Laufe des heu­tigen Abends oder am Dienstag fällt. Man verrät kein Geheimnis mehr, wenn man hinzufügt, daß die Aussichten nicht sehr günstig beurteilt werden. Die größte Wahr­scheinlichkeit spricht dafür, daß die Konferenz in einer Permanenzerklärung endet, durch die das von den Gläubigermächten verkündete Moratorium aufrecht erhalten bleibt, bis sich, vielleicht im Herbst, die Möglich­keit eines endgültigen Arrangements bietet. Soweit die aktuellen innerpolitischen Fragen durch den Berliner Be­such des Kanzlers berührt werden, ist festzustellen, daß für Dienstag mit dem Erlaß der Notverordnung zur

Uniform- und Demonstrationsfrage zu rechnen ist.

Bis Dienstag vormittag werden die Antworten aller Län­der vorliegen und im Anschluß daran wird der Reichs- innenminister dem Reichspräsidenten die Notverordnung unterbreiten. Daß sie kommt, daran wird nach der baye­rischen Antwort nicht mehr gezweifelt. Der Reichsinnen- minister dürfte in der Kabinettssitzung vom Sonnabend nachmittag auch bereits in diesem Sinne ermächtigt wor­den sein.

Der Notverordnung wird übrigens auch noch eine Ausführungsverordnung angefügt werden, die nament­lich an die Bestimmungen des § 4 der alten Verordnung über Demonstrationen anschließt. In diesem Paragraphen war gesagt worden, daß der Reichsinnenminister darüber verfügen kann, ob Versammlungen anzumelden sind. In der Ausführungsverordnung wird der Reichsinnenmi­nister entsprechende Bedingungen treffen, damit die Polizei die Möglichkeit zu Vorkehrungen in der Hand hat, die Zu­sammenstöße zu verhindern. Im gleichen Sinne werden übnaens die Länder auü nach der '-mmenden Notver»

wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung sie erfor­derlich machen.

Papen wieder abgereist

Berlin, 27. Juni.

Reichskanzler von Papen begab sich am Sonntag mit dem fahrplanmäßigen FD-Zug BaselLugano um 16.22 Uhr nach Lausanne zurück.

Was Italien fordert

Lausanne, 27. Juni.

Zu dem italienischen Memorandum wird hier noch be­kannt:

Italien wünscht allerdings Streichung aller Re­parationen; sollte es aber nicht dazu kommen, so hält es seine Ansprüche auf diese aufrecht. Jedes südost- kuropäische Land, das für eine evtl. Anleihe in Frage komme, müsse vor dem Empfang dieser Anleihe zu einer Regelung mit seinen Gläubigerstaaten gelangen. Eine solche Anleihe dürfe auch auf keinen Fall für Rüstungs­zwecke Verwendung finden.

Befriedigtes Kabinett

Paris, 27* Juni.

Unter dem Vorsitz von H e r r i o t fand ein Kabinetts­rat statt, in dem der Ministerpräsident über die Verhand­lungen von Lausanne und Genf berichtete. Der Ka­binettsrat äußerte sich zur Haltung der französischen De­legation auf beiden Konferenzen zustimmend.

Ministerpräsident H e r r i o t und der Unterstaats- sekretär im Autzenministerium, Paganon, reisten Sonntag abend nach Lausanne zurück. Kriegsminister Paul- Bon c o u r begibt sich Dienstag abend wieder nach Genf, da seine Verhandlungen mit der englischen Delegation erst am Mittwoch wieder beginnen.

Die Kolitis des Kanzlers

... und was Frankreich aus ihr machen will

Paris, 26. Juni.

Der Sonderkorrespondent desPetit Parisien" in Lau­sanne hatte eine Unterredung mit Reichsaußenminister von Neu rath. Dieser erklärte nach dem Blatt angeblich u. a., jeder erkenne an, daß Deutschland nicht zahlen könne. Dies sei eine offenkundige wirtschaftliche Tatsache, die man nicht ableugnen könne. Das deutsche Volk, das durch die Krise mitgenommen sei, sei unfähig, künftig finanzielle An­strengungen zu machen.

Jeder leitende Staatsmann Deutschlands, der noch von Reparationen sprechen würde, selbst für eine mehr oder min­der ferne Zukunft, würde das Risiko laufen, hinweggefegt zu werden. Aus diesem Grunde sehe sich die deutsche Delegation in Lausanne gezwungen, die These der absoluten Annullie­rung zu verteidigen.

Der Boung-Plan sei in Deutschland so unoolkstümlick

geworden, daß jede Wiederaufnahme der Poung-Zahlungen. auch in sehr abgemilderter Form, von der öffentlichen Mei­nung in Deutschland als unzulässig angesehen werden würde. Infolgedessen müsse man, wenn man nicht in eine Sackgasse geraten wolle, etwas anderes suchen.

Die Lösung des Lausanner Problems könne nicht im engen Rahmen der Reparationen gefunden werden. Aber es wäre vielleicht möglich, sie in einer sehr weitgehenden wirt­schaftlichen Zusammenarbeit der Gläubigernationen Deutsch­lands zu entdecken. Es wäre dies eine fruchtbare Lösung, die geeignet wäre, zu dem Mittel zu führen, mit dessen Hilfe die heikle Reparationsfrage, die man nicht direkt ins Auge fassen könne, in eine umfassendere Gesamtlösung einbezogen werden könnte. Diese wirtschaftliche Zusammenarbeit könnte sich auf verschiedenen Gebieten auswirken und Kompensatio­nen liefern. (!? Die Red.)

Im Augenblick ist es noch unmöglich, nachzuprüfen, ab das französische Blatt die Aeußerungen des Reichsaußenmi­nisters richtig wiedergegeben hat. 'Man wird die unaus­bleibliche amtliche Darstellung abwarten müssen. Es er- icheint uns aber als vollkommen unmöglich, daß der Reichs- außenminister vonKompensationen" gesprochen hat. Der Tributvertrag muß nach Auffassung des ganzen deutschen Volkes restlos und vollständig annulliert werden, und eine durchaus wünschenswerte engere wirtschaftliche Zusam­menarbeit zwischen Deutschland und Frankreich kann keines­falls zustande kommen, wenn aus ihr Deutschland irgend­welche Lasten erwachsen sollen, die verschleiert den Charakter irgendwelcher Verpflichtungen auf Grund des Ergebnisses des Krieges tragen könnten. In der Presse wird auch über ein Interview berichtet, das angeblich der Reichskanz­ler von Papen dem Vertreter desMakin" in Lausanne gegeben haben soll und in dem dieselben Gedan­kengange entwickelt ^werden^ die derPetit ParisiLn" dem)

^Wtrffrr Seröses, von Bähen habe gesagt:Ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich schön Herriot gesagt habe: ich bin der erste, der bereit ist, anzuerkennen, daß bei der sogenann­ten Liquidation der Reparationen Frankreich ein Anrecht auf eine Kompensation hat." Daß die französischen Darstel­lungen durchweg unzutreffend sind, beweist eine

ertlcrung der Reichskanzlers gegenüber dem Vertreter des WTB., in der es heißt:

In einem Teil der französischen Presse ist der Nieder­schlag der letzten Unterhaltung vor meiner Abreise aus Lau­sanne in mißverstündlicher Form wiedergegeben worden. Besonders gilt das von dem Passus, der von einem Recht Frankreichs auf weitere Reparationszahlungen handelt.

Ich habe gegenüber den Vertretern der französischen Presse wiederholt betont, daß die Wiederaufrichtung der Weltwirtschaft ein Zusammenarbeiten besonders zwischen Deutschland und Frankreich fordere, eine Zusammen­arbeit, aus der für Frankreich bessere und greifbarere Vor- teile erwachsen würden als die Fortführung irgendwelcher Reparationszahlungen. Die Leistungsunfähigkeit Deutsch­lands sei bekanntlich nicht von Deutschland herbeigeführt worden, sondern eine Folge des Runs auf unsere Kapital- reserven, der Verstopfung aller normalen Kredikwege und der Zo' mauern, die jedes Land um sich errichtet habe. Wenn man c o die Weltwirtschaft wieder in Ordnung bringen wolle, dürfe man nicht bei der Beseitigung der politischen Tribute und Zahlungen stehenbleiben, sondern müsse kon- flruktive Maßnahmen ins Auge fassen. Zu dieser gemein- amen Anstrengung sei Deutschland bereit, zu seinem Teile nach Kräften beizutragen.

Ich bin der Ansicht, daß der Entschluß der europäischen Großmächte, ihre eigenen Angelegenheiten auf solcher Grund­lage zu ordnen, den besten Eindruck in den Vereinigten Staaten machen würde, Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß trotz der in Angelegenheiten der Tribute sehr großen deutsch-französischen Meinungsverschiedenheiten der Weg zu einer gemeinsamen Aktion der europäischen Mächte gefunden werden wird.

Ein merkwürdiger Endsummenplan

Einer Meldung derExchange Telegraph Company" aus Lausanne zufolge wird dort angeblich ein Plan erörtert, der von Deutschland die Zahlung einer Endsumme in Höhe von 2,4 Milliarden Mark verlangt, hiervon sollen 1,8 Mil­liarden für die etwaigen Kriegsschuldenzahlungen an Ame­rika zurückgestellt werden, falls Amerika auf feinen Ansprü­chen bestehe Der Rest von 600 Millionen Mark soll in einem Fonds unter Aufsicht der BJZ. zu Wiederaufbauzwecken in Europa gesammelt werden. Deutschland würde diese Zah­lungen erst nach Wiederherstellung normaler Zustände zu leisten haben. Ferner soll der Betrag nur dann bezahlt wer­den,wenn die Gläubiger ihn tatsächlich brauchen".

In der Wrangelstraße in Hamburg raubten zwei Männer einer Frau, als diese eine Schule betrat, eine Ak­tentasche mit 1900 Mark. Der eine Täter flüchtete, der andere feuerte auf Polizisten, die ihn verfolgten und erschoß sich dann. Das Geld wurde wieder herbeigeschäfft.

Am Ende seiner Stifte houghton über die Lage in Deutschland.

New Dort, 26. Juni.

Der frühere Botschafter houghton, der mit dem LloyddampferColumbus" aus Deutschland hier eintraf, äußerte sich über die deutsche Lage dahin, daß Deutschland - zwar schwer, aber nicht hoffnungslos kämpfe, denn in Lau- [anne finde Deutschland mehr Gehör als auf früheren Kon­ferenzen. Seit den letzten Wahlen machte Deutschland eine Schwenkung von links nach rechts durch.

Houghton bezeichnete die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands- alsjammervoll". Wenn es Menschen gibt, erklärte er, die bezweifeln, daß Deutschland keine Repara­tionen weiterzahlen kann, rate ich ihnen, Hinüberzugehen und die Verhältnisse an Ort und Stelle zu prüfen. Aeberall, so fügte er hinzu, fänden sich Beweise, daß Deutschland am Ende seiner Kräfte angelangt sei, jeder vernünftige Mensch müsse wünschen, daß in Lausanne eine befriedigende Ver­ständigung erzielt werde. Sollte Deutschland zur Verzweif­lung getrieben werden, so müsse die ganze Welt darunter leiden.

Am das Mitteleuropa-Problem

Auch Briands Pan-Europa-Plan taucht wieder auf.

Paris. ,,La Republique" veröffentlicht aus der Feder ihres Direktors Roche einen Artikel, der eine Lösung des mitteleuropäischen Systems auf folgender Grundlage an- regt:

1. Zollunion zwischen den Donaustaaten;

2. internationale Kontrolle der Budgets der in Zah­lungsschwierigkeiten befindlichen Staaten, Organisation eines Zahlungclearings zwischen den Teilnehmern der Wirtschaftsunion;

3. wirtschaftliche Abrüstung.

Als Schema für eine wirtschaftliche Union der Donau- staaten schlägt Roche vor: Die Annahme eines einheitli­chen Zollinhaltsverzeichnisses, eines einheitlichen, auf der Goldwährung beruhenden Zolltarifs für die Teilnehmer- staaten. gegenseitigL Awrozentige Zolltaruermäßigung,

Bn nnanstc^^ der

Verfasser des Artikels an: Kontrolle der Finanzen der mit Zahlungsschwierigkeiten kampfenden Donaustaaten, und zwar dadurch, daß der Völkerbund oder ein von ihm abhängiger Organismus mit der Verringerung und Kon­trolle der Ausgaben, der Einziehung der Einnahmen usw. betraut wird; Schaffung einer Kompensationskasse für den Wirtschaftsverkehr zwischen den Staaten der Do­nau-Union.

Paris Midi" meldet aus Genf, daß gegenwärtig ein neuer Entwurf zur Sanierung Europas in Form einer Anlehnung an den Briandschen Europaunion» Entwurf zirkuliere.

Der Entwurf sei der französischen, der englischen und der italienischen Regierung mitgeteilt worden und könnt- sehr ernstlich in Lausanne in Erwägung gezogen werden. Die Grundlage des Entwurfs bestehe in der Schaffung einer wahrscheinlich mit der Internationalen Zahlungsbank zu verbindenden Europa-Bank, die als Gründungskapital den Rest der Reparationen erhalten solle. Deutschland würde nach Maßgabe der wirtschaftlichen Wiederbelebung in diese Europa-Bank Einzahlungen leisten. Der so ge­bildete Finanzorganismus würde sowohl als Unter» stützuugskasse für die mit der Krise kämpfenden euro­päischen Länder, als auch als Regulator für den Devifen- vc .chr dienen.

Programmrede Hugenbergs

Berlin. Der zweite Tag der deutschnationalen Reichs­führertagung wurde mit einer programmatischen Ansprache des Parteiführers eingeleitet. Dr. Hugenberg gab der Erwartung Ausdruck, daß durch die neue Regierung im Reiche grundsätzlicher Wandel geschaffen würde. Er warnte die Regierung jedoch davor, den richtigen Augen­blick zu verpassen und fordert von ihr scharfes Durchgrei­fen gegen die Widerstände, die sich ihr entgegenstellten. Es bestehe sonst die Gefahr einer Staats- und Präsiden­tenkrise. Dr. Hugenberg ging dann auf das Verhältnis zu den Nationalsozialisten ein, denen allerdings eine klare Staatsidee fehle. Sie haben noch nicht Stellung genom­men zum ProblemRepublik oder Monarchie", während zu der klaren Staatsidee der Deutschnationalen das Be­kenntnis zur monarchistischen Staatsform gehöre. Wenn die Deutschnationalen kein starker Faktor würden, bestehe die Gefahr, daß Nationalsozialisten und Zentrum zusam- mengingen, und daß im Grunde das fortdauern würde, was bisher das deutsche Geistes- und Wirtschaftsleben zugrunde gerichtet habe. Ebenso bestehe dann aber auch die andere Gefahr der Alleinherrschaft der Nationalsozia­listen. Aufgabe der Deutschnationalen sei es, beide Ge­fahren zu verhindern. Dr. Hugenberg wandte sich sodann im einzelnen dem Zentrum zu, gegen das der Kampf mit besonderer Entschiedenheit geführt werden müsse, da ihm in erster Linie die Verantwortung für diese ganze Ent­wicklung zufiele. Er schloß seine mit großem Beifall auf­genommenen Ausführungen mit den Worten:Die Deutschnationale Volkspartei hat in Deutschland und an Deutschland eine Mission zu erfüllen."

Vizepräsident Graef, Thüringen, schloß die Tagung mit Dankesworten an die Redner.