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Hersfelöer Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckeret in Hersfeld, Mitglied des VDJD.

Nr. 155

Dienstag, den 5. Juli 1932

82. Jahrgang

Endkampf um die Restzahlung

Frankreich besteht auf 4 Milliarden Deutschland fordert Gegenleistungen für Wiederaufbau-Beitrag

Triüulbelaftmg der Reichsbahn

In den Lausanner Verhandlungen wurde am Montag die vertrauliche Aussprache über die Höhe der von Deutsch­land zu fordernden Restzahlungen fortgesetzt. Herriot hält an einer Höchstgrenzevon4Milliardenfest. Man steht angesichts der deutsch-französischen Gegensätze vor einer ähnlichen krisenhaften Lage wie vor acht Tagen. Die Unnach- giebigkeit Frankreichs erklärt sich zum Teil aus politischen Gründen, zum Teil auch daraus, daß man die Lage in Deutschland nicht zu erkennen vermag oder nicht erkennen will. So hat bekanntlich Herriot die Belastung der Deutschen Reichsbahn mit einer Tributlast von 660 Millionen als nicht übertrieben bezeichnet. Zur Begründung führte Herriw an, daß, wenn diese Tributlasten in Zukunft fortfielen, bu Kapitalschulden der deutschen Eisenbahnen auf einen Bruch teil der Kapitalverschuldung der französischen und englischer Bahnen zurückgehen würden und Deutschland infolgedessen wesentliche Tarifermäßigungen vornehmen könnte. Deshalk fordert Frankreich weitere Reichsbahntributleistungen, dir durch Verpfändung von Eisenbahnobligationen und derglei­chen sicherzustellen wären.

Nachdem ähnliche Gedankengänge schon in dem jüngsten Bericht des Beratenden Sonderausschusses, der bekanntlich völlig unter französischem Einfluß stehenden Bank für In­ternationalen Zahlungsausgleich zum Ausdruck gekommen sind, wird man annehmen müssen, daß es außerordentlich schwerfallen dürfte, diese These zu erschüttern. Frankreich operiert nämlich mit der Behauptung, daß die Reichsbahn nurvorübergehenderErleichterungenbedürfe, um künftig unter günstigeren Verhältnissen wieder an der Aufbringung von T r i b u t l a st e n mitwirken zu kön­nen. Die^«MWWDWWWWWWDWWWWDWWMMMMMW»»»W these findet sich zum Teil auch in dem belgischen BorWac^ und steht heute im Vordergrund der Lausanner Beratungen Zwar wird behauptet, daß eine Belastung der Reichsbahn oder irgendeines anderen bestimmten Objektes nicht in Frage kommt, und daß nur das Reich verpflichtet werden solle. Aber der ganze bisherige Verlauf der Lausanner Bespre­chungen hat deutlich ergeben, daß Frankreich den Pfandgedanken nach wie vor weiter verfolgt.

Von der deutschen Wirtschaft unter Führung des Lang- namvereins wurde bereits Anfang dieses Jahres der Not­wendigkeit Ausdruck gegeben, daß auch hinsichtlich der Tri­butlasten der Reichsbahn keine Kompromißlösung zugelassen werden dürfte, wenn nicht die vor allem notwendige Wie- dergesundung der deutschen Wirtschaft überhaupt in Frage gestellt werden sollte. Diese Auffassung ist von der deutschen Regierung restlos übernommen und 'in der jetzigen Lau­sanner Verhandlung mehrfach ins Feld geführt worden. Die französische These von der größeren Konkurrenzkraft der Reichsbahn im Falls ihrer Tributbefreiung ist im übrigen schon aus dem Grunde unhaltbar, weil der Steuer- und Zin­sendienst der Reichsbahn den anderer europäischer Bahnen weit übersteigt. Daraus erklärt sich, daß sich die Lage der Deutschen Reichsbahn im Vergleich mit anderen europäischen Bahnen bis in die jüngste Zeit hinein bei weitem am un­günstigsten gestaltet hat.

Bei der ursprünglichen Tributregelung ist man davon ausgegangen, daß normalerweise bei einer Iahresbrut- toe'in nähme von annähernd 4 Milliarden Reichsmark und einer Betriebszahl von 80 ein Reingewinn von 800 Millionen anaesetzt werden könne. Diese Annahme hat sich nur einmal, und zwar in den Jahren 1926 bis 1929 bestä­tigt. während z. B für das Jahr 1931 bei einer Einnahme von 3,8 Milliarden nur ein Betriebsüberschuß von 226 Mil­lionen zu erzielen war. Für das Jahr 1932 dagegen ist mit einem Defizit von 600 bis 700 Millionen ohne Berückstchti- gung einer Tributzahlung zu rechnen. Diese Tatsache ist um so bemerkenswerter, als sämtliche Reserven des Reichsbahnunternehmens restlos erschöpft sind. Eine Uebersicht über die Leförderungs- und Gütertarife auf den europäischen Bahnen beweist die ungünstige Lage der Deut­schen Reichsbabn. die bei weitem die höchsten Beförderungs- tarife aufweist. Eine endgültige Befreiung auch der Reichs­bahn von jeglicher Tributbelastung ist Voraussetzung für eine wirtschaftsfördernde Tätigkeit der Deutschen Reichsbahn.

Diese Forderung muß auch aus Gründen der V e r- kehrssicherheit erhoben werden. Während normaler­weise etwa 1,5 Milliarden als Sachausgaben der Reichsbahn- gesellschaft für eine sachgemäße Unterhaltung der Reichs- bahnanlagen notwendig wären, haben die Beschaffungsaus­gaben unter dem Druck der Verhältnisse bereits auf eine Milliarde berabgedrückt werden müssen. Die Aufträge in Oberbaustosfen und z. B. von rund 1 Million Tonnen im Jahre 1927 auf 540 000 Tonnen im Jahre 1931 zurückgegan­gen, während im laufenden Jahre bisher nur rund 200 000 Tonnen in Auftrag gegeben werden konnten. Die Rückstände an erneuerangsbedtirftigen Strecken werden Anfang 1932 etwa 8000 Kilometer betragen. Die Unterhaltungskosten überalterter Gleise wachsen aber nach alter Erfahrung auf das Vier- bis Fünffache der normalen Sätze an. Es dürfte auch nicht allgemein bekannt sein. daß rund 2600 bis 3000 Kilometer Oberbaustoffe auf der Strecke liegen, von benen im Hinblick auf die geringen zur Verfügung stehenden Mit­tel nur etwa 1000 Kilometer eingebaut werden können. ^)iese Tatsache wirkt deshalb so grotesk, weil kein Tag ver­

geht, ohne daß die Frage der Arbeitsbeschaffung er­örtert würde. Hier ist notwendige Arbeit zu leisten, nur dars sie nicht durchgeführt werden, weil die bisherige Tribut- und Steuerbelastung der Reichsbahn keine Mittel zur Verfügung läßt. Würde der auf der Strecke liegende Oberbau in norma­ler Weise in Angriff genommen, dann würde nicht der Ar- beitsmarkt sondern auch die mittlere und kleine Industrie durch Lieferung des für die Verlegung erforderlichen Kleick- eisenzeugs entlastet. Statt beff i verhandelt man in Lau­sanne über neue Belastungen, die das Gegenteil von dem bewirken müssen, was zur Abstellung der Wirtschafts­krise erforderlich wäre.

Noch zwei Milliarden?

Die Lausanner Kompromißverhandlungen.

Lausanne, 5. Juli.

Am Monkagvormitkag hielten die fünf Gläubigermächtc eine Sitzung ab, um zu der deutschen Ablehnung Stellung zu nehmen. Es verlautet über den Verlauf von ausländische! Seite, daß zwar vielfach der Wunsch bestehe, an der Ziffer von 4 Milliarden festzuhalten, die von der Gegenseite zu­nächst vorgeschlagen worden war, daß aber doch die deut- scheu Gesichtspunkte gewürdigt und zum Teil als durchaus diskutabel angesehen würden. So betrachte man die Mög­lichkeit, bei einer Verminderung der Summe feste Annuitäten zu vereinbaren, als eine Erleichterung für ein Entgegenkom­men in der Frage der Ziffer.

Ueber die bedeutsamen Sonntagsbesprechungen wird berichtet, daß deutscherseits darauf hingewiesen wurde, daß

wegen des Un- sicherhsitsfaktors der Schulden an Amerika und eine Strei­chung von Teil 8 des Versailler Vertrages durch die hier ge­wonnenen Ergebnisse möglich sei, zu einer Verständigung im Prinzip gelangen zu können.

Eine bestimmte Zahl ist nicht angeboten, sondern auf die Gegenfrage, was Deutschland tragen könne, erwidert worden, daß sich etwa über einen Betrag von Zwei Mil­liarden sprechen liehe, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt würden. Die Modalitäten der Bezahlung, die mehr eine Formfrage seien, wurden in verschiedenen Linzelberechnungen, die sich über 10, 20 und 30 Jahre erstrecken, dargelegk.

Eine fixe Zahlung in Gestalt solcher Annuitäten, scheint ge­wissermaßen als Aequivalent für eine starke Herabminderung der Summe gedacht zu sein und wird offenbar nach den im französischen Lager verbreiteten Auffassungen auch als solches empfunden. Von englischer Seite sind Bedenken dagegen geltend gemacht worden, weil eine fixe Zahlung unter den gegenwärtigen Verhältnissen noch nicht auf alle Fälle festge­legt werden könnte. Die Zahlung selbst sollte auf Spezial- konto erfolgen, über das zwar die Gläubigermächte verfü­gen könnten, aber dessen Ertrag für den Wiederaufbau ver­wendet werden müßte.

Entgegen Behauptungen, die von französischer Seite auf gestellt werden, sind in den Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und Reichsaußenminister mit dem Präsiden­ten der Konferenz MacDonald keine bestimmten, formulierten Gegenvorschläge überreicht wor­den. Es wurden vielmehr die einzelnen Punkte des von MacDonald nur informell mitgeteilten Gläubigervorschlags eingehend erörtert Dabei sind von deutscher Seite eine Reihe rechnerischer Beispiele für die Wirkung gegeben wor- den, die der Plan der Gläubigermächte auf die deutsche De- oisenbilanz haben würde.

Um Die Kriegsschuwlüge

In bezug auf die Kriegsschuldfrage, also den Artikel 231, ist im Verlaufe der Besprechungen deutscherseits ein Hinweis erfolgt, ohne daß über die Form, in der diese moralische Be­lastung beseitigt werden könnte, eine bestimmte Verftandl- zung vorgeschlagen wurde. Man denkt sich aber die Rege­lung etwa so, daß bei einer im übrigen vollkommenen Ver­ständigung festgestellt würde, daß Teil 8 des Versailler Ver­trages durch die hier getroffenen Regelung vollständig er- tetzt sei.

Schließlich ist zu betonen, daß eine Belastung der Reichs­bahn ober irgendeines anderen bestimmten Objekts nicht in Frage kommt, sondern n u r e i n e V e r p f l i ch t u n g Des Reiches. Der vorerwähnte deutsche Standpunkt ist ubru zens heute nochmals schriftlich in einem Schreiben des Reichskanzlers an MacDonald niedergelegt worden.

Man vertritt auch in maßgebenden englischen Kreisen >ie Auffassung, daß die von Deutschland verlangte völlige 5 t r e i ch u ng des Teiles 8 des Versailler Vertrages der Tribute und Kriegsschuldlüge) zu erreichen sei, weiter, raß in der Frage des Zusammenhanges zwischen den mter- illiirten Schulden und der Tributfrage der deutsche Stand- ?untt Berücksichtigung finden könnte, ja, daß auch ein Ent- egenkommen in der Frage der endgültigen Bedingungen ür die Ausgabe der Bonds und der finanziellen Beteiligung )»utMlands an der Wiederaufbaukasse möglich sei.

Die endgültige Festsetzung der Höhe dieser finanzieller Beteiligung Deutschlands stößt aber auf große Schwierigkei ken, da die französische Regierung an der bisherigen Höchst­grenze von 4 Milliarden feskhälk und es nach englischer Auf­fassung außerordentlich schwierig ist, die französische Regie­rung von dieser Höchstsumme herabzubringen. Man befürch. ket in englischen Kreisen, daß eine weitere Verminderung dieser Summe neue außerordentlich ernste Schwierigkeiter für das Kabinett Herriot schaffen könnte.

Nur dem energischen Eingreifen des Ministerpräsiden­ten MacDonald sei es gelungen, die ursprüngliche Forderung Frankreichs von 25 Milliarden (?) auf 4 Milliarden herab- zusetzen. Die weitere Vermittlertätigkeit MacDonalds in die­ser Frage stoße auf große Schwierigkeiten, da alle bisherigen Vermittlungsvorschläge deutscherseits mit ungewöhnliche, Schärfe und Hartnäckigkeit abgelehnt worden seien und da­her die Vermittlungstätigkeit MacDonalds jetzt nahezu er­schöpft sei. Jedoch ist diese englische Darstellung der Lage zweifellos rein taktisch zu bewerten. Die Engländer haben offenbar die Absicht, einen Druck auf die deutsche Regierung auszuüben.

Der englische Ministerpräsident MacDonald erklärte, die Verhandlungen seien außerordentlich schwierig und mühsam und erforderten viel Geduld und Arbeit auf allen Seiten. Er müsse unter g/len Umständen am Donnerstagabend nach London zurückkehren, da seine Anwesenheit zu der Vorberei­tung der Ottawaer Konserenz unerläßlich geworden sei.

Frankreich unnachgiebig?

Nach einer Meldung der Agentur havas haben die fran- Mischen Delegierten der englischen Delegation einen Besuch

getmnöenTöeMmmmer^^ redet worden sei.

An deuMes Memorandum

Reichskanzler von Papen hat dem Präsidenten der Kon­ferenz, MacDonald, ein Schreiben überreichen lassen, in dem der Standpunkt der deutschen Abordnung zu dem Gläubiger­vorschlag schriftlich dargelegt wird. Das Schreiben enthält eins zusammenfassende Darlegung der Auffassung, die die deutschen Vertreter in den gesamten Verhandlungen der letzten Tage dem Gläubigervorschlag gegenüber dargelegt hatten, und umschreibt noch einmal den grundsätzlichen deut­schen Standpunkt in den zur Verhandlung stehenden Haupt­fragen.

$MW zu Auzewerhaudlungen bereit

Nach einer Reuter-Meldunz aus New Bork berichkek der Washingtoner Korrespondent derHerald Tribune" in einer anscheinend inspirierten Meldung, die Vereinigten Staa­ten würden bereit sein, die Frage der Kriegsschulden mit jedem Schuldner einzeln unter Berücksichtigung seiner Zah­lungsfähigkeit zu erörtern. Von einer völligen Streichung könne jedoch keine Rede sein.

Die Endregelung der Reparationen

Herriot über seine unmittelbaren Aufgaben.

Paris. In einer Sitzung der radikalen Kammerfrak­tion sprach gestern nachmittag Herriot über seine unmittel­baren Aufgaben, zu einer endgültigen Regelung des Schulden- und Reparationsproblems zu gelangen, die nach seiner Ansicht gegenwärtig auf gutem Wege sei.

*

In einem Ministetrat hat Herriot gestern abend über den Stand der Verhandlungen in Lausanne berichtet. Pressevertretern erklärte Herriot, er reise nach Genf und Lausanne zurück. Er kehre mit Sorgen, die ihm die letzten Tage in Paris gebracht hätten, nach der Schweiz zurück. Die französische Regierung müsse inmitten ernster wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Budget-Gleichgewicht sichern und die Bedürfnisse des Schatzamtes decken. Er müsse unangenehme Maßnahmen vorschlagen.

Die StiLhalteKonferenz

Erhöhung der Zinsraten?

London. Die Londoner Stillhaltekonferenz setzte ge* steril ihre Besprechungen fort. Es handelte sich zunächst um die Frage von Vorzugszahlungen, wie sie gemäß der Abmachung vom 1. März denjenigen Gläubigern zu- gestanden sind, deren Forderungen noch nicht um volle zehn Prozent reduziert wurden. Ferner befaßt sich die Konferenz auf Verlangen der deutschen Delegierten mit dem Problem der Neuregelung der Zinsraten. Die Konferenz hofft, ihre Arbeit heute zum Abschluß zu brin­gen. Im Laufe der gestrigen Besprechungen scheinen sich insbesondere dadurch gewisse Schwierigkeiten ergeben zu haben, daß von schweizer und holländischer Seite For­derungen auf eine Erhöhung der Zinsraten geltend ge- macht wurden.