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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 159 (Erstes Statt)

Sonnabend, den 10. Juli 1932

82. Jahrgang

Ende der Tribute

Lausanner* Konferenz erzielte finanzielle Abschluhregelung, ließ* aber die politischen Fragen offen

WM in Lausanne

Lausanne, 8. Juli.

Nachdem es noch am späten Donnerstagabend ernstlich den Anschein hatte, daß die Konferenz von Lausanne mit einem schrillen Mißklang enden könnte, ist es in zahllosen Besprechungen im Laufe der Nacht zum Freitag gelungen, eine mittlere Einigungsbasis zu finden. Am Vormittag tra­ten die sechs Mächte zu einer Besprechung zusammen, in der die Entscheidung gefallen ist. Die entscheidende Formulie­rung wurde gefunden. Am Schluß der Besprechung erklärte der englische Ministerpräsident MacDonald den wartenden Pressevertretern:Sehr gute Nachrichten! wir sind fertig. Auch herriot gab den wartenden Journalisten wiederholt seine Freude zum Ausdruck, daß man zum erzielten Ergeb­nis gekommen sei. Er begrüßte die Presse mit den Worten: E'est fait!"

Am Freitagabend wurde in vertraulicher Besprechung den übrigen zur Konferenz eingeladenen Staaten Mitteilung von dem erzielten Ergebnis gemacht. Am heutigen Sonn­abend treten die Delegationen zur feierlichen Schlußsitzung zusammen, um das Abkommen so zu unterzeichnen.

Politische Fragen ansgeschaltet

Nach den bisherigen Verlautbarungen dürfte das Lau- sanner Abkommen ungefähr folgende Regelung treffen:

Die zwölf an der Lausanner Konferenz teilnehmenden Mächte schließen ein Abkommen ab, das aus einer Präambel und dem direkten Tributvertrag zwischen Deutschland und den Gläubigermächten besteht.

Die politischen Fragen sind beiseitegescholLn worden, ^a-die FrMzojM es uuter allen Amstätt^n ablehnen, die deutschen Forderungen zu erfüllen. Die allgemeinen grundsätzlichen politttKen Fragen-werden lediglich in der Präambel erwähnt, die jedoch überhaupt keinen Hin­weis weder auf den Teil 8 des Versailler Vertrages, noch auf die Gleichberechtigung Deutschlands in der Ab- rüstungsfrage enthält.

Die Präambel dürfte ferner die üblichen Ounfcherklärungen auf friedliche Zusammenarbeit der Völker, Gerechtigkeit, Verständigung und die Notwendigkeit der Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Ordnung enthalten.

Die Bummele Regelung

Die finanzielle Frage ist in der Form gelöst worden, daß die Franzosen von ihrer Forderung von 4.2 Mil­liarden auf 3 Milliarden hernntergegangen sind. Da­für werden Bonds ausgegeben zu einem Kurs von 90 Prozent, so daß die tatsächliche Summe sich auf 2,7 Mil­liarden beläuft.

Die Sachverständigen haben ausgerechnet, daß diese Summe bei Berücksichtigung der besonderen Ausgabebedingungen für die Bonds dem inneren Wert der 1,9 Milliarden entspricht, die aus dem Hoover-Jahr noch zu zah- l e n sind. An die Ausgabe der Bonds ist vorläufig über­haupt nicht zu denken, solange die Poung-Anleihe so niedrig steht. Ein weiteres Hinderungsmoment für die Ausgabe ist der niedrige Zinssatz, der fünf Prozent beträgt gegen sechs Prozent der Noung-Anleihe.

Während der ersten Jahre nach der Ratifizierung des Abkommens besteht ein vollständiges Zahlungsmorato- rium für Deutschland. Die Maximalfrist für Begebung der Bonds beträgt 12 Jahre, so daß die innerhalb die­ser Zeit nicht vereinbarungsgemäß unkerzubringenden

Stücke zugunsten Deutschlands verfallen.

Aus der ganzen Situation ergibt sich, daß die Emission der Bonds eine Verminderung des Goldwertes zur Voraus­setzung hat. Grundsätzlich sind bei der Beurteilung der finanziellen Seite von Lausanne drei Gesichtspunkte zu unterstreichen. Das ist die Tatsache,

daß die Ausgabe der Bonds an sehr wesentliche Siche­rungen geknüpft ist, daß die Zahlung nicht über das Hinausgeht, was an aufgelaufenen Verpflichtungen be­steht, und daß drittens damit die Reparationen am 1. 7. dieses Jahres aufgehört haben.

Die mixed claims und ähnliche nun einmal bestehende An­sprüche sind hierin nicht enthalten. Nach Auffassung unter­richteter Kreise wird diese Tatsache durch die Sicherungen ausgewogen, die in den Ausgabemodalitäten liegen.

*

Neben dem allgemeinen Abkommen zur Reaelung der Tributfrage zwiscken Deutschland und den Gläubigermäch- en wird ein gesondertes Abkommen über die Regelung der osteuropäischen Reparationsfrage abgeschlossen dahingehend, daß die Ost-Reparationen vorläufig bis zum 15. Dezember üufgeschoben werden und daß auf der kommenden Welt- ivirrschaftskonferenz ein Ausschuß für die endgültige Rege- luna dieser Fragen eingesetzt wird. Gesondert von dem deut- chen Abkommen wird der gesamten Regelung der Lausanner Konferenz ferner noch das Abkommen zwischen den Gläubi- Krmächten über die Regelung der interalliierten Kriegs- nibenfrage, sowie ein Protokoll über die Haltung Eng- sands und Frankreichs in der Frage der Ratifizierung be» ßmijanner Abkommens beigefügt.

Vollsitzung in Lausanne

Lausanne, 9, Juli,

Die angekündigte Vollsitzung der Lausanner Konferenz würde gestern abend, 21 Uhr, durch den Vorsitzenden, Premierminister Mac onald, eröffnet. Er entschul­digte, daß sich in der bereitung der verschiedenen Do­kumente Verspätn .. ergeben hätten. Bei dem Tempo der Besprecht"... hätten die technischen Arbeiten sich leider ein ^rzögert, so daß es einzelnes Delegierten bisher - .glich gewesen sei, von allen Dokumenten ent­spreche Kenntnis zu nehmen.

D Mehrzahl der Delegierten beschloß darauf 20 Mühlen waren inzwischen verstrichen die Sitzung auf 22 Uhr zu vertagen.

Um 22 Uhr trat die Vollversammlung wieder zu­sammen. MacDonald erinnerte daran, daß heut« nur die einladenden Mächte das Abkommen Unterzeichner würden, da die nicht einladenden Mächte noch nicht genügend Zeit gehabt hätten, die Vertragstexte zur Ge­nüge zu studieren.

MacDonald verlas nun die einzelnen Teile der Ab­kommen nach ihren Punkten. Der erste Teil enthall« das Reparationsabkommen mit Deutschland. Deutschland hatte zu den beiden ersten Dokumenten kein« Einwendungen zu machen. Auch im weiteren Verlaus wurden keine Einwendungen erhoben; nur ersuchte bei Reichskanzler in bezug auf den in der Anlage 2 vorge­sehenen Fall einer fehlenden Zustimmung um Aufklärung üb r das vorgesehene Verfahren. Man. verständigt« sich dahin, daß zu irgendwelchen Maßnahmen eine neu« Konferenz einberufen werden müßte.

Am Schluß der ganzen Pr z^urgaLendir Vertreter der Mächte Erklärungen ab, wonach sie nicht in der Lage gewesen seien, die Dokumente rechtzeitig zu prüfen und ihren Regierungen zu übermitteln, weshalb sie in bezug auf ihre Unterzeichnungsbereitschaft Vorbehalte machen müßten, obwohl sie dem Sinne nach durchweg ihren gu­ten Willen zum Ausdruck bringen wollten.

Darauf ergriff der französische Ministerpräsident Azerriot

zu einer utr^t tiefgefühlten Rede das Wort. Die fran­zösische Delegation sei sehr über das Ergebnis der Lausan­ner Konferenz erfreut. Man habe der Leidenschaft die Tür geschlossen und der Gewalt die Vernunft vorgezogen. Jeder Staat habe zwar seine berechtigten Interessen ver­teidigt, aber er habe auch zum Wohl der Allgemeinheit große Zugeständnisse gemacht. Nun sei man auf dem besten Wege, zu einer Lösung des europäischen Problems zu komme».

In den letzten Wochen habe er mit tiefer Erschütte­rung von den Leiden des deutschen Volkes gehört. Er könne deshalb nur wiederholen, daß jetzt die Zeit ge­kommen sei, wo alle Völker selbst mithelfen müssen, um ei yt neuen Geist der Versöhnung zu schaffen. Eine neue A»a sei nun angebrochen, ein neuer Geist sei da,

Ler Geist von Lausanne

bc? allen als Richtschnur dienen müsse. Es sei nun die Zeit gekommen, auch die Verschiedenheiten der Völker zu vergessen und auf die Züge hinzuweisen, die allen Völkern gemeinsam seien. Man müsse nun die neuen Lebenskräfie, fei es auf materiellem, sei es auf geistigem Gebiet ent­wickeln, man müsse ein neues Vertrauen schaffen. Herriot schloß mit dem Hinweis auf jene Worte, die er als die tiefsten und menschlichsten bezeichnete.Friede auf Er­den den Men wen, die guten Willens sind."

A^üann sprach der deutsche Reichskanzler von Papen:

Ich .Taube und hoffe, daß die Entscheidungen, die wir in k sänne trafen, einen Wendepunkt in der Geschichte Europas und in der Geschichte der Welt bedeu en. Nicht nur in den Beziehungen der Völker untereinander, son­dern auch auf dem Gebiete de Wirtschaft. Ich bin mir auch bewußt, daß für das La as ich hier berstet die Konferenz in Lausanne und ' ' > 'd gen _^uz besortderer Bedeutung und Tragweite sind. DaS erste Ziel dieser Konferenz War, eine endgültige Lösung der Repara-i tionsfrage zu Huben. Ich bin glücklich, feststellen zu tön« UM, daß dieses Ziel erreicht ist. Das

Meparationsproblem ist beseitig-

Dies) Konferenz hat für Deutschland das Ende »er ßi« litischen Zahlungen gebracht. Ein wesentliches Hin rms, das der Entwicklung der politischen und wirtschaft ichen Bedingungen zwischen unseren Ländern entgegeMWd, ist WN^ehr aus dem Wege geräumt worden. .

Zwei Voraussetzuvge» sind es, die ich als wesentlich ansehe, wenn Msere M- mühungen von einem vollständigen Ergebnis und dau­erndem Erfolg gekrönt werden sollen. Einmal müssen tatkräftig und entschlossen die wirtschaftlichen Hemmun­gen beseitigt werden, di»aus der Krise geboren sind, und ich hoffe, daß die Weltwirtschaftskonferenz, de­ren Vorbereitung wir hier in Lausanne einaeleitet haben.

dieses Ziel verwirklichen wird. Die zweite ist, daß die politische Entspannung, Voraussetzung allerwirt- ' ichaftlichen Prosperität und erfolgreichen Zusammenarbeit ! der Völker, fortschreiten und ausgebaut* wird.

Die Lösung, die wir hier gefunden haben, hat

Opfer

verlangt, und ich erkenne willig an, daß die Gläubiger Deutschlands Opfer gebracht haben, um die endgültige und vollständige Beseitigung des Systems der Repara­tionen zu ermöglichen. Auch uns Deutschen ist die An­nahme dessen, was das Lausanner Abkommen uns auf* erlegt, nicht leicht geworden. Wir sind uns bewußt, an die äußerste Grenze dessen gegangen zu sein, was wir noch verantworten konnten. Ich erkläre hier ganz offen^ daß wir uns nur mit schwerem Herzen haben ent­schließen können, die in dem Lausanner Abkommen nieder­gelegten Verpflichtungen zu übernehmen. Wir haben des­halb geglaubt, dies tun zu können, weil es sich bei den Leistungen, die von uns gefordert wer­den, nicht mehr um Reparationszahlungen, son­dern um einen Beitrag handelt, den Deutschland zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Welt leistet. Die Einigung, die wir erzielt haben, ist die Frucht einer gemeinsamen Erkenntnis, nämlich der, daß jeder konstruk­tive Gedanke für die Wiederherstellung normaler wirt­schaftlicher und politischer Bedingungen unter den Völkern wieder zerstört werden würde, so lange in irgendeiner Form die destruktiven Tendenzen einseitiger Zahlungen ohne Gegenleistung fortbestehen. Wir haben in gemein­samer Arbeit eine Form gefunden, die Gewähr dafür bietet, daß Deutschland nicht mit Zahlungen belastet wird, wenn seine Wirtschaft und sein Kredit dem nicht gewachsen ihf\ Deutschland tritt, von seinen Reparationsfesseln be- sre« , billig an die Seite der anderen Völker, den

wirfst afili^tn WiederaufSau

der Welt in Angriff zu nehmen. Die deutsche Regierung hat den festen Willen, das Wiederaufbauprogramm im rigenen Lande in der kräftigsten Weise in Angriff zu n<.)men und hofft, damit ein Wesentliches zur Wieder­herstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit allen Räubern beizutragen. Die wirtschaftspolitische Befriedung der Welt verlangt vor allem die

politische Stabilität

Sie ist nur gewährleistet, sofern allen Völkern neben gleichen Pflichten auch gleiche Rechte zugebil- iigt werden. Deutschlands Ansprüche sind bekannt. Ich hoffe, daß die Konferenz von Lausanne einen neuen Ausblick auf eine glückliche Zukunft eröffnen wird."

Nach Ansprachen des italienischen Finanzministers and des Vertreters Belgiens wurde die Sitzung kurz vor Mitternacht geschlossen.

Nach Schluß der Lausanner Konferenz wird die deut­sche Delegation heute nachmittag von Lausanne abfahren und Sonntag mittag in Berlin eintreffen. Reichsaußen­minister Freiherr von Neurath wird sich zunächst in Genf aufhalten .

Das Abkomme« 1

Der Lausanner Vertrag ist am Freitagabend veröf­fentlicht worden. Sein Inhalt ist etwa folgender:

Das Ziel der Konferenz war die Errichtung einer dauernden Regelung der durch den Baseler Bericht er­wähnten Fragen ebenso wie der Maßnahmen, die not­wendig sind, um Abhilfe bezüglich der anderen wmi aft- tichen unb finanziellen Fragen zu schaffen, me di§ Krise, unter der die Welt leidet, hervorgerufen haben Ober zu verlängern drohen. Der gemeinsame Wille .der oben» erwähnten Regierungen hat sie zu diesem Abkommen ae- führt, von dem sie erwarten, daß es eine Entstütnnung der tuen rationalen Lage herbeiführen wird."

In Verfolg der Zusammenkünfte vom 16. Juni bis 8. Juli sind folgende Abmachungen festgestellt worden:

1. Vereinbarungen betreffend Deutschland, 2. Ueber» aangsmaßnahmen betreffend Deutschland, 3. Entschlie­ßung betreffend die nichtdeutschen Reparationen, 4. Ent­schließung betreffend Mittel- und Osteuropa, 5. Ent­schließung betreffend eine Weltwirtschafts- und Finanz­konferenz.

Die Unterzeichner des gegenwärtigen Abkommens mit Deutschland werden sich bemühen, die gegenwärtig auf* geworfenen Probleme oder die später aüftauchenden in demselben Geiste zu lösen, der dieses Abkommen inspi­riert hat.

Der gegenwärtige Akt, dessen französische und englische Texte gleichermaßen gültig sind, wird in den Archiven der französischen Regierung übermittelt, die Kopien den Re­gierungen übermittelt, die an der Lausanner Konferenz teilgenommen haben, sowie den anderen Regierungen, die an der Haager Konferenz von 1929 und 1930 teilgenommen haben. Gegegeben in Lausanne in einem einzigen Exemplar.

Nach einer Meldung aus Kanton haben bie chlnesisW Regierungstruppen in der Nacht die chinesischen kommunistr schen Truppen oei Amoy geschlagen. Es wurden 2000 Ge> fangene gemacht. Der Marsch der chinesischen Roten Arme, auf Amoy ist gescheitert.