tzersfel-er Tageblatt
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tzersfelder Kreisblatt
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Nr. 175
Donnerstag, den 28. Juli 1932
82. Jahrgang
Deutschland in tiefer Trauer
BeiM Untergang des Schulschiffes „Niobe" fanden 69 junge Seeleute den Tod
LieTragörieder,Niobe
69 Mann der Besatzung ertranken
Kiel, 28. Juli.
Die Stadt Kiel steht ganz unter dem Eindruck der furcht baren Katastrophe, die die deutsche Reichsmarine durch der Untergang des Segelschulschiffes „Niobe" betroffen hat Die Kunde von dem Unglück, das 69 junge Menschenleber gefordert hat, hatte sich mit Windeseile in der ganzer Stadt verbreitet, die durch ihre Tradition mit der Marin« aufs engste verbunden ist und löste überall größte Anteil nähme aus. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen. bu das Ereignis bewegt besprachen. Die Stimmung ist fehl gedrückt, um so mehr, als die stolze „Niobe", die ein charakte- ristisches Merkmal des Kieler Hafens war, dem Kieler be- sonders an das Herz gewachsen war.
Nicht minder groß ist der Schnzerz im ganzen Reiche über den Wellentod so vieler junger Seeleute, über den schweren Schlag, den unsere junge und kleine Marine ertragen muß.
Der amtliche Bericht
Die Ostseestation Kiel teilt über das furchtbare Unglück, das unsere Reichsmarine heimsuchte, mit:
„Segelschulschiff „Niobe" passierte um 14 Uhr am 26. JuliFehmarn-Belt-Feuerschiff mit südöstlichem Kurs in einem Abstand von einer halben Seemeile; Windstärke
2 bis 3. Da im Süden über Fehmarn Gewitterwolken hoch- zogen, ließ der Kommandant die oberen Segel mit einer Wache bergen, während die anderen Wachen unter Deck Um terricht
plötzlich um 14.25 Uhr eine sehr starke, mehr und mehr zunehmende Dö ein, in der sich das Schiff hart über — in der kürzesten Zeit ganz auf die Seite legte und in wenigen Minuten sank. Bei dem plötzlich so stark überliegenden Schiff war es für die unter Deck befindlichen Teile der Besatzung nicht mehr möglich, an Deck zu kommen. Sie müssen mit dem Schiff in die Tiefe gegangen sein. Die Anfallstelle liegt eine Seemeile östlich vom Feuerschiff Fehmarn-Belt. Der Unfall wurde zum Glück vom Feuerschiff und von dem gerade passierenden deutschen Dampfer „Theresia Ruft" aus Hamburg
beobachtet. Von beiden Stellen wurde in vorbildlicher Weise das Rettungswerk durchgeführt.
Kreuzer „Köln" und Minensuchboote bewachen und beobachten die Unfallstelle und die umliegenden Gewässer."
Sie
Kapitän Müller von dem Hamburger Dampfer „Theresia Rust", der die 40 Ueberlebenden der „Nioae" geeettet hat, machte über den Untergang des Schulschiffes folgende Mitteilung: Ich befand mich auf der Reise von Trangfund in Finnland nach Holtenau. In der Nähe des Fehmarn-Belt- Feuerschiffes sichteten wir die „Niobe", die uns nach unserem Reiseziel befragte. Ich gab Auskunft und beschäftigte mich sodann, da ich eine Gewitterbö herannahen sah, mit meinem Schiff. Als ich mich noch etwa eine Meile von der „Niobe" entfernt befand, traf die Bö die „Niobe" mit voller Wucht.
Das Schiff kenterte nach Backbord um und war inner- halb von zwei Minuten gesunken. Die Stärke der Bö schätze ich auf etwa 8 bis 9 Sekundenmeter.
Zur Zeit des Unfalls regnete es nicht. Die Sicht war aber getrübt. Wir machten sofort beide Rettungsboote klar, wurden jedoch in unserem Rettungswerk durch die aufkommende Dünung behindert. Mit Hilfe des Motorboots des Feuerschiffs Fehmarn-Belt, von wo aus der Unfall ebenfalls sofort bemerkt worden war,
gelang es uns, 40 der im Wasser Treibenden, darunter den Kommandanten, zu retten. Alle waren schwer er- schöpft, und es ist wohl möglich, daß noch einige der im Wasser Treibenden, ehe ihnen Hilfe gebracht werden konnte, aus Erschöpfung ertranken.
Einer her Geretteten, der sich im Augenblick der Katastrophe in der Kombüse befand, hatte schwere Brandwunden davon- getragen, einem anderen war ein Arm ausgekugelt. Die Geretteten, die zum Teil nur wenig bekleidet waren, wurden von uns zunächst mit den nötigen Kleidungsstücken versehen, und wir reichten ihnen dann Erfrischungen Die Verletzten wurden von uns ärztlich behandelt. Wir haben dann mehrere Stunden an der Unfallstelle gekreuzt, ohne daß es uns gelungen wäre, weitere Schiffbrüchige zu bergen. Später trafen dann Kreuzer „Königsberg" und mehrere Schnellboote ein, ebenso zwei Flugzeuge die die Suche fortsetzten
Wir selbst machten uns auf den Weg nach Holtenau, gaben jedoch unterwegs die Geretteten an den Kreuzer „Köln" ab.
Im Augenblick der Katastrophe müssen nach Ansicht des Kapitäns auf der „Niobe" sämtliche Luken geöffnet gewesen sein, so daß das Schiff im Augenblick voll Wasser lief und den zum großen Teil unter Deck befindlichen Besahungsmit- gliedern der Weg in die Freiheit abgeschnitten wurde.
Vom eigenen Bruder geborgen
Eine menschlich ergreifende Episode spielte sich bei bei Rettung der Schiffbrüchigen ab; der Oberleutnant zur Sei Lott, der eine von den beiden Offizieren, die den Fluter entrissen werden konnten, verdankt seine Rettung dem eige nen Bruder, der sich an Bord eines der herbeieilender Schnellboote befand.
Die Geretteten
Die 40 Ueberlebenden der „Niobe" sind an Bord bei Kreuzers „Königsberg" nach Kiel gebracht worden und befin den füll jetzt in der Wiker-Kaserne. Ihr Befinden ist zufrie denstel-.en.
Wie eine Nachfrage bei dem Hafenmeister von Rödbi (Dänemark) ergab, muß jetzt auch die Hoffnung, daß nock einige der Vermißten durch dänische Fischerboote geretke wurden, bzw. das Land, das dort nicht allzu weit von der Unfallftelle entfernt ist, schwimmend erreichen konnten, auf gegeben werden.
BorMung eines Geretteten
Ein Feldwebel der Marine, der einen der Geretteter der „Niobe" gesprochen hat, machte über die Ursachen der Unglücks folgende Angaben: „Der Erste Offizier sah die Bö. die der „Niobe" zum Verhängnis wurde, herannahen. Ei erhob seine Stimme zu dem Kommando: „Ruder s ch a r j Steuerbord." Kurz nachdem der Offizier das Kommandc gegeben hatte, legte sich die „Niobe" schon auf die Seite, und innerhalb weniger Minuten war sie auf dem Meeresgrund. Die Ueberlebenden haben sich dadurch gerettet, daß sie Schwimmwesten oder Rettungsgürtel ergriffen oder sich an umherschwimmende
luu/iuez lU nnr Der WoA. Der b?« dem Unglück durch siedendes Wasser schwer verbrüht wurde Trotzdem hatte der Koch noch die Energie, ins Wasser zu springen und sich durch Schwimmen oben zu halten."
DamMe ^eleiOmig
Im Laufe der Nacht haben sich fünf Schiffe der dänischen Kriegsmarine und mehrere Flugzeuge nach der Um glücksstütte begeben, um nach Ueberlebenden zu suchen. Auch fünf Unterseeboote wurden an die Unglücksstelle beordert, ebenso das Jnspektionsschiff „Islands Falk". Die Schiffe mußten berichten, daß keine Ueberlebenden gefunden werden konnten.
Höhere Gematt die UngltiäsuMe
Der Untergang der „Niobe" ist die schwerste Katastrophe, )ie die Reichsmarine in der Nachkriegszeit betroffen hat. Nach den bisherigen Ermittlungen kann mit ziemlicher Bestimmtheit angenommen werden, daß der Untergang des Schulfchif- fes auf höhere Gewalt zurückzuführen ist und daß ein Verschulden der Schiffsleitung nicht vorliegt.
Das Schiff war voll seetüchtig
Der frühere Kommandant des Schiffes, Korvettenkapitän Kümpel, der das Schiff 2% Jahre lang geführt und )as Kommando am 1. April d. I. an Kapitänleutnant R u h - u s a(/Soeben hat, erklärte, daß die „Niobe" ein voll eetüchtiges Schiff gewesen ist, das allen seetech- nischen Anforderungen vollauf genügte.
Schulschiff „Niobe".
Das Schulschiff „Niobe" und links auf der Karte die Unglücksstelle.
BergWgsarbeitZN ausgenommen
. Der Bergungsdampfer „Simfon" ist an der Unfaklstelb tn Fehmarn-Belt eingetroffen und hat die Taucherarbeit be gönnen. Die Unglücksstätte ist in der Nacht mit Scheinwer fern eingehend, aber leider ohne Erfolg abgefucht worden Später kam starker Seegang auf. Bei Anbruch des Tagei trafen zwei dänische Flugzeuge, ein Küstenrettungsboot au< . Tjedser und der dänische Fischereischutzkreuzer „Island Falk" ein. Zur Zeit sind Schnellboote mit der genauen Feststellung der Lage des Wracks der „Niobe" beschäftigt. Bisher fini keinerlei Schiffsteile gefunden worden. Es herrscht Seegang Stärke 4.
| Die ganze Südküste Laalands ist abgesucht worden. Jr ! der Nähe des Hafens Rödby wurden einige Bojen gefum den, die zu dem untergegangenen Schulschiff gehört hatten Weiter ist nichts gefunden worden.
Aus Röoby-Havn wird mikgeteilt, daß man zur Stundi des Unglücks über der Ostsee eine Wasserhose bemerkte uni i daß der furchtbare Wirbelsturm, der sie begleitete, auch über dem Lande zu bemerken war, als der Wind gleichzeitig plöh- | lich von Südost nach Südwest umsprang.
Taucher an der „Mode"
Kiel. An der Unfallstelle der ,,Niobe" sind gestern um 18 Uhr zwei Fahrzeuge des Marinearsenals Kiel eingetrof- fen, die Tauchergerät an Bord führen. Die Taucher sollen nunmehr die genaue Lage des gesunkenen Schiffes fest- steilen. Von dem Ergebnis dieser Feststellung wird es ■ abhängen, ob eine Hebung der „Niobe" möglich ist. Zur ' Zeit herrscht auf See schlechtes Wetter. Ferner ist ein ! deutsches Minensuchboot in Nordbß' CLaalandä aewe>-^ oec^M-l um ihre Mitwirkung 1 bei den Nachforschungen zu bitten. Das ganze dänische Küstengebiet ist alarmiert, doch ist bisher außer einem Gummiboot, das vielleicht von der „Niobe" stammt, nichts gefunden word-n. Die Suche auf See wird von dem Kreuzer „Köln" fortgesetzt.
Bei der Absuche der Südküste von Laaland wurde bis 15 Uhr gefunden: Wrackstücke verschiedener Art, die offenbar von Lem verlorenen deutschen Schulschiff herrühren, namentlich Unterrichtsgegenstände der Schüler, darunter eine Menge Bleistifte mit Namenszeichen, ein Schreibzeug aus Holz, wei er zwei Paar Schuhe, eine Oelkanne, Konservendosen, Stuhlrücken, Stuhlbeine und verschiedenes anderes. Das meiste ist mit dem Zeichen der Deutschen Reichsmarine versehen. Die Absuchung der Küste wird fortgesetzt.
*
Der Rundfunk verunstaltete gestern abend eine Trauerfeier für die Opfer der „Niobe", die von Hamburg aus über alle deutschen Sender übertragen wurde.
Beileidskun-gebungen
» Anläßlich des Unterganges des Segelschulschiffs „Niobe" hat der Reichspräsident an den Chef der Marinelei- tung, Admiral Dr. h. c. Raeder, nachstehendes Beileidstelegramm gerichtet:
„Zu dem schweren Verlust, der die Marine betroffen hat, sende ich tief erschüttert den Ausdruck herzlicher Teilnahme, der in gleicher Weise in warmem Mitempfinden allen Hinterbliebenen gilt. Das Andenken der in treuer Pflichterfüllung im Dienst des Vaterlandes dahingegangenen Kameraden wird stets in hohen Ehren gehalten werden. gez. von Hindenburg."
Neben dem Reichskanzler haben sämtliche Länderregie- rungen, viele Stadtverwaltungen, politische Parteien und zahllose Verbände und Vereinigungen ihr Mitempfinden zum Ausdruck gebracht. Auch das Ausland nimmt an dem schweren Unglück herzlichen Anteil, was die große Zahl der Beileidstelegramme ausländischer Staatsoberhäupter und , Regierungschefs beweist.
Beileid nud Erlab des Wehrminifters
Berlin, 28. Juli.
Der Reichswehrminister hat an den Chef der Marine- i leitung nachstehendes Telegramm gerichtet:
„Ihnen und der ganzen Reichsmarine spreche ich mein herzliches Beileid zu dem schweren Unglücksfall aus. der die Reichsmarine getroffen hat. Ich gedenke mit tiefer Trauer und Teilnahme all der jungen Kameraden, die in treuer Pflichterfüllung ihr Leben im Dienst des Vaterlandes gelassen haben".
Reichswehrminister von Schleicher hat folgenden Erlaß herausgegeben:
An die Wehrmacht! Aus der Blüte des Lebens» aus dem Dienst für Volk und Vaterland hak der Seemannslod 69 Kameraden der Reichsmarine herausgerissen.
In tiefer und stolzer Trauer gedenkt die Wehrmacht der Toten der „Niobe". Ihr Opfer weist uns den Weg: Alles für Deutschland!
Der Schriftsteller Robert Breuer ist auf Veranlassung ie» Vernehmungsrichters im Berliner Polizeipräsidium auf ier Haft entlassen worden.